Herbst

Nun ist er da, der Herbst. Manche lieben ihn ganz besonders, freuen sich auf diese Jahreszeit, genießen die Kühle und Frische nach einem zu heißen Sommer. Ich gehöre nicht dazu, ich bin ein Sommerkind. In der Wärme und Helligkeit des Sommers geboren, sehne ich ihn Jahr für Jahr herbei. – Die Auswirkungen des Klimawandels meine ich hier und heute nicht – darüber ein anderes Mal. –
Ich habe Bilder und Töne des inneren Sommers mit meinen gesammelten Erinnerungen bei mir und sie machen mich lächeln. Die Sonne auf der Haut, schauen, wie alles üppig wächst, Früchte naschen, Brombeeren am Wegesrand, unreif noch, aber Probieren muss sein, das Lachen und Kreischen im Schwimmbad, das Flirren der Luft über dem warmen Asphalt… ach, da geht es mit mir durch, ich wollte doch über den Herbst schreiben…
Wenn der Herbst naht, bemerke ich, dass ich bereits daran denke, dass danach der Winter naht, und der Winter ist mir meistens zu kalt. Ein paar Tage lang weißen Schnee zu schauen und zu berühren, frische Flocken auf der Zunge schmilzen lassen – schon schön, aber bitte nicht wochenlang…. Schon wieder abgedriftet. Der Herbst als Übergang.
Mein Spaziergang am Morgen soll nun dem Herbst gewidmet sein: der besonderen Schönheit sich langsam einfärbender Blätter, wenn sie sich im glatten See spiegeln, Bucheckern auf dem Weg. Bäume werfen ihre Frucht ab und schließen ihre Verbindung zur Außenluft, so können die Blätter fallen. Alles bereitet sich auf die Ruhezeit vor, nach der Verausgabung und Üppigkeit des Sommers. Ich höre Kraniche in der Nähe, sie machen sich auf zum langen Flug , sie sind schon die Nachhut, Zeit des Abschieds und des Aufbruchs zugleich.

Was ist mit dem Herbst des Lebens? Von denen, die dort schon angekommen sind, versuchen einige, den Sommer zu verlängern. Wenn ich ihn ignoriere, findet er vielleicht nicht statt? Der Versuch, die Kräfte einzusetzen wie bisher, kann dazu führen, dass der Körper Alarm schreit. Es ist nicht einfach, den Herbst zu akzeptieren oder gar willkommen zu heißen, wenn er als Übergang zum Winter des Lebens gesehen wird und damit unweigerlich der Gedanke an das Ende des Lebens die innere Bühne betritt. Wir haben nicht den Zyklus der Bäume, es folgt kein neuer Frühling. Je nach Glaubenshintergrund können Vorstellungen eines neuen Lebens trösten, aber wer weiß, wer weiß…
Dem Herbst des Lebens die Aufmerksamkeit widmen, die ihm gebührt, kann helfen. Kräfte sammeln, nach innen gehen, Ruhe genießen.
Jorge Bucay schreibt in einem seiner Bücher, der Herbst sei auch im Menschenleben die Zeit des Einfahrens der Ernte. Kein Jäten, kein Pflanzen, kein Hegen und Stützen, kein Gießen mehr. Die Freude an den Früchten all dieser Arbeiten, während die Ernte eingesammelt und eingelagert wird, hat jetzt ihre Zeit. Noch ist keine Winterruhe, es gibt zu tun, aber nichts Neues wird begonnen. Es ist die Zeit des Erntedanks. Ein schöner Gedanke, ein schönes Bild. Jedoch:
Was im Sommer des Lebens versäumt wurde, kann schwerlich nachgeholt werden, vielleicht rührt auch daher die Melancholie, die manch eine/n im Herbst beschleicht. Der wehmütige Blick zurück soll seinen Ort und seine Zeit haben, und das Leben im Hier und jetzt würdigt den Herbst, wenn er da ist, als Zeit mit ganz eigener Qualität.
Wir alle haben im Frühjahr des Lebens den Boden vorbereitet und, je nachdem, wo wir sind im Leben, pflanzen wir noch oder haben bereits gepflanzt, gegossen und bearbeitet. Für die, die noch mitten im Sommer leben, ist es gut, zu wissen, er dauert nicht ewig, die Zeit kann gut oder weniger gut genutzt werden, es ist eine Entscheidung.
Und für die Herbstler unter uns, die nicht so zufrieden sind: Auch ein Leben, das mancher, manchem im Rückblick als wenig erfolgreich erscheint, hat seine Früchte erbracht. Doch, denn wer lebt, hat für sich gesorgt. Mag die Ernte nicht das erbringen, was im Frühling erhofft war, schauen wir auf sie und sagen: Na, immerhin!

Heute schreibe ich etwas elegisch, bemerke ich gerade. Herbst halt! Draußen prasselt der Regen. Eine schöne Herbstwoche allen!

Nachtrag: Natürlich beschleicht niemanden eine Melancholie, wie ich ich oben schrieb. Für alle Wehmut sind wir selbst verantwortlich, indem wir bestimmte Gedanken hegen und pflegen. Solange wir uns dabei nicht in einen andauernden Trauerzustand manövrieren, können wir uns diese auch mal erlauben Darauf einen heißen Tee!