Archiv der Kategorie: Allgemein

Eine kleine Übung

Wie Immer: Wenn Du es machen möchtest, gib Dir Zeit dafür. Und den geeigneten Raum. Es ist meistens ohne spürbare Wirkung, wenn Du versuchst, es nebenbei durchzuführen!

Und: Wenn Du keinen Zugang dazu findest, dass es wirkt, vertrau einfach darauf, dass etwas auf einer tieferen Ebene stattfindet.

Und: Solltest Du die Übung als wenig angenehm empfinden, hör damit auf! Es liegt kein Sinn darin, dass Du Dich anstrengst, überforderst oder selbst nervst! Mach dann was anderes, etwas, das Du gern tust.

Wisse: Wenn die Übung Dich entspannt, wird nach einiger Zeit wahrscheinlich auch wieder etwas Anspannung auftauchen. Das ist gesund. Wie eine Welle kann Anspannung und Spannung sich rhythmisch abwechseln. Beobachte einfach, fühle einfach, was passiert.

Erstens. Du sitzt so, wie es für Dich bequem ist. Du spürst Deine Füße, Deine Sitzhöcker. Und alles, wo Dein Körper aufliegt und Kontakt hat.

Zweitens. Du schließt die Augen oder Du schaust vor Dich hin, ohne dabei irgendetwas zu fixieren.

Drittens. Du folgst mir deiner Aufmerksamkeit Deinem Atem, lass ihn fließen, wie er es mag.

Viertens. Nun mach kleine Bewegungen mit deinem Unterkiefer, so, als wolltest Du etwas Kleines kauen. Etwas, das Du langsam genießen möchtest. Schau, ob Du lieber leicht geöffnete oder geschlossene Lippen dabei hast. Bleibe eine Weile dabei. Sei neugierig, sei spielerisch. Beobachte einfach, was geschieht. Beobachten ohne zu bewerten. Möglicherweise bemerkst Du veränderten Speichelfluss. Beobachte innere Bilder, die auftauchen. Bewerte nicht. Nimm einfach wahr. Lass sie ziehen. Und was ist im Körper?

Fünftens. Tauch aus dieser Übung wieder auf, indem Du mit der Bewegung langsam aufhörst. Kehre zurück zur Beobachtung deines Atems. Kehre zurück zu der Wahrnehmung Deiner Augen. Lass sie langsam wieder wacher werden. Schau um Dich, orientiere Dich im Raum. Achte auf Geräusche. Achte auf die Temperatur. Und achte auf alles, was Du wahrnehmen kannst, sei neugierig.

Eine gute Woche!

Fürsorge erfahren und weitergeben

Wie lernen wir zu lieben? Dr. Gabor Maté schreibt in seinem Buch „Wenn der Körper nein sagt“, dass wir es lernen, indem wir geliebt werden. Dass Tiere ihren Nachwuchs ablecken, dient der Stimulierung der Körperfunktionen der Neugeborenen. Wer je dabei zugeschaut hat, die Hingabe und den Eifer miterlebt hat, weiß, dass es viel mehr ist als das. Die Eltern entwickeln zahlreiche Formen, taktil zu stimulieren und sorgen dadurch dafür, dass ihr Nachwuchs eine gesunde Entwicklung nimmt – sowohl körperlich als auch in Bezug auf ihr Verhalten. Das ist erlernte Liebe.
Auch wir Menschen brauchen diese Berührungen. Sie sind von grundlegender Bedeutung für unsere Entwicklung in emotionaler Hinsicht und in Bezug auf unsere Gesundheit. Körperliche Berührungen stimulieren die Produktion von Wachstumshormonen. Damit werden eine verbesserte Gewichtszunahme und auch die geistige Entwicklung gefördert. Es gilt für Tiere wie für Menschen: Kinder, die nicht erwünscht sind, werden nicht nur eine beeinträchtigte körperliche Entwicklung erfahren, sondern sie werden auch eine erste Ahnung davon bekommen, nicht in Ordnung oder gar liebenswert zu sein. Falls spätere Ereignisse dies verstärken, wird es zum Selbstbild gehören.

Berührt zu werden ist existentiell! Und dies gilt auch für die Berührung über unsere anderen Sinne: eine freundliche Stimme, freundliche Züge in uns zugewandten Gesichtern, vertraute Gerüche. Positive emotionale Interaktionen beeinflussen die Entwicklung des menschlichen Gehirns entscheidend. Vom Moment der Geburt an regulieren sie unseren Tonus und unser hormonelles System.
Es gibt eine Biologie des Fehlens. Fehlen die genannten Erfahrungen, wird dies physiologische und emotionale Störungen hervorrufen. Das heranwachsende Lebewesen steht unter Stress. Säugetiere, also auch wir Menschen, brauchen Fürsorge. Wie brauchen eine Fürsorge, die weit über die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse hinausgeht. Nicht nur Nahrung, Unterkunft, Schutz und die Übermittlung von Informationen sind vonnöten. Es geht auch um den Kontakt, um die warme, angenehme emotionale Erfahrung. Die Liebe von erziehenden Personen ist die Triebfeder einer optimalen Reife der Schaltkreise des Gehirns und damit auch unserer Gesundheit.

Wo erziehende Personen, wo Eltern versagen, wird das Fehlen dieser Fürsorge in körperlicher und emotionaler Hinsicht das Kind in einen sehr schwierigen Lebensbewältigungsmodus führen. Manche haben nicht die Kraft, nicht das Wissen, nicht die Fähigkeit, dem Kind zu geben, was es benötigt. Wir verstehen, dass diese erziehenden Personen ihrerseits nicht erhielten, was sie so dringend gebraucht hatten. Heranwachsende spüren, dass etwas fehlt. Sie spüren, dass sie etwas Lebenswichtiges nicht bekommen. Sie fühlen, dass in der Familie, im Umfeld etwas nicht stimmt.
Menschen, die in Chaos und Elend heranwuchsen, die Krieg, Hunger, Gewalt erlebt und mitangesehen haben, wissen um ihren Mangel. Es ist schwer, dies anzuerkennen, es ist schwer, davon zu sprechen. Und wenn alle solches Leid erlebt haben, wem will man es erzählen, wie es war? Wenn aber Erwachsene nicht die Fähigkeit entwickeln, davon zu sprechen, was ihnen gefehlt hat, geben sie den Mangel an die nächste Generation weiter.
In meiner Praxis erlebe ich es immer wieder, dass Enkelkinder und auch die inzwischen betagten Kinder von Menschen, die ihre Kriegserlebnisse nicht verarbeiten konnten, verdrängten, schwiegen und darüber verhärteten, unter etwas leiden, das sie kaum begreifen und fassen können. Ein Leben lang können sie den Eindruck haben, an ihnen sei etwas falsch.

Ich erlebe auch, dass es auch im fortgeschrittenen Alter noch möglich ist, Wunden heilen zu lassen. Die Narben bleiben. Sie können fortschreitend weniger schmerzen, flacher und blasser werden, wir können darüber streichen und sie liebevoll verstehend berühren.

Der Schritt in einen Prozess, die Mangelerfahrung aufzudecken, anzuschauen und zu begreifen, ist auch der erste Schritt auf den Weg hinaus. Hinaus aus dem eigenen Leid und hinaus aus der Weitergabe an die nächste Generation – als Eltern, Erziehende, Lehrende, Ärzt_innen, Therapeut_innen und überall dort, wo wir in Kontakt zu Menschen gehen.

Eine gute Woche!

Bindung. Autonomie. Gesundheit

In diesem zweiten Teil zum Buch von Dr. Gabor Maté mit dem Titel Wenn der Körper Nein sagt schreibe ich über Selbstregulierung und Aspekte der Biologie von Beziehungen.

Sich selbst regulieren lernen

Kinder und sogar Tierkinder besitzen die Fähigkeit zur biologischen Selbstregulierung noch nicht. Die biologischen Zustände ihres Herzens, der Hormone und der Aktivität des Nervensystems sind noch abhängig von ihrer Umgebung. Sie lernen Selbstregulation im Kontakt zur Umwelt.
Kinder brauchen Beziehungen zu erwachsenen Bezugspersonen, die ihre Emotionen wie Liebe, Angst oder Wut annehmen können, widerspiegeln und halten können. Ein angstvolles Schreien wird mit ruhiger, fürsorglicher Zuwendung beantwortet: Du bist geborgen, in Sicherheit und Bindung. Du schreist voll Zorn? Du bist angenommen und gehalten mit all dem Zorn! Geschieht dies nicht, wird das Kind psychischen Stress erleben.
Jede Störung der Beziehung sorgt für Unruhe im inneren Milieu des Kindes. Wenn es gut läuft, lernt es nach und nach mit Hilfe der erziehenden Personen, diese Unruhe zu regulieren. Es lernt, sich zu beruhigen, lernt, dass Angst und Zorn auch wieder vergehen. Dies ist etwas völlig anderes als die Resignation, die ein Kind erlebt, das man unbegleitet und ohne Trost und Annahme schreien lässt!

Unsere biologische Reaktion auf Probleme, auch die in unserem Umfeld, wird von unseren Beziehungen beeinflusst, von der Bindung, die wir zu anderen Menschen erlebt haben. Diese kann über das weitere Leben so fortbestehen – im günstigen, wie auch im ungünstigen Fall. Eine Anpassungsleistung ist also weit mehr als eine individuelle Leistung: Sie findet in einem System statt.

Krankheit wäre demzufolge kein einfaches biologisches Ereignis in einem für sich allein stehenden menschlichen Wesen. Die Sichtweise des Familiensystems und die Art, wie in einem Familiensystem Gefühle und Ereignisse reguliert werden, werden einen wesentlichen Einfluss haben darauf, wie Menschen mit ihrer Biologie reagieren. In der Beziehung von Mutter und ungeborenem Kind ist diese Verwobenheit noch selbstverständlich in unserer Wahrnehmung. Aber sie endet nicht mit der Geburt oder der physischen Reife. Beziehungen zu unseren Mitmenschen bleiben ein Leben lang wichtige biologische Regulatoren.

Mit anderen emotional in Kontakt und doch auch autonom im eigenen emotionalen Funktionieren zu sein: Dies wäre eine wesentliche Grundlage zur bestmöglichen Gesundheit.

Autonomie in Beziehung

Im Laufe der Entwicklung sollte sich das Selbst für die Gesundheit des Organismus so weit definieren und differenzieren lernen, dass Verbundenheit bei gleichzeitiger Autonomie möglich ist und gespürt werden kann. Es geht um die Herausbildung einer emotionalen Grenze, die verhindert, dass der eigene Denkprozess von einem emotionalen Gefühlsprozess überwältigt wird.
Haben wir diese Autonomie nicht ausgebildet, können wir es zum Beispiel daran merken, dass wir anscheinend automatisch Ängste anderer aufnehmen und ungefiltert in uns selbst erzeugen. Haben wir sie, können wir Mitgefühl spüren, ohne uns dabei zu verlieren.
Der ausreichend differenzierte Mensch kann seine eigenen Emotionen akzeptieren und darauf reagieren, ohne dabei den Erwartungen anderer entsprechen zu wollen. Wir können dann gut unterscheiden, wie wir uns auch unseren Zorn über etwas erlauben können, ohne dass wir unsererseits andere dabei schädigen.
Nicht zu verdrängen, aber auch nicht impulsiv auszuagieren: Dieser Mensch ist Chef im eigenen Ring. Diese einmal erlernte Fähigkeit wird lebenslang in Beziehungen zu anderen Menschen erlebt, wird in ihnen genährt und gestärkt – und wenn es für den Selbstschutz gebraucht wird, kann eine Grenze zur Umwelt gezogen werden.

Je geringer die Fähigkeit zur Selbstregulation in der Kindheit ausgebildet werden konnte, desto schwieriger wird es im weiteren Leben, das innere Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Menschen begeben sich dann unter Umständen in Abhängigkeiten oder sie entwickeln das gegenteilige Muster der weitestgehenden Abgrenzung zu ihrem Umfeld.
Wenn wir uns nur schwer regulieren können, wird alles schwer. Wir entwickeln zwar Strategien zur Bewältigung, aber: In festgefahrenen Lebensstrategien liegt die Gefahr des Stresses – oft als permanente innere Anstrengung empfunden. Der Organismus ist dann dauergestresst.  

Der Organismus kann solchen andauernden Stress nicht ohne Hilfe verarbeiten. Bluthochdruck ist eine der möglichen Folgen. Ihn mit Medikamenten zu behandeln ist sicherlich oft nötig – zur Abwendung irreparabler körperlicher Schäden. Allerdings ist diese Behandlung nichts als eine Krücke. Gesundheit erlangen kann der Organismus hierdurch nicht. Der Organismus kann jedoch lernen, Emotionen zu regulieren, Autonomie aufzubauen – Gesundheit wäre dann mehr als die Abwesenheit von Krankheit!

Eine gute Woche!

Emotionen. Stress. Krankheit.

Dies ist keine Buchbesprechung. Aber ich beziehe mich auf ein Buch: Doktor Gabor Maté berichtet in seinem Buch „Wenn der Körper Nein sagt“ über Patientinnen und Patienten, die er als Allgemein- und als Palliativmediziner kennengelernt hat. Dieses Buch werde ich hier nicht besprechen, sondern erlaube mir, diejenigen Gedanken zu zitieren oder zu paraphrasieren, die mir zurzeit wichtig sind. Einige dieser Gedankengänge sind auch aus anderen Publikationen bekannt. So kompakt und nachvollziehbar habe ich über diese Thematik bisher nicht gelesen: Den Zusammenhang von Bedürfnissen, Emotionen, Stress und Krankheit. Die verständliche Art zu schreiben, die spürbare Fähigkeit, mit den Menschen, über die er schreibt, mitzufühlen, dabei aber niemals in die Gefahr zu geraten, einen „Ratgeber“ zu schreiben – dies alles nimmt mich für das Buch sehr ein. Ich beginne in dieser Woche mit den mir wichtigen Aussagen zu den Themen Emotionen und Stress.

Stress

Prüfungsdruck ist Stress für viele Menschen. Er ist spürbar. Und er geht meist vorbei. Aber viele Menschen verbringen unwissentlich ihr Leben, als würden sie von einem wertenden Prüfer beobachtet. Als gäbe es jemanden, den sie um jeden Preis zufriedenstellen müssen. Unser Bedürfnis, gesehen, erkannt und respektiert zu werden, als diejenigen, die wir sind, wird dadurch negiert. Wir tragen dann möglicherweise eine Wut in uns, die wir nicht wahrhaben wollen. Unser Organismus allerdings reagiert mit Stress.
Menschen, die in Isolation leben, selbstgewählt oder von außen herbeigeführt, können ihr Bedürfnis nach Bindung nicht erfüllen. Eine Angst begleitet sie, sie erleben bewusst oder unbewusst eine Bedrohung. Der Organismus reagiert in jedem Fall mit Stress.
Nicht alle erleben diesen Stress bewusst, nicht alle wissen, dass sie nicht zufrieden sind, sondern halten ihr Leben für ziemlich zufriedenstellend. Sie verstehen dann nicht, warum sie unter Symptomen unterschiedlichster Art leiden und verübeln sich dies sogar. Eine Klientin von mir sagt häufig: Aber ist das nicht bei allen so? Meine Antwort: Nein. Ist es nicht.

Für gewöhnlich wissen wir, dass wir, wie alle Säugetiere, mit einem angeborenen Kampf- oder Fluchtverhalten ausgestattet sind. Bei einigen Menschen ist dies verschüttet oder nicht ausreichend entwickelt. Das Grundproblem im späteren Leben ist dann nicht der Stress von außen, sondern eine umweltbedingte Hilflosigkeit, die keine der gesunden Reaktionen von Kampf oder Flucht zulässt. Ein anderer Begriff dafür ist erlernte Hilflosigkeit. Dieses Lernen findet aber in einer Zeit statt, in der Kinder auf ihre erziehenden Personen angewiesen sind. Stress, der aus diesem unterentwickelten Kampf- und Fluchtreaktionsmodus resultiert, wird häufig nicht wahrgenommen, nicht als belastend empfunden. Diese Menschen neigen dann dazu, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, in nicht funktionierenden Beziehungen zu verharren, das unbefriedigende Jobverhältnis beizubehalten, sich nicht so frei wie möglich zu entfalten.

Die Biologie des Stresses wird im Hormonsystem gemessen und es finden sich sichtbare Veränderungen der Nebennieren, der Milz, der Thymusdrüse, den Lymphdrüsen, der Darmschleimhaut, die sich schwer entzünden kann. Dies geschieht über die Pfade des Zentralnervensystems und der Hormone. Nimmt der Hypothalamus im Hirnstamm eine Bedrohung wahr, bildet er ein Hormon, das im Endeffekt in den Nebennieren zu einer Stimulierung des Cortisols führt. Die unmittelbare Wirkung von Cortisol ist eine Abmilderung der Stressreaktion. Allerdings wird dabei die Immunaktivität reduziert, um sie in sicheren Grenzen zu halten. Die funktionelle Verbindung wäre also die Aufrechterhaltung der Homöostase im Organismus. Eine permanente höhere Ausschüttung von Cortisol hingegen schädigt das Immunsystem dauerhaft und kann zu Erkrankungen führen, auch zu den diversen Autoimmunerkrankungen.

Emotionen

Emotionen lassen sich unterteilen in
1. die subjektive Erfahrung. Wie fühlen wir uns? Wir wissen dann, dass wir gerade Wut, Freude oder Angst spüren und kennen die dazugehörigen körperlichen Symptome.

2. spielt die Außenwirkung unserer Emotionen eine wichtige Rolle. Ob es uns bewusst oder unbewusst ist: Die Art, wie von anderen wahrgenommen wird, dass wir gerade wütend sind, ängstlich, froh, wirkt auf uns zurück. Unsere nonverbalen Signale können wir in der Regel nicht unterdrücken. Hier überträgt sich über Stimmlage, Gesten, Gesichtsausdrücke, das Timing von Handlungen oder sogar unserer Sprechweise unsere Verfassung. Unser Gegenüber nimmt es wahr und reagiert seinerseits. Und es ist nicht selten, dass eine Person die von ihr kommunizierten Emotionen nicht wahrnimmt, während die Menschen um diese Person herum alles sehr deutlich lesen können.

Es kann sein, dass ein Kind sehr wütend oder sehr ängstlich ist. Und es kann sein, dass Eltern ihrerseits darauf mit Wut oder Angst reagieren. In diesem Falle könnten sie dazu neigen, die Emotionen des Kindes zu unterdrücken, zu bestrafen, zu ignorieren. So dass das Kind lernt, vergleichbare Emotionen in der Zukunft zu verdrängen. Das Kind braucht Bindung und Bestätigung. Das geschilderte elterliche Verhalten wird als Ablehnung verarbeitet und das Kind reagiert seinerseits mit Scham. Eine gefühlte Hilflosigkeit kann das Ergebnis sein. Tatsächliche oder in sich selbst wahrgenommene Hilflosigkeit ist ein wirkungsvoller Auslöser biologischer Stressreaktion. Das Bedürfnis nach Autonomie wird verletzt, das wichtige Bedürfnis zu Selbstausdruck und Eroberung der Welt. Erlernte Hilflosigkeit ist ein psychischer Zustand, in dem die betroffenen Menschen sich stressigen Situationen nicht entziehen, obwohl sie körperlich die Möglichkeit dazu haben. Menschen bleiben sogar gewalttätigen Beziehungen, in denen sich gefangen fühlen, oder sie führen einen Lebenswandel, den sie sich nicht wirklich wünschen. Sie fühlen sich unfrei und sie bleiben.

3. Emotionale Stimuli lösen physiologische Veränderungen aus, etwa Entladungen im Nervensystem, Hormonausschüttungen, Veränderungen des Immunsystems. Diese Reaktionen können in der Regel nicht selbst kontrolliert werden. Und obwohl sie nicht immer von außen unmittelbar beobachtet werden – sie finden statt. Dies ist besonders bei chronifizierten, emotional problematischen Situationen bedrohlich für die psychische Gesundheit.

Gabor Maté schildert, was zur emotionalen Kompetenz erforderlich ist:

1. Die Fähigkeit, unsere Emotionen zu spüren. Ein Bewusstsein darüber, dass wir Stress erfahren.

2. Die Fähigkeit, unsere Emotionen ausdrücken zu können. Unsere Bedürfnisse abzuschätzen und die Unversehrtheit unserer emotionalen Grenzen aufrechtzuerhalten.

3. Die Fähigkeit psychische Reaktionen, die der aktuellen Situation angemessen sind von denen zu unterscheiden, die dem Schatten der Vergangenheit entsprungen sind. Was wir heute von der Welt wünschen oder verlangen, sollte unseren gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechen, nicht den unbewussten unbefriedigten unserer Kindheit – wenn wir gesund bleiben oder werden wollen.

4. Bewusstsein darüber und Akzeptanz dafür, dass unsere authentischen Bedürfnisse befriedigt werden müssen. Und dass deren Unterdrückung, um die Akzeptanz und das Wohlwollen anderer zu erlangen, uns krank machen kann. Eine chronische Störung unserer emotionalen Befindlichkeit und Ausdrucksfähigkeit hat sehr wahrscheinlich eine schwache gesundheitliche Konstitution zur Folge!

Weiter geht es nächste Woche – eine gute Zeit bis dahin!

Die Gänsemagd

Jobst Finke schreibt in seinem Buch Träume, Märchen, Imaginationen. Personenzentrierte Psychotherapie und Beratung mit Bildern und Symbolen im dritten Teil folgendes über Märchen: „Märchen ermutigen zum phantasierenden Tagträumen und zu Sehnsuchtsvorstellungen. Sie aktivieren damit ein utopisches Potenzial. Sie erlauben uns, Wünsche zu haben und uns in unserer Sehnsuchtsstruktur zu erkennen. Wenn wir uns, z. B. in Tagträumen eine fiktionale Welt entwerfen, erfahren wir etwas Wichtiges über uns selbst.“

„Das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist.“ Diese Formulierung wird Kierkegaard zugeschrieben, hier zitiert nach Rogers. In der Psychotherapie formulieren Klient_innen neben dem Wunsch, eine Belastung nicht länger zu erleiden und mehr Leichtigkeit zu spüren auch die Sehnsucht, authentisch zu agieren, sich als lebendiges Selbst zu erleben. Sie haben manchmal die Idee, etwas verloren zu haben, was früher einmal selbstverständlich war, zum Beispiel eine stärkere Spontaneität oder größeren Mut. Im Verlauf der Therapiestunden taucht die Idee dessen auf, was in der Zukunft das Selbst der Klienten ausmachen werde. Für mich fasse ich diesen Teil des Prozesses in dem biblischen Begriff „Ich bin, wer ich sein werde“ zusammen. Es ist schon da, als Keim, als verschüttete Präsenz, in der Fähigkeit zur Vorstellung ist es bereits Teil des suchenden Menschen.

Zurück zu Finke: Dort fand ich den Verweis auf das Märchen „Die Gänsemagd“. Ich habe das Märchen im Web gefunden, es ist recht lang, ich erlaube mir, die Zusammenfassung bei Wikipedia zu benutzen. Allen, die tiefer einsteigen wollen, hilft die Browsersuchfunktion.

„Eine Königin, deren Mann vor langer Zeit gestorben ist, schickt ihre einzige Tochter weit fort zur Hochzeit mit einem Königssohn. Sie gibt ihr eine Magd mit, ein sprechendes Pferd namens Falada und als Reisetalisman ein Tuch mit drei Tropfen von ihrem Blut. Die Tochter verliert dieses Tuch aber, als sie sich über einen Bach beugen muss, weil die Magd sich weigert, ihr mit dem goldenen Becher Wasser zu reichen. Die Magd zwingt die Prinzessin sogar, die Pferde und Kleider zu tauschen und lässt sie anschließend schwören, keinem Menschen davon zu erzählen. All das duldet die Prinzessin demütig. Als sie in vertauschten Rollen beim Schloss ankommen, empfängt der Prinz die Magd als seine Braut, und der alte König schickt die Königstochter mit einem kleinen Jungen namens Kürdchen zum Gänsehüten. Dem Pferd Falada lässt die falsche Braut den Kopf abhacken, weil sie fürchtet, von ihm verraten zu werden, aber auf Bitten der Königstochter nagelt der Schlachter den Kopf unter das Tor, durch das sie und Kürdchen täglich mit den Gänsen gehen. Dort redet die Prinzessin jedes Mal im Vorbeigehen mit dem Pferdekopf, der sie mit „Jungfer Königin“ anspricht. Auf der Gänsewiese öffnet sie ihre goldglänzenden Haare, um sie neu zu flechten, und Kürdchen versucht, ihr ein paar Haare auszuraufen. Aber sie spricht einen Zauberspruch, mit dem sie einen Windstoß herbeiruft, der dem Kürdchen das Hütchen vom Kopf weht. Er muss ihm nachlaufen, und bis er zurückkommt, ist sie mit der Frisur fertig. Kürdchen beschwert sich beim König, und der beobachtet die beiden nun heimlich am folgenden Tag, findet auch alles, wie von Kürdchen berichtet. Am Abend nimmt er die Königstochter beiseite und verlangt eine Erklärung. Aber sie weigert sich zu sprechen mit Hinweis auf den geleisteten Schwur. Da lässt der König sie dem Ofen ihr Leid klagen und belauscht sie dabei unbemerkt. Der Königssohn erfährt die Wahrheit. Der König lässt die falsche Braut ihr eigenes Urteil sprechen, und sie wird in einem mit Nägeln beschlagenen Fass zu Tode geschleift. Eine prächtige Hochzeit wird gefeiert.“

Bei Wikipedia finden sich auch Verweise auf Deutungen von psychologischer Seite. Da wird den goldenen Haaren das Licht des Bewusstseins zugesprochen, Bruno Bettelheim findet manche Hinweise auf einen Ödipuskonflikt, ein anderer Autor diagnostiziert eine abhängige Persönlichkeitsstörung bei der Prinzessin und Narzissmus bei der Magd. Auch Jobst Finke wird erwähnt, seine Klientin arbeitet an dem Märchen ihre Wünsche und Sehnsüchte heraus.

Welche Themen finde nun also ich in dem Märchen?

Die alte Königin bleibt blass in der Beschreibung, gleichwohl erscheint sie sehr mächtig. Sie trifft die Entscheidungen. Die schöne Tochter wird verheiratet und in die Ferne geschickt. Gold und weitere Schätze bekommt sie mit, zwei Pferde und eine Magd. Dies wird als Ausdruck ihrer Liebe zu ihrem Kind benannt. Die Tochter scheint ohne Widerspruch zu sein. Drei Tropfen Blut auf einem Tuch sollen sie schützen. Dieses Tuch verliert die Prinzessin recht bald. Die Magd stellt ich als äußerst durchsetzungsfähige Person heraus, die ihre Interessen brutal einfordert.

Die Prinzessin bleibt duldsam. Mir fällt auf, dass sie das brutgetränkte Tuch verliert, ohne es zu merken. Auch beklagt sie den Verlust nicht. Nun, geholfen hatte es ohnehin nicht, denn was sollte der Nutzen sein von Blutstropfen, die zum Ausdruck bringen, dass die Mutter nicht zufrieden wäre mit dem Verlauf der Geschichte?

Die Magd verweist die Prinzessin darauf, dass sie als Dienerin nicht zur Verfügung stehe. Mach selber! Die Prinzessin tut es, sie lässt sich die Schätze abnehmen, das Pferd schlachten, zum Gänsehüten schicken. Angst, so sagt der Märchentext, liege dem zu Grunde. Wenn ich den lakonisch erzählten Verlauf auf mich wirken lasse, scheint mir etwas anderes möglich: Sie weiß noch gar nicht, wer sie ist, was sie möchte und was nicht. Sie scheint sich selbst gegenüber eigenartig abständig. Alles egal?

Keine Vorstellungen vom Bräutigam spielen eine Rolle, keine vom fremden Land, vom künftigen Leben. Na dann: Eh alles wurscht, hier Magd, haste alles, was mir die Mutter mitgab. Die Blutsverbindung ist schon entschwommen. Nur die Magd hatte davor noch etwas Respekt gehabt, jetzt fühlt sie sich sicher. Die Prinzessin hatte keine Idee von einem Schutz durch die Mutter. Die sie ja auch mal so eben losgeschickt hatte in doch etwas prekären Umständen…

Die Prinzessin ist bei vielerlei gleichgültig. Nur den Kopf des sprechenden Pferdes, den will sie nicht hergeben, zu dem hält sie Kontakt. Den spricht sie an: “O du Falada, da du hangest” und der Kopf antwortet ihr, wann immer sie vorbei kommt. Dieses Pferd hatte alles mit angesehen und im Gedächtnis verwahrt. Das Pferd weiß auch, dass die Zukunft der Prinzessin anders gedacht war. Und von hier kommt letztlich auf Umwegen die Rettung: Der in seinen Ansprüchen zurückgewiesene Junge geht petzen, der Schwiegervater forscht nach, aber die Prinzessin fühlt sich an eine Norm gefesselt und kann nichts von dem berichten, was ihr widerfahren ist, nur dem Ofen, dem sagt sie es. Sie weint und klagt ihr Unglück heraus. Da wendet sich das Blatt.

Dem übergriffigen Jungen gegenüber wahrte die Prinzessin zuvor das erste Mal ihre Unversehrtheit: Meine Haare kriegst Du nicht! Da kann ich sogar die Winde zu Hilfe rufen! Hier steht sie zu sich und hier weiß sie um ihre Kräfte! Und der, der an ihnen scheitert, trägt zu der folgenden Wandlung wesentlich bei!

Die ränkeschmiedende Magd erfährt vernichtende Rache. (Praktisch, dass diese von den männlichen Parts ausgeht, die Prinzessin bleibt schön unschuldig, aber das nur am Rande.)

Und nun herrschen Friede und Seligkeit.

Als psychotherapeutisch Tätige ist für mich der sprechende Pferdekopf das Unbewusste, das, was du abhacken und annageln kannst, es redet weiter, bis jemand seine Botschaft hört und versteht.

Der Ofen, na, das ist die therapeutische Situation. Hier kann jede Prinzessin alles sagen und berichten, sie bricht kein Schweigegelübde, denn hier ist alles sicher bewahrt. Indem aber mal ausgesprochen wurde, was Sache ist, kann die Wahrheit sich ihren Weg nach draußen bahnen.

Die Prinzessin im Märchen bleibt auch beim Happy-End passiv, aber der unwillkürliche Anteil ihres Selbst hatte eingegriffen. Die Prinzessin wird sie selbst. Hoffentlich glücklich und zufrieden.

Na, mal wieder Märchen lesen?

Eine gute Woche!

Warum es gut sein kann, sich zu trennen

… und wieso es keine Rolle spielt, dass Blut dicker ist als Wasser

G sagt: Wenn ich zu meiner Familie fahre, wird es mir schon an der Gartenpforte eng um die Brust.

L sagt: Ich will gelegentlich nach Hause fahren, wenn es mir schlecht geht – in der Hoffnung, dass ich da ein bisschen Trost uns Ruhe finde. Dabei hat es noch nie funktioniert!

S sagt: Über meiner Familie hängt eine dunkle Regenwolke. Ich will da nicht mehr drunter stehen.

B sagt: Meine Mutter hat mich so enttäuscht, wieder und wieder. Ich will das nicht mehr erleben.

R sagt: Wenn es mir schlecht geht, hat es immer mit meiner Familie zu tun. Meine Mutter macht mich krank!

D sagt: In meiner Familie sind alle immer damit beschäftigt, gekränkt zu sein. Das ist mir zu anstrengend.

E: Sagt, Akzeptanz wenigstens, das suche ich und es ist seit langem vergebens!

Manche erzählen, dass ihre Eltern immer genau wissen, was richtig wäre, dass ihre Meinung nicht zähle.

Manche erzählen, dass sie nicht Trost, sondern Belehrung ernten, wenn sie ihre Sorgen offenbaren.

Manche fühlen sich kontrolliert. Manche fühlen sich niedergemacht und entwertet.

Manchmal gab es schlimme Übergriffe, verbunden mit der Weigerung, darüber zu sprechen.

Manchmal werden Fragen einfach nicht beantwortet und Grenzziehungen missachtet.

Manchmal ist es in den Augen der Eltern nie genug, was ihr Sohn, ihre Tochter geben und teilen möchte.

Manchmal ist es auf einmal zu viel. Sich zu entwickeln, zu verändern, hin zu einem besseren Selbstgefühl, zu mehr Handlungsfreiheit, einem zufriedeneren Leben scheint unmöglich, solange der Kontakt zu den Eltern, zu Vater oder Mutter weiter besteht. Manchmal umgreift dieses Erleben beinahe die gesamte Herkunftsfamilie, die dann verlassen wird.

Es ist bestimmt richtig zu fragen: Ist das wirklich immer so? Gibt es Ausnahmen? Was ist dann konkret anders? Diese Fragen gehören allerdings nicht automatisch an den Beginn eines Prozesses. Und es gibt sogar Konstellationen, da verändern die Antworten auf diese Fragen die innere Haltung nicht wesentlich. Es bleibt beim Kontaktabbruch.

Wir alle kennen doch Menschen, die sich schwer damit tun, Bedürfnisse und Wünsche anderer zu akzeptieren. Der Chef, der einfach nicht einsehen will, dass er den Mitarbeitenden zu viel aufbürdet.
Die Freundin, die immer erst um fast Mitternacht anruft und Aufmerksamkeit möchte. Der Nachbar, der seinen Musikgeschmack mit der gesamten Siedlung teilen möchte. Wenn sich dort jemand zur Wehr setzt und bei Folgenlosigkeit den Kontakt abbricht, dann werden sich in der Regel verständnisvolle Mitmenschen finden, wird Zuspruch geerntet werden können. Aber bei den Eltern? Schwierig!

Schauen wir hin: Jugendliche leben lieber auf der Straße als weiter im Elternhaus. Welche Not steckt dahinter? Mütter oder Väter verhindern den Kontakt ihrer Mutter, ihres Vaters zu den eigenen Kindern. Wovor wollen sie sie schützen? Menschen um die Vierzig verweigern jede weitere gemeinsame Zeit mit den Eltern – wieviel vergebliche Versuche hat es wohl bis dahin gegeben um zu erreichen, endlich gesehen zu werden als eigenständige Person? Jemand schafft es nicht, sich zu lösen und bettelt ein Leben lang um die Liebe der Mutter – wie könnte da die Unterstützung aussehen?

Das Aufkündigen der Loyalität zur Herkunftsfamilie kann für das Individuum die Rettung sein. Anstrengend allemal. Und wenn jemand diesen Weg geht, wissen wir nicht, ob es endgültig sein wird. Was dieser Mensch nicht braucht, sind althergebrachte Sprüche wie „Es sind doch deine Eltern“, Belehrungen darüber, was „man“ doch nicht machen könne, was man wem nicht antun dürfe und ähnliches.

Was dieser Mensch brauchen könnte, wäre Unterstützung bei der Idee, dass es erlaubt sei, für sich selbst zu sorgen. Ohne Wenn und Aber! Die Definition als „endgültig“ muss es dabei nicht geben, aber das vorweggenommene Konstrukt einer „Pause“ ebenso wenig. Ein Ende wird sich zeigen, wenn es so weit ist, oder eben nicht.

Es ist in manchen Fällen Familientradition, von Generation zu Generation die schweren Pakete von Ungesagtem, von Leid, von Verfehlungen immer weiter zu geben. Ein Kind kommt auf die Welt und spürt die Last, ohne begreifen zu können, was in seinem Umfeld vor sich geht. Es geht hinaus ins eigene Leben und fühlt sich innerlich gebeugt. Es kann eine Chance sein, wenn ein Familienmitglied die Klärung einfordert dessen, was nie auf den Tisch kam. Wenn die Klärung verweigert wird, ist es für die seelische Gesundheit oft nötig, fortan seiner Wege zu gehen und den Blick zurück nurmehr in einem anderen Rahmen zu unternehmen – in einer guten Freundschaft, in einer von Verständnis getragenen Partnerschaft oder in einer Therapie.

In einer Therapie ist es häufiges Thema: Darf ich das / durfte ich das? Ich sehe doch, dass er / sie halt einfach nicht anders kann, muss ich nicht verzeihen? Frage: Hat jemals ein Verzeihen auf dem Boden von „Das musst Du doch“ wachsen können? So ist der Kontaktabbruch zur Herkunftsfamilie auch ein Bruch mit dem Willen zur bedingungslosen Normerfüllung, und wenn es gut läuft, geht es hin zu mehr Freiheitsgraden.

In einem therapeutischen Rahmen zu erleben, dass es keine Ver- und Gebote gibt, wenn es um Haltungen, Werte und Normen geht, kann sehr heilsam sein!

Dass wir uns unsere Eltern nicht ausgesucht haben, ist eine Binsenweisheit. Daraus zu folgern „ich muss erstmal garnichts“, ist in der Regel nicht einfach – aber machbar.

Dass manchmal der Abbruch zu einem Aufwachen in der Elterngeneration führen kann, zu einem Erkennen, dass das Leben auch anders geführt werden kann, zu einem Wollen, eben dieses zu lernen, das kann zu einem neuen gemeinsamen Prozess führen. Es hält jedoch im Alten gefangen, dies zu erwarten – leider findet es nicht so häufig statt und es ist gewisslich nicht herstellbar durch die Person, die verlässt. Denn auch die alten Eltern entscheiden, wie sie denken und handeln wollen.

Lebensprojekte: Wie will ich leben? Was will ich zulassen, wo will ich Grenzen setzen? Welche Kompromisse mag ich eingehen und welche nicht?

Eine gute Woche!

Ein Selbstwertproblem?

Frauke Niehues referierte in einer Online-Veranstaltung der Milton Erickson Gesellschaft im Mai 2021 ihr Konzept zum Thema Selbstwert. Einige Gedanken daraus möchte ich heute hier teilen. Gleichzeitig verweise ich auf ihre Homepage frauke -niehues.net (bitte ohne Leerzeichen eingeben, damit es klappt), die ich einen Besuch wert finde. Nun also Aspekte aus ihrem Vortrag/Workshop, wie immer mit einigen Einstreuungen von mir:

Stellen Sie sich doch einmal die Frage, was Negatives geschehen könnte, wenn Sie sich Ihrer Fähigkeiten bewusster wären und einen gesteigerten Selbstwert erleben würden: Womit würden Sie rechnen?
Manche geben solche Antworten: Andere halten mich dann für arrogant. Ich werde mehr in die Verantwortung genommen. Ich bekomme mehr Aufgaben. Ich könnte Gegenwind bekommen. Man hielte mich für egozentrisch. Ich entwickle eine andere Sicht auf meine Situation und könnte einen Veränderungsdruck ausbilden – dem ich eventuell nicht gewachsen wäre.
Wie lautet Ihre Antwort?

Diese Ängste sollten Beachtung finden, wenn am Thema Selbstwert gearbeitet wird! Sonst stagniert der Prozess womöglich.

Das Selbstwertmodell von Frau Niehues beruht auf der Idee von Schichten.

  1. Grundgefühl
    Bin ich gut? Bin ich schlecht?
    Hier möchte ich einfügen, dass geprüft werden sollte, nach welchen Maßstäben Sie dies beurteilen möchten. Woher kommen diese Maßstäbe?
    Werde ich gemocht oder abgelehnt? Dies nenne ich: Mache ich meinen Selbstwert von der Zustimmung anderer abhängig?
    Dieses Grundempfinden wird in der Entwicklung schon früh ausgebildet und durch enge Bezugspersonen beeinflusst. Dies vor allem bei der Frage Bin ich gewollt, bin ich nicht gewollt?
    Kinder, die nicht hätten auf die Welt kommen sollen, spüren dies sehr früh. Manchmal ist die elterliche Aufklärung darüber leider sehr wenig reflektiert und achtsam. Wenn ein Kind kein „Wunschkind“ war, eine Abtreibung erwogen oder versucht wurde, schlägt die Information zum falschen Zeitpunkt und aus falscher Motivation heraus tiefe Wunden. Wenn Kindern mitgeteilt wird, dass sie zu finanziellen Nöten beitragen oder Karrieresprünge vereitelt haben, ebenso.
  2. Selbstakzeptanz
    Kann ich zu mir stehen, auch wenn ich Fehler mache?
    In meiner Sprache nenne ich es so: Mache ich meinen Selbstwert von Leistung abhängig?
  3. Selbstwirksamkeit
    Kann ich mit meinen Handlungen etwas bewirken?
    Was habe ich schon versucht? Was noch nicht? Bin ich am richtigen Ort? Habe ich die nötigen Werkzeuge?
  4. Fähigkeitenpräsenz
    Habe ich eine Bewusstheit über eigene Fähigkeiten und Stärken, kann ich dieses Wissen in kritischen Situationen abrufen?
  5. Systemischer Bezug
    Was leite ich aus meinen Fähigkeiten ab und wie reagiert mein Umfeld darauf?

Gerade der letzte Punkt sollte nicht außer Acht gelassen werden, wenn sich eine Person – mit oder ohne Unterstützung – aufmacht, ihren Selbstwert auf den Prüfstand zu stellen.
Ich kenne Menschen, denen die Eltern einengend und ablehnend gegenüberstanden, denn sie erlebten die Fähigkeiten des Kindes oder Heranwachsenden als Herabwürdigung des eigenen Wertes. Das erste Kind in einer familiären Kette, das studiert…
Manche Eltern wollen ein Geschwisterkind vor dem anderen schützen. Dies ist häufig der Fall, wenn eines Förderbedarfe im schulischen Leistungsspektrum aufweist und dem anderen Kind alles nur so zuzufliegen scheint.
Manche Kinder wurden in der Schule ausgegrenzt und sogar körperlich verletzt, weil sie im Leistungsvergleich erfolgreicher waren als die anderen.

Wer dergleichen erlebt hat oder sogar immer wieder erlebt, am Arbeitsplatz, im Verein, in einer engen Beziehung, im Freundeskreis, wird es schwer glauben können, dass ein erhöhtes Selbstwertgefühl das Leben leichter machen kann. Dass Angst und Scham nachlassen und Spontaneität zunehmen kann.

Das System und der Kontext wären also zu prüfen: Bin ich von Menschen umgeben, die sich mit mir freuen, wenn es mir gut geht und ich Erfolge erziele?

Diese Prüfung kann sehr aufschlussreich mit dem Systembrett bewerkstelligt werden oder mit der Methode Punkt-Punkt-Komma-Strich von Manfred Prior:

Drei Stifte brauchen Sie, schwarz steht für neutral, rot für problembehaftet, grün für unterstützend. Sie achten auf innere Bilder, mit denen Sie sich sprachlich mitteilen.
Beispiel: Sie zeichnen sich und Ihre_n Partner_in. (Schwarz) Sie sagen zu sich „Ich fühle mich immer so klein!“ Sie zeichnen sich klein daneben (Rot). Sie beide lieben sich „eigentlich“, Sie zeichnen ein Herz (Grün). Aber wenn er / sie Stress hat, dann macht er / sie mich runter. Sie zeichnen ein rotes Symbol für Stress und die Tätigkeit des Runtermachens illustrieren Sie nach Ihren Einfällen.
Grün benötigen Sie nun, um die vorhandenen oder erforderlichen Ressourcen darzustellen, um diese Dynamik zu verändern.

Im Dialog mit Berater_innen oder Therapeut_innen kommen häufig kreative (Auf)Lösungen zustande!

Ein Beispiel aus der Arbeit mit dem Systembrett: Sie haben sich mittels einer kleinen Figur und an den Rand gestellt? Sie haben einige Bezugspersonen auf Podeste gestellt? Wo stehen die? Wo schauen die hin? Gibt es Allianzen? Haben Sie Verbündete für sich gestellt? Nein? Was brauchen Sie? Was könnte Sie aus dieser misslichen Lage befreien? Was können sie tun?

Nun wieder Frauke Niehues: Wie regulieren Sie Ihr Selbstwertgefühl? Wie schaffen Sie es, ein unrealistisches, geringes Selbstwertempfinden zu haben? Stellen Sie sich ein Fußballspiel vor. FC Entwerter spielt gegen FC Selbstwert. Wie wird gestürmt? Wie werden Tore geschossen? Mit welchen Sätzen? Wie wird verteidigt? Was macht der Schiedsrichter? Sind Fans anwesend? Wodurch ist FC Entwerter so gut? Was ist nötig, um FC Selbstwert zu stärken? Wie geht das Training?

Mögen Sie sich mit diesen Fragen beschäftigen? Mögen Sie eine der Methoden ausprobieren?

Wollen Sie sich mit anderen darüber austauschen? Oder sich das mal aufschreiben, was dabei an Gedanken in Ihnen auftauchte?

Und dann möchte ich Sie noch anregen, einen Umriss von sich zu zeichnen, ähnlich einem Lebkuchenfrauchen/männchen. Malen Sie ein paar Rosinen hinein, oder süße Mandeln. Dann noch ein paar Bittermandeln. Vielleicht gibt es etwas, was Sie weniger gern essen, aber sich vorstellen, dass andere das mögen, Orangeat vielleicht? Es ist nicht erlaubt bei dieser Übung, nur Rosinen zu zeichnen oder nur Bittermandeln oder nur Orangeat. Es soll ja in die Richtung realistisches Selbstbild gehen! 😉

Eine gute Woche!

Über Gewicht: Ein Zutatenkorb für Ihre Selbsthypnose

Nach dem Workshop von Anne M. Lang, MEG online im März 2021, es sind ihre Ideen, die ich hier aufzeichne, mit meiner Auswahl und mit kleinen Ergänzungen.

Haben Sie schon mal eine Diät gemacht? Haben Sie die Idee entwickelt, Sie wüssten nicht, wie Sie sich nachhaltig helfen können?

Abnehmen, und Gewicht halten mit Hilfe von Hypnose, ist Ihnen das dann als Lösungsweg in den Sinn gekommen?

Schon diese Idee kann der erste Schritt sein, auf Ihren eigenen Entwicklungsweg zu kommen. Der Weg hat im günstigen Fall Gesundheit zum Ziel. Wir wissen um die gesundheitsschädigende Wirkung von zu viel Bauchfett um die inneren Organe. Wir können hier gemeinsam eine Selbsthypnose vorbereiten und einleiten.

Gewicht ist ein Lebensthema, in der Pubertät, bei Paarbildung, im Alter tritt es häufig sehr deutlich zu Tage, dass es so ist.

Auch die berufliche Situation und das Stresslevel spielen eine Rolle.

Kognitive Zuschreibungen können zu hohem Gewicht führen: gewichtig sein wollen.

Die Angst, als träge oder undiszipliniert, als dumm und unattraktiv zu gelten, hilft interessanterweise eher nicht dabei, das Gewicht zu regulieren.

Wir befinden uns in einem Dickicht von widerstreitenden Bedürfnissen, der Norm entsprechen zu wollen, die Chips aber doch essen zu wollen am späten Abend… Bestimmte Kleidungsstücke tragen zu wollen, sich aber auch mit Nahrung belohnen zu wollen…

Manche schaffen es nicht, etwas übrig zu lassen, manche spüren keine Sättigung. Sie essen sehr schnell. Wie fühlen Sie Sättigung?

Viele sagen: Ich esse nicht viel und nehme zu. Wie ist Ihr Bewusstsein für Ihr Essverhalten?

Manche spüren ihr Übergewicht nicht, sie sagen, ich bin doch beweglich, ich fühle mich wohl. Und beim Treppensteigen, beim Yogakurs, beim Kleidungskauf: Wie ist es da? Fragen Sie sich: Wie spüren Sie Ihr Gewicht?

Manche essen zu viel als Folge ihres Lebensstils, essen am Computer, nebenbei.

Manche können dem Überangebot schwer widerstehen, überall wird Nahrung angeboten, schnell ist das Teilchen gekauft… Wie ist es bei Ihnen?

Schreiben Sie sich bitte etwas zu den folgenden Fragen auf:

Welche Fähigkeiten habe ich, meinem Ziel näher zu kommen? Wie genau lautet mein Ziel? Woran würde ich es merken, wenn ich auf einem guten Weg bin?

Welche Erfahrungen habe ich mit einem guten Körpergefühl? Mich gut zu spüren, wo erlebe ich das?

Wo kenne ich mich als eine Person, die eine gute Kontrolle einsetzen kann? Vielleicht bei einem Hobby?

Wo kenne ich mich als eine Person, die sich gut umstellen kann, Änderungen herbeiführen kann?

Wo erlebe ich mich insgesamt als selbstwirksam? Wo stehe ich für mich ein?

Wie erlebe ich das in meinem System von Bezugspersonen und Situationen?

Wie ist mein Tagesverlauf in Bezug auf das Essen? Wie die Woche? Im Urlaub?

Was weiß ich schon alles über die Körpervorgänge, Stoffwechsel, Schlaf und Hunger, Bewegung, den Einfluss von Medikamenten?

Wie kann ich mich gut fokussieren und auf eine bedeutsame Thematik einstellen? Und wie ist es beim Thema Gewichtsveränderung?

Wie hoch ist meine Motivation für Veränderung? Wie stelle ich mir meine Veränderung mit allen Sinnen vor? Was will ich weiterhin genießen? Wie wünsche ich mir mein Körperempfinden?

Und nun wählen Sie einen Zugang, der für Sie passt, beantworten Sie sich diese Fragen als Einstimmung auf eine Selbsthypnose:
Wie möchtest Du auf Deine Situation so schauen, dass Du den gebührenden Abstand einnehmen kannst? Willst Du auf das Geschehen schauen, vielleicht als wäre es auf einer Bühne? Wie weit weg? Gefällt Dir die Idee einer Sportarena? Wie groß? Magst Du aus einem schwebenden Ballonkorb schauen? Bist Du wie ein Adler, der Einzelheiten wahrnimmt und sich Überblick gut verschaffen kann? Siehst Du Dir das ganze wie durch ein Fernglas an? Welche Ideen hast Du dazu?

Wie kannst Du Dir Dein Körpergefühl vorstellen, mit mehr Leichtigkeit, mehr Fitness?

Wie stellst Du Dir vor, Dich auf diesem Weg zu halten, wie möchtest Du Dich ermuntern und Dir gut zusprechen?

Dein Motto für die gewünschte Veränderung? Geh spielerisch damit um! Hast Du Symbole, die Dich stützen können? Wie wären die neuen Lebensgewohnheiten? Hast Du innere Bilder? Magst Du sie zeichnen? Wie ist es jetzt? Wie sieht das Neue aus, das Du anstrebst? Deine Sehnsuchtssituation?

Jetzt ist der Korb doch schon gut gefüllt! Möchtest Du noch eine Überschrift für die Wunsch-Situation formulieren? Bitte positiv formulieren! Ich werde sein wie … Mein Leben wird sein wie … Mein Gefühl für mich und mein Leben wird sei wie…

Und einige Selbstsuggestionen können helfen:

Mir ist wichtig…, und deshalb werde ich diesen Weg weiter verfolgen … und deshalb kann ich gut auf diesem Weg bleiben … und auch wenn ich zwischendurch abschweife, ich finde meinen Weg erneut … Du findest Deine passenden Formulierungen! All dies ist schon Teil der folgenden Trancearbeit!

Nun nimm von dem Folgenden, was für Dich passt, vielleicht passt alles, und nimm es Dir auf, damit Du es immer wieder verwenden kannst, wenn Du es brauchst! Sprich Dir Deine Selbsthypnose mit ruhiger Stimme und in gemäßigtem Tempo vor, auf dem Handy oder Ähnlichem. Achte auf eine ruhige Umgebung bei der Aufnahme! Höre die Trance stets in einem gesicherten Umfeld, niemals im Auto! Sprich zu Dir in der Du-Form oder ändere den Text in die Ich-Form um! Ich empfehle ersteres, aber Du entscheidest!

„Setz Dich bequem hin oder lege Dich hin, richte Dich komfortabel ein!

Richte Deine Augen nach oben zu den Augenbrauen! Führe dann Deine Aufmerksamkeit nach innen, zentriere Dich zum sogenannten dritten Auge und lege Deine oberen Augenlider über Deine Augen hin zu den unteren Lidern, sobald es Dir angenehm ist!

Oder: Fixiere einen Punkt in Deiner Umgebung und lege Deine Augenlider über Deine Augen, wie Jalousien, sobald es Dir als erleichternd erscheint!

Oder: Spüren Deinen Atem, den vertrauten Atemfluss, den Du kennst seit Deiner Geburt, folge ihm und sinke mit jedem Atemzug tiefer in Dein Inneres ein.

In tiefem Vertrauen in unsere Unwillkürlichkeit, die uns am Leben hält, denke an Deine Hände. Lege Deine Hände nach oben ausgerichtet oder zueinander gerichtet ab, und wisse, dass Du mehr weißt, als Du weißt. Gerade, wenn wir etwas vorhaben, was für uns wichtig ist, finden wir diesen Zustand, in dem unser Organismus für sich sorgt.

Unser Kopf denkt manchmal, alles wäre klar. Wir fragen das Unbewusste nach seiner Meinung. Wie machen wir das? Wir gehen in Kontakt mit unserer Unwillkürlichkeit.
Deine Hände sind in Trance. Spüre die Unwillkürlichkeit in Deinen Fingern. Ist Dein inneres Wissen damit einverstanden, Dich aktuell zu unterstützen bei Deinem Vorhaben? (Dein Gewicht zu Deinem Besten zu verändern?) Wie reagieren Deine Finger auf diese Frage? Gibt es ein Zeichen für bejahende Zusammenarbeit? Zeigt Dein Zeigefinger auf, ja, ich weiß etwas? Wird er zum Ja-Finger? Das ist die Antwort Deines Unbewussten. Du konzentrierst dich auf den Zeigefinger und auf die Frage und Du spürst die Antwort. Kleine Bedenken gibt es in den allermeisten Fällen, und es gibt auch klare Antworten.

Wenn Du Hindernisse erkennst, spüre die Ambivalenzen, um die Du Dich kümmern wirst! Du wirst es erkunden, es ist interessant. Jeder Aspekt ist wichtig.

Wenn etwas nicht so gelingt, wie Du es gerne hättest, dann stell dir einfach vor, dass es gelingt!

Wie wird sich etwas Neues einrichten? Wie wird sich Deine Aufmerksamkeit ausrichten?

Vertiefe Deine hilfreiche Trance und geh weiter nach innen. Nimm das Ist-Bild, das Du innerlich oder tatsächlich gezeichnet hast vor Dein inneres Auge. Gleiche die Ist-Darstellung mit der Wunsch-Darstellung ab, damit Du den Weg sehen kannst.
Gleiche die Ist-Darstellung mit der Wunsch-Darstellung ab, damit Du den Weg sehen kannst.

Und auf diesem Weg dahin, nimm die Fähigkeiten und guten Erinnerungen, Deine individuellen Möglichkeiten, die Bedeutsamkeit, die Zuversicht und Motivation in Dich auf.

[Hebe die Stimme, werde bestimmt]: Nun schau innerlich in den Spiegel! Den Spiegel der Ist-Situation. Sieh Dich in einem Ganzkörper-Spiegelbild, betrachte das, realistisch!

Und da Du in Trance alles machen kannst: Geh hindurch! Geh einfach hindurch! Sieh dahinter Dein Zukunftsspiegelbild! Werde dieses Zukunftsspiegelbild! Das ist bestimmt eine Umstellung, das zu spüren, wie es wäre! Woran spürt du es, wie spürst Du es? Wo in Deinem Körper? Werde dieses Zukunftsspiegelbild, so wie es im Moment schon geht! Du kannst in Dein Zukunftsbild hineingehen, da einfach schon mal hindurch gehen und dort hineingehen!

[Wieder gelassener, doch munter]: Und Du kannst sogar schon sehen, wie das alles in Deinem Leben immer selbstverständlicher neu eingerichtet wird. Wie in einem Umzug in eine neue Wohnung. So ein Umzug ist mühselig. Und da ist doch diese Sehnsucht nach dem helleren Zimmer, dem Mehr an Raum. Die alte Wohnung ist vertraut, alles ist am gewohnten Platz, man kennt sich aus. Und doch schaut man sich nach etwas Neuem um, prüft und malt es sich aus, wie es sein kann. Und dann entscheidet man sich, einmal hinzugehen und sich das anzuschauen. Die Entscheidung ist der erste Schritt. Es folgen viele weitere Schritte, manche sind mühselig, man fremdelt vielleicht ein bisschen. Und es gibt so vieles Neue zu entdecken! Die Einrichtung im Äußeren ist wichtig, das neue Ordnen ist wichtig. Auch für das Innere. Nach vier Jahreszeiten, so sagt man, ist man angekommen.

Sage zu Dir: Ich kann mein Verhalten steuern, ich habe es in der Hand. Und mit meiner Hand kommen nur die Dinge in meinen Mund, die mich auf meinem Weg halten. Ich werde das entscheiden. Sage zu Dir: Ich kann mein Essverhalten steuern.

Und hinter dem Zukunftsspiegel wirst du interviewt! Stell Dir das mal vor, Du wirst interviewt! Und Du wirst gefragt, wie war das eigentlich mit dem Verändern auf Deinem Weg? Wie hast Du das geschafft? Welche Hindernisse hast Du überwunden? Was hat sich alles geändert? Welche Überraschungen hast Du erlebt? Wie wohl fühlst Du Dich jetzt? Hör Dich antworten! Hör Dich antworten auf die vielen Fragen! Du antwortest. Was ist der größte Gewinn?

Und dann gibt es noch ein Geheimnis, das Du für Dich behalten kannst.

Spür Deinen Körper, wie Du in Entwicklung bist. Bleibe eine Weile dabei.

Jetzt werden die Hände wieder bewusster, die Atmung wird bewusster, Die Augen werden bewusster, Du hast das Bedürfnis, Dich zu bewegen. Du atmest tief ein und aus, Dein Unbewusstes schließt sich auf das für Dich angemessene Maß. Dein Kreislauf kommt wieder in Schwung.

Die Trance ist vorbei, die Wirkung bleibt. Was für Dich wichtig war, damit beginnst Du Dein Projekt.

Es hat schon begonnen. Es entwickelt sich. In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten… eine gute Zeit!“

Gehirn verstehen 2: Sucht nach Hunger

Manche junge Frau hungert und stirbt daran. Was sagt Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer dazu? Wie hängen Geist und Gehirn bei dieser Thematik seiner Ansicht nach zusammen? In unserer Kultur sei unser Verhältnis zum Essen ein künstliches, sagt er. Wir lernen aus verschieden Gründen nicht mehr, dem natürlichen Bedürfnis nach Nahrung nachzukommen.
(Ich gebe hier weiter, was er in der Sendereihe „Geist & Gehirn“ von BR-alpha, dem Bildungskanal des Bayerischen Rundfunks, dazu gesagt hat und gebe gelegentlich meinen Senf dazu.)

Wir essen vieles, das künstlich ist und oft ungesund. Das Essverhalten von Jugendlichen wird deswegen oft kritisiert, und das kann beim Zustandekommen einer sogenannten Essstörung eine Rolle spielen. Wer sich in die Defensive gedrängt sieht für das, was er nun einmal gerne tut, wird reagieren. Eine Möglichkeit, dem Konflikt auszuweichen wäre, ins gegenteilige Extrem zu verfallen und nach und nach nur noch etwas Salat zu verzehren. Anfangs freuen sich darüber noch alle, bis dann das Blattgemüse in immer geringeren Dosen zu sich genommen wird und höherkalorische Nahrung gar nicht mehr.

Ähnlich könnte es einem Heranwachsenden ergehen, der Dauerkritik erntet, weil er Stunden an seinem Handy oder dem Laptop verbringt. Trotzig beginnt er zu laufen, euch zeig ich’s! Guckt mal, was ich kann! Was wollt ihr von mir? Der Stress, den die Dauerkritik auslöst, wird in Bewegung umgesetzt, und bei wem es sich gut anfühlt, so zu handeln, der könnte das immer ausgeprägter praktizieren.
Zunächst wirkt dies selbstwerterhöhend, denn es wird möglicherweise viel Lob und Bewunderung gespendet, auch entsteht der Eindruck, die Lage im Griff zu haben. Es ändert sich der Prozess, wenn Hungern und Joggen zu sichtbaren Zeichen der Gesundheitsgefährdung führen, Muskelmasse verloren geht trotz Training und die sogenannte Magersucht eingetreten ist.

Stress jeglicher Art kann zu verminderter Aufnahme von Nahrung und damit von Energie führen. Am Anfang kann es so sein, dass die Jugendlichen sich abgrenzen wollen, sich in dem Zeigen von Leistung nicht fremdbestimmen lassen wollen, damit also ganz gesunden Wünschen dieses Alters folgen. Bis sich der Mechanismus anscheinend verselbständigt. Und paradoxerweise will der Organismus sich gleichzeitig damit mehr bewegen, fast wie auf einer Flucht, und wird damit mehr Energie verbrauchen. Ein Teufelskreis.

Die Gehirnforschung hat uns schon für zahlreiche Themen gezeigt, dass bestimmte Bedingungen eben auch bestimmte Regionen im Gehirn aktivieren.
Dazu eine Studie zum Thema Gewicht:
Frauen, die Bilder untergewichtiger, sogenannt normalgewichtiger und übergewichtiger Frauen sahen, sollten deren Gewicht schätzen. Frauen, die an Anorexie, genannt Magersucht, litten, zeigten keine Besonderheiten in der Einschätzung des Gewichtes, verglichen mit Frauen, die nicht an Anorexie litten.
Wurden die Frauen allerdings nach dem Empfinden gefragt, das sie verspüren, wenn sie sich vorstellen, dieser gezeigte Körper wäre der ihre, zeigten sich deutliche Unterschiede. Frauen, die selbst als normalgewichtig eingestuft waren, fühlten sich auch beim Anblick der gezeigten Norm am besten. Anorektische Frauen fühlten sich dort jedoch bereits schlecht, am besten fühlten sie sich beim Anblick der untergewichtigen Frauen. Soweit deren Selbstauskunft. Das war so auch zu erwarten.
Deren Gehirnaktivität allerdings zeigte etwas mehr: Dieses Wohlgefühl bildete sich auch im Nucleus accumbens ab, der mit den mit ihm verbundenen Hirnregionen für Glücksempfinden, Vergnügen, Belohnung, Motivation und Lernen steht. Leider ist er auch mit dem Erlernen von Sucht verknüpft.  Hier bildet sich die Energie dafür, etwas Angenehmes immer wieder zu tun. Wenn der Gedanke an Hunger zunehmend verknüpft wird mit dem Gedanken an Wohlbefinden und Belohnung, dann sind wir im Zustand des Hungerns nach Hunger.
Es scheint so zu sein, dass der Nucleus accumbens auch in unangenehmen Situationen aktiv wird. Wenn jemand auf etwas stößt, das er / sie nicht mag, dann wird im Nucleus accumbens die Motivation aktiviert, aus dieser Situation zu entkommen. Möglichst mit etwas, das Spaß macht.
Neurotransmitter spielen wie immer eine Rolle, besonders Dopamin, und endogene Opioide.
Eine Aktivierung dieser Gehirnregion führt zu Lernprozessen. Der Lernturbo für positive Dinge geht an und leider auch für Suchtverhalten.
Untergewicht und das damit grundsätzlich assoziierte Hungergefühl wird ungünstigenfalls mit Wohlgefühl verbunden. Irgendwann wird der Hunger nicht mehr gespürt. Nur noch das Wohlgefühl bei dem Vermeiden der Nahrungsaufnahme. Einmal gelernt, schleift sich die Verbindung immer weiter ein. Schlankheit denken, Hunger denken bringen also ein gutes Gefühl. Das möchte man wieder haben, der Vorgang verstärkt sich immer weiter.
Vielleicht können wir nun schon besser verstehen, was es den betroffenen Menschen so schwer macht, ihr Verhalten so zu ändern, dass sie ihren Organismus nicht länger schädigen!

Verstehen allerdings, das kriegen wir alle zusammen mit unserer Großhirnrinde hin, und es gibt die Verbindung: Hin und zurück, vom Denkapparat zu all den inneren Beteiligten bei selbst herbeigeführter Belohnung. Reden wir miteinander, Wissen hilft!

Eine gute Woche!

Sucht lass nach: Der Sehnsucht würdigend begegnen!

Nach Reinhold Bartl in einem Workshop für die Milton Erickson Gesellschaft im März 2021

Therapie und Beratung bedeutet, Menschen dabei zu unterstützen, die Informationen aus ihrem eigenen Leben zieldienlich aufzubereiten und zu bewerten. Für die hypnosystemische Sicht ist der Blickwinkel entscheidend, nämlich die Beziehungsgestaltungen zu untersuchen, in denen diese Menschen leben und sich organisieren. Dabei kann die Metapher helfen, sich eine Fußballarena vorzustellen, von der aus mit Abstand das Geschehen auf dem Feld betrachtet werden kann. Wir sitzen mit unseren Klienten auf der Tribüne und beobachten die Dynamik zwischen den beteiligten Menschen. Alle relevanten Angehörigen spielen z.B. mit, auch die physisch nicht (mehr) anwesenden.

Wir nehmen mit dieser Perspektive eine Haltung ein, mit der wir uns vom sogenannten Problem abtrennen und die Szenerie beobachten. Man könnte es nennen: Aus der Innenperspektive in die Außenperspektive gehen, denn dort erleben wir uns in der Regel kompetenter.
Wir können gut erkennen, dass wir mit unserem Symptom in einem bestimmten Kontext stehen, wir sind nicht das Symptom und wir haben auch keine Krankheit, sondern dieses Symptom erleben wir in bestimmten Situationen. Zum Beispiel können wir tags gut und erfolgreich arbeiten, abends dann zum Glas oder zur Tüte greifen, in einer Weise, mit der wir uns schädigen. Vielleicht wollen wir das bewusst nicht länger tun, aber es geschieht scheinbar unwillkürlich, dass wir es doch tun.
„Ich will ja auf hören, aber  e s  geht nicht!“ Hier haben wir also einen Konflikt zwischen intuitiver Gefühlswelt und bewusster Wollenwelt. Dies führt zu Leid und meist auch abwertender Haltung von außen. Im möglicherweise nachfolgenden Kater auch von innen.
Wir stellen fest: Wir sitzen zu dritt auf der Tribüne! Die Person, die will und die Person, die fühlt und die sich oft durchsetzt, sitzen neben der Therapeutin. Eine will aufhören, aus Vernunft, die andere fühlt sich wohl mit dem Glas in der Hand. Wir erleben einen Zielkonflikt.

Menschen sind sinnlich orientiert, sie suchen nach freudvollen und lustvollen Erlebnissen. Daran ist nichts falsch oder gestört. Und warum verzichten? Nun, spätestens dann, wenn wir merken, dass wir mit unserem Verhalten unsere Lebensgestaltung schädigen, zum Beispiel Geld verspielen, das wir benötigen, Gewicht zulegen, das uns krank macht, wird der Konflikt deutlich. Das alles macht uns noch lange nicht zu einem verantwortungslosen Menschen.
Das Leid in diesem Konflikt entsteht dann, wenn ein Verlust von Wahlfreiheit erlebt wird. Unter Umständen wird dies zunächst nur von außen an die Person herangetragen. Du sollst das nicht machen, Du sollst nicht wählen dürfen! Innen kann es sich anders anfühlen. Es kann sich nämlich genau wie Wahlfreiheit anfühlen, in dem Moment, in dem wir zur Zigarette greifen. Wir sollten als Therapeut_inn_en unbedingt danach fragen! Ist das so? Fragen, nicht zuschreiben!

Was wird gewählt? Und wozu?

Der Konsum von Giften, das Kaufverhalten oder das Glücksspielverhalten wird häufig selbstwertstärkend erlebt! Wir könnten denken: Das Suchtmittel verspricht es! Es ist ein guter Verkäufer! Es verkauft ein Lebensgefühl! Es geht nicht ums Mittel, es geht um das Versprechen.

Wieso erliegen wir diesem Versprechen? Manchmal handelt es sich um einen Lösungsversuch, sich herauszunehmen aus etwas, das nervt, anekelt, stört. Und dieser Lösungsversuch wird dann keinem Realitycheck unterworfen.

Die Schule mit ihrem Leistungsanspruch nervt, im Computerspiel kann ich mich als super leistungsstark und erfolgreich erleben. Wehe, es misslingt! Ich mach weiter, bis es gelingt. Realitycheck? Morgen früh bin ich wieder der Depp. Manche gehen nicht mehr hin, in diese Realität.

Zucker? Schoki? Für wenige Minuten fühlen wir uns richtig gut. Schnell und intensiv! Die Folgekosten bleiben verborgen. Erstmal. In dem Moment ganz gewiss!

Pornos? Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Männern, die ihr Dominanzstreben miteinander teilen. Mann ist unter sich – wir sind doch in Ordnung! Das Gemecker bleibt außen vor.

Überlege mal:

Was tust Du richtig, richtig gerne? Oder was hast Du schon mal richtig, richtig gern gemacht? Ist das schon seit langem so? Was ist so toll daran? Da ist die Sehnsucht, da will es hin gehen…

Gibt es massive Kritik von außen daran? Wenn Du dem nachgeben würdest, wie wäre das für Dich? Was verlörest Du, wie fühlte sich das an? 
Wenn Du lieber Deiner Leidenschaft weiter folgen möchtest, gleichzeitig aber weiter der womöglich massiven Kritik ausgesetzt wärest, was würdest Du mit Deiner Leidenschaft tun? Würdest Du sie sein lassen? Eher nicht, sehr wahrscheinlich suchst Du Dir Gleichgesinnte, eine Peer-Group, wo Du nicht andauernd angemotzt wirst oder hochgezogene Augenbrauen oder ein wissendes Grinsen erntest!

Den Kritiker_inne_n wirst Du ausweichen, schönfärben, vermeiden. Anstrengend, leider!

Dieses Sehnsuchtssystem von Verhalten und Verbergen kann auch von abwesenden Kritikern bevölkert sein, sogar von nur vorgestellten, oder den inneren Stimmen …

Wir Menschen haben eine strukturierte, disziplinierte und außenorientierte Seite, die uns befähigt, klarzukommen, nicht vor ein Auto zu laufen, obwohl wir doch über die Straße wollen. Wir haben auch die andere, die Seite nämlich, die Mühen scheut und Hindernisse doof findet. Diese Seite wird gern kritisiert. Soll so nicht sein. Und da lockt uns das Suchtmittel, schwenkt die Fahne, auf der steht: Von mir kriegst Du’s, das Vergnügen, schnell, verlässlich, unbedingt. Bei mir darfst Du Dich der Situation ganz hingeben, ohne an die Beschränkungen zu denken!

Dann denken wir, wenn wir süchtig entgleisen, wir seien süchtig nach dem Mittel. Es geht aber um die Wirkung. Es soll gut tun, es soll helfen. Dies soll nicht bedroht werden!

Manchmal übernimmt jemand anders komplett die strukturierte / strukturierende Seite, regelt alles. Und kritisiert. So wird eine Co-Abhängigkeit kreiert.

Da alles kann auch im inneren System geschehen: eine gegenseitige im Kampf verbundene Abhängigkeit, ein Tauziehen, bei der die situativ lustbringende Seite gewinnt. Und der Eindruck entsteht: E S  ist mir passiert.

Therapeutisches Vorgehen wird die Sehnsucht hinter der Sucht würdigen! Wer ließe sich freiwillig seine Sehnsucht nehmen? Die heißen wir willkommen! Slow Motion auf die erwünschte Wirkung, mit allen Sinnen! Wir holen die Sehnsucht ins Ich-Erleben, ins willentliche Gestalten. Nicht einfach, aber machbar!

Das Verhalten und seine Kosten können wir gemeinsam einem Check unterwerfen. Die Geschichte von Verhalten und Kritik daran können wir in der Arena betrachten. Wir können lernen, wie alles konstruktiv in Bezug zueinander gesetzt werden kann. Wir drei auf der Tribüne.

Eine gute Zeit bis zum nächsten Mal!