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Mandala-Selbsterfahrung

Zwischenstation Corona-Isolation…

Nicht schön das Ganze, aber darüber will ich nicht schreiben. Ich bin dankbar dafür, dass ich Stifte im Haus habe, Laptop und Internet und alles nötige Equipment.
Denn mich darauf zu besinnen, dass Malen mir hilft, war gut, und es dann auch umsetzen zu können, noch besser.

Wenn Du magst, lies meinen kurzen Bericht und überlege, ob Du Dich auch beim Mandala-Malen erfahren möchtest.

Da es beim Malen für die Klärung innerer Prozesse nicht um die Herstellung von Kunst geht, gibt es keine Vorgaben, was darf und was nicht, und ob dabei etwas Gutes herauskommt, wird nicht am Produkt gemessen.

Mandala in der Form, dass ein Kreis in vier Teile geteilt wird, dass links oben mit dem gestalterischen Füllen begonnen wird und im Uhrzeigersinn weiter vorgegangen wird, war die einzige Idee, mit der ich mich an den Tisch setzte.

Dann arbeitete ich zunächst am Laptop und wählte intuitiv vorgefertigte Bilder aus einer Software aus. Beim zweiten Bild war mein Thema klar: Die Infektion und ihre Folgen. Dass mich das nun beschäftigt, ist nicht verwunderlich. Interessant wurde es, als ich meine Gefühle deutlicher spürte und merkte, dass ich sie zum Teil abgespalten hatte.

Das Ergebnis druckte ich aus und legte meine diversen Stifte bereit.
Zorn kam im ersten Quadranten zu Tage, er floss in die Ölkreiden. Ich sehe nun auch Angst.
Schutzbedürfnis, Ruhebedürfnis, Absonderung, Stillstand im zweiten.
Im dritten Quadranten wurde das Thema bewusster: Was mich in die Heilung bringen könnte. Nicht nur der Angriff kam von außen, auch alles Heilsame muss ich nicht allein erschaffen.
Die Erkenntnis: Vorsorge ist nicht nur Vorratshaltung an Nahrung und Wasser. Vorsorge ist auch, in guten Zeiten und gesunden Tagen zu würdigen und zu pflegen, was mich hält und stärkt.
Beim Zeichnen habe ich viel Kindlichkeit in mir gespürt, das tat gut! Schon als Kind war das Füllen eines Blatt Papiers mit Farben und Formen eine gute Zeit mit mir selbst.

Der letzte Quadrant bildet noch eine eher vage Vorstellung ab, was denn sein wird, wenn ich die Zwischenstation verlassen werde. Dass meine Wahl auf einen Schmetterling fiel – offenbar ist da Sehnsucht nach Leichtigkeit, Buntheit, Verspieltheit in mir.

Der Heilung näher kommen, spüren, was ist, was werden soll

Du siehst, es kommt nicht auf Deine Talente an oder darauf, was andere davon halten! Dein innerer wertvoller Prozess , darauf kommt es an.

Na, Papier und Stifte im Haus? Digitales Werkzeug hast Du, da Du ja gerade hier vorbeischaust, also los!

Eine gute Zeit!

Traumbilder

In diesen Tagen, Wochen, Monaten, Jahren haben wir neben dem, was uns im persönlichen Leben beschäftigt und herausfordert, einiges zu bewältigen. Mich fordert es, dass neben der Klimakrise, der Pandemie, den Kriegen in der Welt, dem Leid durch Hunger und Gewalt nun auch der öffentliche Diskurs vielfach immer gnadenloser und aggressiver wird.

Nachts in meinen Träumen tauchen ungewöhnliche Szenarien auf, die meine Gestimmtheit zu alledem widerspiegeln. Mir hilft es, diese Träume zu Papier zu bringen, als Bild.

Meine Beispiele sind mit Wasserzeichen versehen!

Es tut mir gut, die Träume so in gewisser Weise neu vor mir zu sehen, vielleicht weiter zu bearbeiten, mit einem „Antwortbild“.

Manchmal wähle ich Stifte, manchmal Aquarellfarben, manchmal ein PC-Programm für die Darstellung meiner inneren Bilder. Manchmal male ich blind.

Wollen Sie das auch einmal versuchen? Vielleicht kommen Sie mit Ihren Stimmungen, vielleicht mit Ihrem Unbewussten in einen guten Kontakt, Sie werden neugierig auf Ihre Träume und merken, dass Sie weder Ihren Stimmungen, noch einer Beunruhigung im Schlaf ausgeliefert sind.

Sie könnten eine Mappe anlegen mit Ihren Bildern und ein Traumtagebuch führen.

Sie könnten Seiten an sich entdecken, die Sie vergessen haben oder noch nie wussten. Na, wie wäre das?

Eine gute Woche!

Was ich gehört habe (1): Pierre Stutz

Geh hinein in deine Kraft – Sieben Ermutigungen

Anhand von Film-Momenten zeigt der spirituelle Lehrer, wie Menschen zu ihren Wurzeln und zu neuer Stärke im Leben gefunden haben. Auf der Homepage von ihm mehr dazu! Hier eine Kurzfassung:

  1. Bleib bei dir, sammle dich!

Beim morgendlichen Aufstehen nicht zu denken: Was muss ich heute tun? Sondern: Woher nehme ich heute die Kraft für mein Tun? Bei sich ankommen, um noch entschiedener, leichter und konfliktfähiger mitten im Leben zu stehen. Kunst  k a n n  eine der Kraftquellen sein.

Gelingendes Tun hängt nie von dir allein ab! Und doch kannst du lernen, dich auf deine Ressourcen zu besinnen, bevor du ins Tun gehst. Es kommt auch auf dich an!

Stutz: Wie ist das bei Ihnen? Wenn ich am Computer was machen will und es soll ganz schnell gehen, dann macht der extra langsam! Der arbeitet nicht, bevor der nicht alles beisammenhat, was er zum Arbeiten braucht! Beispielhaft!

  1. Du bist mehr als deine Verletzungen

Du kannst zu dir befreit werden, abgrundtiefe schwere Erfahrungen können dazu gehören, du kannst heilen. Wenn du dich mit Ideen auseinander setzt, die Perspektive wechselst, etwas ganz anders machst, auch körperlich. Aus einem ganz anderen Blickwinkel auf deine Verwundungen schaust. Lass dich nicht darauf reduzieren, auch du bist zu einem anderen Leben berufen.

Stutz: Was hindert Sie, heute mal auf den Küchentisch zu steigen? Sie können ja Ihre Umgebung vorwarnen, dass Sie einem komischen Vortrag zugehört haben und das jetzt mal probieren wollen.

  • Erwache zum Träumen

Dom Hélder Câmara: Wenn einer alleine träumt, ist es nur in Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, beeinflusst es unsere Wirklichkeit. Eine neuer Horizont entsteht!

Film: Timbuktu, (als .avi im Netz, französische Untertitel, Quelle arte) Die Menschen dürfen nicht lachen, nicht singen, nicht Fußball spielen, so sagen die islamistischen Besatzer, alles Freudvolle ist verboten. Was aber machen Kinder, denen etwas Wertvolles genommen wird? Sie imaginieren ihre Wünsche und Träume. Die Kinder in diesem Film spielen Fußball. Mit einem imaginierten Ball (Min. 43.20ff im Film). Alle sehen ihn offenbar, sie spielen! Eine unglaubliche Szene! Die Besatzer sind dafür blind. Sie können nichts tun.

Sich nicht vereinnahmen lassen von fremdbestimmenden und lebensverneinenden Mustern. Aufbrechen. Kämpfen in Gewaltfreiheit. Angekommen bei sich selbst. In Würde zu sich finden.

  • Spiel dich ins Leben hinein

Sich zu krümmen vor Lachen und ein Kampf für die Menschenrechte sind keine Gegensätze – Charly Chaplins Filme bezeugen es. Lachen als Kraftquelle. Humor als Widerstandskraft.

Auch: Tanzen als Kraftquelle.

  • Am Widerstand wachsen und reifen

Entdecke was möglich ist. Suche Beispiele dafür! Orientiere dich dahin!

  • Du darfst scheitern

Dies nicht suchen, nicht verherrlichen, aber dem Leben begegnen mit dieser Erlaubnis.
S. Beckett: Immer versucht, immer gescheitert, wieder versucht, wieder gescheitert, egal, versuche wieder, scheitere besser! Aki Kaurismäkis Filme!

  • Sag Ja zu deinem Weg

Versöhne dich mit deinem Leben, staune, was sich entwickeln konnte! Auch im Alter kann es gelingen, besonders mit einem Gegenüber, das zuhören will. (Dieser letzte Satz ist für diejenigen, die sich für das Zuhören entscheiden möchten!)

Filmsequenzen auf der Homepage von Pierre Stutz, sehenswert!

Der Vortrag auf shop auditorium netzwerk , 50 min als download erhältlich für 17€, hörenswert!

Eine gute Woche!

Was ich lese (5) Die Kunst der Entfesselung

… vom Umgang mit lähmenden Beziehungsdefinitionen, Eberhard Stahl in Friedemann Schulz von Thun, Dagmar Kumbier (Hg.), Impulse für Kommunikation im Alltag, Reinbek bei Hamburg 2010

Hat Sie schon mal jemand verbal plattgemacht? Waren Sie mehr oder weniger nach außen sprachlos und haben Sie stattdessen noch tagelang innere Dialoge geführt?

Da ich das kenne, habe ich mir aus den obengenannten Kommunikationspsychologischen Miniaturen 3 der Reihe „impulse“ den passenden Aufsatz herausgesucht und mir dazu so meine Gedanken gemacht.

Beispiele aus dem Leben:
– Da könnte sich zum Beispiel in einem Meeting eine vorgesetzte Person dazu entscheiden, eine teilnehmende Person verbal anzugreifen: „Wie wir leider in den vergangenen Wochen feststellen mussten, hat Koll. X es bis heute nicht geschafft, die Aufgabe Y abzuschließen.“
X, obgleich überrumpelt, wehrt sich dagegen, ohne Vorgespräch vor versammelter Kolleg_innenschaft bloßgestellt zu werden. Aber leider, auch daraus wird X ein Strick gedreht, Kritik anzunehmen, läge wohl auch nicht in ihrer/seiner Kompetenz, und bei weiteren Versuchen seitens X, sich zur Wehr zu setzen, wird darauf hingewiesen, dass X nicht in der Position sei, Vorgesetzten die Kommunikation vorzuschreiben und im Übrigen habe man ja noch wichtige Themen auf der Agenda und alle hätten ja zu tun, also…

– Da springt fröhlich ein nicht angeleinter Hund an einem fremden Hosenbein hoch. Leider hat A noch mit einer Hundephobie zu tun. A bittet rückwärtsgehend die ausführende Person darum, den Hund zurückzunehmen und anzuleinen. „Der will nur spielen, da müssen Sie doch keine Angst haben!“ und bei dringlicheren Bitten: „Sie sind ja wohl auch so ein Hundehasser! Wie kann man nur so verbohrt sein!“ oder „Mein Hund braucht seinen Auslauf, Sie haben mir gar nichts zu sagen!“

– B äußert den Wunsch, C möge doch bitte Abstand zu ihm/ihr einhalten. C: „Trödeln Sie halt nicht so, Sie halten hier ja den ganzen Verkehr auf!“

Was stellen wir fest: X, A und B versuchen, ihre Integrität zu bewahren, ihren Raum zu verteidigen, aber es gelingt nicht. Stattdessen wird ihnen erklärt, dass sie falsch liegen, keine Ansprüche zu stellen haben und irgendwie eh nicht wichtig sind. Der Angriff geht nicht nur ans Hosenbein, er geht ans Selbstgefühl.

X, A und B werden zurechtgewiesen und damit wird eine Beziehung definiert:

– offen: Hier Vorgesetzte_r, dort Anweisungsempfänger_in

– verdeckt: Hier Vertreter_in der Norm, der Regeln, dort Abweichler_in

Was tun?

Die drei können nachgeben und es dabei bewenden lassen. X sagt nichts mehr dazu und macht Überstunden, um Aufgabe Y zu beenden. A zieht sich zitternd mit verdrecktem Hosenbein nach Hause zurück. B beeilt sich und verlässt fluchtartig die Szene. Sie haben die Beziehungsdefinition akzeptiert.

Die drei können so tun, als wäre nichts passiert, X ändert nichts an seinem Arbeits- und Kommunikationsverhalten und riskiert, dass sich die Situation wiederholt. A sagt nichts mehr und riskiert, dass Hund und Halter_in ihren Spaß an ihm haben, B beeilt sich zwar nicht, hält die zunehmende Nähe aber nur verärgert aus.

Aber Achtung: Fehlende Ablehnung wird als Zustimmung interpretiert!

Sie könnten sich entscheiden, dabei zu bleiben, dass sie dies so nicht akzeptieren wollen:
X nimmt nach dem Meeting schriftlich Stellung und/oder fordert nachdrücklich ein Gespräch über den Vorfall. A weist auf die Rechtslage hin und stellt Konsequenzen in Aussicht. B besteht auf seinem/ihrem Wunsch nach Abstand, mit Augenkontakt und Standfestigkeit.

Wie können die das hinkriegen?

Als erstes sollten die drei erkennen, dass hier jemand einseitig die Beziehung definiert hat, das hilft ihnen dabei, die eigene Reaktion zu reflektieren. Sie prüfen, ob sie das auch so sehen wollen. Sie kommen eventuell zu ihren eigenen Definitionen der Beziehung. Das kann ein guter Beginn sein.

Sie können sich für Metakommunikation entscheiden, zum Beispiel mit einer Einladung zur Partnerschaftlichkeit:
„Sie definieren Ihre Vorgesetztenrolle also so, dass Sie Mitarbeitende zu mehr Leistung anspornen, indem Sie sie anprangern. Ich sehe das anders. Ich wünsche mir von Ihnen als Vorgesetzte_r, dass Sie mit mir gemeinsam herausfinden, wo es bei Aufgabe Y hakt!“

Oder dem Hinweis, dass in der Welt unterschiedliche Werte und Bedürfnisse ihren Platz haben:„Sie möchten, dass Ihr Hund Freilauf hat. Ich möchte, dass ich mich frei bewegen kann. Ich zähle auf Ihr Verständnis!“

Oder mit dem Verweis auf die Möglichkeit der Ich-Botschaft, dem Hinweis auf übergreifende Normen:
„Sie möchten anscheinend das Tempo bestimmen. Wenn Sie eilig sind, bitten Sie mich doch einfach darum, beiseitezutreten oder Sie vorzulassen! Dann können wir friedlich und respektvoll miteinander bleiben!“

Jetzt sagen Sie vielleicht: Schön wär’s ja, wenn die drei das könnten, würden sie es ja so machen. Also: Was braucht es noch? Was macht es schwierig?

– Sollten es Befürchtungen sein, dass böse Konsequenzen drohen, die andere Person Macht ausnützt, trotz bedachter Wortwahl meint, angegriffen, ungerechtfertigt belehrt zu werden, oder gar Spaß an Eskalationen hat – dann gilt es wohl zu üben, immer wieder zu prüfen, ob solche Befürchtungen realistisch sind. Und wenn Ja: eine Kosten-Abwägung vorzunehmen. Was geschieht sehr wahrscheinlich, wenn ich mich in vergleichbaren Situationen wiederholt nicht konsequent zur Wehr setze? Was wiegt für mich schwerer?

– Wenn es überhöhte Ansprüche an die eigene Wehrhaftigkeit sind (das bekannte Phänomen, dass später / zuhause die genau richtigen Worte in den Sinn kommen): Sich Flapsigkeit erlauben lernen, nicht optimale Ergebnisse würdigen lernen. „Sonst noch was?“, „Was, wenn nicht?“, „Geht’s noch?“, „Falsch gedacht!“

– Wenn die Beziehungsdefinition lähmt, diese direkt zum Thema machen: „Wir stehen in Beziehung als Chef_in und Mitarbeiter_in. Wir haben dafür vertragliche Regelungen. Übergriffiges Verhalten ist in diesen Regelungen nicht enthalten!“ Oder „Wir stehen in Beziehung als gleichberechtigte Personen im öffentlichen Raum! Einseitiges Durchsetzen von Normen passt hier nicht!“

Und sollte die Beziehungsdefinition selbst der Kern des Problems sein – dann könnten wir sie zurückweisen!

Ein Beispiel aus dem Aufsatz: Eine berufstätige Frau ist gerade aufs Land gezogen. Ein schöner Sonntagnachmittag lässt sie die Entspannung auf der Terrasse genießen. Bis der Rasenmäher des Nachbarn losgeht. Sie fasst sich ein Herz und spricht den Nachbarn an, bittet um die Einhaltung der Sonntagsruhe. Nun erklärt ihr der Nachbar, dass sie als Neuankömmling keine Ahnung davon habe, wie „wir“ auf dem Land so zusammen klarkommen. Sie wird in eine Schieflage gebracht, als städtischer Störenfried ausgegrenzt. Wenn sie klarmacht, dass es hier nicht um Stadt-Land, eingesessen-zugezogen geht, sondern schlicht um die Einhaltung von Vorschriften, dann weist sie die Beziehungsschieflage zurück.

X kann die Deutung, zu empfindlich gegenüber Kritik zu sein, zurückweisen. Es geht hier schließlich um angemessenes Feedback. B kann die Deutung, das Problem läge in seinem Langsam-Sein zurückweisen, es geht um Respekt vor dem Raum anderer. A weist zurück, ein Hundehasser zu sein. Es geht um die Verantwortung des Halters, der Halterin.

Ach und übrigens: Wenn X anfängt, sich in dem Meeting zu rechtfertigen, dann hat X die Deutungshoheit und Beziehungsdefinition des Gegenübers akzeptiert… Das könnte Folgen haben für die Zukunft.

Wenn A mit deiner Hundephobie argumentiert – ebenso!
Wenn B erklärt, dass er gerade an einem körperlichen Gebrechen leidet – siehe oben!
Guter Weg?

In dem gelesenen Artikel geht es viiiel differenzierter und vielschichtiger zu, als ich es hier dargestellt habe – vielleicht haben Sie Appetit bekommen.

Eine gute Woche!

Was mich umtreibt (1)

Skulptur „Mitgefühl“ Heike Fischer-Nagel 2019, Foto © Ulrike Roderwald

Ich denke an meinen Ausbilder in Kognitiver Verhaltenstherapie, Harlich H. Stavemann, und daran, was eine Therapeutin mitzubringen habe – im Hinterkopf den Imperativ aller Heilkunst: „erstens nicht schaden, zweitens vorsichtig sein, drittens heilen“ (um das Jahr 50 der Arzt Scribonius Largus).

Was braucht es also meinerseits: (Stavemann)

  • Fachwissen und Kompetenz, die in der Therapiestunde dadurch wirksam werden, dass ich meine Interventionsschritte plausibel vermitteln kann und damit die Motivation der Hilfesuchenden stärke.
  • Empathie und Menschenkenntnis, die mir helfen, die Hilfesuchenden zu verstehen und Prognosen zu entwickeln, die therapeutische Beziehung tragfähig zu halten und eine gemeinsame therapeutische Strategie zu entwickeln.
  • Eigene Strukturiertheit und Kongruenz – nicht nur in der Therapieplanung, sondern in jeder Therapiestunde (O weh, das ist manchmal danebengegangen! Nicht jeder Satz wurde klar verständlich formuliert, hier ist lernen angesagt!)
  • Selbstvertrauen ohne Selbstwertschöpfung, das bedeutet unter anderem, nicht „verletzt“ zu reagieren, wenn die Hilfesuchenden Ablehnung zum Ausdruck bringen. (Ja, und dann gibt es noch den Gedanken: Was ist, wenn ich nicht helfen kann? Da sollte ich immer sehr genau hinschauen, dies nicht mit meinem Selbstwert zu verknüpfen, wenn ich den Anspruch erfüllen will!)
  • Reflektierte Persönlichkeit ohne Wahrheitsanspruch, denn Hilfesuchende und ich unterscheiden sich in dem, was wir an Werten und Lebensphilosophie entwickelt haben.
  • Geduld und Interesse, damit die Hilfesuchenden in ihrem inneren Gefüge von mir verstanden werden können und nicht von mir eigene Lösungswege vorschnell angeboten werden (Hier kann ich noch mehr Ruhe in den Prozess bringen, als ich es tue!) „Es dauert, so lange es dauert!“ (Stavemann)

Stavemann hat nicht nur Bücher zur Ausbildungsbegleitung geschrieben, sondern parallel dazu Bücher, die sich direkt an Klient_innen wenden, sie sind geeignet zur Therapiebegleitung, können aber auch der Selbsterfahrung und Selbsthilfe dienen. (Beispiel: Im Gefühlsdschungel, Emotionale Krisen verstehen und bewältigen, Weinheim 2018)

 Skulptur „Mitgefühl“ Heike Fischer-Nagel 2019, Foto © Ulrike Roderwald

Ja, es möge eine therapeutisch arbeitende Person sich selbst so gut kennen, dass die Klient_innen während des therapeutischen Prozesses nicht quasi hinterrücks in die Konflikte des Therapierenden hineingezogen werden!

Auch wenn dies gegeben ist: Es gibt auch für Therapierende schwierige Zeiten. Selbstzweifel gehören dazu, sich in Frage zu stellen über das alltägliche gesunde Maß hinaus, beunruhigende Träume, schwere Gedanken, auch Traurigkeit. Zum Menschsein von uns allen gehört es dazu, sich von Zeit zu Zeit selbst krisenhaft zu erleben.

Was kann so etwas auslösen? In meinem Fall ein Buch: Jutta Dittfurth, Ulrike Meinhof, die Biografie, Berlin 2007. Als Schülerin früh zur APO-Bewegung gefunden, durch Mitschüler, Bücher, eigene Gedanken und Emotionen zu der mangelnden Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, dem Mitmachen und Wegsehen, dem Verleugnen und Totschweigen, sind die Erinnerungen doch allmählich verblasst. Dittfurth beschreibt nun so minutiös diese Frau und diese Zeit, mit der Spießigkeit und der staatlichen Gewalt, mit der zunehmenden Zerrissenheit der Opposition, dass ich auf einmal wieder mittendrin bin. Mich herausarbeitend aus der Kindheit, mich finden und selbst definieren wollend wie alle Heranwachsenden – das ist auf einmal wieder da im inneren Erleben. Da gab es vieles, das mich geprägt hat. Nicht alles ist so integriert, dass es nicht noch den Weg in die Träume fände. Da irre ich wieder durch Häuser und Straßen und stehe wieder vor Polizisten-Ketten mit locker sitzenden Knüppeln. Kein Ausweg…

Skulptur „Mitgefühl“ Heike Fischer-Nagel 2019, Foto © Ulrike Roderwald

Was tun? Auch mir als therapierender Person können Gespräche helfen, mir im Dialog besser und tiefer auf die Spur zu kommen, als ich es alleine mit meinen Werkzeugen der Selbstreflexion kann. Es ist gut, einen weiteren Schritt in der Lebensbewältigung tun, es ist eine Aufgabe, bis zum Ende des Lebens, so sehe ich das. Dazu gehört, nicht darüber hinwegzusehen, wenn im Innern etwas brütet und nach oben will, nicht den Deckel darauf zu halten, sondern wahrzunehmen, zu forschen, zu erkennen, Schlüsse zu ziehen – Veränderung zu erleben.

Was noch? Schreiben. Zeichnen. Eine Art Tagebuch. Zeiten für die inneren Einkehr im Alltag bereit halten. Gedanken schweifen lassen ohne Denkverbote.

Was noch? Entspannen, natürlich. Musik hören, die das Unbewusste herausfordert. Ich gehe in meine Praxis und lege mich auf die Klangwoge, in tiefer Dankbarkeit, dass Menschen dies erfunden und gestaltet haben. (Caspar Harbeke und Silke Hausser, ALLTON OHG in Bad Zwesten)

Was noch? Lesen. Fachliteratur ist neben allem anderen auch Selbsterfahrung. Wie war das noch mit meinen Prägungen und Übertragungen? (Derzeitige Lektüre: Eva-Lotta Brakemeier, Angela Buchholz, Die Mauer überwinden, Wege aus der chronischen Depression, Weinheim 2013)

Was noch? Die Kunst. Jemand zeigte mir einen Katalog. Die Bilder haben mich tief berührt. Das Foto einer Skulptur sprach mich in meiner Existenz an.

Skulptur „Mitgefühl“ Heike Fischer-Nagel 2019, Foto © Ulrike Roderwald

Nein, ich werde es nicht zerfleddern in Worten, ich will behutsam bleiben. Kunst spricht zu meinem Unbewussten, sie hat ihre eigene Sprache.

Und weil das so ist, will ich die Künstlerin hier mit Fotos von ihrem Flyer würdigen:

Ich will mit Euch, mit Ihnen eine Erlebensmöglichkeit teilen, schaut hin, schauen Sie hin und horche, horchen Sie in sich hinein, lass Dich, lassen Sie sich berühren!

Es gibt dich

Dein Ort ist

wo Augen dich ansehen.

Wo Augen sich treffen

entstehst du.

Von einem Ruf gehalten,

Immer die gleiche Stimme,

es scheint nur eine zu geben

mit der alle rufen.

Du fielest,

Aber du fällst nicht.

Augen, fangen dich auf.

Es gibt dich,

weil Augen dich wollen,

dich ansehen und sagen,

dass es dich gibt.

Hilde Domin

Eine gute Zeit!

Was ich lese (4) Maja Storch, Gerhard Roth: Das schlechte Gewissen

  • Quälgeist oder Ressource? Neurobiologische Grundlagen und praktische Abhilfe, Hogrefe Verlag Bern 2021

Das schlechte Gewissen, in der Folge SG abgekürzt, dürfte den meisten Lesenden wohlbekannt sein. Da möchte uns jemand in der Mittagspause von seinen großen oder kleinen Alltagsproblemen erzählen – wir aber wollen den Kopf frei kriegen und um die vier Ecken joggen.

Da lebt jemand allein, fühlt sich einsam, will vorbeikommen – wir aber haben uns gerade nach etlichen Anstrengungen sehr auf einen Sonntag in Schlunzklamotten gefreut, an dem wir mal einfach nicht reden und nicht zuhören möchten.

Jemand will mit uns im Auto zu mitfahren – wir aber halten uns seit Monaten wegen Ansteckungsgefahren durch Corona sehr zurück und verzichten auf vieles, durchaus mit Verlustempfinden…

Ach ja, beinahe vergessen: Jemand möchte uns zum Weihnachtsessen einladen – wir möchten lieber nicht, wir haben eigene Vorstellungen, die uns wichtig sind.

SG ist womöglich dabei, wie immer wir entscheiden.  Mal, weil wir unseren eigenen Wünschen folgen, mal weil wir mal wieder nachgeben – denn auch uns selbst gegenüber können wir von einem SG gequält werden, wollten wir doch lernen, auch die eigenen Bedürfnisse zu würdigen.

Maja Storch kennt drei Optionen des Umgangs mit SG: es zum Schweigen zu bringen, es zu mildern und es als Leitlinie für eine Richtungsänderung zu erkennen. Diese drei Optionen beschreibt sie anschaulich und unterhaltsam im ersten Teil des Buches.

Sie beobachtete an sich selbst, dass es schwierig sein kann, allein durch Einsicht in die Sinnlosigkeit des quälenden Erlebens das SG zu besänftigen, daher tat sie sich mit Gerhard Roth zusammen, der im zweiten Teil die Psychologie und Neurobiologie des SG erläutert.

Wir erfahren etwas über die „Zutaten“ von SG:

  • eine Handlungsabsicht, auf der Grundlage von Bedürfnissen,
  • innere Normen, die damit in Konflikt stehen,
  • die Erwartung von Sanktionen bei Übertretung,
  • Abwägung von Gewinn und Sanktionen,
  • Stärke und Frequenz von Sanktionen
  • und die bisherigen Erfahrungen mit diesen Sanktionen.

Wie unsere Persönlichkeit sich entwickelt hat, das ist der Boden, auf dem die Zutaten zur Wirkung kommen. Roth erläutert knapp und anschaulich, wobei es sich bei der Epigenetik handelt, also den Einflüssen auf unsere Persönlichkeitsentwicklung, die zwischen Genetik und frühkindlicher Erfahrung stattfinden. Wir können ihm in die Ebenen des Gehirns folgen, die an unserer Entwicklung beteiligt sind, schon vorgeburtlich. Wir lesen, dass wir gewöhnlich erst im Alter von 20 Jahren (frühstens!) „halbwegs zur Vernunft gekommen sind“ und uns einigermaßen gesetzeskonform und normgerecht verhalten, und darüber, wie sich dies in unserem Gehirn abbildet.

Da es ja um unseren Quälgeist SG geht: Die kognitiv-sprachliche Ebene, so lesen wir, kann nicht so ohne weiters auf unser Verhalten einwirken. Was sich in unseren Hirnregionen unterhalb dieser Ebene abspielt, hat erheblichen Einfluss. Nach einem gut nachvollziehbaren Ausflug in die Welt der chemischen Botenstoffe im Gehirn (Stichworte Stressverarbeitung, Selbstberuhigungsfähigkeit, inneres Motivationssystem, Bindung, Impulshemmung und Risikowahrnehmung), lernen wir etwas über das Zusammenwirken der Systeme: Konfliktmöglichkeiten wo wir hinschauen, zwischen bewussten Zielen, zwischen unbewussten Motiven und bewussten Zielen, zwischen unterschiedlichen Motiven.

Jetzt wird es spannend:
Der Wunsch, Geborgenheit und Zugehörigkeit zu empfinden, kann uns auch schwächen, wenn er dominant geworden ist. Wir passen uns mehr an, als uns guttut.
Das Streben nach Einfluss und Kontrolle kann mit diesem Wunsch kollidieren. Die Furcht vor Machtverlust kann gewinnen. Dann erzählen wir uns womöglich etwas darüber, dass es leider gar nicht anders gehe, als uns so zu verhalten, wie wir entschieden haben zu tun.
Das Streben nach Leistung hat als Schattenseite die Angst vor Versagen im Gepäck. Es kann allerdings auch helfen, sich über Verbote und Gebote hinwegzusetzen, um Ziele zu erreichen!

Noch ein Konflikt: Mit etwas aufhören wollen (Rauchen), aber nicht können, weil die Gewohnheit so mächtig wirkt? Die als automatisch erlebte Verhaltensweise kann unterbrochen werden, am Anfang steht die Wahrnehmung und Beobachtung, die Veränderung des Kontextes hilft. (In der Mittagspause nicht in die Raucherecke zu gehen, was anderes zu machen ist hilfreicher, als auf die „Widerstandskraft“ zu bauen.)

Für all das gilt, auch im Zusammenhang mit SG: Wenn wir unsere inneren Konflikte lernen zu verstehen, können wir uns auf den Weg machen, wir können Neues einüben.

Im dritten Teil es Buches beschreibt uns Maja Storch, wie dies geschehen kann, und zwar an den Beispielen des ersten Teils. Das sehe ich als eine Stärke des Buches: Wir hatten Anregungen, unser SG zu beobachten, wir haben etwas darüber erfahren, warum es so hartnäckig sein kann, und nun lesen wir etwas über Wegweiser aus dem Dilemma.

Wie helfen wir unserem Gehirn, eine andere Stimmungslage zu erreichen? Das Stresserleben runterzufahren, das Beruhigungssystem hochzufahren? Dabei helfen ressourcenvolle Bilder!

Haben wir schon einmal beobachtet, wie ein kleiner oder großer Hund die Welt hinter sich lässt und „chillt“? Können wir diesem Zustand in unserem Körper einen Ort geben? Welche Symbole passen dazu? Das ist die Methode „Somatogramm“: Wir malen uns als Umrisswesen, wir verorten die ressourcenvollen Empfindungen in diesem Bild mit dem Einzeichnen von uns vertrauten und angenehmen Symbolen. Herzchen sind recht beliebt hierbei. Farben spielen eine Rolle.
Das Bild wird uns nun begleiten, wir nutzen es im Alltag, indem wir es anschauen, im Körper nachspüren, wieder und wieder abrufen, bis wir merken, es wurde Teil unseres inneren Systems.

Wir erfahren, dass wir unsere im Konflikt stehenden Affekte bilanzieren können: negative Affekte und positiv empfundene Affekte tauchen häufig nebeneinander auf, es hilft, sie auseinanderzuhalten, sie zu skalieren. Gern mit Säulen oder Thermometern, statt mit Zahlen. Dann können wir besser beurteilen, wie es uns genau geht mit den im Konflikt stehenden Handlungsmöglichkeiten (Besuch zulassen oder dem Ruhebedürfnis nachgeben?). Das hilft uns auch, „dritte“ Lösungen zu finden, vom Entweder-Oder wegzukommen!

Und zum krönenden Abschluss: Motto-Ziele! Mit bildhaften Formulierungen das Unbewusste anzusprechen, finde ich sehr vergnüglich. Unser Raucher in dem Buch hat folgendes Motto-Ziel gefunden: Ich inhaliere Leben!

Eine gute Zeit und grüßen sie Ihr SG von mir! Es darf sich mal einrollen und etwas ruhen 😉

Was ich lese (3) Dr. Gabor Maté, Unruhe im Kopf

Über die Entstehung und Heilung der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS, Narayana Verlag, 1. Auflage 2021, Originalausgabe 1999 SCATTERED MINDS Alfred A. Knopf, Canada

Ich zitiere aus An den Leser: „Unruhe im Kopf besteht aus 7 Teilen. In den ersten 4 werden die Merkmale der Aufmerksamkeitsdefizitstörung beschrieben und ihre Ursprünge erläutert, während in den letzten 3 der Heilungsprozess im Mittelpunkt steht. Teil 5 „Das ADHS-Kind und Heilung“ richtet sich nicht nur an Eltern, sondern auch an Erwachsene mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung, da er wichtige Informationen liefert, sich selbst verstehen zu lernen. In ähnlicher Weise können Eltern, die die Kapitel über Erwachsene mit ADHS lesen, vielleicht weitere Erkenntnisse über ihre ADHS-Kinder und über sich selbst erlangen.“

Ich zitiere einen großen Teil der Einleitung, da ich es wichtig finde, die Haltung von Dr. Maté zu kennen, mit der er dieses Buch geschrieben hat. Diese könnte wichtig sein für Deine, für Ihre Entscheidung, das Buch zu lesen oder nicht.
„Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung wird in der Regel von allen, die an schlechte Gene ‚glauben‘, als deren Ergebnis angesehen, und alle, die nicht daran glauben, sehen sie als Folge schlechter Erziehung. Die Aura der Verwirrung und sogar der Verbitterung, von der die öffentliche Debatte über diese Störung umgeben ist, steht einer vernünftigen Diskussion im Wege. Diese Diskussion sollte darüber geführt werden, wie sowohl die Umgebung als auch die Vererbung die Neurophysiologie von Kindern beeinträchtigen können, die in gestressten Familien, in einer zersplitterten und unter starkem Druck stehenden Gesellschaft sowie in einer Kultur aufwachsen, die zunehmend hektischer zu werden scheint.
Ich selbst leide an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Und auch bei meinen 3 Kindern wurde ADHS diagnostiziert. Ich glaube nicht, dass es hierbei um schlechte Gene oder schlechte Erziehung geht, sondern vielmehr um Gene und Erziehung. Die Neurowissenschaften haben nachgewiesen, dass das menschliche Gehirn nicht nur durch biologisches Erbgut programmiert wird, sondern dass die Schaltkreise im Gehirn auch dadurch geprägt werden, was nach der Geburt eines Kindes und sogar während der Zeit im Uterus geschieht. Die Gefühlszustände und die Lebensweise der Eltern üben einen starken Einfluss auf die Bildung der Gehirne ihrer Kinder aus, obwohl Eltern solche subtilen, unbewussten Einflüsse oft nicht kennen oder kontrollieren können. Die gute Nachricht ist, dass es in den Schaltkreisen des Gehirns eines Kindes und sogar eines Erwachsenen zu großen Veränderungen kommen kann, wenn die für eine positive Entwicklung erforderlichen Bedingungen geschaffen werden.“
Maté geht es hierbei nicht darum, Schuld zuzuweisen oder Fehler zu finden. Es geht ihm darum, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung genutzt werden kann, um die emotionale und kognitive Entwicklung der Kinder zu fördern. Auch Erwachsene mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung könnten Erkenntnisse finden, die ihnen dabei helfen, ein tieferes Verständnis ihrer selbst und des Weges zu ihrer eigenen Heilung zu entdecken. Nicht zuletzt auch Lehrenden soll dieses Buch das Verständnis dessen, wie es dem Kind geht und was es braucht, und darüber, was ein falsch verstandenes Krankheitsbild sein könnte, erleichtern. Grundlagen sind die neurowissenschaftliche Forschung, die Entwicklungsbiologie, die Familiensystemtheorie, die Genetik und Medizin. Hinzu kommen die Interpretation gesellschaftlicher und kultureller Trends, auch die Erfahrung von Doktor Maté selbst. Es befinden sich im Buch zahlreiche Fallbeispiele und im Anhang für weitere Informationen den Kapiteln zugeordnete Quellenangaben.

Zum Thema der Medikation rät Maté dringend zur differenzierten und individuellen Beurteilung. Grundsätzlich ist er der Meinung, dass man Kinder nicht dazu zwingen darf, Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, um für ihre Umgebung ein geringeres Problem aufgrund ihres Verhaltens darzustellen. In einigen Fällen erweist sich Medikation als hilfreich. Alle Beteiligten sollten wissen, was sie tun und immer wieder neu entscheiden, falls erforderlich. Das Kind selbst sollte entscheiden können. Medikation als einzige Intervention oder auch als erster Behandlungsansatz? Dieses lehnt Maté ab. Medikamente allein bewirken seiner Erfahrung nach keine langfristigen positiven Veränderungen. Selbst wenn sich Kinder bewusst für eine Medikamentengabe entschieden haben, kann es dazu kommen, dass ihr Selbstgefühl Schaden nimmt. Das Medikament sollte abgesetzt werden, wenn das Kind sinngemäß sagt Ich fühle mich nicht mehr als ich selbst. Die heimliche Botschaft der Medikation kann auch darin bestehen, dass das Kind den Eindruck mitnimmt, nicht von seinen Eltern akzeptiert zu werden, wie es nun einmal ist. Und dieses ist mit Angst besetzt.
Auch für Erwachsene gilt, dass beim Vorhandensein von Ängsten oder einer niedrigschwelligen Depression die Medikation durch Psychostimulanzien möglicherweise zu einer Verschlimmerung führt. Depression oder Ängste sollten mindestens gleichzeitig, besser aber zuerst behandelt haben.

Für alle Behandlung gilt: Zuallererst nicht schaden!

Eine gute Woche!

Was ich lese (2) Fritz B. Simon

Fritz B. Simon: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich – Zur Selbstorganisation der Verrücktheit. Bei Carl Auer erschienen, in der Reihe systemische Therapie. 1990. Ich beziehe mich auf die 14. Auflage von 2017.

Wer gerne mit dem systemischen Denken etwas vertrauter werden möchte oder einfach Spaß hat an spitzfindigen Denkübungen, ist hier richtig.

Es gibt einige Übungen zur Selbsterfahrung, durch die das Verstehen vertieft werden kann, wie wir alle manchmal mehr oder weniger verrückt denken. Das Buch ist anschaulich und spannend geschrieben, anregend und humorvoll.

Als Lesebeispiel gebe ich aus dem Kapitel 9, Verrücktes Fühlen, eine Übung und einige Gedanken dazu wieder, teilweise übernehme ich dabei Formulierungen des Autors aus den Seiten 172-177.

Das Kapitel beginnt mit einem Würfelspiel und wandelt die Frage Soll ich, soll ich nicht? Für oder wider? um in ein Für und/oder wider. Dieser Weg könnte in die Verwirrung, möglicherweise aber auch in eine deutlich klarere Entscheidung führen, als es die üblichen Plus-Minus-Listen leisten können. Es beginnt allerdings zunächst genauso.

Zweifel, ob es bleiben soll, wie es ist oder sich etwas ändern soll, und wie es sich im Verhalten dann auch abbilden sollte, damit dies geschehen kann, können schon bei einfachen Entscheidungen auftauchen. Will ich wirklich gesünder leben, möchte ich heute Brötchen oder Müsli frühstücken? Oder schwerwiegender: Möchte ich meine Partnerin, meinen Partner verlassen oder möchte ich bleiben? Möchte ich die Arbeitsstelle wechseln? Sie kennen bestimmt diese oder ähnliche Fragen! Möchte ich diesen Beitrag weiterlesen? Oder eher doch nicht?

Was es auch immer sei, suchen Sie sich ihr momentanes Thema und schreiben Sie zwei Spalten auf, Für – Wider. Darunter jeweils die Zahlen 1-6. Finden Sie für jede dieser Kolonnen 6 gute Gründe und schreiben Sie sich ein Stichwort dazu auf, das diesen Grund für Sie symbolisiert. So weit, so bekannt.

Heute Müsli zum Frühstück?

Für                       Wider

1. gesund            1. aufwändig

2. sättigend        2. Marmelade schmeckt mir!

3. …                      usw.

Nun kommt etwas, das Sie vielleicht noch nicht kennen: Nehmen Sie sich 2 verschiedenfarbige Würfel. Vielleicht haben Sie einen weißen und einen schwarzen im Haus oder welche Farbe auch immer? Sie sollten sich aber unterscheiden, und wenn es in der Größe ist, und es sollten 6-er Würfel sein. (Kreative Varianten können Sie ja später noch probieren!)

Ich nehme jetzt weiß und schwarz und gebe Ihnen folgende Anweisungen: Mit dem weißen Würfel entscheiden Sie, welches der FÜR Argumente, und mit dem schwarzen, welches der WIDER Argumente Sie sich in jetzt den Sinn kommen lassen. Das heißt, Sie richten nach der Würfelentscheidung jeweils aktuell ihre Aufmerksamkeit auf genau diese Stichpunkte. Achten Sie bitte darauf, wie Sie sich fühlen, wenn Sie die gewürfelten Argumente bedenken!
Wieviel Zeit Sie sich zwischen den einzelnen Würfelaktionen lassen wollen, steht Ihnen frei. Sie sollten aber zu registrieren versuchen, ob sich bei den verschiedenen Spielvarianten unterschiedliche zeitliche Muster ergeben.

Spielvariante 1: Sie würfeln mit beiden Würfeln gleichzeitig und versuchen dementsprechend, beide Argumente gleichzeitig zur Grundlage Ihrer Entscheidung zu machen. Machen sie dies 12 mal hintereinander. Wenn es sich nur um Tee oder Kaffee, Müsli oder lieber nicht, also z.B. Brötchen handelt, versuchen Sie, sich Ihrer Entscheidung entsprechend zu verhalten. Na, das kann spannend werden! Wenn es sich um eine größere Entscheidung handelt, zum Beispiel um den Wechsel der Arbeitsstelle, dann versuchen Sie, sich Ihr passendes Verhalten ganz genau vorzustellen!

Spielvariante 2: Sie würfeln zunächst 12 mal mit dem weißen, dann 12 mal mit dem schwarzen. Verfahren Sie mit Ihrer Gefühlswahrnehmung und Ihrem Verhalten wie in Spielvariante 1.

Spielvariante 3: Würfeln Sie insgesamt wiederum 24 mal, jetzt aber immer abwechselnd mal mit dem weißen, mal mit dem schwarzen. Verfahren Sie damit wie ein Spielvariante 1.

Spielvariante 4: Sie entscheiden sich, das Würfeln zu lassen.

Denken Sie sich selbst weitere Spielvarianten aus!

Sind sie nun verwirrt? Sehen Sie klarer? Tendieren Sie zu sowohl-als-auch oder zu weder-noch? Beim Müsli und in der Beantwortung dieser Frage?

Haben Sie etwas völlig anderes entdeckt? Die Gleichzeitigkeit widerstreitender Tendenzen ist Ihnen bewusster geworden? Ambivalenz kennen wir alle. Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust! (Faust). Und dies ist unter Umständen ziemlich dramatisch, wenn beide Seelen scheinbar gleich stark sind. Oder gibt es in der Wohngemeinschaft Ihrer Gedankenwelt einen Hauptmieter? Der sich da immer durchsetzt?

Es könnte sein, dass Sie sich jetzt innere Bilder entwerfen, zum Beispiel von zwei Pferden, die vor einen Wagen gespannt sind und jedes Pferd möchte woanders hin. Ambivalenz ist etwas Alltägliches. Manche quälen sich damit sehr herum, Soll ich, soll ich nicht meinen Freund verlassen? Soll ich, soll ich nicht jetzt sofort einen Urlaub buchen, egal was passiert? Wie unterscheidet sich so eine Ambivalenz von einem komplett verrückten Zustand? Manche nennen diesen Psychose.

In der „normalen“ Ambivalenz haben wir es mindestens mit 3 Hauptdarstellern zu tun: Den beiden Bewohnern in der Brust und mit derjenigen/demjenigen, die/der behauptet, sie/er sei die Brust. Wer beobachtet diese beiden widersprüchlichen Charaktere, mit kritischem Blick und Abstand aus einer Außenperspektive? Wer ist weder die eine noch die andere, wer identifiziert sich nicht mit diesem Gefühl und diesem Gedankengebäude? Wer folgt dann auch nicht spontan den gegensätzlichen, mit seinen Gefühlen verbundenen Handlungsimpulsen?

Jemand beißt abwechselnd ins Brötchen und nimmt einen Löffel Müsli. Hin und hergerissen lässt er den Konflikt zu. Und schließlich, irgendwann, wird er doch Partei für das eine oder das andere ergreifen. Spätestens dann, wenn äußere Ereignisse es nicht länger zulassen, einer Entscheidung auszuweichen. (Auf eine Nussschale gebissen, Mist, Zahn abgebrochen… Essen einstellen?)

Vielleicht entsteht durch diese Ambivalenz auch kreativ etwas Neues. Etwas, das die Widersprüche versöhnen könnte. Vielleicht entsteht etwas vollkommen anderes, das diese Widersprüche vollkommen unwichtig erscheinen lässt. (Wollen Sie wirklich Ihr Müsli mit Marmelade essen?)

Wer sich darin üben möchte, diese_n Beobachter_in  zu bitten, solche Würfelübung gedanklich durchzuführen, könnte feststellen. Dass er/sie weniger als früher Ich weiß auch nicht… denkt. Und dabei zunächst eine gewisse Gefühlsverwirrung erlebt. Vielleicht tatsächlich kreativer wird, sich kompetenter erlebt.  

Geschieht dies nicht, kann es sein, dass jemand mit dem Löffel vor dem Mund das Müsli stehen lässt. Hungrig bleibt.
Wer sich entscheidet, andauernd zu wechseln, könnte von sich den Eindruck haben, sie oder er sei gar nicht ambivalent. Im jeweiligen Moment ist sie/ist er ja doch widerspruchsfrei! Wer so handelt, geht womöglich davon aus, sie/er sei entschlossen. Und bemerkt gar nicht, dass sie/er springt. Das macht es gelegentlich schwierig für diejenigen, die davon betroffen sind. Sich selbst eingeschlossen.
Wer hingegen zwei Gefühle und Gedankengebäude gleichzeitig leben möchte, wird in eine ziemliche Schwingung geraten. Zorn und Zärtlichkeit, Zufriedenheit und Bedauern.
Wer im weder-noch gefangen ist, erscheint der Beobachterin wie in einem Totstellreflex erstarrt. Keine Bereitschaft ist zu erkennen, etwas zu tun, kein Wunsch. Bleib mal liegen! Schlaf noch ein bisschen! Wie es da drinnen aussieht, geht niemanden etwas an! So jemand erscheint irgendwie jenseits von Gut und Böse. Anders ausgedrückt weder Fisch noch Fleisch.

Ich wünsche uns allen, dass wir solche Zustände nur gelegentlich erleben. Dass wir nicht dabei verharren. Dass die dritte Instanz, die Beobachterin, uns rauszufinden hilft. Sie kann mit sich verhandeln und mit den Instanzen in der Brust verhandeln.

Der Beobachter, die Beobachterin wird von manchen als ICH bezeichnet. Oder auch als eine der Instanzen im großen inneren Team. Und das ICH ist auch noch da.

Eine schöne Woche!

Was ich lese (1) Johann Hari

Moin zusammen! Meine Blog-Pause habe ich hiermit beendet. Ich werde wieder von Zeit zu Zeit etwas schreiben, allerdings nicht mehr mit der bisherigen Regelmäßigkeit. In der nächsten Zeit werde ich Einblicke in meinen Lesestoff geben. Das können Neuerscheinungen sein, von mir neu Entdecktes, obwohl schon länger auf dem Markt oder aus dem Regal Genommenes, weil es mir wieder einfiel.

Heute beginne ich mit Hari, Johann: Der Welt nicht mehr verbunden: Die wahren Ursachen von Depressionen – und unerwartete Lösungen (German Edition), HarperCollins. Kindle-Version.  
Copyright © 2017 by Johann Hari, Originaltitel: »Lost Connections: Uncovering the Real Causes of Depression – and the Unexpected Solutions.« erschienen bei: Bloomsbury, London

Johann Hari ist ein britischer Journalist, Schriftsteller, Kolumnist und Podcaster. Ein Wissenschaftler ist er nicht, das ist seinem Buch anzumerken. Auch tut er in seinem Text so, als verkünde er völlig neue Erkenntnisse zum Thema Depressionen und zur Fragwürdigkeit von medikamentöser Behandlung, und er erweckt den Eindruck, die Kritiker dessen fristeten allesamt ein Nischendasein. Das stimmt so nun nicht. Und dennoch: Es lohnt sich für mich zu lesen, weil hier ein Betroffener mit sehr starkem Engagement geschrieben hat und weil er Ursachen und Veränderungsmöglichkeiten von Depressionen mit einem sehr persönlichen Scheinwerfer beleuchtet.

Einige Zitate:

„Ich war achtzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal Antidepressiva schluckte. Ich stand im matten englischen Sonnenlicht vor einer Apotheke in einem Londoner Einkaufszentrum. Die Tablette war klein und weiß, und als ich sie einnahm, fühlte es sich an wie ein chemischer Kuss. Am Vormittag hatte ich meinen Arzt aufgesucht. Es falle mir schwer, erklärte ich ihm, mich an einen Tag zu erinnern, an dem ich nicht geheult hätte wie ein Schlosshund. Seit ich ein kleines Kind war – in der Schule, im Studium, zu Hause, bei Freunden –, musste ich mich oft zurückziehen, mich irgendwo einschließen und weinen. Das waren nicht nur ein paar Tränen. Es war ein regelrechtes Schluchzen.“ (S.9 Kindle-Version)

„Ich wusste, was Depressionen sind. Sie kamen in Fernsehserien vor, und ich hatte Bücher darüber gelesen. Meine eigene Mutter hatte ich von Depressionen und Ängsten reden hören und beobachtet, wie sie Pillen dagegen schluckte.“ (ebda. S.11)
„Als ich an jenem Vormittag meinen Arzt aufsuchte, wurde mir rasch klar, dass er mit alldem ebenfalls vertraut war. In seinem kleinen Sprechzimmer erklärte er mir geduldig, warum ich mich so fühlte. Es gebe Menschen, in deren Gehirn von Natur aus ein Mangel an einer Chemikalie namens Serotonin herrsche, sagte er, und dadurch würden Depressionen verursacht – diese seltsame, hartnäckige Fehlzündung, die man Unglück nennt und die nicht weichen will. Glücklicherweise gab es, gerade rechtzeitig für meinen Start ins Erwachsenenleben, eine neue Generation von Medikamenten – Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs, selective Serotonin Reuptake Inhibitors) –, die den Serotoninspiegel auf das Niveau eines normalen Menschen heben. Eine Depression ist eine Krankheit des Gehirns, sagte er, und das ist die Kur. Er holte die Abbildung eines Gehirns hervor und sprach mit mir darüber.“ (ebda. S.11-12)
„Ein paar Wochen später ging ich an die Uni. Mit meiner neuen chemischen Rüstung hatte ich keine Angst. Dort wurde ich zum Wanderprediger für Antidepressiva. Wenn Freunde traurig waren, bot ich ihnen an, eine meiner Pillen auszuprobieren, und riet ihnen, sich beim Arzt welche zu besorgen. Ich gelangte zu der Überzeugung, dass ich nicht nur meine Depression abgelegt, sondern in einen noch besseren Zustand aufgestiegen war – ich nannte das »Antidepression«. Ich war, so sagte ich mir, ungewöhnlich belastbar und energiegeladen. Zwar machten sich einige körperliche Nebenwirkungen des Medikaments bemerkbar – ich nahm stark zu und bekam unverhofft Schweißausbrüche –, aber das war ein geringer Preis dafür, dass ich die Menschen in meiner Umgebung nicht mehr mit Traurigkeit überschwemmte. Und – siehe da! – ich konnte jetzt alles schaffen.“ (ebda. S.13).

Nach einiger Zeit habe er von seinem Arzt höhere Dosen bekommen, da die Traurigkeit wiederkehrte. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr sei das so weiter gegangen. Sein parallel behandelnder Therapeut teilte ihm seinen Eindruck mit, dass die Depression weiter bestehe. Hari hatte Angst, sich von den Medikamenten zu verabschieden, aber begann nun auch Fragen zu stellen. Eine davon war: Warum gibt es so viele Menschen in seinem Umfeld, die Pillen gegen psychisches Unwohlsein schlucken? Warum leiden so viele und woran?

Er machte sich auf eine Reise, besuchte Forschende, Therapeut_innen und Menschen, die einen anderen Lebensweg mit ihrer Depression gefunden haben. Den Abschnitt darüber, wie die Pharmafirmen tricksen und täuschen, um ihre Produkte zu verkaufen, überspringe ich hier und gehe gleich dazu, was Hari für sich als Ursachen und als Lösungen benennt.

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Ursache eins: Abgeschnitten von sinnvoller Arbeit

Ursache zwei: Abgeschnitten von den Mitmenschen

Ursache drei: Abgeschnitten von sinnvollen Werten

Ursache vier: Abgeschnitten vom Kindheitstrauma

Ursache fünf: Abgeschnitten von gesellschaftlicher Stellung und Ansehen

Ursache sechs: Abgeschnitten von der Natur

Ursache sieben: Abgeschnitten von einer hoffnungsvollen oder sicheren Zukunft

Ja, das leuchtet doch unmittelbar ein, oder? Dass es familiäre, soziale, ökonomische Hintergründe sind, die das Entstehen eine Depression begünstigen. Und sollte es eine genetische oder vorgeburtliche Disposition geben, die dabei eine wichtige Rolle spielt – woran denn könnte Veränderung ansetzen?

Doch nur an den Lebensverhältnissen, oder?

Dazu schreibt Hari sein Drittes Kapitel:

„Wenn die notwendigen Veränderungen groß erscheinen, so heißt das nur, dass es sich um ein großes Problem handelt. Und ein großes Problem ist nicht notwendigerweise unlösbar.“ (ebda. S.218)

Wiederverbundensein – eine andere Art von Antidepressiva

Er beschreibt, wie einem Mann von einer Dorfgemeinschaft in Kambodscha geholfen wird, nach einer schweren Verwundung durch eine Landmine eine Arbeit zu finden, die er zu seiner eigenen Zufriedenheit ausüben kann.

Er beschreibt Lösungswege anderer Art:

Ausweg eins: Gemeinschaft mit anderen Menschen

Ausweg zwei: Social Prescribing (=soziale Verschreibung)

Ausweg drei: Sinnvolle Arbeit (Hier merkt er an, dass es natürlich unangenehme und wenig erfüllende Arbeiten gebe, die allerdings notwendig sind für das gesellschaftliche Leben. Dass es aber sehr auf die Arbeitsverhältnisse ankomme, ob nämlich ein Mensch dort Einfluss nehmen kann und sich als Person einbringen kann.)

Ausweg vier: Sinnvolle Werte

Ausweg fünf: Mitfühlende Freude und die Überwindung der Selbstsucht

Ausweg sechs: Das Kindheitstrauma annehmen und überwinden

Ausweg sieben: Wiederherstellung der Zukunft

Aus seinem Fazit: „Das ist der Hauptpunkt, den ich meinem jüngeren Ich erklären möchte. Du wirst dieses Problem nicht allein lösen können. Es ist kein Defekt in dir. Um dich herum herrscht überall ein Hunger nach Veränderung, er lauert direkt unter der Oberfläche. Schau dir die Leute an, die dir in der U-Bahn gegenübersitzen, während du das hier liest. Viele von ihnen leiden an Depressionen und Ängsten. Noch viele weitere sind ohne Not unglücklich und fühlen sich in der Welt, die wir geschaffen haben, verloren. Wenn du am Boden bist und in der Isolation verharrst, wirst du wahrscheinlich depressiv und ängstlich bleiben. Wenn du dich aber mit anderen zusammentust, dann kannst du deine Umwelt verändern.“ (ebda. S.349-350)

Habe ich mit meinem Beitrag Interesse, Zustimmung oder Widerspruch geweckt? Schreiben Sie mir gern an info@heilpraxis-psychotherapie-roderwald.de!

Eine gute Zeit!

Eine kleine Übung

Wie Immer: Wenn Du es machen möchtest, gib Dir Zeit dafür. Und den geeigneten Raum. Es ist meistens ohne spürbare Wirkung, wenn Du versuchst, es nebenbei durchzuführen!

Und: Wenn Du keinen Zugang dazu findest, dass es wirkt, vertrau einfach darauf, dass etwas auf einer tieferen Ebene stattfindet.

Und: Solltest Du die Übung als wenig angenehm empfinden, hör damit auf! Es liegt kein Sinn darin, dass Du Dich anstrengst, überforderst oder selbst nervst! Mach dann was anderes, etwas, das Du gern tust.

Wisse: Wenn die Übung Dich entspannt, wird nach einiger Zeit wahrscheinlich auch wieder etwas Anspannung auftauchen. Das ist gesund. Wie eine Welle kann Anspannung und Spannung sich rhythmisch abwechseln. Beobachte einfach, fühle einfach, was passiert.

Erstens. Du sitzt so, wie es für Dich bequem ist. Du spürst Deine Füße, Deine Sitzhöcker. Und alles, wo Dein Körper aufliegt und Kontakt hat.

Zweitens. Du schließt die Augen oder Du schaust vor Dich hin, ohne dabei irgendetwas zu fixieren.

Drittens. Du folgst mir deiner Aufmerksamkeit Deinem Atem, lass ihn fließen, wie er es mag.

Viertens. Nun mach kleine Bewegungen mit deinem Unterkiefer, so, als wolltest Du etwas Kleines kauen. Etwas, das Du langsam genießen möchtest. Schau, ob Du lieber leicht geöffnete oder geschlossene Lippen dabei hast. Bleibe eine Weile dabei. Sei neugierig, sei spielerisch. Beobachte einfach, was geschieht. Beobachten ohne zu bewerten. Möglicherweise bemerkst Du veränderten Speichelfluss. Beobachte innere Bilder, die auftauchen. Bewerte nicht. Nimm einfach wahr. Lass sie ziehen. Und was ist im Körper?

Fünftens. Tauch aus dieser Übung wieder auf, indem Du mit der Bewegung langsam aufhörst. Kehre zurück zur Beobachtung deines Atems. Kehre zurück zu der Wahrnehmung Deiner Augen. Lass sie langsam wieder wacher werden. Schau um Dich, orientiere Dich im Raum. Achte auf Geräusche. Achte auf die Temperatur. Und achte auf alles, was Du wahrnehmen kannst, sei neugierig.

Eine gute Woche!