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Ohne zu lügen leben… einige Überlegungen

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2019 heißt „Mal ehrlich! 7 Wochen ohne Lügen“. Zwar bin ich aus Überzeugung nicht Teil einer christlichen Kirche, aber die jährlichen Fastenaktionen haben mir schon häufig gefallen. So auch dieses Mal. Ich denke, es lohnt sich, sich selbst beim Wahrhaftig- und beim Unwahrhaftig-Sein zu beobachten.

Die erste Frage, die ich mir stelle, ist die danach, wie weit ich mir selbst treu bin. Ich überlege, wie häufig ich etwas, das mir wichtig ist, etwas, das zu meinen Werten gehört, verrate. Ich überlege, wozu ich das tue und welche Folgen das hat.

Nehme ich eine Einladung an, obgleich ich die einladende Person in Bezug auf bestimmte Handlungen nicht schätze? Tue ich das, weil ich mir davon Vorteile erwarte? Ich wäre damit unehrlich zu mir, zu der einladenden Person und zu den anderen Gästen. Ist es der erhoffte Vorteil wirklich wert, zu lügen?

Ich erinnere mich, dass ich als Kind höflich die Hand geben sollte, knicksen und nett sein, zu Tantes Geburtstag mitgehen. Ich erinnere mich, es war egal, wie ich zur Tante stand. Es hatte keine Rolle zu spielen. Nun bin ich schon lange groß. Für keine Vorteile der Welt möchte ich Zeit, Geduld und Freundlichkeit geben, wo ich nicht ehrlich fühle, dass ich es will. Wo ich es noch tue, will ich es lassen.

Ich schaue, wo ich mich nicht belügen will – und welche Folgen das haben kann. Beispielsweise möchte ich nicht zurückweichen, wenn ich ein bestimmtes Handeln eines Gegenübers nicht akzeptieren will. Womöglich will ich deshalb, wenn keine Einigung erzielt werden kann, den Kontakt abbrechen. Womöglich will ich Konsequenzen in Aussicht stellen. Das kann beim Gegenüber zu Zorn, Ablehnung oder sogar zu Rachehandlungen führen. Ich schaue genau hin, ist mir die Ehrlichkeit in diesem Fall das Risiko wert?

Ein Mensch schlägt in der U-Bahn seinem Kind ins Gesicht. Eine Freundin schlägt ihr Kind, wenn es keine Ruhe gibt. Ein Kollege schlägt einen Jugendlichen, der ihn angreift – es hätte andere Möglichkeiten gegeben. Halte ich den Mund? Das will ich nicht mehr tun!

Manchmal belüge ich mich um des „lieben Friedens willen“. Ich tue oder sage etwas, ich unterlasse oder verschweige etwas, damit es keinen Streit gibt. Damit begehe ich einen kleinen Verrat. Und ich denke auch, dass solcherart Frieden ein fauler Frieden ist, dass dies nicht zum Guten führt.
Es kann auch sein, dass es sich einfach um Feigheit handelt, wenn ich gegen meine Bedürfnisse oder Werte handele. Ich fürchte die Folgen. Ich will genauer hinschauen: Was ist mein Motiv hinter meinem Verhalten?

Wenn ich jemanden wahrhaftig schützen will, der vielleicht sehr verletzlich ist, wenn das Aussprechen einer Wahrheit nur dem Recht-Haben-Wollen dient, wenn es Gefährdungen für Leib und Leben gibt – dann darf die Lüge sein. Bevor ich dies als Argument mir selbst gegenüber anführe – lieber zweimal nachdenken, ob ich gerade ehrlich zu mir bin!

Zum Schluss will ich noch eine Überlegung darüber anstellen, wie gut es sein kann, ehrlich zu sein. Es nimmt doch recht viel seelischen Druck, sich und anderen eine Lüge zu ersparen. Es kann so ein gutes Gefühl sein, einen Fehler einfach zuzugeben, eine unberechtigt erhaltene Belohnung abzuweisen, etwas versehentlich in den Besitz Gelangtes zurückzugeben! Es macht das Leben einfacher!

In diesem Sinne: Schauen Sie mal, wo Sie in dieser Woche etwas mehr Wahrhaftigkeit zulassen wollen!

Herzlich (!) Ulrike Roderwald

Einem Menschen Dankbarkeit zeigen

Heute möchte ich zu Ihnen etwas über Dankbarkeit schreiben. Beginnen werde ich mit einer Übung von Irvin D. Yalom, In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet. Darin schreibt er in Kapitel 5 – Todesangst durch Beziehung überwinden und den „Welleneffekt in Aktion“ über die Dankbarkeit folgendermaßen: „Viel zu häufig wird die Dankbarkeit dafür, dass ein Mensch einflussreiche Wellen in die Welt ausgestrahlt hat, nicht zu seinen Lebzeiten ausgedrückt, sondern findet nur in seinem Nachruf Erwähnung. Wie oft hat man sich bei Begräbnissen schon gewünscht (…), die Toten möchten anwesend sein, um die Nachrufe und Dankbarkeitsbezeugungen zu hören?“

Yalom hat bei einem Workshop von Martin Seligmann dazu eine Übung gefunden, die ich als sehr wertvoll einschätze, zunächst einmal für uns selbst und unser Bewusstsein über die guten Gründe für Dankbarkeit. Der letzte Teil der Übung erfordert schon etwas Mut, denn in unserer Gesellschaft ist es ein ungewöhnlicher Schritt, so zu handeln. Ich meine, es könnte einiges in unserer Zwischenmenschlichkeit zum Guten verändern, wenn wir dergleichen häufiger wagten!

Denken Sie an jemanden noch Lebenden, gegenüber dem Sie eine große Dankbarkeit verspüren, die Sie nie ausgedrückt haben. Verbringen Sie zehn Minuten damit, dieser Person einen Dankesbrief zu schreiben, und dann tun Sie sich mit jemandem […] zusammen [die / der dies auch so getan hat, Erg. von mir], und jeder von Ihnen liest seinem Brief dem anderen vor. Der letzte Schritt ist, dass Sie dieser Person irgendwann in der nahen Zukunft einen persönlichen Besuch abstatten und ihr diesen Brief laut vorlesen.“

Wenn Sie dies lesen und Sie sich Gedanken machen von der Art, etwa „So jemanden kenne ich gar nicht!“ – dann bitte ich Sie, sich etwas mehr Zeit zu geben bei der inneren Suche.

Wenn Sie denken, dass Sie sich das nicht trauen mögen zu tun, dann schauen Sie bitte gründlich nach, was Sie hindert, sich zu überwinden und was Ihnen helfen könnte, es doch zu tun!

Wenn Sie denken, dass Sie alle Dankbarkeit an andere Personen schon ausgedrückt haben, dann, ja dann bitte ich Sie, zu prüfen, ob Sie sich genügend bei sich selbst bedankt haben. Ich bin fast sicher, da finden Sie reichlich Stoff zum Briefeschreiben!

Gute Erfahrungen damit wünsche ich Ihnen!

Ulrike Roderwald

Experimente (5)

Gedanken über „Ärger“ und wieder ein Experiment von Norbert Schermann

Heute möchte ich mit Ihnen über „Ärger“ nachdenken, und zwar über den Ärger, den Sie sich selbst bereiten. Ja, doch, die meisten von Ihnen dürften das immer mal wieder tun. Auch ich entscheide mich von Zeit zu Zeit, mich zu ärgern, obwohl ich weiß, wie sinnlos das ist. Der Ausdruck ist ja schon bezeichnend: Ich ärgere mich
Es ist nicht das Wetter, nicht das Computerprogramm, nicht der Nachbar, die Sie ärgern – Sie können das ganz alleine. Das Wetter ist einfach das Wetter, das Computerprogramm wurde zum Zeitpunkt der vorläufigen Fertigstellung – es wird ja normalerweise ständig überarbeitet – freigegeben, ohne dass ein Unterprogramm, Ärger zu erzeugen eingeschmuggelt wurde, der Nachbar hat seine persönlichen Beweggründe für sein Handeln. Ich will nicht ausschließen, dass manchmal einer unterwegs ist, anderen Ärger zu bereiten. Ob er damit Erfolg hat, liegt ausschließlich am Adressaten – also möglicherweise bei Ihnen.
In Diskussionen darüber reagiert manchmal jemand ärgerlich. „Aber es ist doch mein Nachbar, der mich geärgert hat! Warum schneidet er diesen einen Ast nicht ab, obwohl ich Ihn schon so oft gebeten habe?“ Ist es wirklich so? Er ärgert Sie? Hat er diese Macht? Denken Sie kurz nach – er hat sie doch glücklicherweise nicht! Sie allein entscheiden, ob Sie sich ärgern wollen oder eben nicht!
Damit rede ich selbstverständlich nicht davon, dass Sie nun beginnen sollten, sich alles schön zu reden. Nichts von dem, das nicht Ihren Vorstellungen und Werten, Ihren Zielen und Ihrem Geschmack entspricht, müssten Sie gut finden, um sich nicht zu ärgern. Sie finden es nicht in Ordnung, was jemand tut? In vielfältiger Weise können Sie reagieren, ohne sich dazu ärgern zu müssen. Klare Grenzen setzen, Konsequenzen in Aussicht stellen, den Ast selbst absägen – alles ist machbar ohne dieses überflüssige Gefühl, mit dem Sie sich selbst schädigen. Ärger vermiest Ihnen die Laune, Dauer-Ärgerlichkeit raubt Ihnen die Gesundheit. Wenn Sie einfach nur nicht zufrieden sind, mit dem, was passiert, haben Sie den besseren Startpunkt zum Finden einer Lösung!
Es gibt mehr als eine Möglichkeit, darin besser zu werden! Es hilft in jedem Fall, sich von der Idee zu verabschieden, alles und jeder müsse sich nach unseren Wünschen und Vorstellungen verhalten. Gar nicht so einfach, aber machbar!
Ich möchte Ihnen nun das Organisationsethische Experiment #63 von Norbert Schermann vorstellen, das Herstellen einer Perspektivwechselmaschine! Es beginnt damit, dass Sie sich zwei verschieden farbige Blätter Papier nehmen und dann jeweils den Mittelkreis ausschneiden.
(Anmerkung von mir: Für die wenig Bastelgewohnten: Wenn Sie einen Zirkel besitzen, schlagen Sie damit den Kreis, sonst nehmen Sie für den Umriss etwas aus dem Haushalt, das passt. Falten Sie dann das Blatt in der Mitte und schneiden den Halbkreis aus, so ist es einfacher. Wozu dieser Aufwand, habe ich erst gedacht, aber nach einiger Überlegung: Damit stimme ich mich ein, ich nehme mein Tun ernst und gebe ihm Zeit.)
~ Legen sie die beiden Kreise mit einigem Abstand zueinander auf den Boden.
~ Überlegen Sie eine Situation, in der Sie mit jemandem nicht einer Meinung sind.
Formulieren Sie dazu eine Frage, der Sie nachgehen möchten.
~ Stellen Sie sich nun auf einen der Kreise und machen Sie sich Ihre Meinung bewusst.
~ Wechseln Sie auf den anderen Kreis und nehmen Sie die Beweggründe, die Perspektive,
die Argumente und sonstigen Gedanken der anderen Person wahr.
~ Schauen Sie von da aus auf Ihren eigenen Platz und nehmen Sie wahr, wo die
Unterschiede sichtbar und spürbar werden.
~ Wiederholen sie diesen Ablauf mehrmals und beobachten Sie, wie sich Ihre Perspektive
zur Ausgangsfrage verändert.

Viele gute Erkenntnisse wünsche ich Ihnen!
Bei Norbert Schermann bedanke ich mich für seine Anregungen in seinem Buch!

Ulrike Roderwald



Experimente (4)

Gar nicht selten kommt in meinen Therapiestunden zur Sprache, wie belastend das Lernen in der Schule von der Klientin oder dem Klienten erlebt wurde. Bis in eine erfolgreiche Lebensgeschichte hinein wirkt manchmal nach, was damals als ständige Niederlage erlebt wurde.
Im Gespräch stellen wir fest, dass das Selbstbild scheinbar festklebt an den alten Erfahrungen. Sie sind offenbar nicht vergangen, jedenfalls nicht für die oder den Leidenden heute.
Da passt für mich wieder ein kleines Zwischenspiel aus Norbert Schermann: Organisationsethische Experimente, 125 Anregungen für Führung, Ausbildung und Beratung, Books on Demand Norbert Schermann 2018.
Dieses Mal wähle ich das Organisationsethische Experiment #58.
Auch für diejenigen unter Ihnen, die in der Schule Einsen eingeheimst haben, die vom Lehrer oder der Lehrerin Lob geerntet haben: Prüfen Sie genau, was das für Sie damals bedeutet hat und heute womöglich noch immer bedeutet, womöglich nicht immer zum Guten für Sie!
Schermann schlägt vor, sich 10 Minuten Zeit zu geben und zu überlegen, wie sich im Lauf des Lebens die Art, etwas zu lernen, verändert hat. Sie sollten eine Zeitlinie aufzeichnen mit bestimmten Markierungen für das Einschulungsalter, 13 Jahre, 18 Jahre, 29 Jahre und den heutigen Tag. Ich möchte hinzufügen: Alle lerngeschichtlich wichtigen Ereignisse, zum Beispiel ein Schulwechsel, einen Klassenwechsel und alles, was Ihnen bedeutsam erscheint, tragen Sie ein! Es wird vielleicht mehr Zeit nötig sein als 10 Minuten.
Dann nähern sie sich jedem Lebensalter einzeln an mit folgenden Fragen:

Mit welchen konkreten Erinnerungen und mit welchen Gefühlen ist Ihr Lernen mit dem jeweiligen Zeitpunkt verbunden?

Welchen Bewegungsimpuls spüren Sie, wenn Sie an diese bestimmte Zeit denken? Bewegt es Sie in Richtung Lernen oder zieht es Sie woanders hin oder lassen Sie sich hiervon gar nicht bewegen?

Halten Sie das Wichtigste hiervon schriftlich fest und prüfen Sie, womit Sie sich beim Lernen heute verbinden und schauen Sie genau auf die Unterschiede zu den früheren Zeitpunkten.

Experimente (3)

Auch in dieser Woche wieder ein kleines Zwischenspiel aus Norbert Schermann: Organisationsethische Experimente, 125 Anregungen für Führung, Ausbildung und Beratung, Books on Demand Norbert Schermann 2018.

Ich denke, dass sich dieses Experiment für alle herausfordernden Situationen als nützlich erweisen kann, nicht nur im beruflichen Umfeld:

„Organisationsethisches Experiment #54
Mach folgende Übung vor Deiner nächsten beruflich herausfordernden Situation, auf die Du Dich zwar gut vorbereitest oder vorbereitet hast, von der Du jedoch weißt, dass Du einen guten Stand und Deine Ausgeglichenheit benötigst:

~ Setze Dich auf einen Stuhl und zwar so, dass Du die Lehne gut in Deinem Rücken spürst, während Du versuchst, möglichst aufrecht zu sitzen. Beobachte dabei Deinen Atem, wie er kommt und geht und genieße ihn.
~ Spüre Deine beiden Fußsohlen auf dem Boden und lass in Deiner Vorstellung die Socken oder Strümpfe und die Schuhsohlen verschwinden, sodass Du direkt mit dem Boden verbunden bist. Atme in dieser Position ein und aus in einem Tempo, das Dir genau entspricht und genieße es.
~ Mach dabei die Augen zu oder lasse sie offen, ganz so, wie Du es im Moment magst. Spüre, wie sich langsam ein Gefühl des Wohlseins in Deinem Körper ausbreitet und atme in dieser Aufmerksamkeit weiter.
~ Denke jetzt an eine Person, die Dir nahe steht oder die Dir einmal nahe stand oder der Du nahe stehst und widme ihr die Leistung, die Du in dieser kommenden herausfordernden Situation erbringen wirst. Lass diese Person sich in Deiner Vorstellung bei Dir dafür bedanken, zum Beispiel, dass sie sich freut, dass Du gerade dabei an sie denkst. Du kannst sie, wenn Du willst, in Deiner Vorstellung fragen, was sie Dir für diese kommende herausfordernde Situation wünscht.
~ Höre ihre Antwort aufmerksam und bedanke Dich bei ihr dafür, ganz egal, ob Du sofort verstehst, was sie damit gemeint hat. Gehe davon aus, dass sie Dir etwas überreicht hat, das für Dich ein wichtiger Beitrag für einen guten Stand und für Deine Ausgeglichenheit in der kommenden Situation sein kann.
~ Beobachte noch eine Zeit lang Deinen Atem und Dein wohliges Körpergefühl und wenn du soweit bist, dann komm mit Deiner Aufmerksamkeit wieder in die gegenwärtige Situation zurück, strecke Deine Gliedmaßen ein wenig und stehe gestärkt auf.

Du kannst diese Übung natürlich auch dann machen, wenn Du keine herausfordernde Situation vor Dir hast, einfach, um deine Aufmerksamkeit für jene Menschen, die Dir besonders wichtig sind, zu schärfen.“

Ich lege Ihnen diese Übung ganz besonders ans Herz, wenn Sie sich häufiger als blockiert erleben, wenn Sie sich wünschen, freier aus sich heraus zu reagieren, oder wenn Sie denken, dass Sie bisher noch nicht zu Ihrer Zufriedenheit zeigen konnten, was Ihr ganz eigener Beitrag zur Welt ist!

Bis nächste Woche!

Experimente (2)

Heute wieder ein kleines Zwischenspiel aus Norbert Schermann: Organisationsethische Experimente, 125 Anregungen für Führung, Ausbildung und Beratung, Books on Demand Norbert Schermann 2018.

Organisationsethisches Experiment #48

„Wenn Du das nächste Mal vor einer kommunikativen Situation stehst, von der Du annimmst, dass sie für Dich schwierig werden könnte, stelle Dir vorher folgende Frage:

~ Wer oder was könnte mich in dieser Situation gut unterstützen, wenn er, sie oder es anwesend wäre?

Liste alles auf, was Dir dabei hilfreich sein könnte.

~ Nimm jetzt eine Priorisierung jener zwei, drei Hilfsmittel – oder besser: Ressourcen – vor, von denen Du Dir die größten Effekte erwartest.

~ Dann stell Dir vor, dass diese Ressourcen in der Situation, auf die Du Dich gerade vorbereitest, anwesend sind und spiele die Situation gedanklich durch, wie sie Dich unterstützen können. Verwende dabei jene Deiner Sinne, die Dir besonders zugänglich sind (sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen, bewegen …).

Mach das so oft, bis Du eine deutliche Entlastung spüren kannst und Deine Zuversicht dafür, dass Du die kommende Situation sicher bewältigen wirst, groß genug ist.

Wenn das eingetreten ist, dann packe die drei Ressourcen in Deiner Vorstellung so ein, dass Du sie in diese schwierige Situation mitnehmen und Dich von ihnen unterstützen lassen kannst. Du kannst eine Person, der Du vertraust, bitten das Experiment gemeinsam mit Dir zu machen. <

Ich denke, dass es für einige von Ihnen schwierig ist, sich darauf einzulassen, die Vorstellungsübung wirklich bis zur deutlich gespürten Entlastung durchzuführen.
Ich weiß, dass einige Menschen wenig Vertrauen darein haben, dass durch solche Übungen wirklich eine Unterstützung erreichbar ist. Und gerade Sie, wenn Sie dazu gehören sollten, gerade Sie werden am meisten profitieren, wenn Sie durchhalten und das Experiment so spielerisch und unverbissen wie möglich bis zur gespürten Wirkung durchführen!

Viel Erfolg!

Übrigens: Die Aufforderung zu priorisieren bedeutet, Sie sollen Ihre Ressourcen in eine Rangfolge bringen, gewichten und dann die besten auswählen.



Zwischenspiel: Experimente (1)

Durch die Publikation SyStemischer, Zeitschrift für Systemische Strukturaufstellungen 14/2019, S 119, wurde ich auf ein Buch aufmerksam, das mir schon beim Lesen großes Vergnügen bereitet: Norbert Schermann: Organisationsethische Experimente, 125 Anregungen für Führung, Ausbildung und Beratung, Books on Demand Norbert Schermann 2018.
So schreibt er auf Seite 8: „Sie können die hier enthaltenen Texte kopieren und weitergeben, was – bitte mit Angabe der Quelle – ausdrücklich erwünscht ist.“ Schon mal sehr sympathisch! Übrigens: Das passt auch für die Organisation Familie oder Chor oder Buchclub oder oder oder…!
Und das mache ich jetzt, ich gebe weiter, was mich von den 125 Experimenten im Moment (!) sehr anregt, sie durchzuführen. Stellen Sie sich auf einige davon ein in den nächsten Wochen!
Ich beginne mit dem Organisationsethischen Experiment #46 aus Seite 79:

>>Mach Dir bewusst, dass sogenannte „Killerphrasen“ mit der Absicht formuliert werden, ein Gespräch abrupt zu beenden oder um ein anderes Thema auf die Tagesordnung zu setzen.

~ Sie folgen der Form der Generalisierung, die in Ausdrücken wie „immer (schon)“, „nie(mals)“, „alle“, „jede“, „jeder“, „keine“, „keiner“ usw. sichtbar wird.

Du gehst am besten so damit um, dass Du in Deiner Antwort darauf in Form einer Frage reagierst, die den Sachverhalt so aufgreift, dass das Gespräch in Gang bleiben kann.

So kannst du zum Beispiel auf Aussagen wie „Das geht so nicht!“ mit „Woraus besteht denn aus Ihrer Sicht dabei eine besondere Schwierigkeit?“ antworten.

~ Beobachte im Lauf der Zeit die Phrasen, die bei Euch hauptsächlich gebraucht werden und lege Dir ein kleines Notizbuch dazu an.

Mach Dir einen Sport daraus, ab und zu ein bis zwei passende Antworten auf die eine oder andere Phrase zu erfinden und notiere sie Dir ebenfalls. Du wirst bemerken, wie sich nach und nach Deine Art zu argumentieren verändert haben wird.<<

Ja, und nun kann es damit losgehen! Her mit den Killerphrasen!

Selbstbild und Selbstliebe

  1. Das Bild, das wir uns von uns machen, wie wir uns selbst sehen, das beeinflusst unsere Emotionen und unser Verhalten, den ganzen Tag und jeden Tag.

Es ist gut zu wissen, dass wir Einfluss darauf haben, wie wir uns sehen. Es ist gut zu wissen, dass wir lernen können, in einer neuen Weise über uns zu denken. Das ist immer dann eine gute Idee, wenn wir merken, dass wir uns mit unseren Gedanken über uns selbst ein Bein stellen.

Wenn wir schon erkannt haben, dass eine pauschale Selbstbewertung sinnlos ist und wir uns damit in Gefühlsturbulenzen bringen, dann haben wir schon den entscheidenden Schritt gemacht.
Wir spüren: Wenn wir uns darüber definieren, ob wir etwas können oder eben nicht, wenn wir uns danach beurteilen, ob wir wohl besser oder schlechter dastehen als andere, wenn wir uns mit unserem Selbstwert davon abhängig machen, wie andere auf uns reagieren – dann geht es uns nicht gut mit uns selbst.

Wenn wir erkannt haben, dass zu uns selbst viele verschiedene Seiten, Eigenschaften, Merkmale gehören, manche veränderbar, andere nicht, wenn wir dann noch klar sehen können, welche davon wir an uns selbst mögen, welche wir doof finden wollen und welche uns eher gleichgültig sind – dann sind wir mit einem einigermaßen realistischen Selbstbild unterwegs. Dieses Bild von uns selbst werden wir wahrscheinlich immer mal ändern, denn wir erleben uns immer wieder neu und wir haben uns von der pauschalen Sicht auf uns selbst verabschiedet.

Das ist nicht einfach, aber es ist machbar – es ist der Weg, auf dem wir zur Selbstakzeptanz, sogar zur Selbstliebe kommen können.

  1. Klingt es in Ihren Ohren vermessen, sich selbst zu lieben? Entwickeln Sie gerade den Gedanken, das sei doch übertrieben und ein bisschen peinlich?

Nun, Selbstliebe meint nicht Egoismus, meint nicht, die Bedürfnisse der anderen nicht zu sehen und zu achten. Selbstliebe meint nicht Egozentrik, meint nicht, den ganzen Tag nur um sich selbst zu kreisen.
Mit Selbstliebe achte und akzeptiere ich mich so, wie ich bin. Mit Selbstliebe sorge ich für mich, meine Bedürfnisse, Werte und Ziele.
Selbstliebe ist – so möchte ich es hier behaupten – die notwendige Grundlage dafür, andere Menschen ebenso zu achten, zu akzeptieren und auch ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Damit erst haben wir die Grundlage dafür, Liebe und Fürsorge zu einer anderen Person zu zeigen, wenn wir dies wollen.

Wenn es uns gelingt, mit liebendem Blick auf uns selbst zu schauen, dann gelingt es uns auch bei anderen. Sollten wir dazu neigen, diesen Blick  n u r  für andere zu haben, nicht aber für uns selbst, dann sind wir sehr wahrscheinlich auf dem Weg in ein Gefühl von Ausgebranntheit und unsere Gedanken sind geprägt von Resignation, es geht uns nicht gut.

Was mögen Sie an sich? Was brauchen Sie für sich? Können Sie Ihr Spiegelbild anlächeln?

Wenn Sie sagen, nein, das kann ich nicht – beginnen Sie mit ersten Schritten! Üben Sie jeden Tag, sich etwas Gutes zu tun. Damit meine ich nicht, sich Schokolade oder Alkohol zuzuführen. Damit meine ich, genau zu schauen, was Ihnen wirklich gut tut. Sich Zeit geben für sich: Was fehlt mir gerade, damit ich mich in mir wohl, produktiv, kreativ und freundlich fühlen kann? Wie kann ich es finden? Suchen Sie bewusst danach, was dieser heutige Tag für Sie sein kann, auf dem Weg zur Selbstliebe und auf dem Weg zu einem guten Tag!

Liebe, auch Selbstliebe ist eine Haltung, die sich in der Handlung zeigt und übt. Mit jeder Handlung, mit der Sie für sich sorgen, stärken Sie Ihr Mitgefühl mit sich selbst. (Womit ich nun gerade nicht Selbstmitleid meine!)

Nun drei kleine Übungen zum Nachdenken:

  • Was kann ich mir heute Gutes tun?
  • Wovon würde mir weniger gut tun?
  • Was mag jemand, der mir wichtig ist, an mir?

Ziele, Wünsche, Hoffnungen im Alter und bei Krankheit

In meinem privaten Umfeld und auch in meiner Praxis begegne ich Menschen, die ihr Leben anders gestalten müssen, als sie dies ursprünglich geplant hatten.
Eine Krankheit oder das erreichte Lebensalter macht manch einer Planung einen Strich durch die Rechnung. Der Körper arbeitet nicht mehr so, wie er es bis dahin recht zuverlässig getan hatte. Einige sind überrascht, dass die Einschränkungen sich als umfassender erweisen als gedacht.
Ich nehme mich nicht aus: Weiß ich doch, dass mit dem Älterwerden solche Einschränkungen einhergehen – und will es dann doch nicht wahrhaben, dass ich nicht mehr jedes Möbelstück alleine verrücken kann…
Vielleicht hat der eine oder die andere Angst vor dem Alter, davor, dass die Sinne und die Beweglichkeit, die Kräfte und Fähigkeiten nachlassen.
Wunden heilen langsamer, Infekte sind hartnäckiger – die meisten Menschen bemerken das ab einem gewissen Alter und wundern sich vielleicht darüber, weil sie insgeheim glaubten, bei ihnen käme es später oder eben nicht so schlimm. Im Kopf fühlen sich die meisten doch noch genau wie immer, oder?
Womöglich bin ich etwas geduldiger geworden, etwas reflektierter, naja, das Gedächtnis ist nicht mehr ganz so fit, aber damit lässt sich’s leben.
Und dann kann es knüppeldick kommen und eine chronisch verlaufende Krankheit stellt einen Menschen vor Aufgaben, auf die er nicht vorbereitet war. Ganz besonders hart trifft eine Erkrankung, bei der man weiß, dass das Leben bald zu Ende sein wird, wie sehr man sich auch bemühen mag, das Verweilen zu verlängern.
Schwer zu ertragen sind hirnorganische Prozesse, die in der Psyche, in der Körperlichkeit und im Verhalten Veränderungen bewirken, die der Mensch nur bedingt steuern kann und die in der Umgebung Befremden, Angst oder Verzweiflung auslösen können.
Der Mensch ist aus der Spur.
Was mich berührt und was mir den Kontakt mit einem so getroffenen Menschen besonders wertvoll macht, ist es, zu erleben, wie sehr ein jeder, eine jede menschlich bleibt:
Da gibt es einen festen Willen bei von Demenz betroffenen. Da kann es ja sein, dass die anderen immer sagen, der Lebenspartner sei verstorben – seine Lieblingsdecke muss gewaschen parat liegen, fertig! Und es kann ja sein, dass die Familie sagt, es sei mitten in der Nacht – man fühlt sich fit und will jetzt Wäsche waschen. Auch plant man, heute mal den Garten umzugraben – dass das schon lange nicht mehr geht, ist im Moment nicht im Kopf. Sich etwas vorzunehmen, sich das vorzustellen und anderen mitzuteilen – das gehört zum Mensch-Sein dazu.
Wie damit umgehen als Familienmitglied oder Freund? Was zu vermeiden wäre, ist klar: Nicht alles ausreden wollen, nicht immer besser wissen, nicht zürnen oder gar lächerlich machen. Stattdessen? Zu begleiten, zu schauen, was sich verändert, die Bedürfnisse hinter all dem entdecken und auf sie eingehen, wenn möglich. Alternativen anbieten, und wo dies nicht geht, die Gefühlsäußerungen aushalten…
Der alte, kranke Mensch hat Bedürfnisse, Wünsche und sogar Ziele, selbst wenn es schon zu Ende geht. Vielleicht kann man einen Wunsch erfüllen? Vielleicht ist es gut, sich gemeinsam ein Ziel auszumalen, wissend, dass es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass es noch erreicht werden kann? Da träumt ein Sterbenskranker von einer Motorradtour? Träumen Sie mit, wenn Sie können! Da wünscht sich jemand die Rückkehr ins Arbeitsleben? Warum ihn dieses Wunsches berauben? Reden Sie ihm oder ihr nichts schön, aber versinken Sie nicht mit ihm oder ihr in Hoffnungslosigkeit!
Bei einer lang andauernden Krankheit kann es gut für den Menschen sein, sich nach und nach neue, realistische Ziele zu setzen. Etwas geht nicht mehr? Vielleicht kann etwas Neues gefunden werden? Akzeptanz schütteln die wenigsten aus dem Ärmel, es braucht Zeit.
Ich denke nicht, dass es leicht ist, diese Prozesse zu begleiten. Ich denke schon, dass wir auf den kranken, alten Menschen hören können, hinspüren, was ihn oder sie umtreibt, ihn oder sie den Weg weisen lassen und selbst nur dann ein wenig anschieben, wenn es gebraucht wird. Dazu gehört, da zu sein, aufmerksam, bereit.
Wenn Sie zu denen gehören, die sich um einen solchen Menschen kümmern, dann geben Sie viel Kraft in diese Aufgabe. Achten Sie auf sich! Schauen Sie nach guter Unterstützung, auch für sich selbst!

Ziele und die Wichtigkeit von Grenzen

T schießt über das Ziel hinaus.
Mit Begeisterung beginnt T, sich neuen Vorhaben zu widmen. T findet es völlig normal, dafür alle Kraft einzusetzen und alle Aufmerksamkeit. (Ein Kunstwerk, ein Projekt, eine neue Liebe… )
Wenn T Glück hat, erinnert T ein anderer Mensch daran, was es noch so alles an Wichtigem geben könnte: lästige Post, die gleichwohl beantwortet werden muss, wenn keine bösen Folgen daraus erwachsen sollen; Rechnungen, die bezahlt werden müssen; essen, trinken, Körperpflege; saubermachen und aufräumen; soziale Kontakte pflegen…
Hat T dieses Glück nicht, steuert T wahrscheinlich großen Schwierigkeiten entgegen. Vielleicht sucht T die Ursache bei verständnislosen Mitmenschen oder dem blöden System.
Was hilft’s?

R verletzt Grenzen, nimmt sie bei anderen nicht wahr. Die eigenen Ziele werden um jeden Preis verfolgt. Die der anderen spielen keine Rolle, Kompromisse sind nicht drin.
Das geht solange scheinbar gut, bis niemand mehr die Scherben auffegt, die dabei entstehen.

G spürt keine Grenzen bei sich selbst, arbeitet, macht und tut stets bis zur Erschöpfung. Es scheint immer einen Grund dafür zu geben, mehr zu tun und länger zu arbeiten als die anderen. Für diese ist das recht bequem. Ungeduldig reagiert G, wenn vorsichtig nach der Möglichkeit eines weniger angestrengtem Lebens gefragt wird.
Was ist Gs Ziel? Anerkennung zu erhalten? Kontrolle über die Abläufe zu haben? Freizeit und Ruhe zu vermeiden, weil G sich sonst ängstigen könnte?

Vielleicht fallen Ihnen Situationen ein, wo selbst-schädigendes oder fremd-schädigendes Verhalten mit unreflektierter Zielbestimmung einhergeht, so wie bei T, R und G?

Möglicherweise erkennen Sie bei sich selbst, wo Sie sich durch das Verfolgen bestimmter Ziele in schwierige Gefühle oder äußere Probleme gebracht haben.
Was können Sie tun, um das zu ändern?
Zuerst können Sie sich deutlich vor Augen führen, welche Ziele Sie in Ihrem Leben verfolgen wollen. Vermutlich fallen Ihnen mehrere ein, wenn Sie sich Zeit hierfür nehmen.
Schreiben Sie sie auf! Im zweiten Schritt legen Sie fest, welches Ihr wichtigstes Ziel sein soll und welches das unwichtigste. Danach sortieren Sie die Ziele dazwischen nach der Wichtigkeit, die Sie ihnen geben wollen.
Schauen Sie sich ihr Ergebnis an und prüfen Sie, ob einige der Ziele im Widerspruch zueinander stehen, beide zugleich zu verfolgen schlechterdings nicht umsetzbar ist. Von welchem wollen Sie sich trennen?
Hierbei finden Sie vielleicht auch Ziele, die Sie aus eigener Kraft gar nicht erreichen können. Verschwenden Sie nicht länger Ihre Kraft und Energie darauf! Den Wunsch danach können Sie ja behalten!

Vielleicht fallen Ihnen auch Mitmenschen ein, deren Verhalten Ihnen nicht zusagt, weil diese ihre Ziele verfolgen, ohne ihre Mitmenschen, Sie z.B., im Blick zu haben. Was können Sie tun?
Sollten Sie den so beschriebenen Menschen nicht ausweichen können oder wollen, wäre es wahrscheinlich schädigend für Sie, wenn Sie dies einfach so hinnähmen.
Zwar werden Sie selten so ohne Weiteres eine Einsicht oder gar eine Verhaltensänderung erlangen, wenn Sie das Gespräch suchen. Es kann sich jedoch lohnen, es zu versuchen, wer weiß!
Schildern Sie Ihrem Gegenüber, wie sich sein Verhalten auf Sie auswirkt. Günstig hierfür sind greifbare Dinge, die sich nicht so leicht wegdiskutieren oder wegwischen lassen.
Ein umgefahrener Zaun ist ein umgefahrener Zaun und die Reparatur kostet!
Machen Sie Ihrem Gegenüber klar, welche Folgen es haben könnte, wenn es dies alles lieber ignorieren möchte.
Wenn alles nicht fruchtet, dann leiten Sie die Folgen ein, die Sie angekündigt haben!
Sollte sich in Ihnen bei dieser Vorstellung Widerstand und Unbehagen zeigen, schauen Sie genau hin, welche Werte, Glaubenssätze oder Ziele hierbei aktiviert wurden!
Sie entscheiden, ob Sie die Kosten dafür tragen wollen.

Klarheit zu erlangen darüber, wie Sie entscheiden wollen und wozu, das ist mein Vorschlag für heute, viel Erfolg!