Wie wir uns – scheinbar automatisch – beschränken, wo es – vermutlich – überflüssig ist

Am Beginn dieser Woche bin ich aus mehrerlei Gründen sehr erschöpft. Wenn das so ist, aber die Erschöpfung nicht ausreicht, um diesen unangenehmen Zustand einfach zu überschlafen, dann guck ich gerne youtube, besonders gerne Vera Birkenbihl. Nicht, dass ich alles teilen mag, was sie so gesagt und geschrieben hat, aber ich genieße es, ihr zuzuhören und zuzuschauen! Da ist viel Quer-Denken und viel Humor. In einem Vortrag, den sie 1993 gehalten hatte, erwähnte sie Ron Smothermon. Und da fiel mir ein, dass ich ein Buch von ihm habe, und dass dieses zu den sehr wenigen gehört, die ich im Laufe der Jahre immer mit umgezogen, nicht weiterverkauft, verschenkt, liegengelassen oder weggeschmissen habe. Das „Drehbuch für Meisterschaft im Leben“, 1. Auflage 1986.

Einen Gedanken daraus habe ich mir damals beim Lesen gemerkt und bis heute behalten: Wer Schuldgefühle hat (Ich würde es heute Schulkonzepte nennen.), hat die Münze, mit der er bezahlt, damit er es wieder tun kann. Mit einigen sehr wenigen Sätzen ist es mir im Leben so ergangen, dass sie auf derart fruchtbaren Boden fielen, dass sie unmittelbar meine Haltung geändert haben. Dies ist einer davon. Aber über diesen Satz schreibe ich heute nicht, sondern ich nahm das Buch hervor und suchte nach einem Text, über den ich heute schreiben möchte. Hieraus wurde folgendes:

Ron Smothermon also… Wie ich gerade sehe, dieses Buch wurde 2019 neu aufgelegt. Bei amazon sind Begeisterung und Verriss – beide mit Leidenschaft vorgetragen – nachzulesen. Ich mache keine Werbung für das Buch, da ich zu häufig sehe, dass unglückliche oder verzweifelte Menschen nach einer Richtschnur in Büchern suchen, dann feststellen, dass sie keine Hilfe daraus entnehmen konnten, sich dies dann als Versagen selbst anlasten und noch mehr Verzweiflung oder Resignation anhäufen. Solche Autoren, die vorgeben, zu wissen, wie allen geholfen wäre, rate ich, mit kritischem Abstand zu lesen. Und dann lässt sich gegebenenfalls doch etwas Hilfreiches finden, mir ist es ja auch so ergangen.

Meine Herangehensweise an eine angestrebte Veränderung hin zu einem gewünschten Erleben ist, wie ich behaupte, vielschichtiger und differenzierter als diese in die Jahre gekommenen Texte. Und dennoch: Wie bei Birkenbihl finde ich einiges doch auch bedenkenswert oder gar überzeugend.

R.S schreibt sehr kategorisch, mit einem Ton, der da zum Ausdruck bringt: „Ich weiß es!“ Manchmal schreit er die Lesenden quasi an, indem er in Großbuchstaben schreibt. Kann sein, dass manches an der Übersetzung liegt, und in jedem Fall ist es so, dass Belehrungen nicht besonders gut zu meinem persönlichen Geschmack passen. Ich werde schauen, dass ich eher meine Sprache benutze, wenn ich seine Gedankengänge wiedergebe.

Zu Anfang des Buches schreibt er über „Glaubenssysteme“, die ich eher als Grundhaltungen und Vorannahmen verstehe. Eine solche Grundhaltung habe ich einmal sehr spaßig in einem Buch zur Führerscheinvorbereitung gelesen: „Augen an Hirn: Da kommt ein Auto von rechts.“ Hirn: „Das kann nicht sein, aus dieser Straße ist noch nie ein Auto gekommen!“ Bis heute weht dieser Scherz durch mein Hirn, wenn ich in bekannten Gegenden mit „Rechts-Vor-Links-Regel“ unterwegs bin, und ich bin besonders aufmerksam, ob diese Vorannahme, dass da kein Auto kommen kann, der Realitätsprüfung standhält.

Sätze, die in unserem Gedankengebäude mit „Es kann nicht sein, dass…“ beginnen, sollten wir also mit Aufmerksamkeit wahrnehmen, wenn wir in unserem Leben dafür offen sein wollen, dass es diesmal anders sein könnte, als wir es bisher zur Kenntnis genommen haben.

Beispiele nach R.S.: „Völlig unmöglich, dass wir uns je lieben könnten. Das kann nicht sein, dass ich in der Schule jemals Erfolg haben könnte. Meine Mutter könnte sich niemals ändern. Das gibt es nicht, dass mein Chef jemals vernünftig sein könnte. Ich könnte nie Schwimmen lernen. […] Es ist unmöglich, dass diese Welt jemals ohne Kriege und ohne Verhungern sein wird. Es geht nicht, dass Leute in enger Beziehung miteinander leben, ohne erbitterten Streit zu haben.“
Vorannahmen benötigen wir, um uns zu orientieren, aber an diesen Beispielen wird für mich deutlich, dass daraus auch Begrenzungen der eigenen Handlungsfähigkeit entstehen können und auch das Erleben der Umwelt durch einen Filter zu laufen droht, der unser Erleben verengt.

Einerseits sind diese Gedanken keine große Erkenntnis. Sie leuchten unmittelbar ein. Ich wage aber die Behauptung, dass fast jede*r von uns mit solchen oder ähnlichen Vorannahmen durchs Leben geht und dass die ursprüngliche Funktion solcher Sätze, Orientierung zu ermöglichen, im Laufe des Lebens im Grunde immer überflüssiger wird. Mit dem Erwachsengewordensein benötigen wir sie nach meinem Verständnis erheblich weniger als in der Pubertät und im Heranwachsen. Manchmal laufen sie dennoch unbewusst weiter mit und werden dysfunktional.

R.S schreibt, die Sklaverei sei nicht innerhalb eines Glaubenssystems beendet worden, sie sei  von außerhalb beendet worden. Es war also nötig, sich die Welt ohne diese Gesellschaftsform vorzustellen. (Gestern in der Talkshow bei Anne Will saßen zwei Herrschaften, die sich nicht einmal die Erhöhung des Mindestlohns vorstellen konnten – nein, unvorstellbar, dass das gut gehen könnte! Auch die Schilderung der Armut in unserem reichen Land, Stichwort Angewiesensein auf „Tafeln“ für Lebensmittel, ließ sie nicht straucheln in ihren Vorannahmen.)

R.S behauptet, das Leben funktioniere nicht wegen, sondern trotz unserer Überzeugungen, weil es nämlich ziemlich unverwüstlich sei. Diesen Gedanken will ich in dieser Woche einmal wälzen und auch sehr auf meine Überzeugungen achten. Der Preis ist vermutlich eine Verlangsamung meiner Reaktionen – der Gewinn könnte sein, dass manches spannender und lebendiger wird. Mehr Fantasie, mehr Wagnis, welch eine Verlockung!

Eine erfrischende Woche!

Erinnerungen

Ich höre im Alltag häufiger, dass Menschen an etwas aus ihrem Leben nicht mehr denken wollen. Eine Erinnerung an bestimmte Lebensabschnitte erscheint ihnen lästig, schmerzhaft oder verwirrend, und diese Empfindungen möchten sie nicht haben.

Dann werden Ausdrücke gebraucht wie:

Da soll der Deckel darauf bleiben.

Den Sack mach ich nicht mehr auf.

Das habe ich abgelegt. Das interessiert mich nicht mehr.

Die Tür dazu soll zu sein.

Das muss doch mal vorbei sein!

Das war damals heute ist heute, Schluss damit!

Und dann erlebe ich Menschen mit Demenz, die immer mehr Erinnerungen tatsächlich nicht mehr finden und damit unglücklich sind. Nicht bei allen ist es so, wir Menschen sind auch in der Demenz verschieden, ich weiß, aber ich denke an diejenigen, die ich kenne. Mit jedem Zugang zum Gewesenen, der verschüttet ist, scheint eine Möglichkeit des Selbsterlebens verloren zu sein. Das Heute kann nicht mehr mit dem Gestern verbunden werden und eine Aura von Einsamkeit ist um diese Menschen.

Ich gebe zu, dass ich beunruhigt bin, wenn ich es mitansehe. Ich möchte dann gerne helfen, an Erinnerungen wieder anzuknüpfen, mit Bildern, mit Gegenständen, mit Musik, wenn Sprache schon kaum noch genutzt werden kann. Gemeinsam mit dem Menschen, der langsam in andere Welten geht, ist es nötig, zu akzeptieren, dass es so ist.

In den Stunden, in denen Menschen zu mir kommen, weil sie psychotherapeutische Hilfe suchen, ist es in der Regel so, dass diese gern auch (!) mit ihren Erinnerungen arbeiten. Klient*innen suchen danach, wenn sie Zugänge zu Bildern und Szenen aus der Kindheit verloren haben. Manchmal sind nur Körpergefühle kurz präsent, die unverbunden mit Konkretem oder Fassbarem bleiben. Klient*innen begrüßen Erinnerungen an konkrete Szenen und wirken erleichtert, wenn eine wieder auftaucht – selbst dann, wenn sie schmerzhaft erlebt wurde.

Ich arbeite nicht tiefenpsychologisch, aber Erinnerungen spielen in meiner Arbeit immer wieder mit, denn sie sind ein Teil von uns, wir haben sie immer dabei.

Erinnerungen werden wach, so ist ein gängiger Ausdruck. Das heißt, sie ruhten oder schliefen, vielleicht ganz tief und fest, könnten wie im Koma gewesen sein, aber weg waren sie nie.

In der kognitiven Therapie suchen wir nach den Vorerfahrungen und erlernten Bewertungen, die in einer konflikthaft erlebten Erfahrung im Heute eine Rolle spielen. Dann geht es darum, neue Bewertungen zu entwickeln und diejenigen Verknüpfungen in unserem Gedankengebäude voneinander zu lösen, mit denen wir uns selbst schädigen.

Kommen Erinnerungen während der körperpsychotherapeutischen Arbeit an die Oberfläche, werden wir feststellen, dass mit ihrer Wahrnehmung und Würdigung – und auch hier mit der Entwicklung und Entscheidung für eine neue Sichtweise – sich im Körper Schmerzhaftes lösen kann und in der Psyche auch.

Im hypnosystemischen Setting arbeiten wir unter anderem damit, Bögen zu spannen zu einem gewünschten Erleben. Niemand kann rückwärtsgewandt Schmerzhaftes ändern. Schlimme Erlebnisse und Verwundungen tun weh, wenn wir sie ungeschützt nach oben holen. Deshalb möchten einige Menschen nicht daran rühren. Ein interessantes Bild: Eine Schüssel mir Brei wird gerührt, alles wird noch feiner verteilt. Bei Schmerzhaftem: Wer könnte das wollen?

Wir rühren nicht bei meiner Arbeit, wir schauen uns an, was da ist, spüren hin, greifen auf, lauschen auf Widerhall – lassen unsere inneren Möglichkeiten arbeiten: Wie kann ich mir heute helfen, dem Gewesenen Heilung zuzuführen?

Wie kann ich mit Elementen des mir heute Möglichen die Erinnerungen heilsam bearbeiten?

Dabei ist es wichtig, dies nicht ungeschützt zu unternehmen. So wird es immer zuvor nötig sein, sich der eigenen Schutzmöglichkeiten zu versichern. Dies können Bilder oder Filme eines sicheren inneren Ortes sein, die Vorstellung eines unzerstörbaren inneren Kerns oder auch ein Selbstbild, das uns mit allen Stärken und Ressourcen sinnlich präsent ist.

Dann können wir auch beginnen zu würdigen, dass zu der zunächst verschüttet erscheinenden Erinnerung ein Schutz vor möglicher innerer Bedrohung aufgebaut wurde. Dieser Schutz war einmal nötig. Eine Prüfung kann erfolgen, ob er es immer noch ist. Es wird möglich, neue Zugänge zu finden aus den heutigen Verfasstheiten heraus.

Nach meiner bisherigen Erfahrung ist das neu Aufgefundene dann oftmals weniger stark in seiner Bedrohung, als die Angst davor uns vormachte, wenn auch, um uns zu schützen. Es wird erleichtert wahrgenommen, dass wir heute stärker sind als wir es waren, zu den Zeiten des Wegräumens in die hinteren Zimmer unseres Gedächtnisses.

Schmerzhafte und erschreckende Erlebnisse, die zu Zeiten stattfanden, als in der Kindheit die Möglichkeiten um darüber zu sprechen noch nicht ausgebildet waren, als Fragen und Verstehen noch nicht zur Verfügung standen, können spätere Denkblockaden verursachen. Die Kindheit kann wie abgeschnitten erscheinen. Dann ist es oftmals hilfreich, aus dem heutigen Erwachsenenleben die Vorstellung dieses kleinen Kindes zuzulassen. Es kann ein kindhafter Zustand körperlich nachempfunden, pantomimisch dargestellt werden, es können Bilder aus der Kindheit gemalt werden, es kann in einer leichten begleiteten Trance langsam zurückgegangen werden – manchmal stellt sich eine Tür als leicht zu öffnend heraus, die Tränen fließen. Dann kann der erwachsene Mensch tröstende und verstehende Worte finden, Gesten der Zuneigung für dieses Kind.

Manchmal will die Wand keinen Durchgang freimachen. Dann werden wir die Wand würdigend betrachten, mit ihr in Kontakt treten, sie ist ein Teil von uns und hat ihre Funktion, die erkannt werden kann.

Wie rasch die Prozesse voranschreiten, welche Schleifen und als Umweg erscheinende Wege die Arbeit nimmt, ist verschieden, es dauert, so lange es dauert.

Ich verstehe mich als Begleitung und bin auch dabei, wenn jemand sagt: Stopp, hier gehe ich jetzt und hier nicht weiter! Allerdings ermutige ich dazu, Sätze die “für immer” oder „niemals“ in diesem Zusammenhang enthalten, zu verändern. “Auch wenn ich jetzt auf keinen Fall diese Erinnerung zulassen möchte und mich entscheide, woanders hinzuschauen, brauche ich keine Entscheidung für alle Zukunft, um mich zu schützen.” So zum Beispiel.

Eine gute Woche!

Innere Bilder

Heute Morgen schreibe ich nur kurz, denn ich habe viel um die Ohren… Wie jetzt, schon ist es da, das innere Bild, mit dem ich meine Situation ausdrücke…

Als ich es bemerkte, habe ich in meiner Vorstellung langsam und ausführlich den dicken Schal von meinen Ohren abgewickelt. Ich höre jetzt besser, den leisen Luftzug im Raum spüre ich nun auch.

Manchmal steht bei mir „viel um die Ohren“ auch für die Vorstellung, dass an mir Gegenstände vorbei sausen wie Meteoriten im All. Dafür werde ich künftig ein Auffangnetz spannen. Dann kann ich mir die Brocken ganz genau anschauen und gegebenenfalls auf den Müllhaufen der Geschichte werfen.

Wenn Sie auch solche inneren Bilder entwickeln, freuen Sie sich, denn damit lässt es sich trefflich spielen.

Eine Klientin sagte unlängst, sie „trage diesen Rucksack“ schon fast ihr ganzes Leben auf ihrem Buckel mit sich herum. Damit beschrieb sie den Zustand, in dem sie sich durch ihre Selbstvorwürfe befand.

Da hat es ihr nicht geholfen, wenn Freunde oder Familienmitglieder zu ihr sagten, sie müsse sich diese Vorwürfe doch nicht machen, sie habe doch damals ihr Bestes gegeben. Da wird es ihr auch nicht helfen, wenn sie lediglich in ihrer inneren Vorstellung den Rucksack abnimmt. Das wäre Trickserei und ist selten nachhaltig.

Es ist durchaus aber ein möglicherweise hilfreiches Vorgehen, mit diesem Bild zu beginnen:

Sich einen Punkt im Raum zu suchen, der für dieses innere Bild stimmig erscheint, dort erst genau zu spüren: Was macht der Rucksack auf meinem Rücken genau mit meinem Körper? Habe ich wirklich einen Buckel? Wie stramm sitzt er, wie schwer fühlt er sich an, schneiden die Gurte ein? Wie ist mein Atem?

Sie kann dies mit ihrem Körper ausdrücken, sie kann ihre Stimme dazu geben und sich mit diesem Rucksack ein wenig auf der Stelle bewegen.

Und dann kann sie beginnen mit der Vorstellung, ihn abzulegen. Wie will sie das genau tun? Über welche Seite beginnt sie? Welcher Arm greift zu? Wo liegt er nun? Sie kann dies pantomimisch vollziehen, wenn sie mag.
Was sagt der Körper? Wie ist die Haltung, der Atem? Wo im Körper ist die Veränderung besonders positiv? Wie ist es nun, sich zu bewegen? Wo und wie lässt sich das positive Gefühl gut im Körper verankern?

Sie kann nun einen anderen Ort im Raum aufsuchen, ohne den Rucksack, zurückblicken, den Unterschied spüren. Denn darauf kommt es an: Kaum ein Mensch wir eine solche Last immerzu und überall, stets gleichbleibend schwer empfinden. Nur kommt manchmal die Aufmerksamkeit dafür abhanden (!), dass es doch auch die leichteren Momente gibt. Dann aber kann der Mensch nicht nachschauen: Was genau mache ich da anders, und wie mache ich das?

Sie kann pendeln zwischen dem Ort ohne den Rucksack und dem Ort, an dem er liegt. Sie kann ihn dort wieder aufnehmen und spüren, ob das Erleben des Unbelastet-Seins etwas verändert hat. Wie ist es nun im Zustand der Belastung, wenn sie ihn nur anschaut und wie, wenn sie ihn wieder aufnimmt und umschnallt?
Es ist gut, dies mehrmals zu spüren, immer noch einmal zu pendeln zwischen den beiden Orten. Sie kann so spielerisch mit ihrem inneren Bild umgehen, wie sie möchte: Ist es eine gute Idee, mal reinzuschauen und zu prüfen, was weg kann, den Sack leichter machen?

Noch ist er da, es kann jedoch sein, dass sich der Umgang damit verändert hat. Wer bestimmt meinen Tag, der Rucksack oder ich?

In meinen Stunden mit Klient*innen bin ich immer wieder überrascht, wie stark die inneren Vorstellungen sein können und wie gut damit experimentiert werden kann.

Ein anderes Bild: Jemand sagte, als ich auf die Ressourcen zu sprechen kam, die im Leben wirksam seien, ja, es sei glücklicherweise noch nicht alles verschüttet. Wenn Sie mögen, wenn Du magst, mit diesem Bild lässt sich sehr schön spielen!

Ich werde in dieser Woche mal mein Augenmerk (!) ganz besonders auf innere Bilder richten. Und wann immer mir eins über den Weg läuft (haha!), damit experimentieren.

Eine gute Woche!

Chronisch krank

Chronisch krank – hilflos? Momentan erlebe ich mich selbst als hilflos.

Es gibt Klient*innen, die so viele Widrigkeiten und Erschwernisse in ihrem Leben zu verarbeiten haben, dass sie wieder und wieder an ihre Grenzen kommen. Es ist dann beeindruckend zu beobachten, wie sie wieder und wieder zurück in die Spur kommen, ihre Kräfte wieder spüren und ihre Möglichkeiten erkennen. Und es gibt Lebenswege, da ist die Psychotherapeutin selbst an ihren Grenzen angekommen. Da will sie auch mal einfach nur reden. Das tue ich nun.

Manchmal kommt es knüppeldick. Ein Mensch hat schwere Erkrankungen durchgestanden, eine chronische Erkrankung aber blieb und wird bleiben. Der Lebenspartner starb nach langer schwerer Krankheit. Die Eltern sind altersbedingt selbst hilfsbedürftig. Die finanzielle Situation ist schwierig. Die erwachsenen Kinder haben viel geholfen, helfen noch, sind auf dem Rückzug, sehen sich überfordert.

Der chronisch kranke Mensch muss nun ohne den Führerschein auskommen. Die Medikamente und die Krankheit verhindern die Fahrtüchtigkeit. Nach einem Krankenhausaufenthalt war die Rückkehr ins Zuhause nicht mehr möglich. Der kranke Mensch hatte auch schon mal die Herdplatte nicht ausgestellt, hatte auch Angst allein im Haus. Nun stand eine schnelle Entscheidung an. Der kranke Mensch ist verzweifelt, denn die Entscheidung erscheint nun falsch. Die Kraft fehlt, neu zu suchen.

Die Einrichtung für betreutes Wohnen warb mit Geschäften in unmittelbarer Nähe. Es gibt: einen Bäcker. Ärzte: ein Zahnarzt, das war’s. Der Bus in die Nachbarstadt fährt einmal die Stunde, das auch nur zu bestimmten Zeiten. Die U-Bahn am Stadtrand fährt fast durchgehend nur alle 20 Minuten.

Der kranke Mensch hat seine Mobilität verloren. Da war immer Freude darüber, dass trotz Erkrankung noch so viel ging. Aus, vorbei. Ein Leben, gefühlt wie im Niemandsland.

Der kranke Mensch hat seine Kontakte verloren, die hilfsbereiten Nachbarn leben entfernt, die Kinder sind auf dem Rückzug. Die sogenannte betreute WG… Man sieht sich mal beim Frühstück… Viel scheint da nicht zu laufen. Kein Wegetraining, keine gemeinsame Sichtung der zusätzlichen Möglichkeiten. Keine gemeinschaftlichen Aktivitäten.

Es wurde in der Presse damit geworben, dass man eine fitte WG anstrebe. Warum nimmt man dann einen Menschen auf, der Hilfe braucht? Das Geld wird gern genommen. (Bevor jemand auf die Barrikaden geht: Ich weiß, dass es gute Einrichtungen gibt! Die Plätze sind begehrt…)

Der kranke Mensch muss sich um die Tablettengabe streiten und sieht sich entwürdigt, wie nicht zurechnungsfähig angesehen.

Es muss das Einkaufen abgenommen werden, weil die Mobilität wegfiel. Immer Taxi ist nicht drin. Es muss genommen werden, was die Hilfskraft entschied. Der kranke Mensch sieht sich als nicht mehr handlungsfähig.

Der kranke Mensch sieht sich als eingesperrter Mensch ohne Ausweg. Da ist keine Möglichkeit zur Aktivität, da geht man halt ins Bett, was solls.

Die Therapeutin kann ein wenig trösten und ermuntern. Sie kann auch Ratschläge zur Lebensbewältigung geben, auch wenn das nicht ihre eigentliche Profession ist.

Die Therapeutin ist mit zornig und mit traurig, sie verlässt die Ebene der professionellen Distanz.

Der kranke Mensch droht in eine Depression zu fallen. Da war der ärztliche Rat, Medikamente zu nehmen, wohlfeil parat.

Der Ehepartner starb vor wenigen Monaten. Die Trauer findet kaum Raum inmitten all der anderen Verzweiflung.

Die Therapeutin ist froh, dass sie von all dem Kenntnis erhielt, der kranke Mensch kämpft noch. Die Therapeutin schaut hilflos auf ihre eigenen Grenzen.

Werde, wer Du bist

Der Satz „Werde, der Du bist“ ist von einem offenbar recht erfolgreichen, aus adeliger Familie stammenden  griechischen Dichter des 6. Jahrhunderts überliefert, Pindar. Von Nietzsche aufgenommen, von Schopenhauer im Sinne von „Erkenne dich selbst“, im chinesischen Tao geht es wohl darum, das wahre Wesen zu erkennen… Verzeihen Sie mir alle unpräzisen Erklärungen, ich bin weder Philosophin noch in fernöstlicher Lehre besonders bewandert.

Mir geht es um meine psychologische und therapeutische Sichtweise. Es ist immer interessant, bestimmte Sätze bei Amazon Bücher einzugeben, da stehen dann Buchtitel ähnlich wie „Du bist nicht deine Gedanken“ und einige Seiten weiter „Du bist, was du denkst“, so einiges geht in Richtung „Du kannst alles schaffen“ in Hinblick auf Erfolg und Glück – Selbstverwirklichung bezogen auf mögliche Wünsche.

Ja, wer bin ich denn?

Der griechische adelige Dichter dürfte davon eine völlig andere Idee gehabt haben als „Normalos“ hier und heute. Denn das, was wir sind, kann niemals geschichtslos und ohne Bezug auf unsere soziale Umwelt gesehen werden.

Dennoch haben viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, den Eindruck, so etwas wie einen Wesenskern zu spüren, wenn sie in sich hineinschauen oder lauschen. Ich teile diesen Eindruck, auch wenn ich weiß, wie sehr ich mich in meinem Leben verändert habe und dass ich dies täglich weiterhin tue. Eine Freundin sprach einmal von einem „roten Faden“.

Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Noch so ein Satz. Den ich auch teile. Jeder Augenblick ist neu und jeden Augenblick trete ich neu in ihn ein.

Und es gibt dieses Spüren eines inneren Kerns, das wir möglicherweise benötigen, um nicht psychisch auseinanderzufallen.

Ganz deutlich wird es in Gesprächen über empfundene Mängel:

  • Ich fühle mich im Moment gar nicht.
  • Ich vermisse meine frühere Lebendigkeit.
  • Ich kann mich gar nicht an mich erinnern, wie war ich in der Jugend?
  • Ich kann nicht mehr weinen.
  • Wann habe ich das letzte Mal lauthals gelacht?
  • Ich weiß gar nicht, was ich will.
  • Ich sage oft nicht das, was ich denke.
  • Ich getraue mich nicht, von mir zu sprechen.
  • Ich zeige meine Bedürfnisse nicht.
  • Ich habe manchmal den Eindruck, man sieht mich gar nicht, ich bin unsichtbar.
  • Meine Kreativität ist irgendwann flöten gegangen….
  • Früher war ich mutiger.
  • Fällt Ihnen auch so ein Satz ein?

Da sind wir auf der Suche nach uns selbst, haben Vorstellungen darüber, wie wir wirklich sind. Der Zugang dazu scheint im Nebel zu liegen.

In den Gesprächen und Übungen in meiner Praxis erlebe ich: Diesen Mangel laut auszusprechen ist der Beginn des sich lichtenden Nebels. Es ist der Beginn der ernsthaften Suche und des Mut-fassens, des sich auf den Weg-machens. Der Weg zu dem, wer wir sind.

Denn wer den Mangel spürt, trägt die Möglichkeit der Veränderung in sich.

Interessanterweise stellt sich manchmal ganz deutlich und klar heraus, dass dies ein Prozess ist, der niemals beendet ist. Ein Geschehen des Augenblicks, jeden Moment neu, nah an unserem Kern, wenn wir es wollen.

Bin ich gerade so, wie ich ahne zu sein? Im Rahmen der gesellschaftlichen Möglichkeiten ich selbst? Im Kontakt mit mir?

Gebe ich mir Zeit, meine Empfindungen wahrzunehmen? Meine Fragen zu stellen? Innezuhalten, um mich zu erinnern? Gehe ich Wagnisse ein, die mich locken und kneife nicht? Sage, was ich im Moment gerade denke und erlaube mir, meine Aussagen zu verändern? Denke ich über meine Lebensziele nach und schaue, ob ich sie verfolge? Habe ich den Eindruck, mir selbst treu zu sein?

Eine gute Woche!

Warum Reden oft nicht reicht

Manchmal sagt ein Mensch, er spüre, sie spüre sich nicht. Damit kann der Körper gemeint sein, der vielleicht höchstens im Schmerz noch wahrgenommen wird. Damit kann gemeint sein, dass auch manche Gefühle der Psyche nicht gespürt werden können, der eigene emotionale Zustand, wie abgespalten, nicht wahrgenommen, nicht beschrieben werden kann.

Dies kann das Resultat einer belastenden Situation, zum Beispiel eines schweren Unfalls, entweder als Beobachter*in oder als beteiligter Person, sein.

Darüber zu sprechen allein führt dann oft nicht weiter.

Beobachtungen dessen, was im Gehirn geschieht, mittels einer Magnetresonanztomographie (MRT), zeigten, dass allein die Vorstellung eines schweren Unfalls zu einer geringeren Aktivität der Vorderhirnbereiche und es Sprachzentrums führt. Hingegen waren die alten Hirnstrukturen, gewöhnlich Reptiliengehirn genannt, die für „sich gut oder sich schlecht fühlen“ zuständig sind, sehr aktiv.

Das Resultat ist dann, das derjenige, der etwas Schreckliches erlebt hat, nicht gut analysieren und bewerten kann, was er erlebt hat und auch nicht zufriedenstellend in Sprache fassen, wie es ihm geht. Der Körper drückt den Schrecken aus, er sitzt ihm buchstäblich in den Knochen.

Wie könnte es ihm da weiter helfen, ausschließlich zum Gespräch einzuladen?

Wenn die Belastung nicht aus einer einmaligen Situation heraus entstanden ist, sondern aus einer problematischen frühen Kindheit, ist der Zusammenhang oft noch dramatischer. Denn das Kind, das keine sichere Bindung aufbauen konnte, hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Sprache in seinem Gehirn ausgebildet, mit der dies alles reflektiert und berichtet werden könnte.

Es muss eine problematische Kindheitserfahrung nicht zwingend in psychische Beeinträchtigungen münden. Wenn es aber so ist, sind diese mit Gesprächen allein nicht zu heilen. Diese Erkenntnis verdankt die psychotherapeutische Welt unter anderem Peter A. Levine, dem amerikanischen Biophysiker, Psychologen und körperorientierten Trauma-Therapeuten, auf den sich zahlreiche Trauma-Therapeuten beziehen.

Es wird bei abgespaltenen Gefühlen nötig sein, zusätzlich zur Sprache weitere Zugangswege zu finden. Diese haben zum Ziel, dem leidenden Menschen das Nachlernen von Selbstwahrnehmung und Selbstregulation zu ermöglichen.

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist notwendig, um einen verschütteten Zugang zu den eigenen Gefühlen freizulegen. Wenn wir den Kloß im Hals nicht spüren, die Schmetterlinge im Bauch ebenso nicht – dann fehlt dem analysierenden Gehirn eine grundlegende Information, es kommt nicht weiter. Die körperlichen Begleiterscheinungen von Emotionen sind zwar nicht trennscharf bei der Bewertung der Gefühle, aber ohne sie stecken wir fest.

Levine nennt das sogenannte Reptiliengehirn deshalb auch „body brain“, Körpergehirn, weil es über den Körper (wieder) zum Kontakt zwischen Empfindung und Bewertung, und damit zur Veränderung kommen kann. Das Erlernen der Selbstregulation, und im Zuge dessen das Erreichen größerer Freiheitsgrade, ist ohne die Wahrnehmung des Körper-Ichs nicht möglich.

Diesen Gedankengängen Levines und anderer Wissenschaftler stimme ich zu und folge ihnen in meiner Arbeit.

Eine der Übungen Peter A. Levines will ich heute vorstellen, und zwar, weil es mir so wichtig erscheint, eine Übung zu den Grenzen. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Grenzen zu spüren und dann auch zu verteidigen, nicht nur Menschen, die traumatisiert wurden. Ich wähle heute die Anrede „Du“.

  1. Durchwandere Deinen Körper, gib Dir Zeit dafür, bewerte nichts. Beginne an Deinem Scheitel, durchwandere Deinen Körper von oben nach unten.
    Durchwandere den Kopf, den Hals, die Schultern, die Arme, den Rumpf mit der Vorderseite, der Rückseite, den Flanken. Gibt es Unterschiede zum Rumpfbereich, wenn Du Dein Becken erreicht hast? Nichts ist hier richtig oder falsch, nimm einfach wahr, was ist! Was bemerkst Du? Gehe weiter bis zu den Füßen.
  2. Nun klopfe mit einer Hand die andere Hand locker ab und sage im Geiste: „Das ist meine Hand, ihre Innenseite, ihre obere Seite“, gehe weiter zum Unterarm und verfahre ebenso. Gehe weiter in der gleichen Weise zum Oberarm, zur Schulter.
  3. Halte inne, gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Amen?
  4. Nun klopfe ebenso die andere Hand, den anderen Arm bis zur Schulter hinauf leicht ab, sprich im Geiste stets mit: „Das ist mein/e….“
  5. Ruhe kurz aus.
  6. Gehe zu Deinen Oberschenkeln und klopfe mit beiden Händen beide Oberschenkel ab, besonders an den Außenseiten. Sprich dazu. „Das sind…“ Was bemerkst Du? Alles ist einfach so, wie es ist.
  7. Drücke, wenn Du noch weiter machen möchtest, die Muskeln beider Oberarme, fest mit beiden Händen und sage dazu: „Hier sind meine Grenzen“. Mache das mit allen Muskeln, die Dir gerade dazu einfallen. Gib Dir Zeit dafür!

Du kannst ausprobieren wie es ist, wenn Du, statt abzuklopfen, unter der Dusche den Wasserstrahl über Deinen Körper wandern lässt „Das ist meine Hand, ihre Innenseite…“

Mach aus dieser Übung eine angenehme Aufgabe, lass Dich von Deinem Körper leiten.

Levine nennt das, das Körper-Ego zu stärken.

Eine starke Woche wünsche ich allen!

Zeit

Endlich! „Zeitumstellung“. Es ist kein Geschenk, denn wir bekommen aktuell etwas zurück, was uns im Frühjahr gemopst wurde: eine ganze Stunde! Dennoch empfinde ich diese Stunde Herbst für Herbst als Geschenk, schaue auf die Uhr: Oh, noch so früh, ich hab noch Zeit! Wie schön! Was will ich damit anfangen?
In diesem Moment wird mir wieder bewusst, dass ich, sofern ich mich gut fühlen möchte, alle Tage des Jahres darauf achtgeben sollte, dass ich mit meiner Zeit gut umgehe. Das hieße unter anderem, mir Zeit zu geben, für das, was mir wichtig ist, hieße, die Ruhe zu bewahren, mich nicht zu hetzen – denn davon wird die Zeit nicht vermehrt, die ich zur Verfügung habe. Das wäre eine Illusion. Wenn ich mich doll abgehetzt habe, erlebe ich keinen Zeitgewinn, eher einen Verlust an Gegenwart. Ich hechle der Idee hinterher, ich hätte zu wenig Zeit. Das Resultat ist Atemlosigkeit.

Eckhart Tolle soll zum Thema Zeit und Illusion geschrieben haben, Zeit sei überhaupt nicht kostbar, denn sie sei eine Illusion. Was so kostbar erschiene, sei nicht die Zeit, sondern der einzige Punkt, der außerhalb der Zeit liege: das Jetzt. Das allerdings sei kostbar.
“Im Augenblick haben wir alle Zeit der Welt.”soll Michael Richter geschrieben haben – das gefällt mir sehr gut! (So im Web entdeckt). Ein Lob des Augenblicks!

Als Kind war dieses Gefühl selbstverständlich: Alles war unwichtig, existierte gar nicht, was nicht mit diesem besonderen Spiel, dieser Zeichnung, dieser Lektüre, dieser Gitarrenübung zu tun hatte. Bis die Mutter rief, man möge ihr was helfen. Dann plumpste ich aus dem Augenblick. Ob die Zeit anschließend langsam oder schnell verging, hatte etwas damit zu tun, worin die gewünschte Hilfe bestand.

Später habe ich gelernt, dass Zeit selbst dann als gut gefüllt erlebt werden kann, wenn die Tätigkeit an sich ungeliebt ist, beim Abwaschen zum Beispiel (Es war die Zeit vor meiner ersten Spülmaschine…). Es ging darum, sich auch dieser Tätigkeit ganz aufmerksam zu widmen, dabei zu bleiben, nicht an all das andere zudenken, was noch getan werden sollte, auch nicht an irgendwas Zurückliegendes. Ich finde bis heute, dass dies funktioniert, wenn ich es so mache, es gelingt mir nur bedauerlicherweise nicht so sehr häufig.

Denn unsere Einteilung der Zeit ist leider alles andere als eine Illusion. Darin gibt es Termine.

Termine, Termine – manche gehören auf den Prüfstand. Sie können vielleicht einfach mal abgesagt werden, manche muss man ja nur vor sich selbst absagen. Es gibt so manches Treffen, zu dem ich nicht mehr hingehe, seit es mir recht egal ist, ob andere das doof von mir finden. Ich möchte nämlich meine kostbaren Augenblicke, in denen ich alle Zeit der Welt habe, nicht missen. Spazierengehen, etwas gestalten, kreativ sein, dafür will ich einen Zeitraum haben!
Wir haben unterschiedliche Lebensziele und verschiedene Werte im Leben, die können sich auch mit dem Älterwerden x-mal ändern: Gut für unsere Gesundheit ist es, sich ihrer bewusst zu sein, gut ist, sie als Maßstab für unsere persönliche Zeiteinteilung zu setzen. Wenn mir Kreativität sehr wichtig ist, werde ich vielleicht entscheiden, einem Kaffeekränzchen keine Zeit zu geben. Der Zeitraum für das zu Schaffende wäre mir wichtiger.
Wenn mir häufiges Zusammensein mit Menschen am Herzen liegt, werde ich es weniger wichtig finden, ob die Kleidung und die Wohnung tippitoppi sind, ich werde das Zusammensein genießen und nicht an den Abwasch denken.
Wenn mir Politik über allem wichtig ist, gebe ich meine Zeit darein. Oder Sport. Oder ich gewichte die Bereiche miteinander und gebe ihnen ihre Zeit. Jede nach ihrem, jeder nach seinem Geschmack. Gut ist, sich bewusst zu sein, wievieles wir trotz aller Termine selbst entscheiden können! Dieser Erkenntnis und ihrer Umsetzung können wir doch etwas Zeit widmen?!

Eine schöne Woche Stunde Plus!

Debattieren, diskutieren

Mögen Sie das, magst Du das?
Gestern habe ich mal wieder an einem kleinen Filmzirkel teilgenommen, es gab einen Film, über den es sich prächtig diskutieren ließ. Ein Teilnehmer fragte mehrmals, ob wir denn eigentlich alle den gleichen Film gesehen hätten. Die Meinungen gingen an vielen Stellen und ihren Interpretationen sehr weit auseinander. Die Sicht darauf war manchmal überraschend: Ach, so kann das auch betrachtet werden?
Die lockere Gruppe setzt sich mehrheitlich aus Menschen zusammen, die schon recht lange das Rentenalter erreicht haben. Einige kennen sich auch aus anderen Zusammenhängen, einige schon seit vielen Jahren. Und sie diskutieren und debattieren, geben Statements ab, regen sich kurz mal auf, gehen mal gut aufeinander ein, mal gar nicht, finden an einzelnen Punkten Konsens, an anderen ü b e r h a u pt nicht… Wunderbar!
Als wir spät am Abend auseinander gingen, waren einige noch kräftig dabei, zusammen stehend oder beim Aufräumen, beim Gehen in der Tür, immer nochmal ihren Standpunkt zu verteidigen. Es ging ja um nichts, nicht um irgendwelche Entscheidungen. Es war aber wichtig, gehört zu werden, sich verständlich zu machen.
Wo gibt es das noch in meinem Leben, habe ich überlegt.
Fast nirgends, antworte ich mir.
Welch ein Verlust!
Das war doch nicht immer so? Was hat man sich manchmal die Köppe heißgeredet, Bücher, Filme, politische Einschätzungen, Ansichten zu gemeinsamen Erlebnissen… Da konnte auch mal gefragt werden: Haben wir die gleiche Szene erlebt, da konnte auch mal gestutzt und gestaunt werden: Ach, so kann das auch betrachtet werden?
Heutzutage erlebe ich häufig, dass bei einer Meinungsäußerung gleich die große Keule geschwungen wird, relativiert, für unangemessen erklärt, abgewehrt, aus dem Feld gegangen, in eine bestimmte Ecke gedrängt – am liebsten die anderen mundtot machen – Meinungsaustausch geht anders.
Ich will nicht damit sagen, dass es das früher nicht auch häufig gab, das unfaire Abwürgen anderer Meinungen. Ich meine aber, es wurde zur bestimmenden Haltung und das finde ich tatsächlich schlimm.
Ganz schlimm wurde es, als Herr Lucke, dessen Ansichten und Handlungen ich nicht gutheiße, in der Hamburger Uni in diesen Tagen daran gehindert wurde, einen Vortrag zu halten. Die ihn hören wollten, mussten durch ein Spalier den Ort verlassen und sich beschimpfen lassen.
Es wäre besser gewesen, so denke ich, in die Debatte einzusteigen.
Sagen deshalb so viele nicht, was sie denken, weil sie solche Reaktionen fürchten? Und haben diejenigen, die in letzter Zeit immer lauter und immer dreister strafrechtlich relevante Äußerungen aus der ganz rechten Ecke kund tun, im Moment so ein leichtes Spiel?
Könnten wir zum Diskutieren und Debattieren zurückfinden? Ich wünsche es mir!

Für diese Woche habe ich mir vorgenommen, zu schauen, ob ich mir ein falsches Urteil gebastelt habe, ob meine Sicht der Realitätsprüfung nicht standhält und ob ich Debatten selber anstoßen mag.

Vielleicht Du auch, Sie auch?
Eine schöne und lebendige Woche!

Ulrike Roderwald

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Schreck lass nach!

Neulich sagte meine Begleitung beim Spaziergang im Wald zu mir: „Ich werd’ auch immer schreckhafter!“ Sie hatte sich erschrocken, weil ein Jogger von hinten näher kam. Sie hatte ihn zuvor bemerkt und sich dennoch erschrocken.
Ich hingegen hatte nicht damit gerechnet, dass der Jogger plötzlich rechts an mir vorbeiziehen würde. Als es soweit war, sagte ich zwar „Huch“, aber ohne die körperlichen Erscheinungen zu erleben, die man für gewöhnlich mit Schreck verbindet: Herzklopfen, flaues Gefühl im Bauch, Anspannung.

Auch ich kenne Situationen, auf die ich unangemessen reagiere. Ich erschrecke mich, wenn eine Person, auch eine ganz vertraute, von deren Anwesenheit ich weiß, plötzlich im Spiegel hinter mir erscheint. Ich erinnere mich an eine Urszene, die schon Jahrzehnte zurückliegt. Die Szene hat sich so nie wiederholt. Der Schreck ist geblieben. Es gibt also einen sogenannten Trigger, einen äußeren Reiz, der mein neuronales Netzwerk aus der damaligen Situation wieder auf den Plan ruft.
Ich kann damit leben. Sollte ich das einmal anders sehen, weiß ich, dass solche neuronalen Netzwerke grundsätzlich beeinflusst werden können.

Wenn etwas Unerwartetes geschieht, ist es gesund, mit Schreck zu reagieren, denn diese zunächst körperliche Reaktion soll das Überleben sichern. Der Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt, unter anderem Adrenalin wird ausgeschüttet, damit die möglicherweise erforderliche Flucht aus dem Stand sofort durchgeführt werden kann. Der Pulsschlag steigt, die Muskeln sind angespannt, alles bereit.
Stellen wir dann fest, dass keine Gefahr droht, ebbt die Reaktion nach einigen Minuten ab, wir beruhigen uns.

Zum Thema ein nettes Bild, das ich im Web fand: (Urheberrechte: Andy Dean, gefunden bei https://wiki.yoga-vidya.de/Datei:Frau.Schreck.PC.Blumen_MP900442366.JPG#filelinks)

Wirklich unerwartet, aber höchstwahrscheinlich nicht böse…

Laute Geräusche können der Auslöser von Erschrecken sein. An Sylvester weiß ich ja, dass es knallt, ziemlich genau, aus welchen Ecken der Knall kommt, wie oft, wie laut, normalerweise ungefährlich, egal, ich zucke zusammen.
Wenn ich mich in den Gedanken hineinsteigere, dass ein Feuerwerkskörper einen Brand auslösen könnte, die zugehörigen Bilder schon vor mir sehe, dann ist die Anspannung, die ich als Angst erlebe, perfekt bis zum nächsten Morgen. Hier ist die Eingangstür zur Veränderung deutlich: Meine eigenen Gedankenkaskaden sind zu stoppen!

Ich kenne einige Autofahrer*innen, die bei von rechts kommenden Autos erschreckt zucken, unruhig sind, bis die Einmündung hinter ihnen liegt. In den meisten Fällen haben sie früher einen Unfall erlebt.

Für eine ältere Verwandte ist es ein Gräuel gewesen, wenn vor dem Fenster plötzlich ein Gesicht erschien. Es konnte ein freundliches Gesicht sein und die Absicht gut – sie hatte im Bruchteil einer Sekunde die Erinnerungen an Krieg und Verfolgung mit all ihren Bildern parat und der Schreck fuhr ihr buchstäblich in die Knochen.
Diese gängige Formulierung weist uns darauf hin, wie sehr unser Körper an dieser Reaktion beteiligt ist. Daher ist eine Eingangstür zur Veränderung oftmals die Arbeit mit dem Körper. Dazu später eine Übung.

Solche klar umgrenzten Schreckauslöser sind mit verschiedenen Methoden grundsätzlich auflösbar, mit der Einschränkung, dass unter Umständen weitere psychische – oder auch körperliche – Ursachen vorliegen, die gefunden werden sollten.

Schreckhaftigkeit meint noch etwas anderes, nämlich eine deutlich erhöhte Bereitschaft, mit Schreck zu reagieren. Etwa, dass das fragliche äußere Ereignis bei den meisten Menschen nicht zur Schreckreaktion führt, wie beispielsweise das Zuklappen einer Autotür.
Ein andauernder Beunruhigungszustand, sei es durch erhöhte Erschreckensbereitschaft, sei es durch verlangsamtes Abflauen der Körperreaktion, sei es durch den Übergang in stetige Erwartungsangst, kann körperlich sehr krank machen. Der Dauerstress kann zu Schmerzzuständen führen oder zu einer Überlastung des Herz-Kreislaufsystems. Dies wiederum kann durch unsere Bewertung zu weiterem Stress führen, den Weg in eine Angsterkrankung bahnen.

Erwartungsangst, überhöhte Wachsamkeit ist ebenfalls eine mögliche Ursache körperlicher Erkrankungen oder zumindest verstörender Körperempfindungen. Traumatisierend erlebte Szenen der Vergangenheit oder auch eine dauerhaft traumatisierende Umgebung in der Kindheit – durch Vernachlässigung oder Gewalt – können diese überhöhte Wachsamkeit mit all ihren Folgen in der Psyche verankern. Wer so leidet, findet den Weg manchmal erst spät in eine Psychotherapie. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass dieser Weg sich auch im fortgeschrittenen Alter noch lohnt.

Meine Begleitung findet ihre wachsende Schreckneigung unangenehm, beunruhigend und lästig. Sie stört, dass sie weder weiß, wie es zu dieser Veränderung kommt, noch, was sie dagegen tun könnte.

Zunächst kann sie versuchen herauszufinden, ob sie derzeit unter vermehrtem Stress leidet, dann wäre das vegetative Nervensystem ohnehin im Alarmzustand, der leicht und schnell durch Kleinigkeiten zu steigern ist. Dann wären die Ursachen des Stresszustandes auf ihre Veränderungsmöglichkeiten zu prüfen.
Beispiel Prüfungsangst: Wer glaubt, sein Leben und Wert hinge vom Erfolg ab, wer sich daher stets beweisen muss, setzt sich unter einen selbstschädigenden Stress, der langfristig weder dem Erfolg dient noch der Gesundheit.
Beispiel Angst um Leib und Leben: Wer untergründig stets fürchtet, zu Tode kommen zu können, verhindert mit diesem Gedankenkonstrukt keinen einzigen Unfall oder sonstiges lebensbedrohliche Ereignis.
Solchen selbstgebauten Stress machen wir uns mit unseren Gedanken – daher können wir lernen, diese Gedanken auf eine andere Basis zu stellen. Wir können lernen, in einem schlechten Abschneiden bei einer Prüfung keinen Wertverlust zu sehen. Wir können dann sagen: Blöd gelaufen, mal gucken, wie ich es beim nächsten Mal besser hinkriege. Wir können lernen, Todesangst durch  ein realistisches Wissen um unsere Sterblichkeit – und deren Akzeptanz – und eine gesunde, fürsorgliche Aufmerksamkeit für unser Leben  zu ersetzen.

Bei erhöhtem Stress durch äußere Umstände – es werden beispielsweise mehr oder größere Aufgaben an uns herangetragen, die wir uns dann entscheiden, bewältigen zu wollen – hilft es, sich immer wieder klar zu machen, dass dieser Zustand grundsätzlich vorübergehend ist. Entweder die besonderen Aufgaben sind gelöst, oder wir entscheiden uns um.

Eine solche Verursachung ist nicht zu entdecken? Seis drum: Dann können Übungen zur Selbstregulation helfen.
Das Erlernen der Progressiven Muskelentspannung oder des Autogenen Trainings sind bekannte und anerkannte Möglichkeiten, die Selbstregulation zu fördern.

Heute will ich eine Übung weitergeben, die Du sofort anwenden kannst, die Sie sofort anwenden können:
Bitte den eigenen Atem einfach beobachten, im Stehen, Sitzen oder Liegen. Nicht bewerten und so wenig wie möglich beeinflussen! Nur Schauen und Spüren: wie schnell oder langsam, wie tief oder flach, wie regelmäßig oder unregelmäßig…
Nun einige Vorbemerkungen zur Übung:
Hast Du eine Erinnerung daran, wie Tiere, die Du vielleicht einmal beobachtet hast oder kleine Kinder atmen? Der ganze Körper scheint zu atmen, die Flanken, der Bauch weiten sich sichtbar und fallen wieder zusammen.
Erwachsene haben meist gelernt, über den Atem Gefühle zurückzuhalten. Denke an Menschen, die eine starke Empfindung vermeiden wollen, weil sie ihnen unpassend erscheint – das erkennst Du auch am oft kurzen flachen Atemzug. Dies geschieht unter anderem mit Muskelanspannung, mit der wir uns auch schützen wollen. Zunächst ist dies also eine Funktion der Abgrenzung.
Tiefe Atemzüge aber geben uns Energie, können uns mit Ruhe füllen und eine Empfindung der Verbundenheit herstellen. So helfen sie uns bei der Selbstregulation.
Beides sollte uns also zur Verfügung stehen. Abgrenzung und Öffnung.

Um dem ungehinderten Fluss des Atems Raum zu geben, begib Dich nun in den Vierfüßerstand, wie Du ihn vielleicht aus der Gymnastik oder der Yoga kennst, verharre aber bei dieser Übung einfach in dieser Position. Lass Deinem Bauch die Chance, zu sein, ziehe ihn nicht ein, lass locker. Nun beobachte, wie Die Atemluft Dich füllt und fließen kann. Pushe nicht, nicht angestrengt, sondern ruhig atmen.

Dies tue so für einige Minuten, erzwinge nichts. Alles was möglicherweise hochkommt, ist in Ordnung, nimm es einfach wahr.
Ende der Übung. Wenn Du Dich damit gut gefühlt hast, wiederhole es bei Gelegenheit.

Wenn Du in Aufregung gerätst, gib besonders dem Ausatmen Raum. Am Ende des Ausatmens warte einen kleinen Augenblick bis zum nächsten Einatmen. Dies hilft Dir bei der Regulation und Du wirst ruhiger.

In diesem Sinne: Schreck lass nach!

Mein neuer Ort für Sie, für Dich

Hereinspaziert!

Hier entlang bitte!

Jetzt ist es soweit: Ab sofort empfange ich Sie / Dich in dem schönen neuen Raum! Das ist er noch nicht, sondern:

Wenn er mal benötigt wird, gibt es einen kleinen Warteraum.

Ansonsten: Wo ist Ihr / Dein bevorzugter Platz?

Einfach mal Probesitzen!
Hier vielleicht?

Vom Neubau in den Altbau… Ich mag alte Gebäude! Sie haben Geschichte/n und ich mag Geschichte/n! Hier war einmal ein Kuhstall! Zwei Kühe und ein Kälbchen hatten Platz. Dann war es ein Schlafraum, dann ein Aufbewahrungsraum, nun sind Sie, bist Du hier willkommen!

Die Klangwoge überträgt die entspannende oder auch die aktivierende Musik auf die Liegefläche. Sie spüren, Du spürst im Körper die Vibrationen .

Die Klangwoge ist keine therapeutische Liege, aber sie wird meine Arbeit unterstützen, wann immer es passt: Bei einer Trance, bei EMDR, bei der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobsen, beim Autogenen Training, der Kieferlockerung durch RESET… Gern erzähle ich Ihnen / Dir mehr darüber!

Das Flipchart ist natürlich auch mit umgezogen!

Für die kognitive Therapie ist es unerlässlich, für die lösungsorientierte Arbeit ebenfalls. Die weiße Fläche ist für Ihre / Deine Imaginationen! Und wenn wir das mal gar nicht benötigen, weil heute körperorientierte Therapie dran ist,

dann können wir das auch verschwinden lassen!

Für die, die mich schon kennen: Die neuen Räumlichkeiten sind auf demselben Grundstück, also ändert sich Ihr / Dein Weg nur ein ganz klein wenig. Die Fassade des Altbaus sieht noch grauslich aus, aber im nächsten Frühjahr ist sie auch dran! Ich bin gespannt, was Sie sagen werden, was Du sagen wirst!

Bis dann!