Der perfekte Tag

Vielleicht haben Sie zu wenig geschlafen.
Vielleicht wirkt der Tag jetzt schon zu groß, zu voll, zu anspruchsvoll.
Und vielleicht taucht dieser leise Gedanke auf: Wie soll ich das heute schaffen?

Und dann diese Überschrift: Der perfekte Tag.

Ja.
Nicht, weil alles leicht ist.
Sondern, weil jeder Tag die Möglichkeit birgt, ihm bewusst zu begegnen.

Denn oft ist es nicht das, was uns erwartet, das entscheidet – sondern die Haltung, mit der wir losgehen. Wenn ich morgens schon denke: Das wird heute nichts, dann folgt der Tag diesem inneren Drehbuch erstaunlich zuverlässig.

Ich habe mir deshalb ein kleines, kraftvolles Ritual angewöhnt – inspiriert von Jens Corssen. Direkt nach dem Aufstehen steige ich auf ein kleines Podest, schaue aus dem Fenster und sage laut:
„Hallo Tag. Was immer du mir bringst – ob leicht oder schwer, klar oder verwirrend – ich nehme dich an, wie du bist. Ich bin bereit, an dir zu wachsen.“

Mehr braucht es nicht. Dann koche ich Kaffee. Und beginne.

Natürlich verschwinden Termine, Müdigkeit oder kleine Missgeschicke dadurch nicht. Das Brötchen fällt manchmal trotzdem auf die Marmeladenseite.
Aber etwas Wesentliches verändert sich: Ich starte ruhiger. Offener. Verbundener mit mir selbst. Und oft trägt genau das durch den Tag.

Wenn viel zu stemmen ist, schenke ich mir immer wieder kurze Inseln der Gegenwart. Etwa fünf Minuten pro Stunde, in denen ich ganz hier ankomme:
Was sehe ich gerade?
Was höre ich?
Wie fühlt sich die Luft auf meiner Haut an?
Was spüre ich in meinem Körper?
Was rieche oder schmecke ich – vielleicht einen Schluck Wasser trinken?

Diese Momente holen mich zurück ins Jetzt. Dorthin, wo Kraft entsteht.

Und wenn mein Körper nach mehr Energie ruft, folge ich ihm: mit einer einfachen, kräftigenden Übung an der Wand. Ich gehe bewusst ein paar Schritte, spüre den Boden, lasse mich nach vorn zur Wand fallen und fange mich mit den Händen ab. Federnd stoße ich mich zurück. Beim Fallen atme ich ein, beim Abdrücken aus – mit dem inneren Bild:
Ich bin ein Flummi.
Lebendig. Beweglich.
Da tue ich einige Male.

Am Abend, kurz vor dem Einschlafen, halte ich inne und stelle mir drei sanfte Fragen:
Was war heute eher gut?
Was war eher schwierig?
Was war neutral?

Ohne Urteil. Ohne Anspruch.

So sieht mein perfekter Tag aus.
Nicht, weil alles gelungen ist – sondern weil ich mir selbst zugewandt geblieben bin.
Und wenn nicht alles geschafft wurde, dann darf die Welt trotzdem ganz bleiben.

Denn das Entscheidende ist nicht Perfektion.
Sondern Präsenz.
Und die wächst, wenn wir sie üben – Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Ich wünsche Ihnen einen Tag, der Sie trägt!

(Jens Corssen ist Diplompsychologe, Verhaltenstherapeut und psychologischer Berater für Persönlichkeitsentwicklung und gelingende Beziehungen. Wenn sie sich ein Video bei youtube anschauen wollen, bitte sehr: Ins Tun kommen: Hör auf zu warten! // Jens Corssen)

(Mehr schöne Übungen in Die polyvagale Hausapotheke, Grassmann und Grassmann, Carl Auer 2026)