Auf in die Genuss-Woche!

Ich nehme an, Sie kennen das: Es gibt manchmal Tage oder Wochen, da reißen die Anforderungen, die an Sie gestellt werden, nicht ab.

Sie kommen möglicherweise an einen Punkt, an dem Sie sagen: Nun muss aber bald wieder Ruhe einkehren, ich schaffe das nicht mehr, ohne Schaden an meiner Gesundheit zu nehmen oder böse Fehler zu machen!

So eine Zeit habe ich gerade hinter mir.

Es gab sehr viele Anforderungen an mich, die ich nicht einfach abweisen konnte – jedenfalls wäre das nicht mit meinem Wertesystem vereinbar gewesen. Ein Mensch brauchte meine Hilfe und zwar Tag für Tag und mehrfach täglich.

Dazu hatte ich die üblichen Anforderungen, außerdem die Steuererklärung fertig zu machen und ich litt unter der Hitze.

Die besondere Anforderung habe ich inzwischen nicht mehr zu bewältigen. Es gab eine gute Lösung für alle Beteiligten, also auch für mich, und so nach und nach merke ich, dass ich wieder etwas spüre. Denn tatsächlich ist es so, dass ich, wenn mein noch gesunder Stress-Pegel überschritten wird, außer Müdigkeit und einer gewissen Gereiztheit und dem Gedanken, mich abschotten zu wollen, nur wenig spüre.

Und da das nun besser werden soll und ich mir wünsche, das Leben wieder in all seinen Facetten wahrzunehmen, habe ich diese Woche zur Woche des Genusses und der Freude ausgerufen!

Ja, manchmal benötige ich solche Hilfsmittel, um wieder in einen anderen Modus zu kommen und wirklich zu merken: Es wird ruhiger, es kann auch wieder Pausen geben.

Wie mache ich das? Nun, ich denke zunächst einmal darüber nach, was ich mir in der letzten Zeit verkniffen habe. Ich möchte wieder täglich einen Spaziergang machen und ich möchte wieder täglich eine Zeit haben, in der ich einfach nur sitze, einfach nur sitze und gar nichts tue. Ab und an ein schöner Tee, auch einmal einen Wein mit Genuss zu einem schönen Essen! Ich koche gern und lasse mir wieder Zeit dafür: Das sind die Dinge, die mir direkt einfallen.

Bei anderen Sachen merke ich, da muss ich ein kleines Plus dazu geben, damit ich es als Genuss empfinden kann: Ich weiß, dass ich regelmäßig zum Sport gehen sollte, wenn ich meine Gesundheit pflegen möchte, aber manchmal habe ich keine Lust dazu. Wenn ich also in dieser Genuss-Woche zum Sport gehe, werde ich mir kleine Plusse überlegen. Ich kann mir den Luxus erlauben, eine Zeit auszuwählen, in der es noch nicht so voll ist. Ich kann den Trainer oder die Trainerin um südamerikanische Musik bitten, das gefällt mir deutlich besser als das ewige Disco-Dancing. Ich werde mir genehmigen, sorgfältig ein schönes Sport-T-Shirt auszuwählen.

Zum Genuss gehört auch, mir wirklich Zeit zu geben für Dinge und Vorhaben, die ein wenig Vorbereitung brauchen.

So mag ich es zum Beispiel nicht, mit meiner Schwester zwischen Tür und Angel zu telefonieren, und so kann ich es in dieser Woche genießen, mit ihr eine Zeit zu verabreden, so dass wir ein Stündchen für einander haben. Ich kann genießen, mir vorher zu überlegen, was ich ihr gerne erzählen möchte und was ich sie gerne fragen möchte, denn so erlebe ich die Telefonate als Gewinn.

Ich möchte erfreuen an dem, was mir gelingt. Ich möchte mich an dem erfreuen, was mir das Leben entgegenbringt, und die kleine Blume, die gestern aufgegangen ist, wirklich mit allen Sinnen erleben.

Ich möchte auf meine Ernährung achten und genug Wasser trinken.

Ich möchte mir Zeit geben, darüber nachzudenken, bei wem ich mich lange nicht gemeldet habe. Ich möchte einmal wieder feste Zeiten für mein Hobby einplanen.

Da ich am Wochenende eine kleine Fahrt vorhabe und eine Fortbildung wahrnehmen werde, will ich mir für diese Fortbildung gute Voraussetzungen schaffen, so dass ich auch diese genießen kann: Nicht hetzen, um pünktlich zu sein, und notfalls lieber die Folgen von Unpünktlichkeit zu tragen. Ich will mir am Abend einen netten Restaurantbesuch gönnen.

Wenn mir zu heiß ist, will ich mir mit Genuss eine Flasche Wasser über das Gesicht laufen lassen.

Jetzt habe ich doch einiges gesammelt und ich werde am Ende der Woche schauen, wie es mir damit gegangen ist. Wenn ich nur 80 Prozent von dem umsetze, was ich mir nun vorgenommen habe, so kann ich doch 100 Prozent zufrieden sein!

Haben Sie Lust, auch einmal eine ganze Woche für Genuss und Freude zu reservieren, obgleich der Alltag für Sie weiter läuft und eine innere Stimme Ihnen möglicherweise sagt, das ginge gar nicht?

Wollen Sie es sich dennoch vornehmen? Wenn ja, viel Freude und Genuss dabei! Nein? Dann passt es gerade nicht und kann vielleicht später einmal stattfinden!

Achtsam mit Gefühlen umgehen

Um zu lernen, die eigenen Gefühle anzunehmen, auch die sozial eher geächteten, gibt es mehrere Wege. Alle bedürfen der Übung, denn oftmals haben Menschen lange Zeit daran gearbeitet, solche Gefühle vor sich und anderen zu verleugnen. Davon verschwinden diese Gefühle aber nicht, und dies zu versuchen, kostet Kraft.
Sich beispielsweise Abneigung, bis hin zu Hass, als nun einmal vorhandene Emotion zuzugestehen, ist meist schwierig. Es passt bei den meisten Menschen nicht zum Selbstbild, zu hassen. Schnell ist die innere Stimme da, die sagt: Das solltest du nicht fühlen, das ist nicht ok. Dann beginnt die Psyche, kreativ zu werden, von diesem Gefühl abzulenken und zu versuchen, es wegzudrücken. Ich erlebe auch, dass Menschen in Worten anscheinend zu ihrer Emotion stehen, sich aber nicht erlauben mögen, sie zu empfinden.

In meiner Praxis schlage ich gelegentlich vor, sich das Gefühl in die Arme zu legen, es zu wiegen und zu sagen „Du darfst sein.“ Das fällt nicht immer leicht. Dann schlage ich vor, es in eine Hand zu nehmen und es sich anzuschauen, genau zu schauen, welche Farbe es hat, die Temperatur zu fühlen und das Gewicht, Form und Oberfläche zu betrachten. Riecht es? Etwas gibt es an ihm immer zu entdecken. Danach bitte ich darum, ein angenehmes und den Werten entsprechendes Gefühl in die andere Hand zu legen. Auch dies Gefühl wird ganz genau betrachtet und gewürdigt. Beides hat Anteil am Leben. Eines hebelt das andere nicht aus! Beides existiert.

Eine andere Methode, von der ich unlängst hörte, habe ich hier https://heilpraxis-psychotherapie-roderwald.de/unangenehme-gefuehle/ vorgestellt. Die Aufgabe ist: Spür das Gefühl körperlich! Wo findet es statt? Lass es durch Deinen Körper hindurch fließen – und siehe da, es wird nach weniger als zwei Minuten kleiner, bis es vergangen ist. Wiederhole, wenn nötig, bis Du sagen kannst: Es ist vorbei.

Wenn wir die Gefühle nicht verleugnen, die wir haben, ist die Chance da, dass wir weder uns selbst noch anderen damit schaden. Ein Gefühl zuzulassen, dazu zu stehen, bedeutet nicht, es einfach auszuagieren. Wir schauen es uns an, wir akzeptieren es, wir identifizieren uns jedoch nicht mit einem einzelnen Gefühl, sondern mit unserer ganzen emotionalen Vielfalt. So kann etwas in Balance kommen, was aus dieser zu rutschen droht!

Sie mögen vielleicht eher kognitiv-experimentell auf die Spur Ihrer unangenehmen Gefühle kommen? Dann schauen Sie doch hier mal rein: https://heilpraxis-psychotherapie-roderwald.de/experimente-5/. Am Beispiel Ärger finden Sie eine Übung zum Perspektivwechsel.

Eine ergänzende Methode, mit dem Ziel, längerfristig mit uns zunehmend ins Reine kommen, ist eine kleine meditative Übung, in der Sie einen Satz sagen, den Sie nicht glauben müssen, den Sie nicht mit Erwartungen verknüpfen sollen, nicht empfinden, sondern nur einfach aussprechen, wie einen Merksatz:
Denke an die Person, zu der Du die Abneigung spürst! Sage: „Ich wünsche dir ein gutes Leben“ oder „Mögest du zufrieden und genussvoll leben“ oder „Möge es dir wohl ergehen“. Sie haben vielleicht noch ähnliche Ideen. Wichtig ist, dass Sie jegliche Vorstellung fallen lassen, damit irgendetwas erreichen zu wollen oder zu können. Sagen Sie einfach diesen Satz einige Male am Tag, solange es für Sie passt. Tun Sie dieses, während Sie an die Person denken, die Sie mit negativen Gefühlen verbinden.

Zur Erinnerung: Die Gefühle dürfen sein!

Selbstakzeptanz gehört an den Anfang! Machen Sie sich nicht für Ihre Abneigung fertig. Überspielen Sie sie auch nicht mit Sätzen wie „Das ist bei mir eben so!“ Dahinter steckt häufig der Versuch, mit leichtem Trotz dem Gedanken auszuweichen, dass man sich seine unangenehmen Gefühle übel nimmt oder sich ihrer schämt. Weichen Sie auch nicht aus, indem Sie versuchen, das Positive im abgelehnten Gegenüber zu sehen und Ihre Abneigung zu relativieren. Nehmen Sie zuallererst das, was ist!

Und dann machen Sie die kleine Meditation.

Sind wir ein bisschen Jossele?

Jossele ist ein frommer Mann. Er betet täglich mehrmals zu seinem Gott, das tut er, seit er beten gelernt hat. Außerdem ist Jossele ein Mann mit geringen Geldmitteln, es hat ein wenig an günstigen Umständen und glücklichen Zufällen gefehlt in seinem Leben.
Vom Beten kann er die Raten für sein Häuschen nicht zahlen und die Arztrechnungen für die Kinder auch nicht. Immer mal wieder reicht es auch für die Lebensmittel nur sehr knapp, vollwertig ist die Ernährung der Familie nicht!
Jossele denkt mit. Er hilft seinem Gott mit einer Idee. Voll Vertrauen fleht er inständig um Gottes Hilfe: „Allmächtiger König , Schöpfer des Erdreichs und der Himmel, ich bitte dich, erbarme dich, lass mich in der Lotterie gewinnen !“

Jossele ist da pragmatisch. Er erwartet nicht, dass es Manna vom Himmel regne, diese Zeiten sind vorbei. Jossele ist guten Mutes, mit einem ordentlichen Geldgewinn nicht nur die momentane Knappheit zu beheben,  sondern auch einen Neustart unternehmen zu können und die Zukunft besser zu gestalten.
So betet er unverdrossen – seit einem Jahr, Tag für Tag. Mal wirft er sich verzweifelt in den Staub, das ist, wenn ein Kind krank ist. Mal schmeichelt er seinem Gott mit schönen Worten – er verwechselt da menschliche Eigenschaften mit dem göttlichen Sein. Mal erläutert er ganz sachlich die Lage und den Grund seiner Bitte. Er betet Tag für Tag. Nach einer Weile kehrt Routine ein, er spricht fast immer, formelhaft, dieselben Worte. Die Emotion wechselt von Hoffnungslosigkeit zu Zorn und wieder zurück. So geht es ins zweite Jahr, immer weiter so …

Bis eines Nachmittags, der Himmel ist bedeckt, schwere graue Regenwolken hängen tief, Jossele liegt am Boden und fleht zu seinem Gott – da teilen sich die Wolken, Licht bricht hindurch, so wie es manchmal an schwülen Tagen sein kann, wenn die Sonne sich kurz zeigt um dann wieder zu verschwinden. Diesmal aber tönt eine klare, tiefe Stimme, nicht minder verzweifelt im Ton als bei Jossele: „Jossele, lieber Jossele, tu mir eine Liebe: KAUF DIR EIN LOS!“

Diese Geschichte habe ich so ähnlich mal irgendwo gelesen, herzlich gelacht, und nun habe ich sie Dir / Ihnen in meinen Worten weiter erzählt, und ich frage mich: Wieviel Jossele habe ich denn in meinem Denken und Verhalten ? Habe ich doch manches Mal gedacht, andere hätten mehr Glück gehabt, bessere Verhältnisse beim Start ins Leben , Steigbügelhalter auf ihrem Weg, Menschen, die Stolpersteine weggeräumt haben. Da waren immer welche glücklicher, vielleicht auch schneller oder wendiger als ich, wenn es darum ging, beim Faschingszug die Kamelle zu fangen .

Unbestritten: Startbedingungen sind ungleich, und manchen fliegen lange Zeit gebratene Tauben in den Mund. Der Vergleich allerdings nutzt nichts, und so fange ich an, vom Schicksal insgeheim Hilfe zu erwarten oder auf den Zufall zu hoffen. So wie Jossele zu wünschen,  ein wenig weniger beschwerlich zu leben und ganz im Inneren zu denken: „Habe ich nicht darauf ein Recht, sollte mir nicht das Schicksal unter die Arme greifen?” (Ein Los habe ich zwar gekauft, gewonnen habe ich nichts. Geschenkt!)
Was habe ich versäumt? Jossele bekommt, wenn er endlich ein Los kauft, wahrscheinlich Gottes Hilfe. Was muss ich tun ? Wo sollte ich besser hinschauen, um zu erkennen, welcher Weg für mich der richtige ist? Wo sollte ich weniger zögern und etwas wagen? Welchen Einsatz habe ich nicht gegeben? Was ist mein Part in dem Spiel?

Ich wünsche Euch allen /  Ihnen allen eine schöne Woche! Wo ist Dein / Ihr Part hin zur Erreichung Deiner / Ihrer Ziele, den Du bisher übersiehst, den Sie bisher übersehen?  

Unangenehme Gefühle

Heute beginne ich mit einer Bemerkung zur Anrede: Üblicherweise spreche ich Sie hier mit „Sie“ an. Das soll im Wesentlichen auch so bleiben, denn ich möchte mich Ihnen nicht aufdrängen, so als ob wir uns schon lange kennen würden.
In meinem Blog hingegen werde ich Sie von heute an ab und zu mit „Du“ ansprechen, das erscheint mir passend, wenn ich von mir erzähle und das tue ich heute.
Ich grüße Dich also und freue mich, dass Du meine Seite besuchst!

Vor einigen Tagen gab es eine Situation, in der ich mich entschied, anders zu handeln als gewohnt. Mit meiner Entscheidung musst Du nicht einverstanden sein – mir geht es um etwas anderes: nämlich darum, auf die eigenen Gefühle zu hören und was dabei helfen kann.
Ich traf in einer Fußgängerzone auf einen Menschen, an den ich unangenehme Erinnerungen hatte. Dieser Mensch hat mit meinem Leben nicht zu tun. Ich hatte ihn zuvor nur einmal getroffen.
Ich sah ihn, er streckte mir sehr auffordernd und sehr dicht an meiner Oberbauchgegend die Hand hin. Das mag ich bei Fremden nicht besonders. Ich finde es schöner, wenn zwei Menschen sich behutsam nähern und beide schauen, ob Körperkontakt gerade passt – für beide! Zudem war mir dieser Mensch sehr schwitzig in Erinnerung. Wenn es ein fremder Mensch ist, der mir seine schwitzige Hand aufnötigen will, fühle ich mich unwohl.
In der vergangenen ersten Begegnung nahm ich die Hand, obwohl ich es nicht wollte.

Dieses Mal entschied ich anders.

Zunächst drehte ich mich weg, nahm aber rasch wieder meine vorige Position ein und dann die Hand nicht an.

Damit ging es mir gut!

Weiter ist nichts passiert, er zog sie zurück grinste verlegen und ging.

Ich habe mir erlaubt, ein wenig unhöflich zu sein, weil es mir wichtiger war, meine Körpersignale ernst zu nehmen. Die Signale, noch bevor ich mich wegdrehte, waren Muskelversteifung und eine Ganzkörper-Hab-Acht-Haltung.
In einem Video, das ich heute sah – davon gleich mehr – spricht Joan Rosenberg darüber, dass unangenehme Gefühle sich zuerst im Körper zeigen. Das fand ich spannend.

Nun sind Körpersignale nicht eindeutig. Zum Beispiel kann Erröten ganz unterschiedliche Gefühle begleiten. Unsere Bewertungen der Situation wahrzunehmen, wird also ebenso nötig sein, um uns bewusst zu werden, was gerade in uns los ist. Dennoch gefällt mir der Ansatz von Rosenberg, denn ich vermute, dass uns eine gute Achtsamkeit für Körpersignale in brenzligen Momenten sehr helfen kann.

Wenn Empfindungen uns unangenehm sind, wenn wir uns unwohl fühlen, dann neigen viele von uns – so auch ich – dazu, sie schnell wegzudrängen, über sie hinweg zu gehen, am liebsten gar nicht zu bemerken.

Das Video, von dem ich spreche, hat dies zum Thema. Ich bin mit Joan Rosenberg einer Meinung, wenn sie sagt: Nimm es wahr, nimm es ernst, keine Angst, es geht vorbei! Wenn Du das tust, wirst Du erleben, dass es Dir zunehmend besser gelingt, das zu tun, was Du möchtest, was mit Dir in Einklang ist, was gut für Dich ist.
(Natürlich spreche ich hier nicht davon, dass Du einem Impuls, jemandem eine reinzuhauen, nachgeben sollst! Missversteh mich nicht!)
Immer dann, wenn Du dabei bist, Dich selbst zu schädigen, weil Du etwas tust, was Du nicht möchtest, oder etwas zulässt, was Du nicht möchtest – dann ganz bewusst bei Dir zu bleiben und Dir damit eine neue Reaktionsweise zu eröffnen – dabei hilft Dir Dein Körper mit seinen Signalen!

Du wirst vielleicht bemerken, dass Dir, wenn Du unangenehme Gefühle und Körperempfindungen nicht wegdrängst, es Dir mit der Zeit sogar besser gelingt, die freundlichen Gefühle, die fröhlichen Gefühle, die zugewandten Gefühle ebenfalls besser wahrzunehmen und zu schauen, wie Du sie auskosten und möglicherweise auch anderen mitteilen kannst. So vermute ich.

Joan Rosenberg hat noch keine deutschsprachigen Bücher herausgegeben und auch das Video auf Youtube, auf das ich mich beziehe, ist nur in Englisch ohne Untertitel verfügbar, soweit ich weiß.  Wenn Dir das keine Probleme macht, schau es Dir an, es sind nicht so sehr viele Minuten, die Du damit zubringen musst. (Ich poste hier keine links, wenn Du Joan Rosenberg auf Youtube eingibst, wirst Du fündig!)
Sie sagt unter anderem, dass es die vielen kleinen Moment-Entscheidungen im Alltag sind, die über unsere Befindlichkeit entscheiden, nicht die großen Lebensentscheidungen. Das finde ich ebenfalls nachdenkenswert!

Es geht ihr darum, präsent zu bleiben und die aktuelle Erfahrung bewusst wahrzunehmen, sich nicht abzulenken. Rosenberg nennt acht Gefühle: Trauer, Scham, Hilflosigkeit, Ärger, Verletzlichkeit, Verlegenheit, Enttäuschung und Frustration, die es auch körperlich zu spüren gilt, wenn wir sie haben. Ich möchte noch Abneigung hinzufügen. Ich fühlte Abneigung.
Rosenberg sagt, die Gefühle sind nicht negativ, sie sind nur nicht angenehm. Es ist ihre These, dass wir uns im Lauf unseres Lebens größere emotionale Stärke erwerben können, wenn wir unangenehme Gefühle zulassen und vollumfänglich spüren. Sie sagt auch: Keine Angst, das dauert gar nicht so lange, sondern vielleicht anderthalb Minuten! Sie gehen wie eine Welle durch den Körper durch und sie hören auch wieder auf, wie eine Welle ebben sie ab!
Das fand ich einen sehr schönen Gedanken, denn manchmal versagen wir es uns, ein unangenehmes Gefühl wahrzunehmen, weil wir befürchten, darin hängen zu bleiben. Ich denke darüber nach, ob wir eher darin hängen bleiben, wenn wir versuchen, uns dagegen zu wehren, abzublocken oder davonzulaufen. Dann kann es sein, dass uns dieses Gefühl hinterherläuft, und jedes Mal, wenn uns die Situation wieder einfällt, sind sofort die Körpergefühle wieder da.

Bewusstes Wahrnehmen unserer Bewertungen ist für mich die Voraussetzung für Veränderung. Die Körpergefühle, die mit einem unangenehmen Gefühl einhergehen, ebenfalls ganz bewusst wahrzunehmen und wie eine Welle durch mich hindurch gehen zu lassen, das halte ich als zusätzliche Übung für sehr hilfreich.

Das war es für heute, alles Gute bis zum nächsten Mal!

Wenn wenn wenn … … … dann dann dann

ja, was dann?
Es soll ja gar nicht so selten vorkommen, dass ein Mensch nicht so lebt, wie es seinen Werten, Wünschen und Zielen entspräche. Manchmal zieht sich das ein Leben lang so hin, was ja heißt: bis zum Tode. Also, bis das Leben vorbei ist. Bis nichts mehr geht.
(Falls Sie an die Wiedergeburt glauben – nun, die Theorien, die ich dazu kenne, gehen davon aus, dass im neuen Leben keine Erinnerung an das letzte Leben besteht. Schade, denn dann ließen sich Ihre Projekte aus diesem Leben im nächsten Leben leider nicht verfolgen!)  

Wozu machen wir das? Wozu verzichten wir darauf, unser Leben zu leben, wie wir es uns vorstellen oder wünschen? Meistens höre ich – und diese Stimme gibt es auch in meinem eigenen Kopf – dass äußere Gründe dafür sorgen, dass wir nicht vom Fleck kommen. Scheinbar oder tatsächlich Unabänderliches. Beispiele? Bitte sehr!

  • Weil ich in meinem Job zu wenig Handlungsfreiheit habe, kann ich nichts so machen, wie ich es richtig finde!
  • Weil ich zu wenig Geld verdiene, kann ich mir keine eigene Wohnung suchen und bleibe bei den Eltern, dem nicht mehr passenden Partner, den anstrengenden Mitbewohnern in meiner WG, und dort wohne ich weiter und bin unzufrieden.
  • Weil ich immer Schmerzen habe, kann ich auf gar keinen Fall täglich spazieren gehen, Übungen machen, schwimmen oder mal tanzen…
  • Weil ich zu wenig Zeit habe, pflege ich kein Hobby.
  • Weil die Welt so unsicher ist, verlasse ich dieses Land nicht, um einmal zu sehen wie Menschen in anderen Ländern leben.
  • Weil ich als Kind in der Schule nicht gut genug war, die Lehrer so gemein waren und ich keine Hilfe hatte, kann ich auch heute als Erwachsener nichts Neues lernen.
  • Weil ich viel zu machtlos bin, hat es keinen Sinn, mich politisch zu engagieren!
  • Weil ich schon so alt bin, kann ich nichts Neues beginnen.
  • Weil jemand von mir abhängig zu sein scheint, kann ich nicht frei sein.
  • Weil ich für jemanden sorgen muss, kann ich für mich selbst nicht sorgen.
  • Weil ich so nervös bin, kann ich nicht entspannen (?!?!?!)
  • Weil ich mit so vielen Pflichten überhäuft bin, kann ich keinen perfekten Tag gestalten, Ideen habe ich, aber …
  • … … …

Ihnen fallen bestimmt noch mehr Beispiele ein!

Kennen Sie etwas davon, so ähnlich vielleicht?

Falls jemand mit Ihnen schon einmal diskutiert hat, Sie überzeugen wollte, dass Ihre Gründe nicht stichhaltig seien, womöglich vorgeschoben…
Sie müssten doch nur zum Beispiel dies und jenes anders sehen…
oder folgenden kleinen Rat befolgen…
ob Sie denn nicht wüssten, dass…  
ob Sie eigentlich schon versucht hätten…
oder oder oder … und so weiter und so weiter:
Wenn Sie das kennen und sich womöglich schon beim Lesen dieser Zeile Ihre Nackenhaare hochstellen – dann kennen Sie wahrscheinlich auch Ihre Reaktion auf dergleichen Gutgemeintes.
Zum Beispiel könnten Sie blockieren, das Gespräch beenden,
oder Sie finden 1.000 Argumente für Ihre Position und mit jedem Argument wird Ihnen klarer, dass Sie alles ganz richtig sehen,
oder Sie ziehen sich zurück, Sie schmollen womöglich.
Vielleicht fühlen Sie sich gründlich falsch verstanden: Warum sieht niemand, dass meine Probleme objektiv kaum lösbar sind?

Weil ich das von mir durchaus kenne, freue ich mich darauf, einmal anders zu denken, einen anderen Weg aus dieser scheinbar aussichtslosen Situation zu finden  – denn ich möchte eine Stimme in mir finden, die der lauten Stimme, die da in mir sagt „Geht alles nicht!“ etwas entgegen setzt!

 Deshalb mach ich mir eine Liste mit dem Titel „Was wäre wenn…?“

  • wenn ich einen anderen Job hätte
  • wenn ich noch jünger wäre
  • wenn ich mehr Menschen kennte, die mal mit anpacken mögen
  • wenn ich gesünder wäre
  • wenn ich reich wäre
  • wenn niemand auf meine Hilfe angewiesen wäre
  • wenn es nicht so viele Normen und Regeln gäbe
  • wenn ich nicht so viele Pflichten hätte
  • wenn der Tag 34 Stunden hätte
  • wenn ich ewig leben würde…

… ja was wäre dann?

Ich wäre ja nicht von allein meinen Zielen näher, mit meinen Werten enger verbunden, an meinen Bedürfnissen dichter dran.

Wenn das alles anders wäre, was würde ich dann anders machen?

Wenn ich sehr viel klarer sehe, was ich dann anders machen könnte und wollte und würde, wenn ich es mir mit allen Sinnen vorstelle und plastisch ausmale –
dann kann ich sehr viel besser darauf schauen, was denn jetzt schon möglich ist, ohne all die idealen Bedingungen, die es wohl wirklich sehr selten gibt.

Was kann ich tun, damit sich die Situation in meinem Sinn verbessert, sodass die Voraussetzungen für meine Ziele sich verbessern?

Wann will ich damit beginnen?

Was brauche ich an Werkzeug, wie will ich es besorgen?

Spannend!

Sind die Steine, die auf dem Weg liegen, gerade wie von Zauberhand kleiner geworden?

Bis nächste Woche!

Von Dingen abhängig sein

Heute schreibe ich über keine Übung und nicht über ein Experiment, es geht heute auch nicht darum, dass ich meine Meinung oder meine Haltung zu einem Thema erläutern möchte. Es ist einfach so, dass ich heute Spaß daran finde, öffentlich über Dinge nachzudenken.

Eine Bekannte erzählt mir, dass sie Angst hat, dass bei ihr ein Feuer ausbrechen könnte. Es sei nicht so, dass sie Angst habe, ihr Leben oder ihre Gesundheit zu verlieren, sondern sie fürchte um ihre Dinge. Sie sagt sogar: Sollte das Haus unbewohnbar sein, es wäre nicht das Schlimmste, das könne man notfalls wieder aufbauen. Sie hat also keine Angst vor finanziellem Verlust oder vor Obdachlosigkeit. Nein, sie hat Angst um ihre Erinnerungsstücke, um ihre Bücher, um ihre Musik und ihre Kleidung. Sie sagt im Gespräch, das alles mache sie doch aus. Das sei sie. Wenn diese Dinge weg wären, dann wäre sie selbst ein Stück weg .

Ich selbst habe vor einigen Jahren erlebt, dass es mir etwas ausmacht, wenn eingebrochen wird und anschließend der Safe weg ist. Vielleicht ist das leicht nachzuvollziehen. Allerdings: Die Schmuckstücke und Steine und Uhren waren nicht viel wert. Es waren für mich Erinnerungsstücke, das war das Problem. Ich habe durchaus gedacht, es hätte schlimmer kommen können. Wenn zum Beispiel mein Notebook weggewesen wäre, hätten mir wichtige Dokumente gefehlt, die ich zum Arbeiten brauche. Der Schmuck war nur Deko. Inzwischen vermisse ich ihn nicht mehr und habe mir auch keinen neuen gekauft und das ist okay. Erstmal hatte ich aber ganz schön zu knabbern!

Eine Freundin stellt sich selbst dar, indem sie ihr Bücherregal und ihre Plattensammlung im Wohnzimmer aufbewahrt und kein*e Besuchende kann an der riesigen Wand mit Büchern und Platten vorbei schauen.

Ein Bekannter sammelt Modellautos. Jede*r Besuchende bekommt sie gezeigt. Ältere Menschen haben manchmal Sammeltassen in Vitrinen. Diese Tassen werden selten benutzt, sie sind Deko. Viele Menschen neigen offenbar dazu, sich über die Dinge, die sie besitzen, ihren Mitmenschen vorzustellen.

Es gibt auch Besuchende, die erst einmal unaufgefordert die Buchrücken in meinem Regal studieren und ihre Kommentare dazu abgeben. Ich mag das nicht besonders. Ich fühle mich, als wäre mir jemand zu dicht gekommen.
Ich erinnere mich aber, dass, als ich noch ziemlich jung war und eine schwierige Zeit durchlebte, mir die Dinge in meiner Wohnung Sicherheit zu geben schienen. Ich habe sie oft sortiert und angeschaut. Damals habe ich sie auch durchaus präsentiert – als mein ganz persönliches Schaufenster in mein Leben.

Heutzutage empfinde ich es eher entlastend, mich von Dingen zu trennen. Das ist vielleicht eine Alterserscheinung. In der Tat muss man sich darum kümmern, wenn man viele Sachen besitzt. Wenn diese selten genutzt werden oder jahrelang überhaupt nicht, ist es wahrscheinlich besser, sie zu verschenken, zu verkaufen oder wegzuwerfen.

Es kommt natürlich vor, dass jemand etwas weggeworfen hat und es dann doch vermisst. Das ist dann ein bisschen schade, aber in der Regel nicht wirklich schlimm.
Zurück zu den Erinnerungsstücken: Es gibt auch solche, die überhaupt nicht mit guten Erinnerungen verknüpft sind und die dennoch aufbewahrt werden. Wozu kann das gut sein? Inzwischen werfe ich immer mehr weg von derartigen Dingen – erstaunlich, wie viele ich davon habe!

Wenn ich an manchen Dingen “hänge”, ist das nicht wirklich schlimm. Schwierig finde ich, wenn ich davon abhängig zu sein glaube und mich regelrecht fürchte, sie zu verlieren. Einen lieben Menschen oder ein anderes Lebewesen, die eigene Gesundheit – all das möchte ich nicht verlieren, das ist klar. Auch eine Pflanze kann eine besondere Qualität haben, wegen der ich sie nicht missen möchte.  Tote Dinge hingegen gehören auf den Prüfstand, so meine ich .

Turbulent kann es im Gefühlsleben werden, wenn wir glauben, dass unsere Darstellung nach außen von diesen Dingen abhängt – hier denke ich nicht nur an diejenigen, die sich über ihren teuren Sportwagen mitteilen möchten. Ich denke auch an die Urlaubsdias. Freude an Dingen finde ich okay, Abhängigkeit nicht.

So, nun habe ich ein bisschen ins Unreine gedacht und bin noch nicht zu einem Ende gekommen mit den Überlegungen. Zum Schluss dieses Textes fällt mir ein, dass ich mich einmal sehr wohl gefühlt habe, als ich in einem Urlaub nur so wenig dabei hatte, wie in ein Boot passt: Die Tonne für die Lebensmittel und für den Schlafsack, das Paket mit dem Zelt und einige praktische Kleidungsstücke und Verbandszeug. Ich weiß noch, wie frei ich mich gefühlt habe! Morgens musste ich ganz wenig zusammenpacken und konnte weiter paddeln…

Das war’s für heute, bis nächste Woche!

Gedanken zum Thema “Arbeit” und Depression

Diese Woche denke ich hier auf meiner Seite über „Arbeit“ nach. Wie komme ich darauf?
Es war der Titel eines Artikels in einer Regionalausgabe eines Anzeigenblattes, mit dem auf eine Info-Veranstaltung hingewiesen wird. Er lautet:
„Ich bin depressiv – Arbeit gibt Struktur.“ Uups. Der Titel ist zwar in Redezeichen gesetzt, so wie hier, aber leider ist nicht vermerkt, woher der Satz stammt. Aus einer Veröffentlichung? Von einem Betroffenen? Aus der Gedankenwelt des / der Schreibenden?

„Arbeit gibt Struktur“. Ist das so? „Gibt“ irgendetwas Äußeres einem Menschen irgendetwas?
Einem Säugling die Brust geben bedeutet, sie ihm hinzuhalten. Er nimmt sie selbst.
Einem Baby kann ich Nahrung bis zu seinem oder gar in seinen Mund geben – schlucken oder spucken wird er selbst.
Alles andere wäre Zwangsernährung. Mit offenem Ausgang. Bei einer Versorgung mit einer Nährlösung mittels Tropf bei einem Menschen ohne Bewusstsein – da wird etwas gegeben. Womöglich wendet nun ein*e physiologisch Gebildete*r ein: Hoppla, der Körper entscheidet, wie er das Angebot verarbeitet! Wer weiß… Bei Operationen mit Einpflanzungen von z. B. einem künstlichem Gelenk wird das ganz deutlich.

Umso mehr gilt es bei allem, was der Psyche dargeboten wird: Diese entscheidet, wie es verarbeitet wird! Strukturen kann ich zur Verfügung stellen, nicht geben. Mit der Ermöglichung von Arbeit stelle ich Strukturen zur Verfügung. Der Mensch in Depression wird entscheiden, ob und wie er auf diese Strukturen reagiert.

Aber ist es nicht blödsinnig von mir, bei einem Titel einer solchen Publikation die „Worte auf die Goldwaage zu legen“, wie meine Mutter das immer nannte?
Nun, schau’n wir zunächst weiter: Da heißt es im Artikel etwa, dass bei Menschen, die aufgrund einer Depression ihren Job verloren haben, der Wunsch nach Gemeinschaft bestünde – und zwar gerade durch Arbeit.
Aha! Das Bedürfnis heißt „Gemeinschaft“! Nicht Arbeit. Hm. Es gibt sicherlich Arbeitsstellen, bei denen dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft erfüllt wird. Ist dieses hier und heute der Standard? Urteilen Sie selbst!
Gemeinschaft kann an vielen Orten gefunden werden, mit Unterstützung, wo es nötig ist.

Noch bedenkenswerter scheint mir, dass hier augenscheinlich eine Gleichung Arbeit = Erwerbsarbeit aufgestellt wird. Wie komme ich darauf? Das schließe ich aus dem Artikel selbst und der Auswahl der Expert*inn*en der Infoveranstaltung. Dazu später mehr.
Arbeit, nehmen wir es diesmal als Bedürfnis, ist weit mehr als Erwerbsarbeit. Arbeit in und für die Familie, das ist Ihnen als unbezahlte Arbeit geläufig. (Dürfte gern mit mehr Einkünften verknüpft sein, aber das ist ein weiteres Thema.)
Es gibt – hallo Marx – den Begriff der Reproduktionsarbeit. Damit ist gemeint, dass wir uns mit unserer Selbstversorgung und Erholung in den Stand versetzen, erneut der Erwerbsarbeit nachzugehen. Jeden Tag. Manchmal dient auch Psychotherapie diesem Ziel.
Ein Klient mit Depression, der nie Marx gelesen hat, fragte anhand des Ablaufs von Arbeit und Reproduktionsarbeit unlängst in meiner Praxis nach dem Sinn des Lebens. Seinen Sinn fand er nicht in der Erwerbsarbeit, obgleich er sie gern tut und auch das Geld mag, das er dafür bekommt. Sinnsuche, ein Mensch in Depression ist häufig damit beschäftigt!

Was ist also menschliche Arbeit? Was sagt das Netz? Das zum Beispiel: Arbeit
… ist eine planvolle Tätigkeit, mit der man Ergebnisse erzielt oder Produkte schafft
… ist zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste, körperliche und geistige Tätigkeit
Und Wikipedia listet unter dem Stichwort Arbeit: (Zitat, Verlinkungen entfernt)
– Arbeit (Betriebswirtschaftslehre), plan- und zweckmäßige Tätigkeit von Arbeitspersonen
– Arbeit (Philosophie), Prozess der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen
– Arbeit (Physik), Energiemenge, die bei einem Vorgang umgesetzt wird
– Arbeit (Sozialwissenschaften), zielbewusste, sozial durch Institutionen begründete menschliche Tätigkeit
– Arbeit (Volkswirtschaftslehre), einer der Produktionsfaktoren in der Volkswirtschaftslehre
– Beruf, mit besonderer Fähigkeit oder spezieller Qualifikation ausgeübte Erwerbsarbeit
– Erwerbstätigkeit, Tätigkeit zur Einkommenserzielung
– Klassenarbeit, Leistungskontrolle in der Schule
– Kritik der Arbeit
– Kunstwerk (z. B. „die Arbeit des Künstlers“)
– Lohnarbeit, Erwerbsarbeit eines abhängig Beschäftigten für Lohn oder Gehalt
– wissenschaftliche Arbeit, Produkt einer Forschungstätigkeit
– Beschäftigungsverhältnis
(Zitatende) Wow, das ist doch mehr als Erwerbsarbeit!
Und erst im dortigen Unterpunkt zur Philosophie: „Die Arbeit im philosophischen Sinn erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen. Sinngeber dieser Prozesse sind die selbstbestimmt und eigenverantwortlich handelnden Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Anschauungen im Rahmen der aktuellen Naturgegebenheiten und gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen.“ Schon wieder Wow. Selbstbestimmt und eigenverantwortlich!
Schön auch der Unterpunkt der Sozialwissenschaften: „Arbeit ist eine zielbewusste und sozial durch Institutionen (Bräuche) abgestützte besondere Form der Tätigkeit, mit der Menschen seit ihrer Menschwerdung in ihrer Umwelt zu überleben versuchen.“ Also Arbeit als Funktion des Überlebens, lange bevor es Erwerbsarbeit gab!

Ich denke, mit Arbeit können wir in unserer Umwelt Strukturen schaffen, ändern, abschaffen, wenn die Bedingungen dafür stimmen und wir handeln können.
Aber eng gefasst, kurz gedacht als Erwerbsarbeit – das scheint mir nicht  d e r  Weg zu sein, der einer Bedürfniserfüllung dient. Auch nicht  d e r  Weg zur Gesundung. Sie zu erreichen ist ein mögliches Ziel unter vielen anderen denkbaren.

Hier verlasse ich den gelesenen Artikel und schaue auf die geladenen Expert*inn*en der im Artikel vorgestellten Informationsveranstaltung und schaue mir den Flyer dazu an. (Schmöger-Stiftung, Einladung zum 3. Trialog (…) Dieser fragt im Titel „Depression – wie gelingt (neue) Teilhabe am Leben durch Arbeit?“
Geht es hier doch ausschließlich um Erwerbsarbeit? Ich hoffe nicht!
Allerdings… Vertretende
– von arinet, Beratung, Unterstützung, Vermittlung für Arbeitssuchende,
– von der Abteilung Reha bei der Rentenversicherung Bund, mit dem Ziel, dass gesundheitlich Beeinträchtigte im Erwerbsleben verbleiben und so die Regelaltersgrenze für den Bezug der Rente erreichen und bis dahin ins Rentensystem einzahlen,
– von der Bundesagentur für Arbeit, deren Aufgabe ist bekannt….
Sie bestreiten die Debatte nebst einer Psychiaterin, einem Sozialpädagogen der hiesigen Psychiatrischen Tagesklinik, einem Ergotherapeuten, einer Angehörigenbegleiterin und einem Genesungsbegleiter …

Nun ist es in unserer Gesellschaft – bisher – schwer, „am Leben“ einigermaßen selbstbestimmt teilzuhaben, wenn das Geld nicht ausreicht. Schon schon.
Da kommt mir wieder die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen in den Sinn. Damit ginge es. Gesund werden zu können und Gemeinschaft zu erleben und Teilhabe auch außerhalb von Erwerbsarbeit finden zu dürfen: Das finde ich erstrebenswert! Ein gutes Vorhaben wäre es, dies alles in unserer reichen Gesellschaft für Erkrankte zu ermöglichen!
Auch ohne das bedingungslose Grundeinkommen möchte ich, dass psychisch Erkrankte ein breites Angebot erhalten, zur Teilhabe, um Gemeinschaft zu erleben und auch Struktur – und dass eine Engführung in Richtung Erwerbsarbeit vermieden wird.

Zum Schluss ein kleiner Auszug eines Textes von Heinrich Böll, von ihm erarbeitet zum 1. Mai 1963:
Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral
In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren. (…) Der Fischer wacht auf. Der Tourist: “Sie werden heute einen guten Fang machen.” Kopfschütteln des Fischers. Er will nicht ausfahren. Er war nämlich schon draußen. Es reicht bis übermorgen.

Der Tourist: Wenn der Fischer aber täglich mehrfach ausfahren würde, dann könnte er sich bald einen Kutter kaufen, noch mehr fangen, und “Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben, Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann…” – “Dann”, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, “dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.” –
“Aber das tu ich ja schon jetzt”, sagt der Fischer, “ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.”
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, aber es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

Eine schöne Woche!
Ulrike Roderwald

Panikattacken loswerden….?

Letzten Samstag schlenderte ich ein wenig herum, ohne Ziel, recht entspannt, schaute dann auch einmal wieder in einem Buchladen vorbei und landete ohne allzu große Umwege bei der Abteilung “Lebenshilfe”.
An exponierter Stelle fand ich einen Spiegelbestseller, der in etwa so titelt wie der heutige Blogartikel von mir.
Es geht mir nicht um ein bestimmtes Buch, weder um Werbung dafür noch um den kritischen Blick darauf – es geht mir ganz allgemein darum, welche Kultur ich in unserer Gesellschaft zunehmend wahrnehme und wie ich dazu stehe. Die Kultur der Selbstheilung und der Selbstoptimierung stößt mir sauer auf.
Wenn Sie bei amazon – wofür ich hier ebenfalls nicht werbe – mal vorbeischauen und “Panikattacken” eingeben, dann finden Sie Titel, die den Focus darauf legen, dass Sie das alleine bewältigen können, das Problem mit der Angst.
Da genügen ganz wenige Schritte, da können Sie auf Knopfdruck ein “weg damit” erreichen, da machen Sie Entspannung, oder Sie atmen besonders, oder Sie verstehen das Problem oder, oder, oder … Der Akzent liegt auf “machen Sie selbst” und es wird in meinen Augen durch viele Cover signalisiert: “Ist ganz einfach”.
Damit habe ich Probleme. Die Menschen, die unter Panikattacken leiden, sind oft verzweifelt. Sie haben schon einiges versucht, die Freunde gaben zahlreich Ratschläge, manches hat der Arzt wohlmeinend vorgeschlagen, manches war per se untauglich – Alkohol wirkt ja nur scheinbar und kurz – das Erleben war: Ich schaffe es nicht, diese Attacken loszuwerden, ich bin verkehrt, ich bin hilflos. Da kommen depressive Verstimmungen gar nicht selten noch oben drauf.
Jeder und jedem, die oder der Entlastung durch ein Buch erleben durfte, gönne ich es von Herzen, und natürlich sind Bücher oft hilfreich. Mein Problem ist das suggerierte Versprechen auf Heilung: “Mach, was in diesem Buch steht und es geht Dir bald besser.” Die seriöseren Bücher enthalten den Hinweis, dass gegebenenfalls Therapie angesagt sein kann. Aber das steht nicht auf dem Cover und selten an anderer exponierter Stelle – im Haftungsausschluss muss es stehen!
Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch eine Therapie kann und darf keine Heilung versprechen – auch Nebenwirkungen sind dabei nicht ausgeschlossen!
Wovon ich jedoch überzeugt bin ist: Der Mensch lernt im Kontakt, Heilung gelingt besser im menschlichen Miteinander als allein.
In der Psychotherapie gehört es zu den Wirkfaktoren, ob zwischen der Klientin oder dem Klienten und der Therapeutin oder dem Therapeuten ein vertrauensvoller Kontakt gelingt.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Panikattacken können Einsamkeitsgedanken und Hoffnungslosigkeit im Gepäck haben. Ein Mensch, der zuhört, der Kompetenzen und Kenntnisse in seine Arbeit einfließen lässt und Verständnis für das Leiden aufbringt, ist nach meiner Ansicht der Weg der Wahl für die Hilfesuchenden.
Panik heißt: “Ich sterbe jetzt.” und “Ich will jetzt noch nicht sterben!” Das Erleben, dass die letzte Attacke nicht mit dem Tode endete, genügt bedauerlicherweise nicht, um weitere Attacken zu verhindern.
Mit welcher Methode am besten erfahren und gelernt werden kann, dass Angst nicht tötet, es im Leben jedoch leider keine Sicherheit gibt, dass es zum Leben gehört, die Endlichkeit zu akzeptieren, auch wenn wir als Menschen nicht wirklich begreifen, was das heißt… Darüber beginne ich hier an dieser Stelle keinen Disput. Ganz sicher bin ich, dass der Austausch auch über solche Fragen zur Bewältigung der Angst dazu gehört.
Und Austausch braucht mehr als eine Person.
Ich rate dazu, gute Gesprächspartner*innen zu suchen. Wer will, kann ja außerdem ein Buch lesen.

Alles Gute! Ulrike Roderwald



Das Gehirn mag gute Fragen

Stellen Sie Ihrem Gehirn Fragen, die es beantworten kann!
Ihr Denkapparat ist fleißig darum bemüht, Ihnen zu helfen!
Im Hirn werden Netzwerke mobilisiert, Gedächtnisinhalte durchforstet, Datenbanken –
alles nur, um Ihre Fragen zu beantworten.
Das macht Ihr Hirn auch ziemlich lange Zeit, immer bestrebt, zu helfen!
Sie kennen es, ein Name fällt Ihnen nicht ein, eine Melodie ist nicht zuzuordnen,
wem verflixt, gehört die Synchronstimme?
Viele solcher Fragen gleichzeitig können zum zeitweisen Abschalten führen.
Wegen Überlastung geschlossen. Erstmal.
Aber: Bald arbeitet es wieder im Untergrund, im Hintergrund, es denkt – zwei Stunden
oder zwei Tage später gibt es Antwort – und vorher keine Ruhe! Nett nicht?
Ja, schon. außer…
Sie stellen Fragen, auf die Sie schon bisher keine Antwort finden konnten, Fragen, auf die
es keine Antwort gibt – dann ist das Gift für Ihr Gehirn.
Solche Fragen sind zum Beispiel:

Warum geht mir alles schief?
Warum passiert immer mir sowas?
Warum bin ich das Kind ausgerechnet dieser Eltern?
Warum war xy so gemein zu mir?

Im letzten Fall können Sie höchstens xy fragen und vielleicht bekommen Sie eine Antwort.
Mit Glück eine, die Sie nicht gleich wieder hinterfragen wollen…
Ihr Gehirn will helfen. Helfen Sie, indem Sie gut fragen!

Was kann ich heute tun, damit mir etwas gelingt?
Wie kann ich akzeptieren lernen, welche Eltern ich habe / hatte?
Wie will ich Grenzen ziehen, wenn jemand gemein zu mir ist?
Möchte ich mir Hilfe holen und andere Menschen fragen?

Darauf können Sie Antworten finden und Ihr Gehirn arbeitet nicht nur fleißig, sondern
auch wahrscheinlich erfolgreich.

Wenn Sie unbeantwortbare Fragen stellen, sagen Sie zu sich STOP! Bringt nix,lass ich!
Das hilft Ihnen aus eine Grübelspirale und Ihrem Hirn beim Denken!

Viel Erfolg!
Ulrike Roderwald

Manchmal ist es besser, zu gehen

Etwas zu beenden, das uns belastet, fällt nicht jeder, nicht jedem gleich leicht. Heute will ich für diejenigen unter Ihnen schreiben, die sich damit eher schwertun.
Aus der Fortbildung bei Gunter Schmidt* fällt mir immer wieder mal der Satz ein, den er gern wiederholte: „Es ist nicht einfach, aber machbar, nicht einfach, aber machbar!“ Ich mag diesen Satz sehr.
Es ist gut, all die möglichen Widrigkeiten zu bedenken und die eigenen Befürchtungen als wichtig anzuerkennen, es ist gut, sich nicht in die Tasche zu lügen bei dem Vorhaben, einer Situation ein Ende zu setzen. Es könnte tatsächlich sein, dass einiges gefragt sein wird: Durchhaltevermögen, Standfestigkeit, Selbstvertrauen, Unterstützung durch wohlgesonnene Mitmenschen. Ihnen fällt wahrscheinlich noch einiges dazu ein!
Auch ist es gut, dieses „nicht einfach“ nicht zu verwechseln mit „zu schwierig“!
Gut gewappnet und vorbereitet in Veränderungsprozesse einzutreten, die man selbst anstrebt und zielgerichtet verfolgen will, hilft bei der Umsetzung.

Der zweite Teil, „..aber machbar!“ benötigt noch etwas Unterfütterung. Was hilft uns, wenn wir merken, hier stecken wir fest, hier wollen wir raus, so wollen wir nicht weiter machen, das wollen wir nicht länger hinnehmen, nicht länger genötigt sein, mitzumachen? Was hilft uns?

Als ich unlängst in alten Ordnern blätterte, aus der Zeit meiner ersten Ausbildung, die zur Zulassung als heilkundliche Psychotherapeutin durch das Gesundheitsamt führte, fand ich ein sehr schönes Arbeitsblatt mit dem Titel „Self Care – Umgang mit Belastungen“. ** Hierbei geht es nicht speziell um die oben beschriebenen Veränderungsprozesse, es geht bei dieser Selbstfürsorge vor allem um Erhaltung der (seelischen) Gesundheit, um Burnout-Prävention. Dennoch: Es passt auch hier!

Ich möchte aus diesem Arbeitsblatt einige Sätze zitieren und ein wenig dazu erzählen, damit es etwas vorstellbarer wird, worum es geht.

  1. Fragen zur eigenen Belastungsgrenze

„Woran erkennen Sie die Grenzen Ihrer eigenen Belastbarkeit? Wie genau schaffen Sie das?“
Ich hole etwas aus: Hier denke ich zurück an die letzten Monate meiner Tätigkeit an einer Förderschule. Ich mochte meinen Beruf, es machte mir Freude zu erleben, wie Schülerinnen und Schüler Selbstvertrauen entwickelten, Erfolge erlebten, Fortschritte lernten wahrzunehmen und Schritt für Schritt begannen, die Schule zu schätzen, gern in den Unterricht kamen und auch lernten, im Miteinander friedlicher und fröhlicher zu werden. Ich durfte eine gute Zeit erleben, geprägt von vielen Freiräumen für eigenen Ideen, von Vertrauen durch die Schulleitung und auch von kollegialem Zusammenhalt. Zeit bleibt nicht stehen, Situationen ändern sich. In meinen Augen hat eine verfehlte Schulpolitik etwas in Gang gesetzt, das an gut funktionierenden Förderschulen zum Schlechten führte. Kollegialität, Führung, Leitlinien der Arbeit, alles änderte sich.
Dem Entscheid, zu gehen ging voraus, dass ich bei mir selbst Veränderungen wahrnahm, die ich nicht an mir mochte. Meine Antwort auf die obige Frage lautete damals: „Wenn ich innerlich nicht zur Ruhe komme, wenn ich nicht mehr abschalten kann, gereizt reagiere, nachts wach werde und an die belastende Situation denke – dann erkenne ich die Grenze meiner Belastbarkeit.“ Damals habe ich es nach einiger Zeit geschafft, anzuerkennen, dass es so nicht weiter gehen sollte, wenn ich meine Gesundheit nicht gefährden will. Ich habe es geschafft, indem ich die Reaktionen meines Körpers wahrgenommen, ernst genommen und wichtig genommen habe: Mein Köper schreit „Hilfe“ und ich höre ihm zu.

„Wie haben Sie es in der Vergangenheit geschafft, sich vor einer Überlastung zu schützen?“
Diese Frage stelle ich heute häufig meinen Klientinnen und Klienten. Es ist ja so, dass wir alle im Leben schon etwas gemeistert haben, für uns gesorgt haben und in unserem Sinne entschieden haben – ansonsten wären wir ja gar nicht da, wo wir sind. Nur leider, in einer Krise denken wir nicht immer daran, was wir an Stärken mit uns herumtragen, sie sind aus dem Blickfeld geraten, wir sind in der Gefahr, das Augenmerk einseitig auf unsere Schwächen zu richten.
Ein innerer Spaziergang durch unser Leben mag dann unsere realistische Sicht auf unsere Stärken wieder freigeben. Als Baby haben wir gebrüllt, wenn uns zu warm, zu kalt, zu nass im Schritt war. Als Kleinkind haben wir gelernt, dass uns irgendwann die Reize der Umwelt mal zu viel werden können, dass wir uns mal auf uns besinnen, vielleicht mit dem Daumen im Mund, still in der Ecke sitzen möchten, mit dem Kuscheltier zur Ruhe kommen, bis wir wieder in Kontakt sein wollen, die Welt erleben. Im Kindergarten hatten wir hoffentlich betreuende Personen, zu denen wir laufen konnten, wenn Klaus oder Erna und mit Sand beschmissen haben und unser „Hör auf!“ nix genützt hat. Als Schulkind hatten wir hoffentlich Eltern oder andere erziehende Personen, die verständnisvoll und tröstend auf all die kleinen und größeren Kränkungen eingegangen sind, uns vielleicht eine neue Sicht auf das Erlebte ermöglicht haben – all das hat uns geschult.

Wenn uns die Unterstützung manches Mal gefehlt haben sollte – dann haben wir in der ein oder anderen Weise gelernt, uns selbst zu helfen. Nicht immer sind die Versuche, sich selbst zu helfen, auf lange Sicht sinnvoll. Manchmal schädigen sie uns – das gilt für alle von uns, die ihren Kummer oder ihre Angst mit Substanzen bekämpfen wollen. Hier gilt es zu erkennen, dass diese uns weiter schwächen. Was haben wir getan, um uns selbst zu helfen, bevor wir Nikotin, Alkohol, Drogen entdeckt haben? Manchmal kann der passende Weg sein, Unterstützung, die gefehlt hat, im Jetzt zu suchen und etwas nachzuholen. Manchmal ist die passende Person eine Therapeutin oder ein Therapeut. Dort kann die Antwort dann gemeinsam gefunden werden: Da ich am Leben bin, habe ich mich auch schützen können! Vielleicht frage ich mal eine Person aus meinem Umfeld, die mir bei der Antwort vielleicht helfen kann!

  • Fragen zur Abgrenzung

„Wer aus Ihrer Familie hat Sie dazu ermutigt, für sich selbst zu sorgen und sich gegebenenfalls klar abgrenzen zu dürfen? Welchen Rat würde Ihnen diese Person heute geben? (Es kann auch ein befreundeter Mensch, eine Lehrkraft, eine kurze Bekanntschaft sein.)
Manchesmal ist es uns nicht so schnell deutlich, wo wir im Leben Unterstützung hatten. Wir denken eher über Stolperfallen nach, Beinesteller… Das hat in der Entwicklung der Menschheit seinen Sinn gehabt, so schreiben einige Wissenschaftler. Es sei überlebenswichtig gewesen, sich der Gefahren stets bewusst zu sein und das daraus Gelernte stets parat zu haben. Ich weiß es nicht, ob das so stimmt. Ich weiß aber, dass es für uns heutzutage überlebenswichtig sein könnte, all das, was uns stützt, wahrzunehmen und wertzuschätzen. Ich lade Sie daher herzlich ein, sich jetzt einen Moment dafür Zeit zu geben: Wer hat mich ermutigt, zu mir zu stehen, mich selbst wichtig zu nehmen, auch einmal „Nein!“ zu sagen oder „Stopp!“?
Gefunden? Und was glauben Sie, wäre der Rat dieser Person, der Zuspruch, den Sie heute erhalten würden?
Mir ist meine Mutter eingefallen. Sie hatte es schwer, wir hatten es miteinander schwer. Es war auch vieles an Belastung gerade durch sie. Aber sie stand dafür, eine eigene Haltung zu bewahren und auszudrücken, das sehe ich heute! Sie hat es vorgelebt, sie hat auch einstecken müssen dafür. Sie würde mir sagen: „Das musst du nicht! Wer sollte Dich zwingen?“ Das denke ich heute mit dem inneren Bild, das ich für meine Mutter gefunden habe, und auf dieses kommt es an.
So kann es sogar sein, dass wir Stärkendes von Menschen erfahren, die keineswegs stets unserer Meinung sind, die uns auch einmal quer kommen, die aber für den Wert stehen, dass wir alle unser eigenes Leben leben und unsere eigenen Ziele verfolgen dürfen!

Und zum Schluss: „Wenn Sie Ihr eigener Selbstfürsorge-Berater wären, welchen Rat würden Sie sich geben?“
Methode eins: Geben Sie Ihrer inneren Stimme, die Ihnen sagt, dass Veränderung vonnöten wäre, eine Gestalt! Geben Sie ihr einen Körper, Gesichtszüge, Bewegungsmuster, Klangfarbe, vielleicht sogar einen Duft. Verleihen Sie ihr einen Namen. Ich erzähle Ihnen nicht, wie meine aussieht, Sie finden die Ihre, bestimmt! Klientinnen und Klienten sagen oft: „Ich kann das nicht, schon gar nicht kann ich dazu etwas aufmalen!“ Und wenn sie es dann doch tun, kommen sehr sprechende Figuren dabei heraus, Strichfrauchen oder -männchen mit unverkennbarem Charakter! Und wenn Sie Ihren inneren Berater gefunden haben: Lassen Sie sie / ihn sprechen und hören Sie zu!
Methode zwei: Zwei Stühle, einer leer, auf einem sitzen Sie. Schildern Sie dem anderen Stuhl Ihren Konflikt! Wechseln Sie den Platz, Sie sitzen nun auf dem Berater-Stuhl! Schauen Sie sich an: Wie sieht es aus auf dem anderen Stuhl, auf dem Ihr ratsuchendes Ich sitzt, lauschen Sie den Worten nach… Und dann geben Sie vom Berater-Platz aus Ihren Senf dazu! Wechseln Sie so lange die Plätze, bis Sie auf Ihrem Stammplatz den Eindruck haben, die beratende Position verstanden zu haben!

Viele neue Erkenntnisse wünsche ich Ihnen!

Ulrike Roderwald

* Leiter des Milton Erickson Instituts Heidelberg

** Danke, Rainer Müller, Diplom-Psychologe in Hamburg! Deine Seminare waren die besten!