Was ich lese (8) Peter A. Levine und Maggie Phillips: Vom Schmerz befreit Nr. 3

Entdecken Sie die Kraft Ihres Körpers, Schmerzen zu überwinden. Fünfte Auflage 2020, Kösel Verlag, München.

Es gibt ein unvermeidliches Schmerzempfinden, bei einer Verletzung zum Beispiel. Es ist sinnvoll, diesen dabei auftretenden akuten Schmerz zu spüren, er gibt uns Hinweise, wie ernst es ist und was zu tun wäre.
Allerdings ist es nicht sinnvoll, dass aus dem akuten Schmerz eine anhaltende Schmerzempfindung entsteht. Und doch geschieht es, auch wenn die ursprüngliche Schmerzquelle sicher beseitigt ist.
Dass sich eine Chronifizierung nicht entwickelt, dafür sorgt normalerweise die Möglichkeit des Körpers, sich selbst zu regulieren. Die Teile des Gehirns, die emotional und durch unsere Gedanken mit dem Schmerzempfinden verknüpft sind, helfen uns dabei.
Diese Selbstregulierung findet aber nicht immer statt. Was kann sie stören? Ist es eine Abspaltung des Schmerzempfindens? Innere Unruhe, Angst und Panik? Der Eindruck von Hilflosigkeit? Die Vorstellung von Hoffnungslosigkeit? Ärger, Wut und Reizbarkeit? Tatsächlich sind dies die Hauptmechanismen, aus denen heraus eine Selbstregulierung nicht stattfindet.

Der Text heute beschäftigt sich mit der Abspaltung, der Dissoziation. Zunächst ist dies eine hilfreiche Abwehrstrategie, die mit der Reaktion der Erstarrung zusammenhängt. Es geschieht unwillkürlich, es entwickelt sich ein automatisches Abschneiden, auch von der Wahrnehmung der Umgebung in diesem Moment. Dies ermöglicht es uns, Ängste und Furcht besser zu bewältigen. Und indem wir Bewegung und Kraftaufwand auf ein Minimum herunterfahren, spüren wir die Schmerzen weniger stark oder sogar gar nicht – als geschähe das alles einem anderen Organismus.
Sie kennen das vielleicht, so oder ähnlich: Sie sind in Gedanken oder Erinnerungen vertieft, im Auto zum Beispiel. Entspannt, aber schon im nächsten Augenblick können Sie völlig erschrocken und verunsichert reagieren, weil ein anderes Fahrzeug auf Ihres auffährt. Günstigenfalls sind Sie imstande zu überprüfen, ob Sie körperliche Verletzungen erlitten haben. Sie können aus dem Wagen steigen und mit dem anderen Fahrer sprechen. Später können Sie sogar einem Polizisten oder Notfallsanitäter erzählen, wie es geschehen ist.
Und an irgendeinem Punkt dieser Abläufe kann Ihnen auffallen, dass Sie Ihren Körper nicht spüren, folglich auch kein zuverlässiger Zeuge ihrer eigenen Verletzungen sind. Dieser Zustand beruht auf einer Schockreaktion, und sie geschieht durch die Aktivierung schützender chemischer Substanzen im Gehirn, durch Endorphine vor allem. Diese Abspaltung, diese Dissoziation, ist für unser Überleben ein entscheidender Mechanismus.
Es entsteht erst ein Problem, wenn er zur Gewohnheit wird, wenn sich die betroffene Person in diesem Zustand auch weiterhin befindet und nicht zurückfindet zur Verbundenheit mit dem Körper. Sich dauerhaft nicht körperlich zu spüren, behindert die Fürsorge für den eigenen Organismus und befördert Erkrankungen.
Wie kann der Weg zurück geschehen? Wie können wir zurückkommen zu einer erfolgreichen Selbstregulation? Denn erst dadurch können sich die Schmerzen auflösen und werden nicht chronisch. Wir gewinnen dann wieder ein Gefühl für unsere Kräfte und unsere Stärke.

Das erste ist, zu bemerken, dass wir in einem solchen Zustand der Abspaltung, der Dissoziation sind. Wie genau merken wir das?
Manche sagen, es ist, als wäre ich außerhalb meines Körpers und schaute von oben auf die Situation und auch auf mich. Wir bemerken diesen Zustand, wenn wir achtsam sind. Wir können uns fragen, wie haben wir das gemacht, wir sind wir auf Distanz gegangen zu unserem Körper? Wie genau fühlt es sich an? Ist das wie ein Schweben? Können wir beschreiben, was wir da sehen? Sind wir mehr nach rechts oder mehr nach links in eine Richtung geschwebt?
Hat sich so etwas bei Ihnen ereignet? Sind Sie so abgespalten und scheinbar außerhalb des Körpers geblieben?
Wenn Sie dies kennen, versuchen Sie zu beschreiben, so, wie es Ihnen auch nur ansatzweise möglich ist: Was ist gerade los  i n  Ihrem Körper, in diesem Moment? Geben Sie sich die Zeit, die Sie dafür brauchen! Forschen Sie voller Neugier! Interessieren Sie sich für Kleinigkeiten! Möglicherweise machen Sie die erstaunliche Erfahrung, dass Sie nach einigen Augenblicken in den Körper zurückkehren, zu sich kommen. Ihre Ängstlichkeit und Ihre Furcht haben schon abgenommen. Sie sind dann ihrem gefühlten Sinn, so gut es Ihnen möglich war, gefolgt. Behutsam, langsam, schrittweise nach Hause zurück in den Körper.
Wenn Sie nun sagen: Aber ich fühle gar nichts, ich bin einfach nur betäubt! Nun, Sie werden feststellen, dass, ganz gleich, was Sie gerade wahrnehmen oder auch nicht: Manche Körperbereiche fühlen sich immer etwas weniger betäubt an als andere.
Sie werden Unterschiede aufspüren, wenn Sie sich auf diese Reise in ihren Körper einlassen! Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit dafür! Beginnen Sie oben am Kopf oder unten an den Fußsohlen und gehen Sie systematisch durch den ganzen Körper. Wandern Sie, finden Sie einen Rhythmus, um von Ort zu Ort zu gehen. Und wenn Sie das gemacht haben, beobachten Sie: Wie ist jetzt Ihre Beziehung zum Körper?

Eine vertiefende Übung im Anschluss daran ist es, einen Ort der Sicherheit und Ruhe im Körper zu finden. Sie beginnen wieder am Kopf oder an den Füßen. Und Sie wandern zu den Bereichen des Körpers, die sich bis zu einem gewissen Grad ok anfühlen. Nicht unbedingt angenehm, aber auch nicht voll Schmerz.
Dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Bereiche, die Sie nicht fühlen können, die wie betäubt oder leer sind. Achten Sie darauf, ob Sie hier Verbindungen entdecken zu früheren Verletzungen! Oder zu Bereichen, die sich bei Stress immer wieder bemerkbar machen. Nehmen Sie sich Zeit dafür, immer mithilfe Ihres Atems! Er hilft Ihnen, in einen der betäubten oder abgeschnittenen Bereiche hineinzuspüren.
Spüren Sie diesen Teil Ihres Körpers beim Ein- und spüren Sie ihn beim Ausatmen! Nach 3 – 4 solcher Atemzüge fragen Sie sich: Was spüre ich jetzt in diesem Bereich, bin ich mit diesem Teil meines Körpers jetzt stärker verbunden? Oder weniger? Wie verändern sich meine Empfindungen?
Kommen Sie auf diese Übung am selben Tag noch einmal oder am nächsten Tag zurück! Hat sich etwas verändert? Fühlt sich etwas irgendwie neutral an oder angenehmer, ganz allmählich?

Es ist wie stets bei diesen Übungen: Ein Richtig oder Falsch gibt es hier nicht! Nehmen Sie einfach nur wahr – allerdings sollten Sie die Übungen nicht nur lesen und ein wenig nachvollziehen, sondern wirklich durchführen!

Halten Sie ihre Erfahrungen mit dieser Übung in Ihrem Schmerztagebuch fest!

Eine gute Zeit!