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Kennen Sie Ihre Ziele (2)?

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ (Antoine de Saint Exupéry in Die Stadt in der Wüste / Citadelle)
Eine genauere Quellenangabe habe ich leider nicht, die Übersetzungen sollen auch unterschiedlich sein, und für Frauen gilt das sicher alles auch…
Nun, ich mag dieses Zitat. Es passt zu meinen Gedanken über Ziele im Leben eines Menschen.
Es entspricht der Spruch „Der Weg ist das Ziel.“ nicht meinem Geschmack und auch nicht „Das Ziel ist im Weg.“ Warum nicht?
Nach meiner Erfahrung und der vieler Menschen in meinem Umkreis benötigen wir Ziele, um uns zufrieden durchs Leben zu bewegen.
Im Gegensatz dazu scheint die Methode „gute Vorsätze“ eher irgendwo im Ungefähren zu versanden.
Kennen Sie das?

Dies flatterte mir auch dieses Jahr wieder als Gruß für das neue Jahr ins Haus.

Auch schön ist, was ich auf einer sozialen Plattform zum Thema Aufschieberitis / Prokrastination las, etwa so: „Für 2020 habe ich mir vorgenommen, mit dem Prokrastinieren aufzuhören.“ Ich brauchte ein Momentchen, bis ich den Witz hatte.

Was ist nun der Unterschied zwischen guten Vorsätzen und Zielen?
Warum geben wir bei den Vorsätzen rasch auf, mit Frust oder mit dem Augenzwinkern „War eh nicht so ernst gemeint“? Nun, sie sind als Vorschriften formuliert, die man sich selbst macht, als Verbote, als Gebote, sie wecken bei manchen innere Widerworte, sie haben das Scheitern im Gepäck.
Eine Freundin, befragt, wie sie das sähe, sagt, sinngemäß:

Wenn ich mir das Ziel setze, am Ende des Jahres 5 kg weniger zu wiegen, habe ich ein positives Bild davon, was sein könnte. Ich bin nicht gleich am Meckern mit mir selbst, wenn ich zwischendurch Vorfälle erlebe, die nicht in Richtung Ziel gehen.
Ich überlege, was ich alles unternehmen kann, um mein Ziel zu erreichen: weniger Schokolade, weniger Alkohol, mehr Sport, mehr Spaß (JA! Ist gut fürs Abnehmen, sagt sie!). Aber klingt das nicht genau wie die Anweisungen der guten Vorsätze?
Nein, sagt sie, der Fokus ist ganz auf meinem Ziel, abzunehmen. Ich freue mich, alte enge Hosen, die ich mag, wieder hervorzukramen. Ich probiere aus, welche Methode gerade am besten zu meinem Ziel passt und kann wählen. Es ist auch je nach Jahreszeit, Lebensführung und Lust immer mal was anderes, was gut wirkt. Sie sagt, sie fühlt sich auf diese Weise nicht gegängelt, sondern empfindet Wahlfreiheit und das mag sie.

Eine Bekannte sagt: Ich habe meinem Ziel abzunehmen, Zeit eingeräumt, nach der Wichtigkeit, die ich ihm gebe, nämlich jede Woche 3x eine Stunde. Diese Zeit fülle ich unterschiedlich: Mal lese ich über gesundes Essen, mal frage ich nach, bei jemandem, der / die erfolgreich abgenommen hat. Mal bewege ich mich ausgiebig, mal mache ich mir schöne Salate statt der schnellen Stulle.
Aha, sie hat die Wichtigkeit, die das Ziel für sie hat, beurteilt und ihm danach Platz in ihrer Planung eingeräumt! Planung heißt: konkret sein. Wichtigkeit beurteilen heißt, immer genau zu wissen, wozu man etwas tun will.
Das sehe ich als besonders wichtig an, es hat für mich viel mit den Bereichen Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit zu tun.

Noch einmal das Zitat vom Beginn des Textes:
„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Darin steckt Verheißung, Offenheit. Ich werde im offenen Meer auch Ziele ansteuern. Es kann eine Punktlandung formuliert werden, z. B. nach Island zu schippern, genauer nach Akureyri, vielleicht zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Es kann ein Zeitraum mit Inhalt gefüllt werden, z. B. in seichten Gewässern und vorbei an sonnigen Stränden zu segeln, für eine vorher festgelegt Zeit oder auch, bis man sich genug erfreut und erholt hat, um neue Ziele zu formulieren. Auch das nenne ich ein Ziel!
Vielfalt der Möglichkeiten!
Ich kann Etappenziele festlegen, ich kann das Ziel ändern.
Nur: Konkret formuliert sollte ich es haben, mein Ziel, und wissen, wie wichtig es mir ist. Dann kann ich immer wieder gut schauen und prüfen, ob Methode, Gepäck und Weg noch passen.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal!


Auf ein Neues!

Nun ist also wieder Sylvester und in einigen Stunden beginnt das neue Kalenderjahr. Man kann gelegentlich den Eindruck gewinnen, dass Rückschau und Bilanz und / oder Vorhaben und Vorsätze zwingend bedacht, kommuniziert oder zumindest mehr oder weniger witzig genau heute zum Thema gemacht werden müssten.
Natürlich ist das nicht so, Lebenskonzepte sind unterschiedlich.
Da gibt es zum Beispiel völlig verschiedene Vorstellungen darüber, wann ein neues Jahr, auch kalendarisch, begönne. Manche teilen die Jahre nach dem Mondkalender voneinander, dann wandert das Neujahrsfest von Jahr zu Jahr – bezogen auf den uns allen bekannten und für offizielle Angelegenheiten verbindlichen Kalender.
Dann gibt es noch die Aussage, dass schließlich in jedem Moment unseres Lebens ein neues Jahr begönne, genau jetzt. Somit wäre auch, je nach Geschmack und Neigung, ein permanentes Bilanzieren und Neu-Planen angesagt. Das klingt für mich anstrengend, aber der Grundgedanke gefällt mir: Reflektieren und Neuplanen benötigt keinen äußeren, schon gar keinen kalendarischen Anlass. Gut wäre, sich anzugewöhnen, nach inneren Bedarfen und Erkenntnissen den Zeitpunkt zum Innehalten wahrzunehmen und dann auch mit Inhalt zu füllen.
Manche Menschen nehmen den eigenen Geburtstag zum Anlass, sich neu zu orientieren. Ein Umzug kann es beispielsweise sein, der zur Rück- und Vorschau herausfordert…
Nun, Sie sehen, auch ich mache mir solche Gedanken gerade heute, an Sylvester.
Mir geht heute besonders durch den Kopf, was ich an Werten über die Jahre hinweg entwickelt habe. Was davon habe ich im vergangenen Jahr gelebt, was will ich weiterhin zu meiner Richtschnur machen? Diese Grundfragen will ich mir stellen, bevor ich eine Planung meiner Jahresziele vornehme.
Ich meine hier die ideellen Werte, die Handlungsleitlinien, nach denen ich leben möchte. Nicht einbeziehen will ich hier die Bedürfnisse, die selbstverständlich ebenso handlungsleitend wirken, mehr oder weniger bewusst. Dies ist ein eigenes Thema.
Solche ideellen Werte können mit einem übergeordneten Lebenskonzept, wie Religion oder politischer Überzeugung, eng verknüpft sein, sie können überkommen aus der Herkunftsfamilie sein, sie können täglich medial vermittelt werden, manchmal, ohne dass wir es bemerken, sie werden oft im Freundeskreis geteilt.
Brüche im Leben, eine Trennung, neue Bezugspersonen, Verluste jeder Art, Zumutungen von außen können sowohl das Lebenskonzept als auch die Wertvorstellungen zum Schwanken oder zum Einsturz bringen. Etwas scheint nicht mehr zu passen. Anpassungen, die vorgenommen werden, können zum zufriedenen Leben beitragen oder sie sind dysfunktional, verschlimmern die Situation.
Wie immer wir mit unserem Wertesystem leben – es wird Folgen für unsere psychische Verfasstheit haben. Dies gilt auch für den Fall, dass jemand allen Werten abschwören möchte und nur noch eigene Bedürfnisse zu Richtschnur nehmen möchte.
Alles hat seinen Preis, alles kostet. Es lohnt sich zu schauen, ob man die Kosten seiner Überzeugungen tragen möchte. Beispiele:
Haben Sie im letzten Kalenderjahr den Wert verfolgen wollen, stets verlässlich im Beruf zu sein und lieber die Last der KollegInnen mitzutragen, als selbst zu Last zu fallen? Schauen Sie genau hin, ob Sie drohen, unter dieser Belastung zusammenzubrechen! Wollen Sie das?
Wollten Sie stets für ihre Familie da sein? Gab es dennoch Konflikte und kam es zu Übergriffigkeiten oder zu nicht endenden Ansprüchen? Gab es deshalb Schwierigkeiten mit Personen, die mehr Beachtung haben wollten und oft zu kurz kamen? War eine dieser Personen Sie selbst? Soll es so bleiben?
Kommt es Ihnen so vor, als hätten Sie im letzten Kalenderjahr kaum eigene Ziele verfolgt, kann es einen Zusammenhang dazu geben, dass Sie ihrer eigenen Wertewelt verlustig gegangen sind und sich so zum Spielball der Vorstellungen in Ihrer Umgebung gemacht haben? War das gut für Sie?
Waren Sie einmal sehr engagiert, politisch, ehrenamtlich, kirchlich, sind Sie es nicht mehr, weil Sie zu viele Enttäuschungen verbuchen? Ist noch etwas in Ihnen, das sich gern engagieren möchte? Geht es vielleicht diesmal etwas kleiner, ohne den großen Rahmen, nicht minder wichtig, wenn es zu Ihren Werten gehört, einen positiven Beitrag zur Welt zu leisten?
Haben Sie Ihren Kindern jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen versucht und stellen nun fest, dass dies ein Irrweg war? Sind Sie mit sich selbst deshalb derart unzufrieden, dass Sie depressive Verstimmungen oder Ängste entwickeln? Gibt es andere Möglichkeiten, damit umzugehen?
Haben Sie die Wertvorstellung, alles können zu müssen, möglichst keine Fehler zu machen und finden Sie sich wieder in einem Leben voller Selbstzweifel, womöglich mit körperlichen Begleiterscheinungen? Gibt es einen Ausweg?
Haben Sie irgendwann beschlossen, nur noch sich selbst wichtig zu nehmen und wundern sich nun über mangelnde soziale Wärme in Ihrem Leben? Ist Neuorientierung möglich?

Menschen tun nichts ohne Grund, für alles gibt es Begründungen. Allerdings: Der Herr, die Frau Ihrer Begründungen sind Sie selbst!
Damit sind Sie in der Lage, den Jahreswechsel zu nutzen, hinzuschauen, zu bewerten, zu entscheiden. Vielleicht mögen Sie sich dazu ein paar Gedanken aufschreiben, vielleicht mit vertrauten Menschen darüber sprechen?
Draußen beginnt verstärkte Ballerei…. Kommen Sie gesund und unversehrt ins Neue Jahr! Sollten Sie zu denen gehören, die auf Pyrotechnik nicht verzichten wollen, prüfen Sie, ob Sie zu Ihrem Wert erklären wollen, Menschen nicht durch diese zu schädigen, das wäre ein Wunsch von mir an Sie!
Guten Rutsch!





Bedürfnisse und Ziele

Heute ist Montag, es ist auch Heilig Abend für die Christen, ein Familienfest immerhin auch für viele, die mit dem Christentum wenig oder gar nichts zu tun haben mögen. Für manche ist es ein scheußlicher Abend, weil sie ihn nicht so verbringen, dass sie sich dabei wohlfühlen. Sie sind allein, wären aber lieber in Gemeinschaft. Sie betrinken sich, mit Genuss hat es selten etwas zu tun. Sie sind mit der Familie zusammen und die Emotionen kochen ab einem bestimmten Zeitpunkt hoch – oder es fröstelt einen, weil Wahrhaftigkeit fehlt.

Manche sagen auch, es sei ein Friedensfest. Dafür gibt es kaum Belege. Beim Hören der heutigen Nachrichten finde ich eher solche für das Gegenteil, auch für die sich christlich definierenden Gegenden dieser Erde werte ich das so.
Aus Gründen, die sich mir nicht erschließen, ereignen sich in dieser Zeit häufig  Naturkatastrophen – möglicherweise fällt es mir auch nur stärker auf, weil mich die Erwartung auf stille Tage begleitet.

Diese stillen Tage gönne ich mir in jedem Jahr ab dem frühen Abend des 24.12. Vor etlichen Jahren habe ich beschlossen, alles dafür zu tun, dass ich diese Tage nach meinem Geschmack gestalte. Ruhe bitte! Diesen Text schreibe ich gern, danach noch ein allerletzter Gruß an einen lieben Menschen – dann kehrt Ruhe ein. Handy aus, TV aus, kein Geplapper am Gartenzaun. Zur Ruhe zu kommen ist mir ein hohes Gut.

Meinem Glauben entspricht es nicht, dass an Weihnachten ein Heiland geboren sei zu unser aller Erlösung, diese Idee ist mir fremd. Es sind jedoch auch für mich mit diesem Fest Metaphern verbunden, die mir etwas sagen. So finde ich die Idee sehr schön, dass es da einen Gott gäbe, der sich hinein in diese Welt begibt, durch Geburt menschlich. Die Grenze von Schöpfer und Geschöpf wird durchlässig, es kann Nähe entstehen, sogar Vertrautheit.

Heute denke ich darüber nach, dass die Menschwerdung des Schöpfergottes nach christlicher Vorstellung in Gestalt eines Neugeborenen geschieht. Ich denke darüber nach, was es ist, das ein Neugeborenes ausmacht.

Es ist der Fürsorge bedürftig, denn es kann noch nicht für sich sorgen. Es will genährt, gewärmt und sauber gemacht werden, damit es sich wohlfühlen kann. Es bedarf der Stimme vertrauter Personen, es braucht Aufmerksamkeit, Zuwendung, sogar Gerüche, die es ihm ermöglichen, sich geborgen zu fühlen.

Wenn der erste Schock des Übergangs der Geburt ins Leben überlebt ist, die Orientierung im Außen noch sehr eingeschränkt möglich ist, dann braucht das Neugeborene Verlässlichkeit und Bindung, es braucht Menschen, die es willkommen heißen.

Wir wissen darum, dass nicht jeder Mensch dies alles so bekommt, wie es gut gewesen wäre. Selbst für diejenigen, bei denen alles gut begann, bleibt der Weg ins Leben ein Abenteuer mit Fallstricken, Überraschungen und Herausforderungen. Ich denke, das bleibt ein Leben lang so und ich denke, es ist gut, sich bewusst zu sein, dass wir Bedürfnisse haben, für deren Erfüllung wir aufmerksam und wirksam sein sollten.

Sollten Sie in diesen Tagen über Ihre Glaubensgrundsätze, ihre Werte und Ziele nachgedacht haben? Ich möchte Sie dazu animieren, alle diese unter ein Mikroskop zu legen, oder, falls Ihnen das leichter fällt, so zu betrachten, als lägen die Werte, Ziele und Glaubenssätze ganz weit weg und Sie benötigten ein Fernglas zur Betrachtung. Mögen Sie auch nicht? OK. Dann stellen Sie sich vor, diese Werte, Ziele und Glaubenssätze berichtete Ihnen ein nahestehender Mensch als die seinen. Wie würden Sie mit diesem Menschen darüber sprechen?

Und nun?Jetzt prüfen Sie: Ist das alles gut für ein Gefühl des Aufgehobenseins in dieser Welt? Hilft es, sich beschützt, gewärmt, genährt zu fühlen? Ist das alles gut für die Eroberung des nächsten Tages mit all seinen Besonderheiten?

Was brauchen Sie, um sich willkommen und zuhause in dieser Welt zu fühlen? Denken Sie sich für einen Moment als Neugeborenes, welches Gefühl entsteht dabei?

Legen Sie alles auf den Prüfstand: Vielleicht wollen Sie etwas anders denken, anders gestalten, anders erhoffen, anders einfordern, anders geben als bisher?

Ich wünsche Ihnen Tage, in denen Sie die Ruhe herstellen, die Sie zum Nachdenken brauchen. Und sollten Sie allein sein gegen Ihren Wunsch – gehen Sie raus! Gehen Sie unter Menschen, lassen Sie das TV aus mit seinen rührseligen Sendungen, schauen Sie ins reale Leben und vielleicht finden Sie eine Begegnung. Es muss ja nicht in der Eckkneipe sein.

Frohe Feiertage und bis nächsten Montag!

Kennen Sie Ihre Ziele? Folge 1

Kennen Sie Ihre Ziele?

In der Regel haben wir Ziele, die wir verfolgen, sobald wir morgens aufwachen: Wir frühstücken so, wie wir nach aller Erfahrung gut in den Tag kommen. Wir machen uns fertig für die Aufgaben, die wir erledigen möchten, gehen höchstwahrscheinlich in Gedanken den Tag durch: Haben wir alles dabei, vorbereitet, auf dem Zettel?

Als Kind hatten wir, wenn alles gut lief, dabei Hilfestellung durch uns erziehende Menschen. Später haben wir eigene Methoden entwickelt. Manchmal sind die Anforderungen durch Beruf, Familie oder gesundheitliche Besonderheiten so, dass wir unsere Methoden anpassen müssen.

Bei alledem verfolgen wir Ziele, auch wenn uns diese im Alltag nicht immer klar sind. Gehen wir zur Arbeit, weil wir Geld verdienen wollen? Wozu wollen wir dieses Geld verwenden? Wollen wir mit unserer Arbeit noch anderes erreichen? Wenn ja, dient dies einem höheren Ziel? Wenn unsere Arbeit keine Erwerbsarbeit ist – in welchem Kontext steht sie, welchen Zielen dient sie?
Wozu machen wir uns Tag für Tag auf in die Welt, sei sie auch noch so klein?
Der Gefängnisinsasse mag auch seine Ziele verfolgen – von der aufgeräumten Zelle, nach der guten Beurteilung durch die Verwaltung und Justiz zur vorzeitigen Entlassung strebend, Seilschaften in der Vollzugsanstalt bildend bis hin zur Idee des Ausbruchs: Auch hier gibt es die Möglichkeit, sich Ziele zu setzen und danach zu handeln.

Wenn es nicht gut für uns verläuft, denken wir womöglich, dass wir keine eigenen Ziele mehr haben, anscheinend fremdbestimmt durchs Leben gehen. Die Arbeit geht anscheinend immer vor oder auch die Ansprüche der Familie, der Freunde… Leben wir nach den Zielen anderer?
Dann ist es lebenswichtig, zu prüfen, wo wir etwas ändern können, damit unser Leben wieder nach unseren Zielsetzungen verlaufen kann.

Wenn Belastungen so groß werden, dass wir morgens nicht mehr aufstehen mögen, weil wir nicht mehr wissen, wozu das gut sein soll – dann sind uns unsere Ziele abhanden gekommen, nicht mehr bewusst, oder die Kraft fehlt dafür, sie zu verfolgen. Vielleicht haben wir seit Wochen zu wenig geschlafen, grübelnd im Bett gelegen. Dann sollten wir uns Hilfe holen, medizinische, heilpraktische, psychotherapeutische oder beratende.

Es kommt allerdings auch vor, dass Menschen sich ihrer Ziele so wenig bewusst sind, dass sie aus diesem Grunde kaum in die Verfassung kommen, etwas zu gestalten oder zu erleben, das ihr Leben erfüllen könnte. Dies kann in eine Depression münden.

Kennen Sie Ihre Ziele? Hierbei kann ein Gedankenspiel helfen. Stellen Sie sich vor, Sie seien gealtert, im letzten Lebensabschnitt. Suchen Sie sich ein Alter aus, das hierbei für Sie stimmig ist. Sie sind in Ihrer Vorstellung im Angesicht des Todes: Was wollen Sie bis dorthin gelebt haben? Was nicht versäumt?
Dies können einzelne Ereignisse sein, eine bestimmte Reise vielleicht. Dies können Zeitraumziele sein, gesund zu leben zum Beispiel. Dies können Lebensabschnittsziele sein – soziale Ziele, Karriereziele, schöpferische Ziele…

Manche Ziele liegen nicht in unserer Macht, Lottogewinne zum Beispiel, das sind dann Wünsche. Davon handelt dieser Text nicht. Bei manchen Wünschen gehören allerdings Handlungsziele dazu, damit sie in Erfüllung gehen können – ohne Los wird es auf keinen Fall etwas mit dem Gewinn.

Auf die Suche nach unseren Zielen zu gehen, zu erforschen, wo sie sich in unserem Leben geändert haben, wo sie zueinander im Widerspruch stehen, wo sie uns nicht guttun, das ist nicht mal eben so nebenbei erledigt! Wenn Sie sich Zeit nehmen, Ruhe dafür einplanen mögen, dann legen Sie jetzt fest, wann Sie damit beginnen wollen, am besten noch in dieser Woche! Tun Sie alles schriftlich, damit keiner Ihrer Gedanken unbeachtet bleibt!

Der erste Schritt: Forschen Sie nach Ihren Glaubensgrundlagen und Werten! Ihre Ziele sind sinnvoll und förderlich für Sie, wenn sie zu Ihrem Glauben und zu Ihren Werten passen.
Bei den Gedanken hierüber stellen Sie womöglich fest, dass einige Konzepte für Sie nicht mehr stimmig sind, nur überkommene Gewohnheit. Stellen Sie alles auf den Prüfstand!
Gibt es Widersprüche? Sind die Kosten zu hoch für ein Leben nach Ihren bisherigen Vorstellungen? Wollen Sie bei Ihren Werten und Glaubenssätzen bleiben? Gibt es Ausnahmen? Welche?
Schauen Sie, was Sie zu tun bereit sein wollen, um Ihren Glaubensvorstellungen und Werten Raum und Gewicht zu geben. Werfen Sie raus, was der Überprüfung nicht standhält, nehmen Sie hinzu, was Sie bisher übersehen haben!
Nach getaner Arbeit haben Sie eine gute Grundlage, nun auch Ihre Ziele zu überprüfen!

Bereit? Demnächst geht es hier weiter! Bis nächste Woche!

…über eine Entscheidung, die froh macht

Heute zitiere ich aus dem Buch PAWLOWA, Brian Sewell, Roman bei Insel, 4. Auflage 2018:
Mr B möchte mit einem Filmteam einen Film über die Vorgeschichte Pakistans drehen. Es gibt Spannungen zwischen ihm und dem Team, die Vorstellungen über den Film gehen weit auseinander.
Und dann sieht Mr B aus dem Auto einen kleinen Esel, vier tiefe Wunden hat er vom Tragen der Lasten, für die er noch viel zu jung ist. Er springt aus dem Auto und verschwindet zunächst in der Menge. Als man ihn einholt, ergibt ich Folgendes:

„>>Lassen sie den Esel und und steigen Sie wieder ins Auto<<, verlangte der Regisseur. >>Nicht ohne die Eselin!<<, sagte Mr B. >>Ich kann und werde sie nicht einfach hier zurücklassen.<< Während sie stritten, wurden ihre Stimmen immer lauter und um sie herum bildete sich ein Ring aus verständnislosen Zuschauern.  Es wäre vernünftig gewesen, die kleine Eselin ihrem Schicksal zu überlassen und nach Islamabad weiterzufahren, von wo sie am nächsten Tag nach London zurückfliegen würden, doch Mr B war kein vernünftiger Mann – im Gegenteil, wenn man ihn provozierte, konnte er ausgesprochen unvernünftig sein. >>Wir fahren ohne Sie<<, drohte der dicke Regisseur. >>Nur zu<<, erwiderte Mr B erstaunlich klar und entschlossen. Der Kameramann nahm seinen Arm, doch Mr B schüttelte ihn ab. >>Was werden Sie tun, wenn wir Sie hier zurücklassen?<<, fragte Dominic leise. >>Zu Fuß nach Hause gehen<<, sagte Mr B. >>Mit der Eselin.<< Und er lächelte übers ganze Gesicht.“

Hat das was bei Ihnen/Dir angestupst?

 

Eine kleine Geschichte vom Helfen

Von dieser Geschichte ist mir der Verfaser nicht bekannt – gerne nehme ich Hinweise dazu zur Kenntnis!

Der verkrüppelte Schmetterling

Ein Mann beobachtet, wie ein Schmetterling durch das schmale Loch seines Kokons zu schlüpfen versuchte und sich dabei abmühte. Lange kämpfte der Schmetterling. Schließlich bekam der Mann Mitleid, holte eine kleine Schere und öffnete damit ganz vorsichtig etwas den Kokon, sodass sich der Schmetterling leicht selber befreien konnte.
Aber was der Mann da sah, ließ ihn erschrecken. Der Schmetterling war ein Krüppel. Er konnte nicht richtig fliegen, stürzte immer wieder ab. Auch auf seinen Beinen konnte er sich nicht halten.
Der Mann erzählte einem bekannten Biologen davon und wie er dem Schmetterling geholfen hatte. Der Biologe antwortete ihm:
„Das war ein großer Fehler, du hättest ihm nicht helfen dürfen. Du hast den Schmetterling zum Krüppel gemacht.“
Der Mann wollte dies nicht glauben. Der Biologe fuhr fort:
„Durch die schmale Öffnung im Kokon ist der Schmetterling gezwungen, sich durchzuzwängen. Erst dadurch werden seine Flügel aus dem Körper gequetscht. Und deshalb kann er richtig fliegen, wenn er es aus seinem Kokon geschafft hat.“
Der Mann wurde nachdenklich.
„Weil du ihm den Schmerz und die Anstrengung ersparen wolltest, hast du ihm zwar kurzfristig geholfen, aber für sein Leben nichts Gutes getan – im Gegenteil!“

Autor unbekannt

 

Eine kleine Geschichte vom Behüten

Die Geschichte ist von Ortwin Meiss, Milton Erickson Institut Hamburg.
Hat er so mal einer Mutter erzählt, die allen Unbill von ihrem Sprössling fernhaften wollte

Der Baum

Ein Gärtner beabsichtigte einen schönen neuen Baum zu pflanzen. Er sollte die be­sten Vor­aus­set­zun­gen zum Wach­sen ha­ben, ein­fach die be­sten, die ein Baum nur ha­ben kann. Al­so hob er­ weit­räu­mig um­ die Ein­pflan­zungs­stel­le den Bo­den aus und ent­fern­te al­le Stei­ne und al­les was den Wur­zeln des Bau­mes im We­ge sein konn­te.

Dann nahm er die wei­ch­ste und locker­ste Er­de, die zu fin­den war, und schüt­te­te sie in die vor­ge­gra­be­ne Ver­tie­fung und setz­te den jun­gen Baum hin­ein. Die Wur­zeln soll­ten es so leicht wie mög­lich ha­ben, sich ih­ren Weg zu bah­nen. Ja sie soll­ten sich un­ge­hin­dert ent­fal­ten kön­nen und sich nicht durch har­ten Bo­den kämp­fen müs­sen, und kein Stein, soll­te ih­re Bah­nen stö­ren.

Der Baum wuchs schnell in die wei­che Er­de hin­ein und be­gann sei­ne Wur­zel in ihr aus­zu­brei­ten und mit al­ler Kraft schoß er in die Hö­he. Der Gärt­ner sah es mit Freu­de, gab dem Baum die be­ste Dün­gung und schnitt ihm den Weg zum Licht frei, in­dem er al­le Pflan­zen in der Um­ge­bung be­sei­tig­te. So brauch­te der Baum sich nicht mü­hen und hat­te Nah­rung, Licht und Hel­lig­keit im Über­fluß. Schließ­lich war er zu be­trächt­li­cher Hö­he em­por­ge­schos­sen.

Da ge­schah es, daß ei­nes Ta­ges ein gro­ßer Sturm her­an­zog und mit ge­wal­ti­gen Böen über das Land brau­ste. Der Wind griff nach dem Baum und zerr­te an sei­nen Zwei­gen und Ästen und da­ die Pflan­zen in der Um­ge­bung al­le kurz ge­hal­ten wa­ren, traf ihn die Ge­walt des Stur­mes schutz­los.

Gleich­falls wä­re es für ei­nen Baum die­ser Grö­ße ein Leich­tes ge­we­sen, dem Sturm zu wi­der­ste­hen, doch die Wur­zeln grif­fen nur in wei­chen Bo­den, fan­den kei­nen Halt und kei­nen Stein, den sie um­klam­mern konn­ten. Nir­gend­wo hat­ten sie sich durch­ge­kämpft, nir­gend­wo sich Platz schaf­fen müs­sen. So drück­te der Sturm den schö­nen Baum zur Sei­te, riss ihn mitsamt sei­nen Wur­zeln aus und warf ihn zu Bo­den.

Ortwin Meiss

 

Bin ich krank?

Bin ich krank, wenn ich denke, ich sollte mir Hilfe holen? Bin ich krank, wenn ich mich unruhig und durcheinander fühle? Ich bin irgendwie aus dem Tritt, wie fast alle Menschen mindestens einmal im Leben. Krank? Wer definiert, ob ich krank bin?

Mag sein, ich sage, ich glaube, ich bin krank, wenn ich einfach unendlich erschöpft bin. Das kann viele Ursachen haben. Mag sein, ich sage schon auch mal, ich glaube, ich werde krank, wenn ich mir etwas Pflege und Aufmerksamkeit wünsche.

Mag sein, jemand sagt zu mir: Du bist doch nicht krank, und will damit meine Schwäche oder Bedürftigkeit nicht anerkennen. Wer definiert, ob ich krank bin?

Manchmal sage ich vielleicht: Ich bin doch nicht krank, weil ich mir keine Pause vom Tun zugestehen will. Manchmal sagt jemand: Sie sehen aber krank aus, und ich ärgere mich, weil ich mich nicht krank fühle und mein Aussehen mir bis gerade eben kein Problem war . Wodurch ist Krankheit definiert?

Wichtig wird es, wenn ich eine Kur, eine Krankheitsbescheinigung, irgendeine Hilfe in Form von Verordnungen, seien es Massagen oder Medikamente, brauche oder haben möchte. Dann können und müssen andere definieren, ob ich krank bin. Ich bekomme die Kur nicht, die Kasse weiß es besser… Ich soll dieses Medikament nehmen, der Arzt kennt meine Krankheit… Haben Sie schon mal mit einem Arzt besprechen wollen, ob Ihr Missempfinden Krankheitswert hat? Das kann eine anstrengende Gesprächssituation werden! (Glücklicherweise habe ich seit Jahren eine Ärztin, mit der das Gespräch selbstverständlich ist – aber ich erinnere mich an weniger schöne Erfahrungen…).

Psychisch krank – das  k  a n n  entlastend sein, wenn endlich das Eingeständnis dazu möglich ist und Verständnis folgt. Wenn statt „Reiß Dich doch mal zusammen! Andere haben auch Probleme!“ eine Diagnose gestellt wird: Hier braucht jemand fachliche Hilfe, das geht nicht von alleine weg, dann kann sich der leidende Mensch auf den Weg machen, zur Gesundung.

Als psychisch krank definiert zu werden, kann aber auch eine Belastung sein, dann nämlich, wenn wir uns einfach nicht gut fühlen und etwas Unterstützung brauchen. Eine Auszeit, um wieder auf die Beine zu kommen, braucht das nur der Kranke? Kann es nicht auch sein, dass diese Auszeit eine Erkrankung verhindert? Luft holen, achtsam sein, zu mir kommen, wer braucht das nicht von Zeit zu Zeit? Und wenn jemand dies recht oft braucht, ist er dann krank? Menschen sind verschieden und nicht alles unterliegt dem Willen.

Schön wäre, wir könnten auf den Krankheitsbegriff verzichten. Die Krankenkasse wird aber weiterhin Diagnosen wollen. Da kann eine Erschöpfung schon mal zur Depression werden im Diagnoseschlüssel…

Mir genügt, denn ich kann ja nicht über die Krankenkasse abrechnen als Heilpraktikerin für Psychotherapie, dass wir darüber sprechen, wie  S i e es nennen, weswegen Sie zu mir kommen. Wir schauen gemeinsam. in welche Richtung Sie gehen wollen und ich schaue, ob ich Ihnen dabei helfen kann.

Und nur, wenn ich zu dem Schluss komme, dass dies nicht der Fall ist, denke ich mit Ihnen gemeinsam darüber nach, ob eine ärztliche Hilfe die richtige Maßnahme wäre.

In manchen Fällen mag es sein, dass Sie bereits mit einer ärztlichen Diagnose versehen sind – dann ist es gut und richtig, mir das zu berichten. Dann schauen wir gemeinsam, wie es weiter geht.

Kopf Körper Älterwerden Tag null bis….

Tag 0
Moin!
Als ich jung war, war ich gelegentlich kopflos unterwegs. Hals über Kopf hinein in die Rhythmen der Disco, eingetaucht in die Nacht, alles andere vergessen, Körper durchgetanzt, der brauchte kein Essen, kaum zu trinken, keinerlei Schlaf oder auch nur Stille. Glücklich im Morgengrauen noch immer im Schwung, nach Hause und dort herrlich geschlafen.

Heutzutage bin ich eher körperlos unterwegs. Dauerdenkenderweise ist der Kopf sehr aktiv, während der Körper mich mehr oder weniger brav von hier nach dort bringt und weiter keine Beachtung erfährt. Bis er schmerzt. Hier zwickt, da zieht, hier und da nicht mitspielt. Soll das so? Nein, das möchte ich lieber nicht!
Muss Älterwerden zwingend so erlebt werden? Ich habe Zweifel.
Und so will ich in den nächsten Tagen mal schauen, was andere so zu sagen haben zu dieser interessanten Person Körper (Achtung Trick: Was sich einzeln aufstellt, kann gut betrachtet werden!). Eigenes dazu geben, ja, der Kopf ist zur Party eingeladen, wie auch Sie: Gastbeiträge herzlich willkommen!

Ich beginne mit Schmidbauer, ebook Altern ohne Angst:
„Die Erwartung, dass Schmerzen schnell vergehen und Gesundung rasch voranschreitet, kann im Alter Heilungsprozesse beeinträchtigen. Auch der alternde Körper regeneriert sich, solange wir leben. Aber er braucht dazu mehr Zeit. Wer über einem langsamen Prozess der Heilung in eine Depression versinkt, wird dadurch nicht gesünder, im Gegenteil.“
… und weiter: „Eines der Sprichwörter, die der Alternde nicht mehr vergisst, habe ich zuerst von einem Schwaben gehört: «Wenn du über fünfzig bist, wachst morgens auf, und es tut dir nichts weh – dann bist du tot!» Dieses Sprichwort ist ein Schritt zu dem Verständnis, dass im Alter das Ich wie ein sorgender Grundbesitzer morgens seine Grenzen abschreitet. Wer mit seinen Missempfindungen schlafen und sie im Erwachen begrüßen kann, der hat eine reife Einstellung zu ihnen gewonnen, er wird besser schlafen und mit geringeren Schmerzen erwachen als jemand, der unglücklich und wütend ist, dass er nicht triumphierend aus dem Bett springen und sich der Leichtfettmargarine zuwenden kann, die das jung-dynamische Lebensgefühl bestimmt […].“

Dies lesend denke ich darüber nach, dass das Hadern mit den körperlichen Beschwerden explizite Schmerzzustände erst herbeirufen oder zumindest verschlimmern kann. Auch früher schon wird es Einschränkungen und Zwicken und Zwacken, auch schlimmerer Natur, gegeben haben, jedoch wurden sie nicht mit dem Etikett des Alterns verknüpft. Im Tanz gestoßen oder umgeknickt? Egal, weiter mit der Musik und der Lebensfreude. Vielleicht ein blauer Fleck oder gar ein geschwollener Knöchel in den nächsten Tagen? Je nun, das wird vorübergehen.
Älterwerdend hingegen kann es sich einschleichen zu denken: „Oje, das geht also auch nicht mehr, es geht bergab…“ und schon wird das Leiden stärker.
Soviel zur Macht der selbstgebastelten Zuschreibungen.

Nicht in Frage stellen will ich hingegen, dass es alternd keine lästigeren und unangenehmeren körperlichen Einschränkungen gäbe als gemeinhin in jüngeren Jahren. Sie zu verleugnen kann genauso verschlimmernd wirksam werden wie das Katastrophisieren. Dann haut der Körper um sich und macht auf sich aufmerksam – was für eine Kränkung: Mein Körper wird einfach alt….
___________________________________________________________________________Tag 1
Moin!
Mein Körper fühlt sich heute recht wohl. Obwohl die unruhige, alte, demente Katze mit beständigem Miauen für Schlafdefizit gesorgt hat, wachte mein Körper erfrischt auf. Ich hatte einen schönen Traum, der sich offenbar recht positiv auf den Körper auswirkt.
So kann ich meine Aufmerksamkeit auf das möglicherweise baldige Ende einer Lebensgeschichte richten und meinen Kopf in ein Buch stecken: Systemisches Arbeiten mit älteren Menschen, darin Katharina Fuchs Seite 66 ff:
Eine alternative Geschichte
Es war im Sommer letzten Jahres, als ich mit einer Heimbewohnerin, Frau A., 97 Jahre alt, einen Spaziergang machte. Sie betrachtete ihre täglichen Spaziergänge als Training, als Versuch in Selbstdisziplin und als Anlass für ihren Ärger darüber, dass sie die erhoffte Strecke nicht schaffte, dass ihre Beine wehtaten und sie nicht mehr zu alter, gewohnter Leistung fähig war. “ […]

Manche Muster setzen sich über Jahrzehnte fort… Ich denke über Selbstoptimierung nach (gefälligst fit sein/bleiben) und über Defizitorientierung (Konzentration auf das, was nicht/nicht mehr geht) und darüber, wie es auf diese Weise gut gelingen kann, sich den Körper zum Feind zu machen. Aber uns war ja eine Alternative versprochen worden, also weiter im Text:

„Wir überlegten, welchen Unterschied es zum „Rasch-Gehen“ geben könnte und was dieser Unterschied für einen Unterschied machen könnte.  […] Frau A. fand für sich eine neue „Spazier-Geh-Geschichte“ . Bei unserem nächsten Treffen fragte ich sie, ob sie eine Veränderung in ihrem Spazier-Gehen bemerken könne, und sie antwortete, dass sie im Langsamsein viel besser beobachten konnte, viel mehr wahrnehmen konnte. Sie berichtete auch, dass sie wesentlich mehr Heimbewohner traf [… ]. Frau A. wirkte in sich ruhend und zufrieden.“

Ein Lob für Langsamkeit, für Achtsamkeit für Beziehungsorientierung! Passt auch für Junge! Wenn Sie in der Nähe eines Fensters sind, schauen Sie mal raus und tun sonst garnix! Sollten Sie in Gesellschaft sein, kann ein freundlicher Blick in Richtung des/der anderen auch nicht schaden! Wie fühlt sich Ihr Körper gerade an?
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Tag 2
Moin! Heute zitiere ich aus Das Achtsamkeitsübungsbuch für Beruf und Alltag, Halko Weiss u.a.

Im Kapitel INNEHALTEN UND SELBSTERINNERN IM ALLTAG heißt es:
„Die häufigste Schwierigkeit, Achtsamkeit in den Alltag zu integrieren, besteht darin, dass dieser Vorsatz untertags beim Laufen im Hamsterrad schlicht und einfach vergessen wird. So wie in der Geschichte von der Säge: Ein Spaziergänger geht durch den Wald und beobachtet einen Mann, der an einem dicken Holzstamm sägt. Die Säge ist schon stumpf, er kommt nur langsam weiter. Auf die Frage, warum er nicht innehalten wolle und seine Säge schärfen, antwortet er: Sie sehen doch, wie viel Arbeit noch wartet, dafür habe ich keine Zeit, ich muss weiter sägen! Er zeigt dabei auf einen großen Holzstapel. Man sieht: keine Zeit, das zu tun, was alles erleichtern würde.“

Hmhm. Kenn ich. Sie auch?

Die Autoren sagen, durch das Innehalten und Pausieren könne sich der Geist beruhigen. Man erinnere sich an sich selbst, indem man – vielleicht auch nur ganz kurz – dem eigenen Körper Aufmerksamkeit schenkt. Der Vorschlag hierzu ist, einige bewusste Atemzüge zu nehmen, die Körperhaltung wahrzunehmen und den Kontakt zum Boden.
„Auch hier ist das größte Hindernis, das man vergisst, daran zu denken. Daher hat es sich bewährt, Innehalten mit äußeren Anlässen zu verknüpfen, die regelmäßig wiederkehren.“
Und schließlich könne man sich vornehmen, insbesondere dann innezuhalten, wenn man bemerkt, dass der eigene Zustand durch Ungeduld oder Unruhe geprägt ist.

Da ich heute einen eher von Unruhe geprägten Tag habe, teils von außen herangetragen, teils von innen produziert, fange ich gleich mal damit an. Und als äußeren Anlass wähle ich für heute das Händewaschen. Immer mit Aufmerksamkeit und Ruhe.

Tschüss bis bald!
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Tag 3
Moin!
Heute habe ich mal wieder in das Buch Das Stühlespiel geschaut. Auf unter anderem hypnosystemischen Wurzeln steht diese Methode von Stefan Hammel. Er beschäftigt sich mit den Möglichkeiten eines menschlichen Erlebens und nimmt als Metapher für Persönlichkeit einen See von Lebensmöglichkeiten: Dort kann sich das Ich von etwas weg und zu etwas anderem hinbewegen und die Unterschiede erspüren. (Seite 28)
Er spricht also nicht von Teilen einer Persönlichkeit, was mir sehr sympathisch ist. Er sagt, wenn ich mich dann von einem Teil verabschieden möchte, kann unbewusst das Bild einer Amputation entstehen. Mit dieser Idee kann ich etwas anfangen und auch damit, eben lieber von den Möglichkeiten zu sprechen. Mir drängt sich das Bild von Aggregatzuständen auf, allerdings gibt es davon nicht so viele… Dann fällt mir das Wort Allel ein. Hatten Sie das im Biologieunterricht? Ich war damals völlig fasziniert (ist schon ein paar Jahre her ;)): Ein Genabschnitt, der zum Beispiel für rote Haare steht, ist als Möglichkeit zu sehen, angeschaltet oder abgeschaltet, unser Biolehrer sprach von einer Rotationsachse des Gens, um die sich selbiges drehen kann. Heute spricht man viel von Epigenetik und davon, dass sich solche Schaltzustände sogar vererben können… Herrje, ich schweife sowas von ab!
All diese Bilder finde ich stimmiger als das Bild von den Teilen einer Persönlichkeit. Und wozu das Ganze?
Herr Hammel setzt diese Möglichkeiten auf Stühle. Ja. Und diese benannten Möglichkeiten kann der Mensch, der mit einem sogenannten Problem kommt, besetzen. Feststellen, wie sich das dort anfühlt. Eine Möglichkeit unter Umständen in Dauerurlaub schicken. Eine andere gegebenenfalls transformieren zu etwas, das hilfreicher ist.
Klingt kompliziert? Wenn die Benennung sich ändert, wird es vielleicht etwas klarer: Da drüben könnte die mit den Schulterschmerzen sitzen, daneben möglicherweise die, die sich nicht vorstellen kann, dass sich das je bessert. Und dort diejenige, der es besser geht, als sie es je für möglich hielt. usw. Wenn Sie nun merken, dass Sie da mal nachlesen wollen: Folgen Sie dem Link Das Stühlespiel!

Ich erzähle jetzt noch aus dem Buch von der Frau mit den Schlafstörungen, die die Methode zur Selbsthilfe nutzte:
„Ich habe derjenigen, die abends nicht einschlafen kann, einen Platz gegeben und ihr gesagt, sie kann sich dort für mich Gedanken machen. Dann bin ich gleich eingeschlafen.“
Eine andere berichtet: “ Ich habe die, die nachts noch arbeiten will, in einen anderen Raum an den Schreibtisch gesetzt. Das hat aber nicht gereicht.“ Sie hat dann noch die herein geholt, die im Sommer so gern auf dem Balkon liegt. Das habe dann geklappt (S. 51).
„Wer nachts erwacht ist und Schwierigkeiten hat, wieder einzuschlafen, könnte denjenigen, der wach bleiben möchte, auf einen Nachtspaziergang schicken.“

Das gefällt mir alles sehr gut! In der Therapie oder Beratung lässt sich das noch wunderbar auffächern und alles an Möglichkeiten kann gewürdigt werden. Wenn Sie wollen: Spielen Sie schön!
Ich mach jetzt mal ein Nickerchen.

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Tag 4
Moin!
Puh, da habe ich aber ml eine seeeehr lange Pause gemacht! Wie kam’s? Viele Verpflichtungen, die sich leider nicht wegdebattieren ließen, sie waren real, vieles, das so schief ging, wie es nur gehen konnte, daher viel zuwenig Zeit für Muße und Verpusten – da blieb dann mein Blog auf der Strecke zurück. Um einen Gedanken zu fassen, dazu etwas zu verfassen, auch wenn es nur „Splitter“ sind – es braucht halt einen Kopf, der nicht mit Alltag vollgepfropft ist. Jedenfalls geht es mir so.
Solche Zeiten gibt es halt, das dürfte nicht vermeidbar sein.  Und es geht ja auch vorüber in der Regel. Wenn nicht, ist es an der Zeit, das eine oder andere zu überdenken an der Lebensführung.

Was mich beschäftigt, ist die Frage an mich selbst: Lade ich mir zuviel auf? Neben dem Unvermeidbaren, gibt es da irgendwo ein  Zuviel? Hierbei denke ich durchaus auch an das Schöne im Leben. Wenn ich im Garten gewerkelt habe, kann ich danach nicht mehr tanzen gehen. Wenn ich das Wochenende mit einem Trip zu dem wunderbaren Martin Schläpfer’schen Ballett in Düsseldorf zugebracht habe, ist der Alltag danach sehr anstrengend und Überforderungsgefühle stellen sich ein, die mich dann niedergeschlagen sein lassen. Nicht mehr dreißig, mehr als doppelt so viel, was geht da noch? Will ich zuviel? Ist eine Einsicht notwendig in die Endlichkeit der Kräfte? Aber wo sind die Abstriche zu machen? Oder muss nur die Organisation anders aussehen?

Älterwerden – ich kenne Damen in weit fortgeschrittenernem Alter, die noch ganz viel wollen und können. Mich schmerzen meine Knochen und Muskeln. Und ich brauche mehr Schlaf. Sport allerdings fiel seit Wochen flach, da könnte es einen Zusammenhang geben….

Um all dies immer neu zu bewerten, zu prüfen und zu entscheiden: Dafür benötige ich als allererstes Zeit! Ab jetzt will ich sie mir nehmen!

Auf geht’s! Bis bald!

___________________________________________________________________________Tag 5
Moin! Ich habe darüber nachgedacht, was ich wirklich möchte in meinem Leben. Ich habe mal beiseite gelegt, was ich meine, möchten zu müssen. Ich habe zur Kenntnis genommen, dass die Dinge, die meine Aufmerksamkeit zwingend benötigen, diese auch bekommen sollten… Da sind wir wieder bei der Achtsamkeit gelandet, siehe da!
Dass ich groß begründen muss, einige Aufgaben  n i c h t  übernehmen zu wollen, das glaube ich deutlich seltener und schwächer als vor ein paar Monaten. Da bin ich nun bei H. Stavemann gelandet und dadurch bei dem Gedanken, dass ich mich nicht vom Wohlwollen anderer abhängig machen möchte. Und dass ich da noch etwas Übung benötige…

Gestern endete mein Kurs in Progressiver Muskelentspannung mit Teilnehmenden 70+. Alle waren sich einig, dass das Schöne am Ältersein  ist, zu sich zu stehen, dies zu auch zu zeigen und es zu genießen.

Alles darf sein! In diesem Sinne endet dieses Thema hier für mich. Ich geh jetzt in die Sonne!

Lächeln oder es sein lassen, Tag null bis…

Tag 0
Gern ist es Thema unter Frauen: Was passiert eigentlich, wenn wir das Lächeln mal ganz ganz sparsam einsetzen?
Was erfahren wir dabei über uns? Wie erleben wir die Reaktionen der Kommunikationspartner?

Aus gegebenem Anlass hatte ich das Bedürfnis, einen kleinen Forschungstag einzulegen: Nur Lächeln, nachdem ich in mich hineingehorcht und eine Antwort erhalten habe zu:

  • Warum will ich jetzt Lächeln? Was sind meine Gedanken dabei?
  • Wie schwer ist es, den Lächelautomatismus zu bremsen (den hab ich!), in welchen Situationen ist es schwer?
  • Bezwecke ich etwas mit meinem Lächeln? Was denn?
  • Nach reichlicher Überlegung: Will ich es jetzt immer noch tun?
  • Wie fühle ich mich, wenn ich es sein lasse?
  • Und wie, wenn ich es bewusst tue?

Na klar, darüber vergeht etwas Zeit. Möglicherweise kommt sie mir oder meinem Gegenüber lang vor. Egal: Manche Dinge brauchen Übung!

  • Bevor ich jetzt weiter schreibe….. Wollen Sie sich mit diesen Fragen auch beschäftigen? Auch ein kleines Experiment wagen? Wenn ja, so erzählen Sie doch davon, wenn Sie mögen,
    mir per Mail an info@heilpraxis-psychotherapie-roderwald.de (Bitte diese Adresse in Ihrem Mailprogramm einfügen, hier habe ich noch keine automatische Verknüpfung eingerichtet.),
    oder im Kommentarfeld unten (Dabei wird Ihre Mailadresse nicht auf der Seite angezeigt, Sie können für die Öffentlichkeit also anonym bleiben!), ich freue mich in jedem Fall!

Bis morgen an dieser Stelle!
___________________________________________________________________________Tag 1
So, ein Tag ist vergangen. Eine interessante Erfahrung habe ich gemacht: Das Unterlassen des Lächelns hat mir gestern Respekt eingebracht!
Ich verzichte mal darauf, zu spekulieren, warum die Veränderungen bei meinen Kommunikationspartnern eingetreten sind, das mag ganz unterschiedlich sein und ist ja auch gar nicht wirklich von mir herstellbar. Oder gar wiederholbar. Sind ja keine Marionetten, an denen ich ziehen könnte. Glücklicherweise! Was wäre das für ein armseliges Leben, könnten wir unsere Mitmenschen beliebig zappeln lassen!

Also schau ich mal bei mir: Manchmal lächle ich, weil ich hoffe, dass mein Gegenüber dann auch zu mir nett ist. Also will ich was erreichen. Und wenn ich genauer hinschaue, dann will ich erreichen

  • dass da wer etwas tut, was ich will, oder
  • dass da wer etwas lässt, was ich nicht will, oder
  • dass da jemand nicht unverhofft doof zu mir ist, zum Beispiel
  • meine Grenzen verletzt, indem er/sie mich ausfragt, oder
  • mir die Worte im Munde verdreht, oder
  • mir verwirrende Botschaften sendet, oder
  • mich herabsetzend behandelt, oder
  • mir versucht, Anweisungen zu geben….

Wenn davon etwas eintritt, kann es sein, dass ich mich unwohl fühle, es kann sein, dass sich etwas ansammelt in meiner Befindlichkeit, das mich irgendwann gereizt reagieren lässt. Unangenehm, denke ich und wahrscheinlich sogar überflüssig. Und mit dem Lächeln wäre es dann auch vorbei. Und womöglich träfe es die / den Falsche/n.

Woher soll der arme Mensch mir gegenüber wissen, wo überall meine Empfindlichkeiten herumliegen? An meinem Lächeln jedenfalls kann er / sie es nicht ablesen.

Mein Lächeln hat etwas vermeiden wollen: die klare Auseinandersetzung nämlich! Es kann natürlich riskant sein, deutlich zu sagen: So möchte ich das lieber nicht! Es stört / verwirrt / verletzt / behindert mich, wie Sie mit mir kommunizieren. Ich zeige mich dadurch mit meinen Schwachpunkten und ich zeige mich mit meinen Ansprüchen. Dies könnten natürlich dazu führen, dass jemand mich völlig lächerlich oder anmaßend fände…..

Tja. Dann wüssten wir doch aber Bescheid voneinander, gell! Das macht ja auch handlungsfähig! Im anderen Fall stünde ich immer noch grinsend vor diesem Menschen und würde mich wundern, wieso wir keine gemeinsame Sprache finden…

Ich hatte eingangs behauptet, mehr Respekt geerntet zu haben. Ja, genau! Wir bauen… Also heißt, wir lassen Menschen ein Haus bauen und bezahlen dafür.  Für mich ergibt sich hier eine wunderbare Gelegenheit, die eigene soziale Kompetenz auf den Prüfstand zu stellen! Es war nicht immer einfach in den letzten Monaten, es gab gereizte Auseinandersetzungen mit Sachbearbeitern, Bankmenschen, Anlieferern usw. usw. Es gab Missverständnisse und auch Unverschämtheiten. Mein Automatismus hat mich immer wieder lächeln lassen, in der Hoffnung… Siehe oben!

Ich hab mir dann gestern morgen fest vorgenommen: Erst denken, dann grinsen! Wenn ich keinen echten Grund sehe, Freude zum Beispiel, dann schaue ich einfach mal neutral. abwartend. sachbezogen.
Hat geklappt! Und den Zeitplan, den ich seit Wochen vergebens einfordere, habe ich inzwischen in den Händen! Na, das hat sich doch gelohnt. Und außerdem habe ich mich besser gefühlt, mehr bei mir und nicht so viel im Außen.

Bis morgen!
___________________________________________________________________________Tag 2
Ich könnt‘ mich dran gewöhnen! Meine Gesichtsmuskeln fühlen sich so entspannt an! Postbote, Lieferant, Handwerker, Verkäuferin – unfreundlich war ich gestern zu niemandem. Freundlichkeit durch die Art meines Auftretens, meiner Aufmerksamkeit für die andere Person, durchaus auch verbindliche Worte – ist nichts gegen zu sagen!

Nur das Verziehen des Gesichts, genannt Lächeln, das hab ich mir gespart. Siehe da, niemand war mit mir böse. Mein Gefühl war, dass ich viel Energie für anderes übrig hatte. Es ist ja auch so: Wenn ich aus falschen Gründen lächle, zum Beispiel, damit mir niemand etwas tut, dann kommt auch was ganz Komisches beim anderen an. Und es kostet unnötig Energie.

Abends, bei der Yoga, hatte ich irgendwann ein inneres Lächeln. Das war toll! Dazu später mehr. Am Wochenende ist Fortbildung – ha! Ein super Übungsfeld! Ich bin gespannt, wie meine Übung gelingen wird!

Bis Montag also!
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Tag 3
Eyweh, nun ist es Dienstag geworden. Schön, dass Sie vorbeischauen! Mein Experiment macht gute Fortschritte! Ich wüsste zu gerne, ob jemand ein wenig mittut! Schreiben Sie mir, wenn Sie mögen! Auch, wenn Sie mein Experiment nicht so gelungen finden – eine Bemerkung dazu interessiert bestimmt die einen oder den anderen! Mich auf jeden Fall!

Es gab ganz gute Erfolge in den letzten Tagen: Vor allem freut mich ein enormer Zuwachs an Selbstbeobachtungskompetenz. (Mir fällt gerade kein besseres Wort dafür ein: Merken, Benennen, Zuordnen…) Ich habe jetzt nicht das Lächeln aus meinem Leben verbannt, es gelingt aber schon recht gut, die Körperempfindung um den eigenen Mund herum zu deuten:
Wie schmallippig kommt es denn daher, das Lächeln? Geht das etwa schon in Richtung verkniffen? Na, dann ist es ja wohl überflüssig oder sogar schädlich. Wie soll das der Kommunikation förderlich sein, wenn ich jemanden quasi ankneife. Und da es ja nicht wirklich über mich kommt, sondern von mir höchstselbst produziert wird, kann ich es ja lassen.
Bei sehr bemühtem Lächeln bemerke ich inzwischen deutlich die künstlich nach oben gezogenen Mundwinkel, eine leichte Verkrampfung in den Wangenpartien… Ich stelle mir vor, dass stark geschminkte Schauspieler für ein weit entferntes Publikum zwecks Erkennbarkeit so lächeln. Ist dann ja aber Schauspielerei und auch nicht für die Nähe gedacht…

Ich will von der älteren Frau erzählen, die ich auf dem Weg von der U-Bahn zum Seminarort sah: Langsam geht sie, am Stock, schaut kaum hoch, cremefarbene Halbschuhe mit Löchlein, ein Blumenkleid, eine stark gemusterte Stofftasche, stapf stapf… Und dann sind da diese Haare: Irokesenpunkfrisur in allen schillernden Bonbonfarben! Mir ging das Herz auf. Blau, silber, pink strahlt es in alle Richtungen. So geht sie, als wäre nichts dabei. Mein Lächeln war noch mindestens eine Stunde in meinem Herzen und Gesicht. Und nun, während ich hier schreibe, ist es wieder da! Hallo, Du fühlst Dich gut an! Bleib doch noch ein bisschen!

Bis zum nächsten Mal!
___________________________________________________________________________Tag 4
Heute hab ich mal Irritation geerntet. Das Rumgestakse auf der Baustelle mit meinen derzeitigen Hüftschmerzen ist nicht schön für mich. Dennoch meinte ich, ich könnte den Malern mal Kaffee anbieten. Es tat weh, ich hatte auch sonst keinen Anlass zu Lächeln, ließ es also und merkte, aha: Da war was anderes erwartet worden. Vielleicht auch Smalltalk oder ausführlichere Begrüßungsfloskeln.
Woran meine ich das gemerkt zu haben? An den Blicken, die etwas fahrig wurden, an der Abwendung von Körpern. Das Lächeln (!) eines Gegenübers fror ein.
Das macht aber nix. Ich will da durchaus Distanz wahren. Verpflegung kann, aber muss nicht. Lächeln kann, aber muss nicht. Ich bin mit meinem Auftreten zufrieden. Na gut, ein klitzekleines Schuld“gefühlchen“, durfte ich das, kratzt in meinen Gedanken die ein oder andere Kurve, will nicht erwischt werden und sein kleines Unheil anrichten. Aber nein, ich übe und es geht voran. Der Himmel stürzt nicht ein.

Was mich eher beschäftigt, ist die Überlegung, dass ich mit Gewissheit auch schon öfter mal ein nicht geschenktes Lächeln, eine wenig verbindliche Ansprache auf mich bezogen, bzw. als gegen mich gerichtet interpretiert habe. Das war auch überflüssig! Vielleicht hatten diese Gegenüber ja Hüftschmerzen…

Hm, für später ein schönes Trainingsthema! Das merk ich mir! Bis zum nächsten Mal!
___________________________________________________________________________Tag 5
Kennen Sie diese Empfehlungen, man möge, wenn die Laune mies ist, nix verführt gerade zum Lächeln, einfach so tun, als ob es so sei? Also Mund verziehen für 6 Minuten, so sagte weiland Frau Birkenbihl, aber das genüge nicht, sagen andere, man müsse irgendwie das Lächeln in die Augen bringen. Dann ginge es einem bald besser, beinahe so, als hätte man ganz echt gelächelt, und das könne man dann auch bald tatsächlich.
Ich hab’s probiert, es ging ganz gut.  A b e r  es war für die Katz! Das funktioniert für eine Weile, es hält nicht an. Wie bei einigen internet-Ratschlägen, nach denen man irgendwelche Kugeln in die Luft denken soll, das hebe dann auch alle möglichen Emotionen hoch in bessere Gefilde: Meine Phantasie arbeitet bei sowas auf Hochtouren, ich bin, ich gestehe, zunächst ganz baff und halte solche Methoden für gut….

Am nächsten Tag geht es mir meist ein bisschen schlechter als vorher. Nein, nicht weil ich meine schlechte Laune so lieb hätte, es liegt einfach daran, dass die Laune irgendwo her kommt. Da lässt sich das Hirn nicht beduppen!
Ich glaube nicht an solche Tricksereien. Es mag angebracht sein, den Trick anzuwenden, wenn ich ein wichtiges Gespräch vor mir habe, bei dem die hängenden Mundwinkel einen sehr ungünstigen Einfluss hätten, nach innen wie nach außen – doch, dann kann das gewollt herbei geführte Lächeln schon mal sinnvoll sein.
Bei gewünscht nachhaltiger Veränderung der Stimmung zähle ich jedoch eher darauf, mir auf die Spur zu kommen. Was ist eigentlich los? Welche Gedanken sausen mit Lichtgeschwindigkeit durch meinen Kopf und bewirken diese dunklen Gefühle? Und dann auf den Prüfstand damit!

Bis bald!
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Letzter Tag
Nun habe ich doch einiges mitgenommen aus meinem Experiment:

  • Es gibt in mir ein inneres Lächeln. Das hat mit dem äußeren nur bedingt zu tun. Im Gemüt, im Körper lässt es sich aufspüren, wenn ich zur Ruhe komme. Dieses Lächeln möchte ich in Zukunft häufiger finden!
  • Nicht automatisch ein vorauseilendes Lächeln zu produzieren, lässt mich genauer hinschauen, was gerade ist und wie ich die Situation bewerten möchte.
  • Es kann auch schief ankommen beim Gegenüber, wenn ich eher verhalten bin. Das kann ich mir erlauben. Das Lächeln kann ich ja noch nachholen – oder eben nicht. Ist jemand dann seinerseits nicht so, wie ich es gern hätte? Das kann ich aushalten.
  • Ich möchte nun üben, in Situationen und Menschen meinerseits nicht mehr soviel hinein zu interpretieren. Niemand soll mich mehr anlächeln müssen, damit ich mich sicher fühle.

Vielleicht mein nächstes Blogthema, mal sehen! Bis bald!