Mit Achtsamkeit durch den Fluss der Zeit

Heute möchte ich Ihnen einige Anregungen zum achtsamen Atmen geben. Es kann Ihnen helfen, zur Ruhe zu kommen, wenn Sie den Eindruck haben, die Anforderungen des Alltags drohten Sie zu verschlingen. Ebenso kann es helfen, wenn Sie den Eindruck haben, Sie spürten sich in dem Sturm um Sie herum nicht mehr so ganz.

Im Anschluss daran können Sie die Einladung zu einer kleinen Trance annehmen. Sie können Sie lesen, langsam und aufmerksam, sie können Sie sich vorlesen lassen. Langsam und mit ruhiger Stimme gesprochen und mit Zeit für Pausen profitieren Hörende und Vorlesende. Die Trance habe ich teilweise den Tranceperlen von Ghita Benaguid (Hrsg. 2019) entnommen. Der ursprüngliche Text stammt von Anne M. Lang.

Sie bestimmen, wohin dieser Text Sie führt. Überlegen Sie für einige Momente, wobei Sie gerade sich selbst unterstützen möchten. Bei den Übungen rede ich sie mit Du an.

Übung 1: Beobachte den Weg deines Atems, wenn du einatmest, von der Nasenspitze durch den Rachen-Raum, den Kehlkopf, die Luftröhre, die Bronchien, die feinen Verästelungen deiner Lunge.
Beobachte, wie sich dein Brustkorb weitet und auch dein Bauchraum und auch deine Flanken, indem dein Zwerchfell aktiv Raum gibt und die Lunge dadurch immer mehr an Raum gewinnen kann.
Wenn du dies eine Weile so getan hast, schau einmal, wie es ist, wenn du bei der Bauchdecke beginnst und ihr Heben und Senken beobachtest. Und du merkst, wie sich dein Bauch nach außen wölbt beim Einatmen und sich entspannt und wieder weich in Richtung Wirbelsäule senkt beim Ausatmen. Und du wirst gewahr, dass dieses Heben und Senken deiner Bauchdecke in direkter Verbindung zu deiner Nasenspitze geschieht. Mache dir vom Bauch her bewusst, wie der Weg deines Atems ist: das Zwerchfell, die Lunge, die Bronchien, die Luftröhre, der Weg durch den Kehlkopf, den Rachenraum, die Nase und zur Außenluft. Achte besonders auf Dein Ausatmen für eine Weile.

Übung 2: Bleibe ganz mit deiner Aufmerksamkeit bei deinen Atemzügen, indem du sie zählst. Gedanken, die auftauchen, sind in Ordnung. Sie ziehen dahin wie weiße Wolken am Himmel oder Schwäne auf dem Wasser.
Zähle immer bis 10, zähle bis zu 10 Atemzügen und beginne von vorn. Wenn du merkst, dass Gedanken dich so beschäftigen, dass du das Zählen ganz vergessen hast, beginne wieder bei Eins. Es ist nicht wichtig, ob du die höheren Zahlen erreichst oder nicht. Einfach atmen, zählen und beobachten.
Du kannst auch variieren und so zählen, dass du Eins beim Einatmen und Zwei beim Ausatmen denkst. Eins und Zwei, Drei beim Einatmen und Vier beim Ausatmen und so, bis du bei 10 angekommen bist.

Übung 3: Benenne, was dir beim Atmen in den Sinn kommt, innere Bilder, Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen. Geräusche zum Beispiel, aha ich höre einen Rasenmäher, aha ich höre ein Vogelzwitschern und wandere immer hin und her zwischen dem, was du bemerkst, an inneren und äußeren Ereignissen, und deinem Atem. Immer wieder, der Fluss deines Atems bekommt deine Aufmerksamkeit.

Der Fluss, eine innere Reise

Wenn du nun ganz bei Deinen Wahrnehmungen bist, wende dich noch mehr nach innen. Steige einige Stufen in dein Inneres hinab, wenn du magst, oder schiebe einen Vorhang beiseite in deine inneren Welten.
Dort angekommen, ganz und gar oder nur eine Seite von dir, das ist nicht wichtig. Geh einfach weiter in dein inneres Erleben.
Der Fluss deines Atems. Der Fluss deines Lebens, deines täglichen Lebens, deiner Tage, deiner Wochen, deiner Monate und Jahre.
Du siehst den Fluss, er kommt von der Quelle her,
du siehst den Fluss an dem du gerade stehst,
und du schaust, wie der Fluss weiterfließt, weiter ins Morgen, die nächste Woche, den nächsten Monat, das nächste Jahr. Vielleicht möchtest du ins Wasser greifen. Mit dem Finger, der ganzen Hand oder auch mit dem Fuß.
Du weißt, dass Flüsse, wenn man sie weit von oben betrachtet, von einem Hubschrauber aus oder von einem Ballon, sehr verschieden ihren Weg sich bahnen können und sehr verschieden dem Wasser Raum geben.
Du siehst Bögen und Schleifen, du betrachtest Ufer und Ränder, da ist der Weg des Flusses durch Landschaften, vorbei an Orten und Städten…
Menschen, die an diesem Fluss leben …
Und was führt der Fluss mit sich… Treibholz …. Fische … welche Art…  Algen, Pflanzen…
Der Fluss lagert ab und führt weiter. Mit seinen Wellen spielt er, mit dem Wasser schäumt er, wie es mit sich nimmt und abgibt … und aufnimmt.
Und wie kann der Fluss sich reinigen mit der Zeit, und wie kann er sich klären, wenn er trüb ist…
Und ein Fluss kann rauschen und plätschern, still oder wild sein. Du hörst das Lied des Flusses, du hörst wie Regen auf ihn niederprasselt.
Du siehst, wie Sonne ihm Wasser entnimmt, Wind den Dunst weiterträgt …
Ströme, Jahreszeiten, immer in Bewegung und doch in Ruhe, ruhig gleitet er dahin.
Starke Winde, ein Unwetter gar, die Uferbefestigung kann sich lösen, Sandbänke entstehen neu und werden wieder abgetragen.
Unwetter gehen vorbei, finden ihr Ende, schönes frisches Wetter entsteht, neue Kühle.
Am Ufer Neues.
Und wenn er genug Wasser trägt, nach einem guten Regen, können Schiffe wieder fahren. Was führen sie mit sich, woher… wohin…

Niemals steigst du in denselben Fluss – alles ändert sich unaufhörlich und doch bleibt der Fluss der Fluss.
Du kannst an ihn zurückkehren wann immer du möchtest. Im Nebel… bei Wind und Wetter… in sengender Sonne zur Kühle, in freundlicher Sonne zum Schauen … Abendsonne …. Morgensonne … Glitzern auf dem Wasser, Steine in klarem Uferwasser…

Und du kannst manchesmal sein wie der Fluss, oder auch immer… In deinem inneren Fluss kannst du sein, und wissen, dass es so ist:
Wenn außen ein Wind geht, kann es sein, dass es bei dir gerade ganz still ist.
Wenn außen anscheinend ein Stillstand geschieht, kann sein, dass bei dir ein Abtragen und Weiterführen ist, ein Ablagern und ein Aufnehmen geschieht. So immer geschehen ist und geschehen wird … bis zu einer Mündung … und weiter vielleicht .. und wie … wer weiß wer weiß….

Und jetzt schaust du noch einmal … wo kommt er her, der Fluss an dem du stehst, wo fließt er hin, in seine Ferne… wo stehst du gerade…

Und mit jedem Atemzug, den du nun wieder so gut spüren kannst, kehrst du in deinem Tempo und auf deine Weise ganz ins Jetzt und ganz ins Hier. Spürst deine Finger, deine Zehen, deine Kopfhaut. Bewegst deine Nasenspitze, wie ein Hase der schnuppert…

Hab eine gute Woche!