Die Sprache des Körpers: Wie ich körperlich wahrnehme, was ich fühle und weiß

Ein Wohlbehagen ist ein körperlicher Eindruck. Ob ein Sessel für mich bequem ist, weiß ich, wenn ich mich hineinsetze. Die Beschreibung im Katalog wird nicht genügen.

Die Sinne geben uns die Möglichkeit, etwas wahrzunehmen. Wie dies dann auf mich wirkt, wird von meiner inneren Verfasstheit gesteuert. Meine inneren Spannungen, meine Bewegungen und Haltungen sind es, die meinen Organismus auf die Sinneseindrücke antworten lassen.

Beeinflussen kann ich meine körperliche Verfasstheit durchaus über meine Gedanken! Beides ist jedoch voneinander unterschieden. Auch durch Emotionen wie Freude oder Trauer wird meine körperliche Verfasstheit beeinflusst – deren Bandbreite ist allerdings deutlich geringer, als es die Zustände meines Körpers sind. Sprache kann es kaum vermitteln, was an Komplexität im Körper vorhanden ist.
Wovon ich hier spreche, nenn man den Felt Sense. Das ist ein Begriff aus dem Focusing.

Lassen Sie / lass die folgenden Szenen einen Moment wirken, eine nach der anderen, mit Pausen dazwischen, mit Zeit dafür:

  • Auf einen Berggipfel schauen, der in ein Alpenglühen getaucht ist
  • Einen blauen Sommerhimmel ansehen, der mit weißen Wattewölkchen gesprenkelt ist
  • Ein Fußballspiel besuchen und sich dort Senf aufs Shirt kleckern
  • Die Gischt spüren, während die Brandung gegen Felsen und Klippen schlägt
  • Eine sich öffnende Rose oder einen Grashalm berühren, der mit Tautropfen besetzt ist
  • Ein Konzert von Brahms hören
  • Einer Gruppe von bunt gekleideten Kindern beim Singen zusehen
  • Auf einer Landstraße entlang gehen
  • Das Gespräch mit einem Freund genießen

(Beispiele von Peter A. Levine)

Merken Sie / merkst Du, worauf ich hinaus will? Kurze Momente voll komplexen Erlebens! Nicht festzuhalten! Und doch aus der Erinnerung manchmal abrufbar. Oft einzigartig, eindrücklich und besonders. So ist es in den Momenten unseres Lebens, in denen wir ganz in die Situation eintauchen können.

Aber auch im Alltag, ständig, ist dieser Felt Sense bei uns, Teil unseres Selbst. Sich dies zu Eigen zu machen, kann die innere Lebendigkeit stärken und unser Vertrauen in uns selbst.

Übung: Wie beschreiben wir unsere Empfindungen? Frage: Wie geht`s? Gut? Welche Empfindungen im Körper sagen uns, dass wir uns gut fühlen? Wie lässt sich das beschreiben?

Sammeln von Eindrücken ist der Anfang: Die Kopfhaut kribbelt vielleicht, die rechte Schulter mag etwas schmerzen, meine Hände sind vielleicht warm. Meine Füße auch. Alles in allem: Ganz gut.

Die Emotion Angst kann als Knoten im Bauch gespürt werden, als Herzklopfen.

Auch freudige Erregung kann mit Herzklopfen einhergehen. Was ist es noch, woran ich sie spüre? Meine Hauttemperatur? Meine leicht nach vorn geneigte Haltung?

Nicht bei allen gleich, nicht immer gleich, und dennoch gibt es uns ein deutliches Plus an Information über uns selbst, jetzt, in diesem Moment.

Einige Beschreibungsversuche (nach Levine):

atemlos…flatterig…nervös…ausgedehnt…schwebend…mulmig…schwer…kribbelnd…elektrisch…flüssig…betäubt…hölzern…schwindlig…voll…verstopft…entrückt…fahrig…zupfend…fest… heiß…sprudelnd…     schmerzlich…wackelig…ruhig…erstickend…surrend…unter…Spannung…zittrig… zusammengeschnürt… warm…verknotet…eisig…hell…verrammelt…ausgehöhlt…kalt…unverbunden…verschwitzt… strömend

All diese Begriffe können helfen es zu fassen: Wie geht`s? Im Moment etwas hölzern, vielleicht. Und wo im Körper genau ist diese Empfindung? Hat sie eine Form? Eine Farbe? Einen spürbaren Umriss? Eine Größe? Welche Temperatur?

Übung: Einen Gegenstand oder ein Foto einer Person nehmen, die uns etwas bedeutet und uns angenehm ist. Also eine Ressource. Bequem sitzen. Nicht im Auto! Abbrechen, wenn die Empfindungen zu intensiv werden!

– Spüren des Sitzmöbels. Kontakt der Kleidung auf der Haut spüren. Muskeln unter der Haut spüren. Die Verbundenheit zur Erde spüren, über die Fußsohlen und dann im ganzen Körper.

– Den Blick nun auf den Gegenstand richten. Wandern mit der Aufmerksamkeit zwisschen diesem und sich selbst hin und her. Fühlen des Körpers, während dieses Tuns.

– Nun das körperliche Geschehen stärker wahrnehmen, der Gegenstand wird weniger stark in der Aufmerksamkeit.

– Werde ich stabiler, geerdeter während ich den Gegenstand betrachte?  Wo spüre ich das im Körper? Und wie genau?

– Pendeln weiterhin zwischen Körper und Gegenstand.

– Wo fühlt sich mein Körper gut an? Wo im Körper beginnt das Gefühl des Wohlbefindens? Wo ist es mehr als ein angenehmer Gedanke? Weite? Wärme? Auflösen einer Blockade? Wieviel oder wie wenig Energie?

– Zwischen Objekt und Körper pendeln. Wissend, dass die Zügel für alle Veränderungen in den eigenen Händen liegen.

Die Veränderungen wahrnehmen.

Eine gute Woche!

Überflutung – Dinge stürzen in mich hinein?

Wenn ich mich nicht gut abgrenzen kann, was als Folge von frühen Traumatisierungen so entstanden sein kann, dann fehlt mir oft auch das Empfinden des eigenen Körpers. Nicht wirklich bei mir zu sein, zu vieles von außen scheint mein Leben zu bestimmen: Von diesem Erleben wird mir in der Praxis immer wieder berichtet. Vorab:
Traumatisierung ist ein schillernder Begriff, sodass ich hier versuchen möchte, ihn zu entdramatisieren. Ein Trauma erlebt zu haben, traumatisiert worden zu sein durch mangelnden Schutz oder mangelnde Bindung in der Entwicklung, ist schlimm und es kann schlimme Folgen haben. Gleichzeitig ist es gut zu wissen, dass viele Menschen das erlebt haben und viele Menschen es gut bewältigt haben. Woraus ja folgt: Es ist nicht einfach, aber machbar, sich auf einen Weg der Heilung zu begeben. Nein, eine erlebte Traumatisierung bedeutet kein lebenslanges Urteil, daran leiden zu müssen. Sich selbst zu spüren, sich als Person wahrzunehmen, sich gegen Überflutungseindrücke abzugrenzen, ohne dafür Mauern aufbauen zu müssen, ist ein gutes Ziel und es ist erreichbar.

Wir brauchen für unsere Gesundheit die Möglichkeit, Eindrücke zu filtern, auch auszublenden, wenn wir nicht in ständiger Übererregung durchs Leben gehen wollen. Und ebenso kann es sein, dass eine zu weit offene Empfindungsbereitschaft für alles und jedes in unserer Umwelt uns in Überforderungsempfindungen und Hoffnungslosigkeit führt.

Was tun? Die Übungen der letzten drei Wochen, die auf meiner Homepage zu finden sind, werde ich heute durch eine weitere Übung ergänzen:

Ressourcen wieder lebendig werden lassen, neue Ressourcen finden

Kinder finden erschaffen sich innere Freunde, finden Gegenstände oder Orte für sich, die ihnen Schutz und Kraft geben. Diese wunderbare Fähigkeit hilft ihnen, sich auch durch sehr schädigende Lebensumstände hindurch zu erhalten und nicht unterzugehen. Erwachsen geworden können Menschen, die noch unter den Folgen ihrer Entwicklung leiden, diese Fähigkeit nutzen.

Übung: Papier und Stift brauchen wir, falten es in der Mitte zu zwei Spalten, verwenden wir Zeit und Geduld auf diese Übung! (Manche “verzieren” diese schriftliche Übung mit Zeichnungen!)

Links schreiben wir, was uns an äußeren, rechts, was uns an inneren Ressourcen ins Bewusstsein kommt. Es kann etwas aus der Natur sein, Musik, ein Bad, Bewegung…
Genuss empfinden können, kreativ sein, mutig… Auch wenn es sich in schwierigen Zeiten nur schwach zeigen mag, schreiben wir es auf!

Fehlt etwas? Wie lässt sich das ändern? Zu wenig Kontakt zu Menschen? Keine Hobbies? Machen wir uns auf die Suche nach Veränderungsmöglichkeiten und notieren uns diese!

Wie lassen sich die Ressourcen ins Leben bringen? Wieder mehr spazieren gehen? Sinneswahrnehmungen bewusst steuern, berühren von lieben Gegenständen, die uns an Gutes erinnern – eine der Möglichkeiten.
Rituale einführen: Jeden Abend etwas aufschreiben, was heute zumindest recht gut war. Und wenn es nur das gelungene gekochte Ei war.

Was hat bisher gut geholfen? Es wird etwas geben, sonst wären wir gar nicht hier!

Was hat mich im Leben gehalten? Es ist gut, sich das ausführlich vorzustellen! Als ich damals… etwas Bereicherndes gelernt habe, etwas Neues ausprobiert habe…

Levine sagt, die größte Ressource sei, vom Unwohlsein zu Wohlbefinden pendeln zu können, von der Entfremdung zur Verbundenheit. Diese Selbstwirksamkeit genannte Ressource können wir uns bewusster machen und stärker ins Leben holen – indem wir sie üben!
Gerade hatte ich noch Durst, ich habe ein Glas Wasser getrunken, jetzt ist mir wohler. Mich fröstelte, ich habe ein warmes Tuch um mich geschlungen. Es war mir zu still, ich lege eine schöne Musik auf. Mir ist ein wenig allein zu Mute. Wen darf ich um diese Zeit anrufen? Es ist zu spät am Abend? Dann schreibe ich mal wieder einen Brief.

Ich weiß wohl, dass es nicht immer einfach ist, so zu handeln. Erlauben wir uns auch die schwachen Zeiten! Erinnern wir uns, dass diese Zeiten kommen und gehen. Stellen wir uns einfach vor, wie es sein wird, wenn wir wieder mehr unsere Kraft spüren! Machen wir uns bewusst, dass innere Vorstellung eine sehr kräftige Ressource ist und sorgen wir durch Übung dafür, dass wir sie zum Guten für uns nutzen!

Was sein kann: Manchmal klappt es nicht allein. Dann gibt es Möglichkeiten, sich Unterstützung zu suchen! Wie immer es am passendsten erscheint: Alte Freundschaften oder lang vergessene Gruppenkontakte wieder beleben, Beratungsstellen aufsuchen, therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, jetzt ist der Moment!

Eine gute Woche!

Hände, Füße, Eingeweide

1. Beim Gehen, am besten in der Natur, sich im Kontakt spüren, einfach wie es ist!

Wie bewegen sich die Arme beim Gehen, wie schwingen die Hände mit, oder tun sie das nicht? Nur beobachten!

Einmal stehen bleiben. Schilfgras vor Augen haben und sich den Wind vorstellen, wie er hindurch streicht. Im Wind hin- und herschwingen, wie das Schilfgras, ist das möglich?

Die Gewichtsverlagerung spüren beim Schwingen, die eigene Mitte fühlen.

Den Kontakt zum Boden fühlen.

Das willentliche Öffnen und Schließen der Hände mit Interesse beobachten, weiter gehen und wieder beobachten, was machen die Hände beim Gehen?

Ist da ein Bach oder See in der Nähe? Die Hände eintauchen, die Temperatur fühlen. Kein Wasser? Baumrinde, wie verschieden kann sie sich anfühlen!

Lebendigkeit fühlen. Ist es ok, sich lebendig zu fühlen?

2. Kontakt zu den Eingeweiden finden

Beim Atmen mit Tönen können wir Energie tanken.

Gut ist die Übung im Stehen. Den Kontakt zum Boden spüren. Im Sitzen geht es auch. Den Kontakt zum Boden spüren und die Unterstützung durch das Sitzmöbel.

Leicht, aufmerksam atmen, tief atmen ohne Anstrengung bis in den Bauchraum, in die Seiten, wenn möglich.

Nach einer Weile zusammen mit dem Ausatmen einen tiefen Ton hinaus lassen „whuuuuuuuuuu“ (ein dunkles u, beinahe wie ein o), den Atem wieder einfließen lassen.
Leicht und freundlich atmen, auch wenn es tief in den Bauchraum geht, Zeit haben dafür.
(Manche Menschen unterstützen ihre Ausatmung mehr, andere mehr ihr Einatmen, beides ist in Ordnung!)

Mit diesem Ton die Idee entwickeln, ihn zu den Eingeweiden zu schicken.

Mindestens dreimal so atmen.

Innerliche Veränderungen wahrnehmen, wenn sie geschehen. Vibrationen?

Hände und Füße spüren.

Vielleicht will sich der Körper bewegen, etwas hin und herschwingen? Alles zulassen.

Ein Gähnen will kommen? Dem Impuls nicht komplett nachgeben, sondern im Anfangsstadium bleiben. So ist es, wenn jemand beim Gähnen stört, das stoppt den Prozess. Dadurch wird das Zwerchfell spürbar, die Rippen weiten sich.  

Kommen innere Bilder zum Körpergeschehen?

Bilder von Weite? Von Durchlässigkeit? Das entwickelt sich mit jeder Übung!

Didgeridoos? Das sind doch diese hohlen Röhren, mit denen Menschen tief tönende Vibrationen hervorrufen können?

Eine gute Woche!

Den Körper im Kontakt spüren und zentriert bleiben

(nach Peter A. Levine)

Erste Übung: Die Kontaktgrenze

Sie benötigen eine Schnur, eine Wäscheleine zum Beispiel oder einen Bindfaden von einigen Metern Länge, dazu einige kleine Gegenstände, z. B. Steinchen oder Klötzchen.
Für diese Übung bitten Sie eine vertraute Person, Sie zu unterstützen. Sie benötigen auch ein wenig Raum für diese Übung! Wenn es in Ihrer Wohnung nicht möglich ist, diesen frei zu räumen, schauen Sie nach einem Raum außerhalb Ihrer Wohnung. Bei schönem Wetter im Park können Sie sie auch durchführen.
Nachdem Sie in den letzten Übungen erlebt haben, wie Sie Ihre Körpergrenzen spüren können, die äußeren und die inneren, können Sie heute damit beginnen, Ihre komfortable räumliche Ausdehnung um sich herum wahrzunehmen. Die Grenze, die Sie heute spüren können und die sehr wichtig für Sie sein kann, ist diejenige im Kontakt mit anderen Menschen.

Sie sitzen auf dem Boden, bequem, vielleicht mit einem Kissen, vielleicht mit untergeschlagenen Beinen, so wie es angenehm ist.  Sie nehmen zunächst den Raum um sich herum wahr: vor sich, zu beiden Seiten, und dann auch hinter Ihnen. Langsam und aufmerksam!
Bitten Sie die vertraute Person, sich Ihnen langsam und achtsam zu nähern. Achten Sie selbst ganz genau darauf, wann Sie sich körperlich beginnen, unbehaglich zu fühlen, oder auch gedanklich einen Eindruck von „zu nahe“ zu entwickeln.. Sagen Sie sich: Es ist in Ordnung, dass ich diese Grenze habe! Spüren Sie diese Grenze auf allen Seiten, vorne, seitlich und hinter Ihnen!
Sagen Sie jeweils Stopp, wenn Sie sich unbehaglich fühlen und markieren Sie diese Punktemit den kleinen Gegenständen. Bitten Sie die Person, mit der Sie zusammen üben, Ihnen die Schnur zu geben und legen Sie damit einen geschlossenen Raum um sich herum, der Ihre Grenze sichtbar macht. Benutzen Sie dabei die markierten Punkte, die Sie zuvor herausgefunden hatten.
Es ist übrigens ganz verschieden von Mensch zu Mensch, wie groß dieser Raum ist. Es kann sogar zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich für Sie sein. Hier gibt es kein richtig oder falsch! Es geht nur darum, Ihre Wahrnehmung zu schärfen. Vielleicht bemerken Sie, dass Sie sich nicht bewusst waren, dass Sie diese Grenze haben.
Wenn Sie diesen Raum um sich herum mit Hilfe Ihrer Schnur kenntlich gemacht haben, sagen Sie laut und vernehmlich: „Hier sind meine persönlichen Grenzen! Du darfst sie nur übertreten, wenn ich dich dazu einlade, und du musst wieder aus meinem Raum heraus gehen, wenn ich dich dazu auffordere!“

Mit dieser Übung können Sie Ihr Verständnis füreinander vertiefen! Wechseln Sie, wenn Sie mögen, dafür die Rollen! Achten Sie gut darauf, nicht zu bewerten – auch zu interpretieren ist nicht nötig. Nehmen Sie einfach wahr: Aha! Danke für diese Erfahrung!

Zweite Übung: Das Zentrum spüren

Zunächst verbinden Sie sich aufrecht stehend mit dem Boden. Unsere Verbindung zum Boden entdecken wir, indem wir zunächst unsere Fußsohlen spüren. Wir spüren, wie wir über sie Kontakt zu dem Boden unter und uns haben. Wir stehen fest auf dem Boden. Wir beobachten: Sind wir eher steif oder elastisch in den Knien und den Hüftbeugern? Wir müssen nichts ändern. Wir nehmen nur wahr!
Wir stellen uns vor, dass unsere Füße beinahe wie mit Saugnäpfen am Boden kleben, so dass wir gut verankert sind. Mit dieser Vorstellung beginnen wir, den Körper leicht vor und zurück schwingen zu lassen. Aller Ehrgeiz bleibt beiseite, genießen wir das leichte Schwingen vor und zurück, begleiten wir das Schwingen mit unserem Atem. Schwingen wir auch zu beiden Seiten, kreisen um unseren Stand herum, in beide Richtungen, und entdecken auf diese Weise nach und nach, wo wir unser Schwerkraftzentrum im Körper haben. Höchstwahrscheinlich finden wir es im Beckenbereich. Wir legen die Hände darauf und schwingen sanft weiter.
Wir können unser Zentrum auch im Sitzen spüren. Wir sitzen aufrecht auf einem Stuhl und legen beide Hände auf unseren Unterbauch, atmen in diese Region freundlich und achtsam hinein und spüren auch hier, wie wir unsere Fußsohlen wahrnehmen, im Kontakt zum Boden. Vielleicht fühlen wir eine Energie, die vom Boden die Knöchel hinauf bis in unseren Unterbauch strömt und unser Zentrum stärkt.

Nach dieser zweiten Übung können wir, nach einer Pause, die erste Übung wiederholen und Unterschiede entdecken: Wir können unser Zentrum und unsere Kontaktgrenze zugleich wahrnehmen!

Eine gute Woche!

Körpergrenzen wieder spüren

– die äußere Hülle, Ihre Hautgrenze und die innere Hülle, Ihre Muskeln (nach Peter A. Levine)

Sie sitzen an einem sicheren Ort, an dem Sie Ruhe haben und sich wohlfühlen. Sie spüren die Auflageflächen Ihres Körpers auf dem Sessel oder der Liege, Sie spüren Ihr Gewicht und Sie spüren die Gegenkraft, durch die Ihr Körper gehalten wird. Sie atmen tief ein, halten kurz den Atem an und atmen genussvoll wieder aus.

Angekommen an Ihrem Ort und bereit für diese erste Übung werden Sie nun Ihren Körper als Gefäß Ihres Selbst wahrnehmen können.
Sie klopfen dazu mit der rechten Hand auf die Handfläche der linken Hand. Bewusst und ausführlich. Sie spüren nach, wenn Sie damit aufgehört haben, wie sich diese Hand nun anfühlt. Schauen Sie auf Ihre Hand und sagen: Das ist meine Hand, sie gehört zu mir, ich kann meine Hand spüren!
Wiederholen Sie dies auf dem Handrücken, sprechen Sie auch hier wieder laut aus: Das ist meine Hand! Vielleicht finden Sie eigene Worte, mit denen Sie noch mehr darüber erzählen, was diese Hand heute Erfreuliches und Gutes für Sie getan hat, oder wie Sie sich auf sie verlassen können. Und wenn diese Hand manchmal vielleicht auch Probleme hat, sich schwach oder schmerzend anfühlt, bedanken Sie sich bei dieser Hand und sagen Sie: Danke für die Information! Ich will darauf achten!
Gehen Sie nun weiter zu Ihrem Unterarm und danach zum Oberarm, klopfen Sie jeweils langsam Ihre Körperregionen inklusive Ihres Kopfes, spüren Sie jeweils nach, wie sich diese Körperteile nach dem Klopfen anfühlen! Und würdigen und wertschätzen Sie diese Regionen und Körperteile, indem Sie immer wieder sagen: Das ist meine Schulter, oder Das ist meine Nase! Sie gehört zu mir!
Lassen Sie sich für diese Übung Zeit! Möglicherweise stellen Sie fest, dass Sie eine Idee davon bekommen, wo es Verbindungen zwischen den Körperregionen gibt, und in welcher Weise sie diese spüren. Zum Beispiel kann es sein, dass Sie eine deutliche Verbindung von Ihren Augen zu Ihrem Herzen entdecken – oder etwas ganz anderes. Und wenn Sie so etwas spüren, würdigen Sie es und fassen es in Worte!

Sie haben nun die äußere Hülle Ihres Körpers, Ihre äußeren Körpergrenzen genau erforscht. In einer zweiten Übung werden Sie nun auch Ihre inneren Körpergrenzen kennenlernen, durch die Muskelübung.
Ihre inneren Körpergrenzen geben Ihnen Halt. Sie geben Ihnen Standfestigkeit und Gewahrsein für Ihren inneren Körper.
Fassen Sie dazu mit der rechten Hand auf die Außenseite Ihres linken Oberarms und spüren Sie nach dem Muskel, den Sie dort fühlen können. Drücken Sie diesen Muskel zunächst einmal fest, nicht schmerzhaft aber doch spürbar, und sagen Sie: Das ist mein Oberarmmuskel, er gehört zu mir und er ist mir oftmals eine große Hilfe!
Sie müssen nicht alle Muskeln immer fest drücken, aber Sie sollten sie schon in ihrer Form ertasten und erspüren. Und erleben Sie auch, wie unterschiedlich diese Muskeln sich anfühlen können, wenn Sie sie einmal anspannen und auch wieder loslassen. Spüren Sie den Tonus Ihrer Muskeln! Verfahren Sie ebenso wie schon bei der Haut-Übung mit Ihrem ganzen Körper in dieser Weise, solange Sie daran Freude haben und sagen Sie: Es ist meine tiefe innere Grenze, meine Stütze und mein tiefes inneres Behältnis. Es gehört zu mir! Diese Bauchmuskulatur gehört zu mir. Sie bildet meine tiefe innere Grenze und mein tiefes inneres Behältnis.
Sprechen Sie immer langsam und mit innerer Beteiligung, das ist wichtiger als die Idee zu verfolgen, unter allen Umständen alle Muskeln erfassen zu wollen.
Vielleicht haben Sie heute mehr Freude an Ihrer Rückenmuskulatur, soweit Sie drankommen, und ein anderes Mal mehr an Ihren Beinen. Sie machen es so, wie es Ihnen gut tut! Sie können bei den Beinen zum Beispiel auch die Funktionen benennen: Das ist mein Oberschenkelmuskel, das ist mein Wadenmuskel, diese Muskeln helfen mir zu rennen und zu springen, wenn ich es möchte!

Geben Sie sich täglich Zeit für diese Übung und beobachten Sie, wie sich Ihr Empfinden der Körpergrenzen verändert!

Häusliche Gewalt und Vertrauen

Vertraut sich eine von häuslicher Gewalt betroffene Person einer Therapeutin an, so hofft sie, auf Verschwiegenheit vertrauen zu können. Das Sich-Getrauen, darüber zu sprechen, was ihr widerfahren ist, braucht eine Basis.
Betroffene schämen sich nicht selten, dass ihnen Gewalt angetan wurde. So, als hätten sie dazu eingeladen, so mit ihnen umzugehen, so, als hätten sie es womöglich nicht anders verdient, weil mit ihnen etwas nicht in Ordnung sei, so, als werfe es ein schlechtes Licht auf sie, dass sie sich nicht besser erwehren.

Also wird sich die Therapeutin darüber Rechenschaft ablegen müssen, wie sie zu solchen Fragen steht, wenn sie dem Vertrauen der Hilfesuchenden eine Chance geben will.
Sie wird sich fragen müssen, ob sie insgeheim denkt, es gebe eine Art Mitschuld auf Seiten der Hilfesuchenden. Ob sie stattdessen in der Lage ist, dem Gedanken Raum zu geben, dass Gewalt etwas sei, das prinzipiell jeder Person angetan werden kann. Zumal dann, wenn sie sich in unvorhersehbaren Situationen befindet und auf jemanden trifft, der sich genau von ihr dazu gereizt glaubt, zuschlagen zu sollen oder Freiheit zu berauben. Oder auf jemanden, der daran gewöhnt ist, seine inneren Spannungen gewaltvoll nach außen zu bringen.

Fragen wir uns: Sind wir nie schwach oder dumm oder zu gutgläubig gewesen im Leben? Sind das nicht Seiten, die zum Menschsein nun einmal auch dazu gehören? Oder haben wir noch nie jemanden mit unserer Art gereizt oder geärgert? Hat dies ihm etwa eine Rechtfertigung gegeben, zuzuschlagen, anzuschreien, einzusperren oder irgendwie sonst zu schädigen? Waren wir nicht schon einmal in den Augen eines anderen Menschen eine Zumutung, nur einen Augenblick lang vielleicht, weil wir geradeheraus und offensiv gehandelt haben, wo dieser es nicht mochte? Und kennen wir es nicht alle, auch einmal kraft- und machtlos zu sein?

Die Reflexion hierüber wird uns helfen, mit offenen Ohren und solidarischem Denken für Hilfesuchende dazusein.

Die ebenso wichtige Basis für Vertrauen ist unsere Verschwiegenheit. Es rechtfertigt die Suche nach Hilfe nicht, dass wir direkt eingreifen. Die Selbstoffenbarung nicht, dass wir Entscheidungen erzwingen. Nein, wir werden nicht selbst zur Täterin werden und über andere bestimmen! Auch hier werden wir genau zu verstehen suchen, was unser Auftrag sein soll! Wir dürfen ihn ablehnen, wenn es uns zu schwer wird, ihn zu übernehmen, wie in jedem anderen Fall. Wir werden uns bemühen, die Hilfesuchenden dann an geeignete Personen oder Institutionen zu verweisen. Wenn wir den Auftrag aber annehmen, und darin keinesfalls enthalten ist, außerhalb unserer therapeutischen Tätigkeit für die Klientin tätig zu werden, dann werden wir uns daran halten und alle Entscheidung über ihre Lebensführung bei der Klientin belassen!

Ausnahmen: Eine sorgfältige Befragung ergibt, dass die Gefährdungslage zu eskalieren droht, dass Kindeswohl auf dem Spiel steht, ein Suizid oder Mord allem Anschein nach unmittelbar und unabwendbar bevorzustehen scheint, schwere Straftaten angekündigt werden – und alle Überzeugungsversuche scheitern – (§ 34 StGB, rechtfertigender Notstand. Es hat demnach genau abgewogen zu werden, ob der Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht deutlich weniger wiegt als die unmittelbar drohende und anders nicht abzuwendende Gefahr.) dann können wir offen und begründet Unterstützung außerhalb suchen, bei unmittelbarer Gefahrenlage auch bei der Polizei!
Es sollte allerdings zuvor genauestens geprüft werden, ob und in welcher Weise die Informationsweitergabe wirklich hilft. Wenn wir mit der Bewertung und Entscheidung Probleme haben, können wir uns auf der Grundlage von anonymisierten Informationen an Beratungsstellen wenden!

Da ein solches Dilemma in der Praxis entstehen kann, gilt: Ehrlichkeit und Transparenz für die Grenzen der Vertraulichkeit von Beginn an, ausdrücklich benannt. Benannt auch die voraussichtlichen Folgen einer Informationsweitergabe. Die Hilfesuchenden haben ein Recht zu erfahren, mit wem, in welcher Weise und in welchem Fall Informationen ausgetauscht werden. Das belässt die Kontrolle darüber, wie viel sie wem erzählen und welches Vertrauen sie professionellen Kräften entgegenbringen, ausdrücklich bei den Hilfesuchenden. Wir Therapeutinnen sollten damit leben können, dass wir nicht immer alles erfahren, dass jeder Mensch sein eigenes Universum bleibt.
Manches erfahren wir nie. Manche Offenbarung geschieht nach etlicher Zeit, spät, aber eben doch. Nicht selten ist dies dann der Wendepunkt, der Punkt, an dem Veränderung für alle Beteiligten erfahrbar wird.

Wenn Sie von Gewalthandlungen betroffen sind, wenn Du es bist: Scheue Dich nicht, Deinen Beraterin, Deine Therapeutin oder Deinen Therapeuten auf all das anzusprechen! Macht einiges auch schriftlich aus! Wem Gewalt angetan wurde, hat an Würde und Selbstbestimmung nichts, gar nichts eingebüßt!

Eine hoffnungsvolle Woche!

Digitale Gewalt – was ist das und was tun?

Beleidigungen per SMS oder WhatsApp, Beleidigungen oder Hassrede in sozialen Medien – wer kennt es nicht? Zum Beispiel: Ich lese einen Artikel im Web, mich interessiert, wie andere Leser*innen diese kommentieren, und ich finde in der überwiegenden Zahl der Beiträge abfällige und beleidigende Aussagen. Die Autor*innen sind davon betroffen, aber auch die anderen Kommentierenden. Genervt gebe ich auf.
Auf diversen sogenannten Social-Media-Plattformen wird man gern mal angemacht, als völlig blöde hingestellt und ungefragt belehrt, sogar bei völlig neutralen Postings. Bei politischen Beiträgen kann es zu Überschwemmungen durch Hass-Kommentator*innen kommen. Die meisten von uns wissen, dass es nicht ratsam ist, auf solche Beiträge zu antworten, denn auf der anderen Seite reibt sich jemand die Hände und kommt nun richtig in Fahrt. Also ignorieren. Wenn nun aber jemand auf anderen Seiten im Web diffamiert wird und etwa davon gar nichts erfährt, kann das üble Folgen haben.

Ich zitiere die Netzaktivistin Anne Roth aus dem Artikel Gewalt gegen Frauen im Internet, veröffentlicht auf der Seite hilfetelefon.de: „Wer an brisanten öffentlichen Debatten teilnehmen will, sollte über ein Identitätsmanagement nachdenken. Für solche Diskussionen sollte die Person sich eine digitale Figur ausdenken, mit der sie im Internet unterwegs ist. Wenn dann mal etwas schief läuft, ist es möglich, aus dieser Haut auch wieder herauszuschlüpfen. Wenn man einen anderen Namen verwendet, fällt es möglichen Tätern nicht so leicht, herauszufinden, wo man arbeitet und / oder wo man wohnt.“

Auch in Chat-Gruppen kann es übel zugehen. Solche verlasse ich dann. Wenn dort nun jemand persönlich beleidigt reagiert, kann es ebenfalls für mich kritisch werden. Das alles ist nervig. Für Menschen in Krisen, für Kinder und Jugendliche ist es unter Umständen gefährdend. Aber natürlich ist das noch nicht alles.
Durch Installationen von Überwachungssoftware auf Handys, durch Veröffentlichung intimer Videos oder Fotos im Netz, durch Nutzung von digitalen Identitäten, von Bankdaten… Digitale Gewalt kann sowohl in (Ex-) Beziehungen vorkommen, als auch zwischen völlig Fremden.

Ich zitiere aus dem Beitrag Digitale Gewalt, Erscheinungsformen, rechtliche und praktische Reaktionsmöglichkeiten, Elisabeth Oygen, Klaus Landefeld  aus meiner e-learning Fortbildung Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt die Auflistung der häufigsten Beratungsersuchen beim Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe:
„Installieren von Spyware (z. B. Apps, Cartrackern…),
Kontrolle des Handys, der E-Mails, z. B. wenn Geräte durch den*die (ehemalige*n) Partner*in eingerichtet wurden und Passwörter bekannt sind oder er*sie Zugriff auf Geräte hat (-te),
E-Mails / Profile mitlesen, z. B. den Facebook-Account,
heimliches Filmen über Kameras, die in privaten Räumen installiert wurden,
heimliches Abhören von Gesprächen,
Bestellung von Waren, die mit Online-Banking des Opfers bezahlt werden,
Veröffentlichung privater bzw. intimer Daten, Bilder oder Filme im Internet,
Senden von beleidigenden und herabwürdigenden Nachrichten,
Senden von Nachrichten mit beleidigenden, herabwürdigenden Inhalten an Freunde, Bekannte, Verwandte oder Arbeitskolleg*innen des Opfers in dessen Namen mit dem Ziel, das Opfer sozial zu diskreditieren.“

Rechtliche Bewertung solchen Vorgehens: Nach § 238 Abs. 1 StGB wird bestraft, wer einer anderen Person in einer Weise unbefugt nachstellt, die geeignet ist, deren Lebensgestaltung schwerwiegend zu beeinträchtigen, indem er beharrlich 1. die räumliche Nähe dieser Person aufsucht, 2. unter Verwendung von Telekommunikationsmitteln oder sonstigen Mitteln der Kommunikation oder über Dritte Kontakt zu dieser Person herzustellen versucht, 3. unter missbräuchlicher Verwendung von personenbezogenen Daten dieser Person a) Bestellungen von Waren oder Dienstleistungen für sie aufgibt oder b) Dritte veranlasst, Kontakt mit ihr aufzunehmen oder 4. diese Person mit der Verletzung von Leben, körperlicher Unversehrtheit, Gesundheit oder Freiheit ihrer selbst, eines ihrer Angehörigen oder einer anderen ihr nahestehenden Person bedroht oder 5. eine andere vergleichbare Handlung vornimmt.

Bei der Verbreitung falscher Informationen können wegen Beleidigung, Verleumdung oder übler Nachrede die §§ 185 bis 187 StGB in Anwendung kommen, sofern die Informationen geeignet sind, die betroffene Person verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen.

Betroffene sollten, sobald sie Verdacht hegen, ihre Passwörter ändern, gegebenenfalls Accounts löschen, Konten neu eröffnen, auch bei Internetanbietern. All das macht Arbeit und ist ärgerlich, andernfalls können jedoch die Folgen sehr schädlich sein.
Ist der Fall nachvollziehbar eingetreten, sollte alles dokumentiert werden, mit Quelle und Datum, screenshots und Ausdrucken. Auch das macht Arbeit, siehe oben. Und dann: Anzeige erstatten, anwaltliche Hilfe aufsuchen, Auskünfte einholen bei Frauenberatungsstellen, siehe auch frauen-gegen-gewalt.de/de/bundesweite-beratung.html, bei geringen oder keinen finanziellen Mitteln die Öffentliche Rechtsauskunft z. B. hamburg.de/rechtsberatung/ aufsuchen.

Und wie kann ich es verhindern, ausspioniert zu werden, im Haus und irgendwo? Ist es wirklich klug, auf allen möglichen Geräten ohne Sperrbildschirm und Anmelde-PIN zu arbeiten? Und bei Gefahrenlage: Die Anmeldung mit Fingerabdruck ist Mist! Ein gewaltbereites Gegenüber nimmt sich einfach den Finger mal zur Hand! Ist es wirklich angeraten, den Standort öffentlich zu machen? Ist das Mikrophon abgeschaltet und bleibt es das auch, und was ist mit der Kamera? Sich ein sicherndes und orientiertes Verhalten zur Regel zu machen, hilft!
Und Nein, ich will hier niemandem Verfolgungsgedanken einreden. Eine gewisse Umsicht, an die man sich gewöhnen kann, ohne dabei in Dauer-Befürchtung durchs Leben zu gehen, ist einfach ratsam. Wir gucken ja in der Regel auch, ob die Straße frei ist, ehe wir sie überqueren. Das macht der Mensch, seit es Kutschen und gar Automobile gibt… Und heute sollten wir uns an digitale Verhältnisse anpassen, wenn wir uns schützen wollen!

Apropos Automobile: Im Netz kann man sogenannte Cartracker kaufen: Für ungefähr 50 Euro erhält man Geräte mit starken Magneten, die leicht unter einem Auto platzierbar sind. Die Technologie funktioniert über einfache GPS-Sender.  Auch Geschenke wie Schlüsselanhänger können für die Überwachung benutzt werden. Ja, sind wir denn jetzt in einem Spionagefilm gelandet? Leider nicht. Wer böse Absichten hegt, wird im Netz fündig, auch ohne Darknet.
Also nochmal: Umsicht, Aufmerksamkeit, auch für bestimmte Veränderungen im Verhalten von Menschen im Umfeld, Vorsicht bei anstehenden Veränderungen, z.B. Trennung oder Beförderung, all das ist ratsam!

Die Überwachung einer Person mittels digitaler Geräte ist – wenn sie volljährig ist und nicht eingewilligt hat – illegal. Die Handlungen verstoßen gegen die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und können auch den Straftatbestand des § 202a StGB (Ausspähen von Daten) erfüllen. Hiernach wird bestraft, wer unbefugt sich oder einem anderen Zugang zu Daten, die nicht für ihn bestimmt und die gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert (!) sind, unter Überwindung der Zugangssicherung verschafft. Wenn die Daten also nicht gesichert sind, sind rechtliche Möglichkeiten höchstwahrscheinlich nicht gegeben!

Digitale Gewalt ist für Opfer oft sehr belastend, auch weil sie schwer vermittelbar ist und vom Umfeld häufig nicht ernst genommen wird. Sollte daher jemand darüber berichten, könnten wir uns zukünftig entscheiden, solidarisch zu sein und hilfsbereit. Und selbst? Sorgen wir für uns und unsere Cyber-Kompetenz!

Eine gute Woche!

Formen häuslicher Gewalt

Eingedenk der Tatsache, dass häusliche Gewalt nicht nur von Männern an Frauen ausgeübt wird, entscheide ich mich für die Sprachform, die abbildet, dass es sich in der weit überwiegenden Anzahl der Fälle allerdings genauso verhält.
Gewalttätigkeit in Partnerschaften oder auch nach beendeter Partnerschaft kann durchaus unerwartet auftreten.
Eine Partnerin verlässt den Partner, es gibt ein anscheinend vernünftiges Trennungsgespräch, vielleicht verläuft auch die Durchführung der Trennung noch vernünftig, sogar kameradschaftlich. Und dann steht plötzlich spät abends, sie kommt von einer lustigen Runde im Bekanntenkreis, fühlt sich beschwingt, ihr Ex-Partner vor der Tür. Und er zeigt ganz andere Seiten seiner Persönlichkeit…
Eine langjährige Partnerschaft verläuft im ruhigen Fahrwasser, als die Partnerin sich dringlich Veränderungen wünscht, vielleicht Freunde treffen möchte, ohne ihn dabei zu haben. Beide sprechen vernünftig und alles scheint sich gut zu entwickeln, als er sie eines Abends, es wurde später, hoch erregt und angetrunken empfängt…

Rückblickend entdecken die Frauen Anzeichen – oder auch nicht. Frauen sollten sich darüber klar sein, dass eine Krise Verhaltensweisen und psychische Befindlichkeiten bei ihrem Partner, wie bei jedem Menschen, hervorbringen kann, die in Gewalttätigkeit enden. Es wird auf jeden Fall ihre Sicherheit erhöhen, wachsam zu sein. Und ja, es sind auch manchesmal liebe und freundliche, sanfte Männer, die ihre anderen Seiten zum Schaden der Frau zeigen. Ich beginne bei meiner Aufzählung mit dem Offensichtlichen, es folgen Beziehungskonstellationen, die von Frauen oftmals nicht als Ausübung von Gewalt gesehen werden, sondern für sie eher seine Unsicherheit oder Verletztheit abbilden. Das ist nachvollziehbar und es kann gefährlich werden. Ich übernehme den Text aus meiner Fortbildung, etwas gekürzt. Es beginnt erschreckend. Sollten Sie / solltest Du betroffen sein, lies hier erstmal nicht weiter, sondern überlege gut, in welcher sicheren Umgebung Du dies tun möchtest!

Körperliche Gewalt

An diese Form der Gewaltausübung wird am ehesten gedacht, wenn von häuslicher Gewalt die Rede ist. Sie wird leichter als andere Formen als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Schlagen, stoßen, treten, mit Gegenständen werfen, verbrühen, verbrennen, würgen, mit Gegenständen und Waffen verletzen. Als körperliche Formen von Gewalt kann auch gesehen werden, wenn die ärztliche Versorgung von Verletzungen verhindert wird oder Betroffene gezwungen werden, Erbrochenes zu sich zu nehmen oder ihnen unter Zwang Alkohol oder Drogen eingeflößt werden.

Tödliche Gewalt / Femizid

Vor allem Angriffe gegen den Hals und Angriffe mit Waffen können letztendlich töten. Laut Bundeskriminalamt wurden im Jahr 2018 in Deutschland 122 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht. Tödliche Gewalt ist eine sehr geschlechtsspezifische Gewalt.
Zum Vergleich: Im Jahr 2018 wurden 22 Männer von ihren Partnerinnen getötet.
Unter einem Femizid wird entsprechend der WHO-Definition der Mord an Frauen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit verstanden. Er unterscheidet sich von „Gewalt gegen Frauen“ dadurch, dass er ein beabsichtigter Mord an einer Frau ist.
Die Gründe für einen Femizid können einen intimen, kulturellen, traditionellen oder religiösen Hintergrund haben. Die Gewalttat wird überwiegend von einem Partner oder Ex-Partner verübt. Hierzu gehören aber auch Morde im Namen der Familienehre durch Familienangehörige.

Psychische Gewalt (manchmal auch seelische oder emotionale Gewalt genannt)

Diese Gewalt wird vom sozialen Umfeld, aber auch von professionell Verantwortlichen nicht immer in ihrem gewaltförmigen Charakter erkannt oder erst spät als schädigend wahrgenommen. Sie kann verbal sein: anschreien, beleidigen, bloßstellen, herabwürdigen, ängstigen, beschuldigen, mit Konsequenzen, Verletzung oder Tod bedrohen. Sie kann in Handlungen bestehen, die zermürben, wie Schlafentzug oder sie kann gefährden, wie das Vorenthalten von Medikamenten. Sie kann in Handlungen bestehen, die Betroffene irritieren und verunsichern sollen, sodass sie an ihrer Wahrnehmung zweifeln (Gaslighting) und ihnen das Gefühl vermittelt wird, verrückt zu werden. Sie kann bedeuten, dass ein bestimmtes Verhalten erzwungen oder untersagt wird, dass Kinder (auch mit Gewalt) als Druckmittel benutzt und Haustiere gequält oder getötet werden.
Diese Gewalthandlungen sind oft schwer nachweisbar. Sie führen auf Dauer zu schweren Schädigungen der psychischen und physischen Gesundheit.
Psychische Gewalt kann unabhängig von körperlicher Gewalt auftreten: In jeder 7. bis 8. Beziehung, in der psychische Gewalt vorkommt, wurde keine körperliche Gewalt benannt (BMFSFJ, 2004). Es kommt jedoch deutlich häufiger vor, dass beide Gewaltformen miteinander verknüpft sind.

Sexuelle Gewalt

Da es sich bei häuslicher Gewalt um Gewalt in (ehemals) intimen Beziehungen handelt, erstaunt es, dass der hohe Anteil sexueller Gewalt häufig nicht mitgedacht wird. Von sexuellen Beleidigungen über sexuelle Belästigung bis zu Vergewaltigung, auch in Form von Zwang zu ungewollten sexuellen Handlungen, findet sich das ganze Spektrum sexueller Gewalthandlungen.
Sexuelle Gewalt ist besonders schambesetzt und wird häufiger verschwiegen. Hierbei spielt auch eine Rolle, dass Frauen oft der Meinung sind, ihr Partner habe einen Anspruch auf sexuelle Befriedigung.

Soziale Gewalt (wird manchmal auch der psychischen Gewalt zugerechnet)

Häusliche Gewalt muss in ihrer Mehrheit als Kontrolldelikt und Freiheitsdelikt erkannt werden. Betroffene werden eingesperrt, überwacht, bespitzelt, mit übermäßiger Eifersucht kontrolliert, ihnen wird der Kontakt zu Freund*innen, Verwandten oder zur Nachbarschaft erschwert oder verboten. Bei Besuchen von Eltern oder Freund*innen werden diese beschimpft oder bedroht, um den Kontakt abbrechen zu lassen, was zur Isolation führt. Sie werden gehindert, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, eine Schule zu besuchen oder Sprachkurse zu belegen. Sie werden in unterschiedlichen Aspekten des täglichen Lebens bevormundet und kontrolliert – wie sie sich anziehen, was sie lesen oder schauen, wie sie Hausarbeit machen und Kinder erziehen.
Diese Form der Gewalt erschwert oder unterbindet Hilfesuche im sozialen Umfeld und auch im Hilfesystem.

Ökonomische Gewalt

Zu dieser Form der Gewalt zählen sowohl der Zwang zur Aufnahme einer (bestimmten) Erwerbstätigkeit als auch deren Verbot, das Wegnehmen des Verdienstes oder anderer Einkünfte, das Zuteilen von Geld und die Kontrolle aller Ausgaben, Verweigern des Zugangs zu einem gemeinsamen Konto bzw. Verbot, ein eigenes Konto zu führen, Schulden im Namen der Betroffenen machen bzw. zur Unterschrift unter Kredit- oder Kaufverträge zu zwingen.
Diese Form der Gewalt führt zu ökonomischer Abhängigkeit oder auch Verschuldung und kann eine Flucht aus der Gewalt unmöglich erscheinen lassen. Nach einer Flucht befinden sich Betroffene dann in prekären Lebenslagen bzw. in Armut, was den Aufbau einer neuen, unabhängigen Existenz erschwert. Auch schützende Maßnahmen können durch ökonomische Not eingeschränkt werden, wenn z. B. ein Umzug in eine andere Stadt, ein Alarmsystem oder ein eigenes Auto nicht bezahlt werden können.

Reproduktive Gewalt

Unter dieser Form der Gewalt werden erzwungene Schwangerschaften oder Abtreibungen verstanden bzw. der Zwang zur Empfängnisverhütung oder deren Verbot. Zudem die Verweigerung von ärztlicher Versorgung während der Schwangerschaft. Diese Gewalt ist eine Verletzung der reproduktiven Menschenrechte.

Digitale/smarte Gewalt

Die Rolle digitaler Medien ist seit einigen Jahren in ihrer Bedeutung erkannt worden, vor allem, wenn es um Kontrolle und Überwachung geht: Nachverfolgen, ausspionieren, ständig anrufen und überprüfen, auf dem Mobiltelefon kontrollieren, mit wem gesprochen oder geschrieben wurde, digitale Überwachung von Wohnräumen durch versteckte Kameras oder Mikrophone, Kontrolle der Smart Home Geräte.
Hier wird teilweise die Grenze zu Stalking überschritten.

Stalking/Nachstellung

Stalking ist nicht spezifisch für häusliche Gewalt, kommt jedoch häufig nach der Trennung eines Paares vor. Unter Stalking wird das Belästigen und Bedrohen einer Person gegen deren erklärten Willen verstanden, z. B. durch Verfolgen und Nachstellen, aber auch durch Telefonanrufe (Telefonterror), Droh-SMS und E-Mails (Cyberstalking), Auflauern und Überwachen. Dazu gehören auch Verhaltensweisen wie das ständige Schicken ungewollter Geschenke oder das Bestellen von Waren oder Dienstleistungen auf den Namen der betroffenen Person. Stalking ist inzwischen ein eigener Straftatbestand (§ 238 StGB) und trotzdem oft schwer nachweisbar.
Stalking durch einen getrennten Partner Form ungewünschter Liebeserklärungen, Bitten um Rückkehr und Wiederaufnahme der Beziehung wird von Außenstehenden oft nicht als in dem Maße verstörend und ängstigend erkannt, wie es von Betroffenen erlebt wird, die hunderte solcher Nachrichten täglich bekommen. Diese zunächst als nicht gefährdend betrachtete Vorgehensweise geht dann in Drohung und aggressive Verfolgung über.
Breite Überschneidungen mit psychischer Gewalt sind erkennbar.

Ausatmen! Mir geht es beim Lesen so, dass mir deutlich wird, wie vieles davon ich kenne, aus eigenen schwierigen Partnerschaften, und solchen aus meiner Umgebung. Und nein, das kommt nicht nur in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen vor!

Es kann gefährlich sein, übersehen zu wollen, kleinzureden, zu verleugnen, was geschieht. Helfen wir uns und helfen wir anderen, zunächst einmal, indem wir offene Augen und Ohren haben!

Eine friedvolle Woche!

Heut wird’s ein wenig paragraphisch!

Meine derzeitige Fortbildung „Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt – ein interdisziplinärer Online-Kurs“, durchgeführt vom Universitätsklinikum Ulm, hat laut Projektbeschreibung zum Ziel, „ein umfassendes (Handlungs-) Wissen für die spezialisierte Unterstützung und Versorgung von Frauen und ihren Kindern nach Gewalterfahrungen zu vermitteln.“
Es soll unter anderem eine gemeinsame Sprache aller an einem Hilfeprozess Beteiligten gefördert werden. Denn schon der Begriff „Häusliche Gewalt“ könnte in die Irre führen: Er steht für jegliche Gewalt zwischen Erwachsenen – denn Gewalt an Kindern und Jugendlichen wird gesondert erfasst – unabhängig davon, ob diese Gewalt im häuslichen Rahmen, in der Öffentlichkeit oder auch im virtuellen Raum ausgeübt wird.
Es geht um Gewalt in aktuell oder früher bestehenden Paarbeziehungen. Wichtig: Damit wäre auch für Polizei und Soziale Dienste eine Gewalthandlung keine „Streitigkeit“ oder kein „Konflikt“ mehr, was allzuleicht dem Privaten zugeordnet werden kann und woraufhin entsprechend unangemessen und wenig hilfreich reagiert werden könnte.
Ich vermute, die Istanbul-Konvention ist nicht sehr breit bekannt, deshalb hier einige Erläuterungen dazu: Dem Titel „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ folgt in der Präambel unter anderem folgende Standortbestimmung:

(…) „in Anerkennung der Tatsache, dass die Verwirklichung der rechtlichen und der tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern ein wesentliches Element der Verhütung von Gewalt gegen Frauen ist;
in Anerkennung der Tatsache, dass Gewalt gegen Frauen der Ausdruck historisch gewachsener ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern ist, die zur Beherrschung und Diskriminierung der Frau durch den Mann und zur Verhinderung der vollständigen Gleichstellung der Frau geführt haben;
in Anerkennung der Tatsache, dass Gewalt gegen Frauen als geschlechtsspezifische Gewalt strukturellen Charakter hat, sowie der Tatsache, dass Gewalt gegen Frauen einer der entscheidenden sozialen Mechanismen ist, durch den Frauen in eine untergeordnete Position gegenüber Männern gezwungen werden;
in dem Bestreben, ein Europa zu schaffen, das frei von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ist –
sind wie folgt übereingekommen (bezogen auf die Staaten, die Konvention ratifiziert haben):
„Artikel 1 – Zweck des Übereinkommens
1 Zweck dieses Übereinkommens ist es,
a) Frauen vor allen Formen von Gewalt zu schützen und Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhüten, zu verfolgen und zu beseitigen;
b) einen Beitrag zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau zu leisten und eine echte Gleichstellung von Frauen und Männern, auch durch die Stärkung der Rechte der Frauen, zu fördern; c) einen umfassenden Rahmen sowie umfassende politische und sonstige Maßnahmen zum Schutz und zur Unterstützung aller Opfer von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt zu entwerfen;“

Es folgen ca. 120 Seiten, nachzulesen im Internet.

Konventionen sind völkerrechtlich bindend. Das Übereinkommen verpflichtet die Staaten zu umfassenden Maßnahmen in allen Bereichen, von der Prävention (Kapitel III), über Unterstützungsangebote (Kapitel IV) bis hin zum Straf-, Zivil- und Ausländerrecht (Kapitel V, VI, VII). Soweit die Absicht.
Vielleicht haben Sie / hast Du es gelesen oder gehört: Polen und die Türkei wollen das Abkommen verlassen. Und wo stehen wir im eigenen Land? Z. B. bezogen auf gesetzliche Vorgaben?

Hierzu einige Beispiele:
Art. 32
Zivilrechtliche Folgen der Zwangsheirat: ist umgesetzt (§ 1314 Abs. 2 Nr. 4 (Aufhebung der Ehe), § 1317 Abs. 1 (Antragsfrist 3 Jahre ab Wegfall der Zwangslage) BGB, § 132 Abs. 1 FamFG)
Es wäre wünschenswert: Evaluation der praktischen Umsetzung zum Erkennen von Umsetzungsmängeln.

Art. 33
Psychische Gewalt: keine eigene gesetzliche Norm, ist nur indirekt umgesetzt in verschiedenen Normen wie Nötigung (§ 240 StGB) und Bedrohung (§ 241 StGB);
weitere Änderungen dieser Normen mit Blick auf Hassrede und Hasskommentare im Internet sind aktuell im Gesetzgebungsverfahren.

Art. 34
Nachstellung: ist weitgehend umgesetzt (§ 238 StGB § 4 GewSchG), insbesondere, wenn die zu Art. 33 erwähnten Gesetzesvorlagen noch umgesetzt werden.

Art. 35
Körperliche Gewalt: ist umgesetzt (§§ 223, 224, 226 StGB)        

Art. 36
Sexuelle Gewalt einschließlich Vergewaltigung: ist umgesetzt (§ 177 StGB)

Art. 40
Sexuelle Belästigung: ist umgesetzt (§ 184i StGB)                          

Art. 48
Verbot verpflichtender alternativer Streitbeilegungsverfahren oder Strafurteile nicht gegen den Willen des Opfers: Eine Verpflichtung des Opfers zur Teilnahme am Streitbeilegungsverfahren wäre eine Verletzung verschiedener Gesetze (§ 155a StPO, § 36 Abs. 1 Satz 2 FamFG; §§ 1, 2 Mediationsgesetz (MediationsG), Art 14 RL 2012/29/EU); sie darf auch nicht unterschwellig kommuniziert werden. Insofern ist Information, Sensibilisierung und Fortbildung bei allen Professionen, die mit häuslicher Gewalt zu tun haben, notwendig. (Hervorhebung von mir.)

Schutz und Unterstützung, Art. 19
Informationen der Betroffenen. Angemessene und rechtzeitige Information über verfügbare Hilfsdienste und rechtliche Maßnahmen in verständlicher Sprache:
Schriftliche Informationen sind vorhanden, sie bedürfen jedoch wegen der teilweise komplizierten Ausdrucksweise in der Regel persönliche Erläuterungen für Betroffene; dafür sind ausreichend Beratungspersonen notwendig.

Und da liegt wohl ein Teil des Problems: Es mangelt an Personen, die diese Paragraphen unserer Rechtsprechung und die Artikel der Konvention einer Umsetzung im Sinne der Betroffenen näher bringen können.

Deshalb wird mein Blog sich mit der Information zu diesem Thema beschäftigen. In der nächsten Woche werde ich über die Formen von Gewalthandlungen und ihre Begrifflichkeit schreiben. Es wird leichter, miteinander über etwas zu sprechen, wenn Begriffe klar definiert sind. Was zum Beispiel bezeichnen die Begriffe „psychische Gewalt“, „soziale Gewalt“ oder „digitale Gewalt“? Ist es Gewalt, wenn jemand meine Mails liest? Es kommt auf den Kontext an. Fragen und Anmerkungen sind willkommen, schreib mir, schreiben Sie mir eine Mail!

Und übrigens:
Art. 57 Vorgaben für die Durchführung des Strafverfahrens
Rechtsberatung: Vertragsstaaten sind verpflichtet, das Recht der Opfer auf Rechtsbeistand und unentgeltliche Beratung sicherzustellen.

Eine gute Woche!

Dilemma-Kompetenz und Selbstfürsorge

Heute schreibe ich für alle, die sich beruflich oder ehrenamtlich um Menschen mit Hilfebedarfen kümmern und für alle, die sich dafür interessieren, wie sie einem Dilemma begegnen könnten. Mein Text verwendet einen Beitrag von Antonia Drews, Psychologin und systemische Therapeutin, den diese einer online-Fortbildung „Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt“ des Universitätsklinikums Ulm zur Verfügung gestellt hat.
In den nächsten Wochen werde ich hier aus dieser Fortbildung berichten, denn ich bin der Ansicht, dass diesem Thema mehr Aufmerksamkeit zukommen sollte und dass außerdem Inhalte von Fortbildungen häufiger geteilt werden sollten, damit sie breitere Wirkungen entfalten können. Zum Thema:

Menschen, die sich am Arbeitsplatz mit den Belastungen und Hilfebedarfen anderer Menschen befassen, haben ein erhöhtes Risiko, an einer stressbedingten Gesundheitsstörung zu erkranken. Eine der Ursachen für Stress ist oftmals ein Dilemma. Hierzu ein Beispiel aus der Fortbildung:

„Frau Schulz im Dilemma

Frau Schulz arbeitet als Sozialpädagogin in einer Fachberatungsstelle, welche sich auf die Begleitung und Beratung von Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, spezialisiert hat. Die Arbeit ist kräftezehrend und Frau Schulz ist eine besonders engagierte Kollegin, die ihren Job sehr ernst nimmt.
An einem Freitagmittag kurz nach Schließung der Beratungsstelle taucht Frau Steinmann mit ihrem achtjährigen Sohn Anton auf und bittet um Hilfe. Die Klientin ist Frau Schulz bereits bekannt und befindet sich nun offensichtlich in einer Notsituation: Anfang der Woche sei ihr Lebenspartner ihr gegenüber gewalttätig geworden, woraufhin Frau Steinmann kurzfristig und übergangsweise bei einer Freundin untergekommen sei. Hier könne sie allerdings nicht länger bleiben, da Antons Wutausbrüche und unruhiges Verhalten die Wohnsituation für die Freundin und ihre Familie untragbar machen. Frau Steinmann ist verzweifelt und weiß nicht, was sie nun tun soll. Frau Schulz fühlt sich hin und her gerissen: Sie selbst ist erschöpft nach monatelanger Überarbeitung – das Balancieren ihrer zwei 50 % -Stellen in der Beratungsstelle und im Gleichstellungsreferat haben ihre Spuren hinterlassen. Gleichzeitig liegt ihr das Schicksal ihrer Klientin am Herzen und diese in einer solch verzweifelten Situation abzuweisen, ist für sie kaum vorstellbar.
Der Lösungsversuch von Frau Schulz, den Fall an ihre Kollegin Frau Meier abzugeben, scheitert. Als Frau Schulz ihre Kollegin aufsucht, ist diese gerade dabei ihr Büro abzuschließen. Sie fühle sich nicht wohl und würde sich für den Rest des Tages krankmelden.“

Frau Schulz ist in einer Entscheidungssituation. Ihre möglichen Verhaltensweisen schließen einander aus. Sie können nicht zeitgleich erfüllt werden. Frau Schulz muss sich entscheiden, ob sie sich des Falls Anton annimmt und länger im Büro bleibt oder beschließt, dieses Mal „Nein“ zu sagen und nach Hause zu gehen.

Ihre Entscheidung wird höchstwahrscheinlich Folgen für zukünftige verknüpfte Situationen haben. Entscheidet sie sich zum Beispiel wieder und wieder, sich um Klient*innen zu kümmern, muss sie sich früher oder später dafür entscheiden, in einer solchen Situation nach Hause zu gehen. Zum einen wird Frau Schulz irgendwann an die Grenze ihrer persönlichen Kräfte gelangen, zum anderen wird ihre eigene Familie vermutlich immer vehementer ihre Präsenz einfordern.
Die Situation und das Erleben, sich im Dilemma zu befinden, wird verschärft durch den unmittelbaren Handlungsdruck.

Organisationen, wie zum Beispiel Beratungseinrichtungen, Jugendämter oder Frauenhäuser können verschiedene und sogar widersprüchliche Interessen gleichzeitig verfolgen. Die einzelnen Mitarbeitenden können das nicht: Gleichzeitig rechts und links gehen.

Frau Schulz fühlt sich in einer Zwickmühle gefangen. Keine der Entscheidungsoptionen, die ihr zur Verfügung stehen, ist zufriedenstellend für sie:

Option 1: Frau Schulz überlegt, sich zusammenzureißen und zu bleiben, um vor Ort ein ausführliches Gespräch mit Frau Steinmann und Anton zu führen und nach bestmöglichen Lösungen zu suchen.

Option 2: Frau Schulz denkt auch darüber nach, ihre Kollegin Frau Meier zu bitten, trotz Unwohlsein noch eine absehbare Zeit zu bleiben, um eine Mindestversorgung für die Klientin und ihren Sohn sicherzustellen.

Option 3: Eine weitere Option ist, sich trotz der Alternativlosigkeit, die dies für die Klientin bedeuten könnte, zu entscheiden, die Beratungsstelle wie geplant zu verlassen und nach Hause zu gehen. Das würde bedeuten, die Klientin abzuweisen und einen späteren Gesprächstermin anzubieten.

Jede der Optionen ist für Frau Schulz mit erheblichen „Kosten“ behaftet. Das für Frau Schulz naheliegendste Verhalten wäre es, erneut Überstunden in Kauf zu nehmen und sich zu entscheiden, länger zu bleiben. Das ist ihr jedoch in der jetzigen Situation, in der sie sich erschöpft und ausgelaugt fühlt, kaum mehr möglich. Zu bleiben würde außerdem bedeuten, erneut später nach Hause zu kommen und nicht, wie mit ihrem Ehemann abgesprochen, die gemeinsame Tochter aus der Kita abzuholen. Frau Schulz ist bewusst, dass sie in letzter Zeit kaum noch Energie hatte, um aktiv an ihrem eigenen Familienleben teilzunehmen. Wenn sie nun heute wieder Überstunden macht, würde dies die die Situation zu Hause verschärfen.

Die Möglichkeit, ihre Kollegin zu bitten, zu bleiben und den Fall anzunehmen, würde bedeuten, die Bedürfnisse von Frau Meier zu übergehen und etwas scheinbar Unmögliches einzufordern. Frau Schulz ist sich bewusst, dass Frau Meier nicht sehr belastbar ist. Sie erneut zu bitten, würde ihr von Frau Meier ziemlich sicher als unempathisch und grob ausgelegt werden.

Schließlich würde ein Abweisen der Klientin in einer Notsituation für Frau Schulz bedeuten, den Ansprüchen an ihre Arbeit nicht gerecht zu werden. Sie würde das Vertrauen der Klientin in die Beratungsstelle als Anlaufort für ihre Not verletzen und wahrscheinlich das Verhältnis zu dieser Klientin nachhaltig schädigen.

Wem muss Frau Schulz gerecht werden?

Mehrere „innere“ und „äußere“ Aufträge wirken in dieser Situation auf Frau Schulz ein:
Der Arbeitgeber und die in der Organisation vorherrschende Arbeitskultur vermitteln mehr oder weniger deutlich ausgedrückt: „Wir geben alles für unsere Klient*innen!“ Zentral ist der Auftrag der Klientin Frau Steinmann: „Helfen Sie mir und meinem kleinen Sohn!“ Gleichzeitig erlebt Frau Schulz die Forderung vonseiten ihrer eigenen Familie, Präsenz zu zeigen und gemeinsame Zeit zu verbringen. So könnte ein Auftrag von Ehemann und Kindern an Frau Schulz lauten: „Komm nach Hause!“ oder „Sei für uns da!“ Die Kollegin Frau Meier, die sich für den restlichen Tag krankgemeldet hat, bittet Frau Schulz um Verständnis und Entlastung. Sie fordert: „Bürde mir das nicht auf!“
Zugleich kommt den inneren Aufträgen, die Frau Schulz in Form eigener inneren Stimmen an sich selbst richtet, in der Dilemmasituation eine wichtige Bedeutung zu. Hierbei handelt es sich um eigene Ansprüche und Selbsterwartungen. Zu diesen Aufträgen zählen in unserem Beispiel die folgenden inneren Stimmen von Frau Schulz:
Innere Stimme I (gegenüber der Klientin): „Lass die Klientin nicht hängen!“
Innere Stimme II (gegenüber sich selbst): „Denk auch mal an Dich!“
Innere Stimme III (gegenüber der Kollegin Frau Meier): „Sei eine loyale Teamplayerin!

Zwischen welchen Glaubenssätzen sieht sich Frau Schulz gefangen?

Im Laufe unseres Lebens bilden wir sogenannte Glaubenssätze aus. Das sind Sätze, die wir – zurzeit zumindest – nicht hinterfragen und die uns, je nach Situation, das Leben erleichtern oder erschweren können. Sie können der Orientierung dienen und mit ihnen können wir uns ins Dilemma führen. Ein solcher Satz könnte lauten: „Die Bedürfnisse der anderen sind wichtiger als meine eigenen“. Oder: „Ich darf Hilfesuchende nicht abweisen.“
Frau Schulz könnte sich auch mit der Frage beschäftigen: „Was denkt die von mir, wenn ich in dieser Situation >Nein< sage?“ Dies wäre eng verknüpft mit der Frage: „Was bin ich bereit und in der Lage auszuhalten, das andere von mir denken mögen?“

Eine Sorge von Frau Schulz könnte an dieser Stelle sein, von der Klientin oder ihrer Arbeitskollegin als nicht hilfsbereit, vielleicht gar unsozial wahrgenommen zu werden. Eine bedeutsame Prämisse könnte lauten: „Wenn ich auf die Öffnungszeiten der Beratungsstelle bestehe, bin ich unsozial.“ Eine weitere Prämisse, die Frau Schulz gefangen hält, könnte lauten: „Wenn ich nicht alles für meine Klient*innen gebe, mache ich keinen guten Job.“

All dies wird es Frau Schulz erschweren, auf ihre eigenen Grenzen zu hören und diese geltend zu machen. Es wird wahrscheinlicher, dass sie zuungunsten ihrer eigenen Bedürfnisse nachgibt.
Vielleicht hat Frau Schulz, die sich in ihrer Arbeit stets in außenordentlichem Maße einsetzt, außerdem die Vorstellung, ein Zurücktreten und ein Sich-Bekennen (z. B. „Es ist an diesem Punkt zu viel – das kann ich nicht leisten.“) sei gleichzusetzen mit beruflichem Scheitern. Ihre Prämisse könnte lauten: „Wenn ich das alles nicht unter einen Hut bekomme, bin ich nicht gut genug!“ oder „Wenn ich der Belastung nicht standhalte, bin ich die Falsche für diesen Job!“ Ihrer Erschöpfung würde sie dann mit noch mehr Anstrengung und Arbeitseinsatz begegnen.

Glaubenssätze zu bestimmten Selbst- und Fremderwartungen an die eigene Rolle als Mutter, wie beispielsweise „Wenn ich so viel Zeit auf der Arbeit verbringe, bin ich eine Rabenmutter“, setzen Frau Schulz zusätzlich massiv unter Druck.

Dann sind da noch die mehr oder weniger „heimlichen“ Botschaften der Organisation: „Wem in der Beratung Geld und Urlaub / Ausgleichszeit wichtig ist, der*die ist hier falsch!“ oder „Beratung ist ein hartes Brot.“
Diese Botschaften legen einen Verhaltenskorridor fest, innerhalb dessen sich die Mitarbeitende bewegen sollen, wenn sie Teil der Organisation bleiben wollen. Solche organisationalen Spielregeln definieren, welche Kriterien „gute Arbeit“ auszeichnet, z. B. „Eine gute Beraterin lässt ihre Klient*innen nicht im Stich.“ Und auch „Eine faire Kollegin entlastet andere Mitarbeitende bei Bedarf.“
Sie legen außerdem fest, worüber innerhalb der Organisation / der Abteilung gesprochen wird (und worüber nicht) und wie dies geschieht. So gibt es beispielsweise häufig eine bestimmte Kultur, über Fehler (nicht) zu sprechen und bestimmte Emotionen zu tabuisieren, z. B. „Man darf die Beratungsfälle nicht so sehr an sich heranlassen – sonst ist man unprofessionell.“

Frau Schulz ist hin- und hergerissen. Scheinbar gibt es keinen Ausweg und sie möchte gleichzeitig bleiben und gehen.

Was tun?

Folgen wir der Idee des Konstruktivisten Heinz von Foerster, dass es auf zu entscheidende Fragen keine objektiv richtigen Antworten gibt! Diese Überprüfung können wir uns also sparen!
Die Bewältigung eines Dilemmas kann nicht darin bestehen, eine perfekte Lösung zu finden, mit der alle Beteiligten zufrieden sind! Vielmehr geht es darum, sich bewusst für bestimmte Nachteile / „Kosten“ zu entscheiden und somit einen Standpunkt zu beziehen und Verantwortung für die getroffene Entscheidung zu übernehmen.
Dilemmata gehören zu Organisationen. (Diese Erkenntnis kann in unserem Beispiel dem Gedanken „Wenn nur Frau Meier nicht so empfindlich wäre, dann wäre alles besser!“ entgegenwirken.)
Dilemmata gehören dazu und sie sind herausfordernd.
Vielleicht fühlen wir uns in ihnen gelähmt, hilflos und machtlos. Die Kernbotschaft, dass es keine perfekte Lösung geben wird, zu verdauen, ist anspruchsvoll. Oft ist dies verbunden mit Enttäuschung, Frustration bis hin zu Scham und Ärger.

Unsere Entscheidung werden wir auch anderen Personen gegenüber vertreten müssen und unter Umständen auf Widerspruch stoßen. Vielleicht fürchten wir die Konsequenzen unseres Verhaltens – für uns und für andere.

Bevor uns das alles zu überrollen droht: Ohne Langsamkeit werden wir es schwer haben. Langsamkeit, Innehalten, Zeit einfordern, von uns selbst, von unserer Umgebung:

Das Hinterfragen von Prämissen

Beispielsweise könnte Frau Schulz hinterfragen, ob ein Bestehen auf den eigenen Feierabend wirklich bedeutet, eine schlechte / unsoziale Beraterin zu sein. Frau Schulz könnte auch „Eine faire Kollegin entlastet andere Mitarbeitende bei Bedarf“ für diese Situation (!) hintan stellen und entscheiden, ihre Kollegin nicht zu entlasten, sondern mit ihrem Ansinnen beharrlich zu bleiben. Hierdurch könnten neue Handlungsspielräume entstehen.

Undenkbar? Es wird sehr wahrscheinlich anderen Personen im beruflichen oder privaten Umfeld auffallen, wenn ich mich entgegen meiner üblichen Gewohnheiten verhalte. Es lohnt sich, sorgfältig zu prüfen, zu welchem „Kulturbrüchlein“ ich mich entscheiden kann, und welche Auswirkungen ich in der Lage und bereit bin, auszuhalten?

Nutzung von Gefühlen und Werten als Orientierungshilfe / Richtungsweiser

Die Konstruktion aus verschiedenen Glaubenssätzen ist häufig begleitet von starken, oft negativen Gefühlen. Aus der Entscheidungsforschung ist bekannt, dass wir Entscheidungen in Einklang mit unserem emotionalen Erleben bringen müssen, damit tragfähige Positionierungen entstehen können. Um inneren und äußeren Turbulenzen zu begegnen, ist ein Einbezug von emotionalem Erfahrungswissen und dazugehörigen Körpersignalen hilfreich.

Damit wären Gefühle im Dilemma mehr als nur quälende Begleiterscheinungen. Vielmehr könnten wir ihren Informationsgehalt gezielt nutzen! Zum einen können auftretende Gefühle Hinweise darauf geben, welche Bedürfnisse hinter dem Hin- und Hergerissen-Sein stecken. Zum anderen können Gefühle im Dilemma als Ratgeber fungieren: Wie kann ich anschließend gut für diese Bedürfnisse sorgen? In diesem Sinne fungieren Gefühle im Dilemma als wertvolle Richtungsgeber.

Schauen wir dazu auf unsere spontanen Erstreaktionen, welche nicht immer sofort erkennbar sind und was deshalb einiger Übung bedarf. Ist unser Gefühl primärer Natur und verschafft uns Zugang zu wertvoller Information, die wir im Entscheidungsprozess sinnstiftend nutzen können? Oder haben wir es mit einem sekundären Schutzgefühl zu tun, das uns auf Abwege führt? Vielleicht denkt Frau Schulz zunächst, ihre Lage sei ausweglos, fühlt sich hoffnungslos, ihr Körpergefühl ist schlaff und kraftlos? Vielleicht schiebt sie dies sofort weg und denkt: „Die Kollegin lässt mich im Stich, Sauerei!“ In der Folge reagiert sie verärgert. Das erste Gefühl könnte ihr helfen, ihre eigenen Bedürfnisse nach Erholung ernst zu nehmen. Das zweite, scheinbar eine Schutzfunktion einnehmend, wird sie im Dilemma gefangen halten. Vielleicht hat sich ihr Nacken bereits verspannt.

Jede Entscheidung ist ebenso Ausdruck von bestimmten Werten. Im Fallbeispiel von Frau Schulz scheinen Loyalität und Hilfsbereitschaft Werte zu sein, die ihr besonders wichtig sind. Gleichzeitig hält Frau Schulz offensichtlich an dem Wert, Arbeit und Familie zu vereinbaren fest. Sie könnte sich fragen, welchen ihrer Werte sie auf keinen Fall aufgeben möchte. Dies könnte sie in einer stillen Stunde, die sie sich hierfür reservieren würde, herausfinden.
Was wäre, wenn ich einen anderen Wert weniger wichtig nehmen wollte, was, wenn ich ihn im Zweifelsfall nicht verfolge? Für die nächste brenzlige Situation wäre ich schon besser vorbereitet.

Eine konsequente Übung im Erkennen ihrer Empfindungen der Psyche und des Körpers und eine Überprüfung ihrer Prioritätenliste können Frau Schulz bei ihren Entscheidungen künftig helfen.

Wozu will ich mich bekennen? In manchen Situationen werde ich wählen müssen! Und ich habe Wahlfreiheit! Im Dilemma frage ich mich also:

  1. Welche Gefühle habe ich unmittelbar (gehabt)? Hierfür habe ich mich in Selbstbeobachtung geübt!
  2. Welche Werte treiben mich derzeit an? (Dafür kenne ich sinnvollerweise schon meine Prioritätenliste!)
  3. Welche Prämissen halten mich gerade gefangen? (Dies habe ich erforscht und geprüft!)

Nun habe ich einen Kompass!

Eine gute Woche!

P.S. Dem Ursprungsartikel habe ich sehr vieles entnommen, vieles gekürzt, einiges ganz weggelassen und manches hinzugefügt oder verändert. Mein Dank geht an Antonia Drews!