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Über ulroder_am

Sonderpädagogin und Heilpraktikerin, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, Hamburg und Ammersbek

Wozu ist die Klangwoge gut? Eine Antwort und eine Übung

Zum Beispiel hilft sie bei der Ressourcenfindung. Also bei dem, was Körper und Geist stärkt und unterstützt. Das, wobei wir uns auf uns verlassen können, was wir an uns mögen und schätzen.

Zu Beginn einer Therapie oder Beratung fällt es den meisten, die zu mir kommen, schwer, sich ihrer eigenen Ressourcen bewusst zu sein. Manche sagten sogar, so etwas hätten sie gar nicht.
Einfacher ist es oft, äußere Hilfen zu herauszufinden, Aktivitäten oder auch Genüsse, die gut tun und die dafür nützlich sein könnten, die eigenen Ziele zu erreichen und sich wieder wohler in der eigenen Haut zu fühlen.

Allein – das Wissen darum genügt oftmals nicht, diese Hilfen auch für sich zu nutzen. Wann war der letzte Spaziergang, das letzte genüssliche Bad oder der letzte Besuch einer Sauna? Haben wir, als der Impuls, zum Sport zu gehen oder zum Yoga, diesem „nachgegeben“, oder war wieder irgendwas anderes wichtiger?
Wieviel können wir uns gönnen, wenn es doch so viel zu tun gibt?

Und wie oft haben wir stattdessen lieber Ablenkung gesucht, wenn wir erschöpft waren?

Die Liege hilft, den Körper auf angenehme Weise zu spüren, wir schweben auf leichten Vibrationen mit der Musik und können eine Reise durch unseren Körper unternehmen. Wir bemerken: Es gibt diese Stellen, die fühlen sich gut an! Wir hatten seit Tagen vielleicht nur noch den verspannten Nacken im Bewusstsein.

Wir bemerken, es gibt da auch Stellen, die schreien Alarm, sie benötigen mehr Beachtung. Das Knie sagt, hey, du könntest freundlicher mit mir umgehen! Mach das nächste Mal öfter Pause bei der Gartenarbeit! Die Narben des Lebens sagen, hey du könntest mich mal weniger ignorieren, eine Ölmassage ist gut für Dich und für mich, diesen verdrängten Teil von Dir! Der Bauch könnte sagen: Hier so entspannt zu liegen, das tut mir wohl! Das Herz könnte sagen, hey lass mich auch mal wehmütig sein, es gehört doch zum Leben dazu!

Und wenn wir so merken, wie es ist, den ganzen Körper in dieser Weise zu bewohnen, uns selbst zu bewohnen, dann können wir uns auch hineinträumen in die Dinge, die wir vergessen hatten: Mal wieder einen Besuch machen oder einladen, wie wäre das? Ein Bild malen, ein Konzert hören, Tagebuch schreiben… Was brauche ich aktuell gerade? Wie kann ich es mir verschaffen?

Was kann ich doch alles, bei allem, was vielleicht zurzeit schwerfällt! Mein Kopf zum Beispiel hat dafür gesorgt, dass meine Beine mich hierher getragen haben, wo ich Veränderung finden kann, hin zu dem gewünschten Erleben, zu Lebendigkeit, zu Präsenz im Hier und Jetzt.

Wir können erkennen: Das Ergebnis unserer Ressourcenfindung ist gar nicht so mager, wie wir es uns weismachen wollten. Vielleicht braucht es Zeit, das alles wieder zu leben, was in uns steckt und wovon wir dachten, wir hätten es verloren.

Das soll die Liege machen? Nein, das wäre ja Mumpitz zu behaupten! Sie ist nur ein Ort, wo solches leichter passieren kann als an einem Ort, an dem wir für gewöhnlich arbeiten, fernsehen, ein Bier trinken oder auf den Laptop starren.
Auch bei mir in der Praxis mag es einen Unterschied machen, ob Sie mit dem verspanntem Rücken, der Sie seit Tagen quält, mir gegenüber sitzen, angestrengt, bemüht um die „richtige“ Antwort, oder ob Sie sich entspannt hinlegen und bemerken, es geht nicht um Richtig oder Falsch, es geht ums Hin-Spüren.
Ein Unterschied, ob Du mir mit Deiner verborgenen Scham gegenüber sitzt, die Dich ebenso quält und die ich nicht gleich sehen soll – oder ob Du, ganz bei Dir, bequem liegst, sanft schwebend den Blick schweifen lässt und dann die Augen schließt.

Manche meiner therapeutischen Vorschläge werde ich nicht machen, so lange Sie sich Ihrer Ressourcen nicht bewusst sind, solange Du Dir deiner Ressourcen nicht bewusst bist und solange sie nicht gesichert zur Verfügung stehen. Du brauchst die stärkenden inneren Bilder, zum Beispiel die eines inneren sicheren Ortes! Das gilt vor allem für EMDR, aber nicht nur. Es ist eine ganz andere Geschichte, sich schlimmen Erinnerungen oder auch Befürchtungen zu stellen, wenn wir um diese unterstützenden Bilder wissen, als wenn wir uns dem Beängstigenden ungeschützt aussetzen.

Es geschieht eine Musterunterbrechung, wenn wir auf der Liege den Körper wahrnehmen und ihm Zuwendung geben durch Achtsames Hin-Spüren und dem Atem folgen.

Manche Menschen haben es schwer, im Gespräch auf Fragen zu ihrem Befinden zu antworten, so Aug in Aug mit der fragenden Person. Schwupp, Blockade, ich kann gar nicht antworten! Es soll schon vorgekommen sein, dass jemand gar nicht sprechen mochte. Es könnte dieser Person geholfen haben, in angenehmer Position achtsam zunächst auf sich zu schauen, bevor sie in Erzählen kommt.

Es lohnt sich, es auszuprobieren!

Aber da wahrscheinlich gerade keine Klangwoge dort ist, wo Sie sind, wo Du bist, soll es doch zumindest eine kleine Übung geben:
Dem Körper zuhören als Hilfe zur Selbstregulation (erstmal aufmerksam lesen, dann ausführen, wird nicht alles gleich erinnert während der Übung, macht das nichts, es gibt ja ein weiteres Mal!)

  1. Im Sitzen, Liegen oder Stehen (letzteres ist nur kurz möglich) spüren aller Teile, die Kontakt mit der Unterlage oder dem Boden haben. Das eigene Gewicht wahrnehmen. Freundlich, so ist es.
  2. Dem Atem freundlich folgen.
  3. Den Körper scannen, von unten nach oben oder von oben nach unten, ganz nach Geschmack, ohne Bewertung, nur wahrnehmen. Temperaturunterschiede? Unterschiedliche Anspannung? Nur wahrnehmen.
  4. Umfahren der gesamten Außenhaut mit der Aufmerksamkeit. Ein Bild des eigenen Umrisses entstehen lassen, alles ist in Ordnung, was auftaucht.
  5. Nach innen wandern, als könnten die tief in den Augenhöhlen liegenden Augäpfel nach innen schauen. Wo erwacht die Aufmerksamkeit? Verweilen, Unterschiede bemerken, weiterwandern.
  6. Taucht ein Gefühl auf, es ist in Ordnung, es darf sein.
  7. Taucht ein Gedanke auf, es ist in Ordnung, er darf sein.
  8. Vergewisserung: Ich bin mehr als dieser Gedanke. Ich bin mehr als dieses Gefühl. Da ist ganz viel von „noch mehr“ in mir!
  9. Begrüßung dieser Erkenntnis, Würdigung dieser kleinen Reise.
  10. Dem Atem folgend langsam die Umwelt wieder wahrnehmen, auftauchen.
  11. Womöglich Erfrischung spüren.

Eine gute Woche!

Psychisch aus der Spur – und kein Therapieplatz über die Krankenkasse?

Immer wieder erreichen mich Anrufe von Menschen, die nach Hilfe suchen, weil es ihnen psychisch schlecht geht und sie festgestellt haben, dass sie mit ihren bisherigen Mitteln zur Bewältigung nicht mehr weiter kommen.

Manche sind über therapie.de auf mich aufmerksam geworden, haben diese Therapeutenliste zum Beispiel von ihrem Hausarzt bekommen, andere haben mich über die Suche im Internet gefunden.

Leider kann ich nicht in jedem Fall Hilfe anbieten, denn ich kann als zur heilkundlichen Psychotherapie zugelassene Therapeutin nicht mit den Krankenkassen abrechnen. Nicht jede/r möchte oder kann die Kosten selbst tragen. Wenn gewünscht, gebe ich am Telefon Hinweise, worauf bei der Suche nach einem von der Kasse finanzierten Platz zu achten ist oder gebe Kontaktdaten von möglichen Anlaufstellen weiter, soweit ich sie habe.

Manchmal biete ich an, zur Überbrückung einige Termine bei mir zu vereinbaren, aber parallel weiter nach einem kassenfinanzierten Platz zu suchen. Denn leider ist die Suche nicht immer so rasch wie gewünscht erfolgreich.

Nun habe ich beschlossen, hier gelegentlich Internet-Adressen zu veröffentlichen, bei denen Hilfe zur Selbsthilfe angeboten wird. Ich tue dies nur dann, wenn ich den Eindruck habe, eine seriöse und empfehlenswerte Adresse gefunden zu haben.

Ich weise allerdings ausdrücklich darauf hin, dass ich weiterhin der Ansicht bin, ein Kontakt von Mensch zu Mensch sei immer vorzuziehen! Auch schließe ich jegliche Haftbarmachung aus, im Falle dass es über diese Adressen zu Erlebnissen kommen sollte, die als schädigend empfunden werden.

Dadurch, dass ich mich über die Jahre fortlaufend mit den Themen der psychischen Beeinträchtigungen und möglicher Hilfen befasst habe, komme ich vielleicht eher an solche Infos als ein akut hilfesuchender Mensch. Das ist hierbei mein Ansatz – und nur das.

Heute zwei Internetadressen des UKE:

  • Alkoholkrankheit

Das Suchtproblem angehen, Material zur Selbsthilfe, Methode der Assoziationsspaltung bzw. Entkoppelung von Reizen und Reaktionen

Quelle: Steffen Moritz & Birgit Hottenrott, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE)

Webadresse: https://clinical-neuropsychology.de/reduktion_des_suchtverlangens/ Stand 16.02.2020

Dort:  Download pdf, 41 Seiten. Nach Deckblatt, Vorwort, Bitte um Spende sind dort Informationen und konkrete Anleitungen zur Selbsthilfe mit Illustrationen zu finden.

  • Zwangsgedanken

Behandlungstechnik zur Reduktion der Intensität und Auftretenshäufigkeit von Zwangsgedanken 

Bitte beachten: Die Technik ist für folgende Personen aus der Sicht der Autoren nicht geeignet:

a) Menschen, die ausschließlich Zwangshandlungen ausführen, d.h. keinerlei vorausgehende Zwangsgedanken erleben (z.B. exzessives Waschen ohne besondere Sorge bezogen auf Verkeimung oder Ekel).

b) Menschen, die nicht zumindest teilweise die Übertriebenheit ihrer Gedanken erkennen. Betroffene, die von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit ihrer Gedanken und Handlungen überzeugt sind, werden von dieser Methode, so die Autoren, aller Voraussicht nach nicht profitieren.

Quelle: Prof. Dr. Steffen Moritz & Prof. Dr. Lena Jelinek Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE)

Webadresse: https://clinical-neuropsychology.de/manual_assoziationsspaltung_deutsch/ Stand 16.02.2020

Dort: Download pdf, 25 Seiten. Nach Deckblatt, Vorwort, Bitte um Spende sind dort Informationen und konkrete Anleitungen zur Selbsthilfe mit Illustrationen zu finden.

Einige Worte zu der dort vorgestellten Methode:

Die einführenden Informationen in den pdf helfen, sich zu orientieren, ob Sie richtig gelandet sind, Du richtig gelandet bist. Sind Sie , bist Du wirklich von diesem Problem betroffen?

Sie werden, Du wirst auch merken, ob der Text so geschrieben ist, dass du ihn gut verstehst, Sie ihn gut verstehen.

Bei Unsicherheit in einem der beiden Fälle schlage ich vor, mit einem Arzt des Vertrauens das Gespräch darüber zu suchen und / oder weiter nach einem Therapieplatz zu suchen.

Sehr kurz gefasst geht es darum, die Möglichkeiten der inneren Bilder und Gedanken zu erweitern, zu ergänzen, und zwar mit Bildern und Vorstellungen, die von Ihnen / von Dir als positiv oder eher neutral angesehen werden. Die Vorstellung dazu entspricht einem Fächer: Aufgespannt findet sich viel mehr in Ihnen, in Dir, als Deine / Ihre Zwangsgedanken bisher vorgespiegelt haben. Du kannst, Sie können die bisherigen Gedanken gelassener sehen, so, als würden Sie, würdest Du einen Schritt zurücktreten und betrachten: Aha, so also spielt sich das alles bisher in mir ab, und nun sehe ich darüber hinaus auch das und das und das…

Ein Korn war vielleicht in seiner Bedeutung bisher sehr eng geführt in Richtung Schnaps? Naja, es ist auch ein Samenkorn, Getreide, es reimt sich auf Horn … Das alles schön bebildert, so wie in diesem pdf kann auch Vergnügen bereiten!

Anstecken hieß bisher, sich anzustecken? Also Gefahr? Mit den entsprechenden Gedanken, wie die Gefahr zu bannen wäre? Naja, auch eine Anstecknadel kann im inneren Bilderreich auftauchen, Gähnen ist ansteckend …

Es geht nicht darum, sich etwas von den eigenen Gedankenverbindungen übelzunehmen, zu unterdrücken oder nun angestrengt zu versuchen, Altes durch etwas Neues zu ersetzen. Es geht vielmehr darum, zu erleben, dass die Möglichkeiten viel, viel zahlreicher sind, Gedanken und Bilder sich auch ganz anders koppeln können als bisher. Neu entdeckte Gedanken schwächen einfach durch ihr Erleben die bisherigen, die nicht zur Gesundheit beigetragen haben. Das ist die Behauptung, die in Studien erforscht und bestätigt wurde, so die AutorInnen.

Bei einem selbstschädigenden Alkoholkonsum setzt die Methode am Trinkverlangen an. Ob eine körperliche Therapie zudem oder auch zuvor nötig ist, solltest Du, sollten Sie mit Ihrem/Deinem Arzt besprechen!

Sich damit zu beschäftigen, was dort geschrieben steht, regt Sie, regt Dich möglicherweise dazu an, Mut zu fassen, dass eine Veränderung möglich ist.

Das würde mich für Dich, für Sie freuen!

Eine gute Woche!

Meine Mittellinie finden, präsent sein

“Meine Mitte finden”, dazu habe ich lange keinen konkreten Zugang finden können, ich hatte kein für mich stimmiges Bild, wo im Körper die sein könnte. Anders ergeht es mir mir der Vorstellung meiner “Mittellinie”. Diese spüre ich ganz deutlich, wenn ich sie während einer Gleichgewichtsübung benötige. Kann ich sie nicht finden, habe ich keinen sicheren Stand, fühle mich nicht ausreichend mit dem Erdboden verbunden, wackele.

In der Selbstverteidigung begegnet mir ebenfalls die Aufgabe, meine Mittellinie zu finden: Sie zu spüren, ihrer bewusst zu sein, ist bei einigen Übungen eine notwendige Voraussetzung für Standfestigkeit, ist bei vielen Körperhaltungen für den bestmöglichen Schutz grundlegend, ebenso bei der jeweils besten Verteidigungsposition und Abwehrhaltung, ergibt eine klare Außenwirkung: “Stopp!”
Soweit das Thema im Falle des Angegriffen-Werdens.

In Feldenkrais-Kursen lernte ich, ein verbessertes Gespür für meine Körperhaltung zu entwickeln, wobei es auch um innere Haltung ging. Feldenkrais ist nicht nur ein Körpertrainig, um zum Besispiel Schmerzen zu lindern, es geht weit darüber hinaus. Es schult die Selbstbeobachtung mit dem Ziel, die Lebensumstände zu verbessern: Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Bewegen sind laut Moshe Feldenkrais miteinander vernetzt, Bewegung sei Ausdruck der ganzen Person. In den Übungen möge spielerisch experimentiert werden, jede Übung nur so intensiv, wie es angenehm ist. So findet die / der Übende den stimmigen individuellen Körperausdruck, der sich richtig anfühlt und der sich anderen mitteilen kann.

Hierzu eine Mittellinienübung:
Sich locker hinstellen, die Beine leicht auseinander stellen. Mit beiden gestreckten Armen und Händen wird die Mittellinie des Körpers beschrieben, indem ein Arm nach unten zeigt, einer nach oben. Mit der inneren Orientierung an Nase, Brustbein und Bauchnabel, entlang den Körperseiten, werden die Arme nun gegenläufig nach oben und unten geführt, langsam und locker, bei gleichzeitig deutlicher Streckung in den Armen. Die Augen verfolgen die Bewegungen, bis hinauf zu den Fingerspitzen und wieder hinab. Mal mehr den Focus auf die Aufwärtsbewegung, mal mehr auf die Abwärtsbewegung lenken, beide Arme gleichermaßen beobachten, die Mittellinie spüren.

Eine weitere Übung, diese fernöstlich inspiriert: Wenn der Stand sich gut anfühlt und der Boden unter den Füßen gespürt wird, dem Atem auf seinem Weg folgen.
Dann kurz den Scheitelpunkt antippen, die Mitte der Stirn berühren, die Nasenspitze, Brustbein, Solarplexus, Nabel, dann etwa zwei Finger breit unterhalb des Nabels. Diesen letzten Bereich mit beiden Händen berühren, den Atem dorthin führen. In der Vorstellung eine Linie im Innern des Körpers vom Scheitelpunkt bis in den unteren Bauchraum ziehen, sich diese mit Farben anreichern, in sich hinein lächeln. In der Vorstellung wandern, hinauf und hinab dieser Linie, bis sie körperlich empfunden wird.
Dann leicht und behutsam um diese Linie herum den Körper drehen, nicht weit, nur ein wenig.
Zur Ruhe kommen. Nach einer Weile bewusst aufrichten und die Übung beenden.

Die folgende Übung entnehme ich – mit einigen eigenen Aktzenten – dem Buch “Somatische Psychotherapie” von Manuela Mischke-Reeds, sie heißt “Um die Mittellinie segeln”. Wir können uns ein Segelboot vorstellen, das um einen Orientierungsstab im Wasser herum kreuzt, vielleicht eine Fahrrinnenmarkierung. Wir müssen nicht wissen, wie man kreuzt, unser Boot kann dies ganz mühelos ohne unser Zutun. Wir stellen uns die gleitenden Kreis-Bögen um den Orientierungsstab im Wasser herum einfach vor.
Nun kann es sein, dass unser Boot doch einmal vom Kurs abkommt, vielleicht eine überraschende Windböe, eine stärkere Welle. Nun braucht es unsere Hilfe.

Dazu stehen wir wieder locker und gut mit dem Boden verbunden, die Füße nebeneinander, nur leicht voneinander entfernt, schließen die Augen und lassen vor unserem inneren Auge diesmal eine Linie vom Scheitelpunkt bis hinunter zu den Füßen entstehen.
Nun stellen wir uns vor, “vom Kurs abgekommen zu sein”. Wir sagen es laut: “Ich bin vom Kurs abgekommen!” Wir achten darauf, wo und in welcher Weise wir das im Körper spüren. Wir haben möglicherweise eine Idee, wodurch wir vom Kur abgekommen sind. Auch das sprechen wir laut aus: “Ich bin vom Kurs abgekommen, weil…” Wenn da nichts auftaucht, macht das nichts.
Nun zentrieren wir uns neu:
Mit dem rechten Arm oder dem linken zuerst, das ist nicht wichtig, drehen wir einen vor uns ausgestreckten Arm so, dass die Handfläche zum anderen Arm zeigt. Ausatmend überqueren wir unsere Mittellinie in Richtung des anderen Arms, soweit, wie es sich gut anfühlt. Zurück in der Ausgangsposition lassen wir den Arm sinken und wiederholen die Übung mit dem anderen Arm. Wir achten auf das Ausatmen beim Überqueren der Mittellinie.
Wiederholend spüren wir Veränderungen, mit jeder Wiederholung mag etwas neu zu spüren sein. Bin ich fokussierter? Stehe ich sicherer? Das sprechen wir nun auch laut aus, wenn es geschieht. “Ich stehe sicher.”
Nach einer Weile gehen wir zu unserem inneren Bild des Segelbootes. Wir beobachten, wie es ruhig und gleichmäßig seinem Kurs folgt.

Erlauben Sie sich, erlaube Dir alle inneren Bilder, die kommen mögen! Versuche nicht, etwas zu erzwingen!

Eine zentrierte Woche!

Gewalt in der Kindheit

Szenen:
Bitte vorher prüfen, ob Sie das lesen möchten oder lieber nicht! Blättern Sie ansonsten durch bis nach der Trennlinie!
Bitte prüfe Dich, ob Du das lesen möchtest oder lieber nicht! Blättere ansonsten durch bis nach der Trennlinie!

Beide Eltern schlagen im Bett auf ihr Kind ein, weit ausholend mit den flachen Händen, egal wo sie treffen – das Kind hatte sie gestört, es hat laut geweint, es hatte vor irgend etwas Angst.

Die Mutter verfolgt ihre Tochter und schlägt sie mit dem Kochlöffel die Treppe herauf – die Tochter wollte nicht essen.

Die Kinder müssen sich in der Reihe aufstellen, der Vater gibt jedem Kind eine Ohrfeige. Es wird schon einen Grund geben.

Im Keller steht die Werkbank. Dort werden die Kinder hinbeordert, wenn sie zu spät nach Hause kommen. Der Gürtel kommt zum Einsatz.

Das Kind in der Schule hat schreckliche Angst, der Lehrer soll nichts zu Hause erzählen. Auch hier wird der Gürtel benutzt.

Der Junge zittert. – Die Erinnerung, als er auf einen Stuhl gebunden im Keller im Dunkel saß, zur Strafe für irgendetwas was er nicht verstand, überwältigt ihn immer wieder, wenn er Schritte auf einer Treppe hört.

Mutter rastete immer aus, sie hatte schlechte Nerven. Sie hat das Kind nicht geschlagen, sie schlug die Tasse auf den Tisch. Das Kind weiß, es selbst ist gemeint.

Das Kind erlebt, wie der Vater die Mutter schlägt. Es spürt seine Hilflosigkeit.



Solche Erlebnisse müssen nicht zu bleibenden (somato-)psychischen Problemen führen. Sie können. Hinschauen ist die Aktion der Wahl, wenn es um darum geht, das herauszufinden. Nicht hineinsteigern, nicht wiedererleben, nur hinschauen. Und entscheiden, wie es weitergehen soll.

Szenen, die immer wieder auftauchen, anscheinend aus dem Nichts, ohne erkennbaren Anlass, wollen Beachtung.

Die Empfindung von Unwirklichkeit oder der Eindruck, von Erinnerungen abgeschnitten zu sein, kann auf einen inneren Wunsch hindeuten, Klarheit zu schaffen.

Dies sollte behutsam und begleitet geschehen. Damit es keinen Fall ins gefühlt Bodenlose gibt.

Dass traumatisierende Erfahrungen – auch die Beobachtung von Gewaltereignissen bei anderen Menschen – im Zentralen-Nerven-System Spuren hinterlassen können, ist keine neue Erkenntnis. So schrieb die Biologin Martina Piefke (in Jacobs et. al. Neurowissenschaften und Traumatherapie, 2009 Universitätsverlag Göttingen), dass die chronische Veränderung von ausgeschütteten Stresshormonen ausschlaggebend sei für trauma- und stressverursachte Gedächtnisstörungen. Dies sind nicht die einzigen Folgen, die sich im ZNS nachweisen lassen.

Diese Information ist allerdings nicht im Allgemeinwissen so verankert, dass ein betroffener Mensch sich ohne Weiteres eingestehen kann, dass er geschädigt ist. Menschen neigen eher dazu, zu denken, sie müssten die Erfahrung, so sie bewusst ist, doch verarbeitet haben, schließlich sind sie doch nun erwachsen. Und wenn sie sich nicht erinnern, wie sollte es dann wirken?
Vielfach werden sie in mit dieser Haltung auch durch ihre Mitmenschen konfrontiert. Wenn es dann nicht gelingt, die gefühlten Beeinträchtigungen, die körperlichen Symptome oder die Verhaltensprobleme “in den Griff zu kriegen”, empfindet die / der Betroffene oftmals Scham.
Ebensowenig ist die Erkenntnis im Allgemeinbewusstsein verankert, dass solche Veränderungen wegen der Neuroplastizität (ich nenne dies etwas salopp “stetige Veränderbarkeit”) des Gehirns auch Heilung und Gesundung erfahren können. Im Grunde ist es logisch: Wenn traumatisierende Erfahrungen mich schädigen können, kann professionelle und manchmal auch einfach kundige und liebevolle Begleitung bei der Aufarbeitung auch zur Heilung führen.

Wer darauf nicht vertrauen kann, greift oftmals zu Versuchen von Selbstheilung, die nicht zur Gesundung, sondern zu weiterer Schädigung führen. Einer der Irrwege ist die Entwicklung einer Sucht. Andere sind das Ausüben von Gewalt gegen sich selbst oder andere. Denn auch die Emotionsverarbeitung ist häufig geschädigt und ebenso das soziale Verhalten.
Wie wichtig ist es daher, hier aufzuklären, zu ermutigen und anzuerkennen, dass es Heilungsbedarfe und Heilungswege gibt! Und ich spreche hier nicht von Psychopharmaka!

Jacobs et. al beschreiben in der gleichen Publikation ein Programm, das kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen mit EMDR und mit Informationsvermittlung an die Patienten verbindet. In der vorliegenden Studie zu diesem Programm kam es zu keinen Therapieabbrüchen, was für weniger vielschichtige Behandlungsansätze nicht gesichert gesagt werden kann.
Für diejenigen, die sich hier weiter kundig machen wollen: Die oben genannte Publikation ist als freie Online-Version über die Homepage des Verlags erhältlich.

Wer Betroffene kennt, manches bisher nicht verstand und auch unangemessen fand, kann vielleicht eine neue Haltung finden.

Betroffene sollten bei Beginn einer Therapie fragen, auf welcher Grundlage die Therapeutin / der Therapeut arbeitet. Es ist wie bei jeder Therapie wichtig, sich als gut informiert zu erleben und somit Vertrauen aufbauen zu können.

Tja, heute mal keine Übung, nächste Woche wieder!

Bis dahin alles Gute!

Das Gehirn und ich – unvollständige Gedanken und eine Übung

Paul Broks schreibt sinngemäß in seinem Buch mit dem irritierenden Titel „Ich denke, also bin ich tot“ * (englisch „Into the Silent Land. Travels in Neuropsychology“ 2003), dass die ersten Aufnahmen unseres Planeten aus der Mondperspektive unsere Sicht auf uns selbst verändert hätten. Es sei uns die Kostbarkeit und Verwundbarkeit unseres Zuhauses in den Blick und ins Bewusstsein gekommen.

Ebenso sei es seinen Studierenden ergangen, als er nach der Einführungsvorlesung zum Gehirn ein solches aus dem Kasten nahm. Die Sicht von außen verändere etwas in unserer Haltung.
Nun, ein Gehirn werden wir wohl selten zu Gesicht bekommen, aber vielleicht kann die wunderbare Seite im Web „3d.dasgehirn.info“ etwas Ähnliches hervorlocken: ungeheuren Respekt – und auch eine Entmystifizierung. So also siehst Du aus, Du Gehirn, hmhm. Ein Spaziergang auf dieser Seite ist für mich mehr als das Betrachten von Bildern, es liegt wohl an der transparenten Darstellung.

Wo glauben Sie, glaubst Du, sitzt das „Ich“? Das Bewusstsein, das Denken, Fühlen, die Impulse zum Handeln… Vielleicht findet der Zeigefinger gerade den Weg zur Stirn: Na hier!
Hier sitzt das Bewusstsein seiner selbst – dieser Gedanke ist seltsam. Das Gehirn denkt sich selbst.

Soweit, dass ich gedanklich das Selbstbewusstsein auf die Stirnlappen reduziere, will ich gar nicht gehen. Ich stelle mir vor, mein Gehirn sei in Gänze, aber isoliert, in einer Nährlösung mit allem versorgt, lebensfähig. Vielleicht braucht es etwas Elektrizität. Die Nervenzellen feuern, die Synapsen übertragen, die Netzwerke sind aktiv – so herausgelöst aus meinem Schädel, meinem sonstigen Körper – bin das dann Ich? Verpflanzt in einen anderen Schädel, denkend in einem anderen Körper – ICH?

Dass früher die Seele im Herzen verortet wurde, wird allgemein so erzählt, darüber fühlen wir uns erhaben, oder? Wir haben das Herz als Muskel mit Ein- und Ausgängen vor Augen und sagen: Nur ein Organ unter vielen. Obgleich wir uns beim Denken an Gefühle doch mal an der Brust berühren, manchmal am Bauch.

Unser Hirn, darin verorten wir unser Denken, soweit so gut. Ist das schon unser „Ich“? Sind wir gemeinsam auf dem Weg zu erkennen, dass das nicht alles sein dürfte?

Ist es der ganze Körper, füllt unser Ich ihn aus? Wie also werden Erkrankungen und gar Verluste am Körper unser Ich-Bewusstsein verändern? Wie auch alles Schöne, Empfindung von Gesundheit, Da-Sein mit dem ganzen Leib?

Die kalten Füße, sie gehören zum Ich, vielleicht fällt die Konzentration schwerer, auf das, was ich gerade schreibe. Im Hirn wird gefeuert: „Zieh endlich Socken an!“

Wir schauen mit unserem Bewusstsein auf unseren, in unseren ganzen Körper, machen unsere Beobachtungen, sehen ihn zum Beispiel altern, aber etwas in uns sagt: „ich bin immer noch dieselbe / derselbe!“ Alte Menschen sagen, sie seien wohl alt, aber im Inneren sehen sie sich nicht als alter Mensch. Sie sind einfach sie selbst. Wo ist es, das Selbst?

Manche Neurowissenschaftler beschäftigen sich mit solchen Fragen und Paradoxien.

In diesem Moment betritt ein lieber Mensch den Raum. Wärme durchströmt den Körper, der Leib mitsamt dem Hirn „vergisst“ die kalten Füße, die Welt hat sich verändert, mit ihr das Bewusstsein meiner selbst.

Broks schreibt in seinem Buch „Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne“, es gäbe keine klare Trennlinie im Gehirn zwischen inneren Vorstellungen und den Wahrnehmungen der realen, stofflichen „Welt da draußen“. Realität und Phantasie entstünden in denselben neuronalen Schaltkreisen. Sind wir mit unserem Ich mehr als unsere inneren Welten, weist unser Ich über uns hinaus? Alles hinterlässt Spuren, sogar physisch beobachtbare, Erfahrungen können Vernarbungen mit sich bringen.

Und wieder die Frage, was geschieht bei physischen Veränderungen, diesmal im Gehirn selbst? Ein Schlaganfall, oder, weniger dramatisch, unter Drogeneinfluss, wo ist unser Ich und wie ist es nun?

Dass unser Hirn unverzichtbar sei für unser Ich-Bewusstsein, ist wohl immerhin unstrittig. Mit diesem Organ oder System können wir uns selbst beobachten, verrückt, nicht wahr? Und nützlich!

Eine kleine Übung zur Selbst-Bezeugung: Zweck der Übung ist, die Wahrnehmung unserer selbst ins Bewusstsein zu bringen, Zeugin / Zeuge zu werden bedeutet, die Selbstregulation zu stärken. **

Üben wir uns darin, den Augenblick zu erfassen, bevor wir etwas tun!

  1. Unterbrechen wir, stoppen wir alles, was wir im Moment tun, drücken wir innerlich und äußerlich die Pausetaste. Jetzt!
  2. Wenn wir dies geübt haben, registrieren wir: Wie erleben wir einen solchen Moment? Wiederholen wir diesen Vorgang! Jetzt!
  3. Verfolgen wir, wie sich dies im Körper spiegelt!
  4. Verweilen wir wo wir mögen, einfach nur wahrnehmen!
  5. Nun setzen wir die Handlung fort, die wir unterbrochen haben. Gibt es Unterschiede im Erleben?

Dies integriert in den Tagesablauf stärkt unser Ich-Bewusstsein – wo immer es sei 😉

Eine schöne Woche!

* Nur noch antiquarisch erhältlich

** Auf Deutsch neu erschienen: Manuela Mischke-Reeds, Somatische Psychotherapie, Lichtenau/Westf. 2019

Mein Selbstwert – wie geht es mir damit gerade?

Ja moin, ich habe heute Lust, auf den aktuellen Zustand meines Selbstwertes zu schauen. (Ja, der kann durchaus schwankend sein!) Um es gleich vorweg zu sagen: Die Ergebnisse meiner Recherche  werde ich nicht berichten. Die gehören mir allein.
Was ich berichte, sind die Fragen, die ich mir stelle. Denn: Womöglich gibt es unter den Lesenden solche, die sich auch etwas Zeit hierfür geben wollen!
Wir könnten in diesem Falle gemeinsam darüber nachdenken, was wir – jede/r für sich – über uns selbst denken.

Vielleicht finden wir Denkverzerrungen, die wir verändern möchten, weil sie uns nicht gut tun. Wenn nicht, können wir uns über uns selbst freuen, das ist ja auch mal schön!

Also los geht die Reise!

  • Hat ein mir nahestehender Mensch mich heftig für eine Kleinigkeit kritisiert, die ich vergessen habe? (Salz fehlt, oje! Das Fenster steht seit einer Stunde sperrangelweit offen! Wir haben kein Öl im Haus, keine Taschentücher, kein …, der Schlüssel liegt nicht am Platz, der Brief ist nicht eingeworfen………)

Falls ja, was habe ich gedacht? „Verdammig, ich kümmer mich doch schon um alles Mögliche und muss mich auch noch anmeckern lassen? Ich werde hier ja offenbar nicht geschätzt!“ Oder gar: „Mir gelingt aber auch gar nix mehr, auf mich ist kein Verlass, ich bin eine Enttäuschung!“

War ich dann sauer oder niedergeschlagen? Habe ich mich gestritten oder bin ich in mein Schneckenhaus gegangen?

  • Habe ich meinen Selbstwert mit der Meinung eines andern  (zu einem einzelnen Punkt und auch nur aktuell !!!) verknüpft? Habe ich mich pauschal abgewertet und sei es auch „nur“ für ein, zwei Stunden?
  • Habe ich mit meinem ganzen Körper reagiert, hing der Kopf, hingen die Mundwinkel? Ging die Stimmlage im Streit in die Höhe? Und die Schultern? Nackenschmerzen?

Oder konnte ich sagen: „Oh, das ist ja blöd, dann können wir höchstens nachsalzen, nächstes Mal will ich mich aufs Kochen besser konzentrieren!“ Hab ich das Fenster zugemacht, einfach so? Konnte ich sagen „Stimmt, das war blöd, ich werf‘ ihn morgen ein / ich hol das heut abend!“ oder „Ich schreib mir das mal lieber auf, damit ich dran denke!“ oder: „Lass mal zusammen überlegen, wo der Schlüssel sein könnte!“

Waren Leib und Seele ruhig? Ging der Tag ganz normal weiter?

  • Habe ich mich an einem Teil von mir festgebissen, der mir nicht gefällt? Hab ich die Teile, die ich an mir mag, ausgeblendet?

War mir bewusst, dass ich im Beruf andere Stärken und Schwächen entwickele als im Freundeskreis oder der Partnerschaft? Dass das bei Verwandten nochmal deutlich anders sein kann?

  • War ich fies zu xy und habe mich den ganzen Tag oder länger für das größte Mistviech auf Erden gehalten? Konnte ich in der Folge kaum unbefangen mit einem mir grad lieben Menschen lachen? Oder bin ich gar in mein Schneckenhaus gekrochen, weil ich womöglich noch mal fies bin und dann alle schlecht von mir denken – und ich dann auch?
  • Konnte ich kaum jemanden offen anschauen, hingen die Schultern und war die Brust eingefallen? Hab ich nur noch ganz leise gesprochen?

Oder konnte ich mir verzeihen: „Hatte schlechte Laune wegen was ganz anderem, werde das wieder gut machen!“ oder „Der / Die war auch fies zu mir, ich werde das ansprechen!“ oder „Den /die seh‘ ich nie wieder, der / die findet mich jetzt ganz schlimm. Na, das ist dann so, wir werden‘s beide überleben!“

  • Hab ich mir den bunten Teppich meiner selbst bewusst gemacht, als mir etwas misslang? Oder hab ich mich, vielleicht „nur“ für einen Tag für die letzte Lusche gehalten, weil …. Ich mir die Tanzschritte nicht merken konnte … die gepinselte Wand aussieht wie (na, das lassen wir lieber so stehen…) … Ich zu wenig Kraft hatte, die Kisten zu schleppen… Ich bei meiner Arbeit an einer Stelle nicht weiter weiß…
  • Oder wusste ich stets, dass das, was ich nicht konnte, womöglich immer wieder nicht können werde, nur ein Teil von vielen Teilen ist? Dass diese Teile sich nicht verrechnen lassen (müssen)? Dass ich nicht zählen muss, wieviel gute und wieviel schlechte Seiten ich habe?
  • Was sagt mir mein Spiegelbild? „Du bist Du, so isses, es ist soweit ok“?

In einer Bundestagsdebatte der letzten Woche sagte ein Abgeordneter sinngemäß, der Wert des Menschen sei nicht bestimmbar nach dem, was er / sie  tut, wo er / sie herkommt, wofür er / sie gut ist, ob er / sie  „verwertbar“ sei – der Wert eines Menschen bestünde einzig allein darin, dass er / sie
IST !

Fertig. Punkt.

Eine gute Woche!

Dauerbrenner in meiner Praxis: Nicht-Nein-Sagen

“Wenn etwas schnell gemacht werden muss, dann springe ich als erste auf und mach es.”
“Wenn ein Anruf kommt und jemand braucht Hilfe, dann schmeiße ich meine Planung um und sage zu.”
“Auf mich kann man sich verlassen, ich bin zur Stelle, wenn nach Unterstützung gefragt wird!”

Bis hin zu: “Ich bin ein Ja-Sager!”

Die Bewertung kann dann sehr negativ ausfallen:
“Mit mir kann mann es ja machen!”
“Auf meine Bedürfnisse nimmt niemand Rücksicht!”
“Es geht immer nach der Nase von anderen!”
“Ich habe keine Achtung mehr vor mir, weil ich immer zu allem Ja sage.”

Der Wunsch nach Veränderung äußert sich unterschiedlich:
“Ich will auch gesehen werden!”
“Ich will mich selbst wichtiger nehmen!”
“Ich finde es schon gut, dass ich verlässlich und hilfsbereit bin, aber ich will auch lernen, einmal Nein zu sagen!”

Der Weg zu den Zielen in der Therapie geht oft einher mit:
“Die Familie merkt, dass ich mich verändere, ich stehe mehr zu meinen Bedürfnissen!”
“Meine Freunde stellen fest, dass ich auch mal Grenzen setze!”
“Meine beste Freundin hat gesagt, ich bin garnicht mehr so lieb wie früher!”

Was kann für das unter allen Umständen Ja-Sagen die Ursache sein?

Gar nicht selten begegnet mir die Befürchtung, abgelehnt zu werden. Der Wunsch, dazuzugehören und gemocht zu sein, zumindest anerkannt, ist ein starker Motor!
Im Laufe des Lebens kann dem einen oder der anderen der Schneid abhanden gekommen sein, Ablehnung zu riskieren. Durch vielerlei äußere Ereignisse angestoßen, letztlich durch die Art und Weise der Verarbeitung dieser Ereignisse, entsteht dann ein selbstschädigendes Verhalten mit der Überschrift “Die anderen zuerst!”

Es kann auch sein, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens, manchmal schon früh, ein sehr ausgeprägtes Wertesystem entwickelt, bei dem Hilfe für andere unumstößlich an oberster Stelle steht. Lange mag man glauben, die Kosten hierfür tragen zu können, bis sich Depressionen oder Ängste zeigen, die anscheinend ohne Ursache auftauchen.

Es ist sicher lohnend, im Laufe eines Lebens das eigene Wertesystem immer wieder auf den Prüfstand zu schicken. Ganz gewiss ist es ein guter Weg zu mehr Wohlbefinden, den eigenen Wert nicht länger mit der Anerkennung durch andere zu koppeln.

Manchmal ist eine kleine tägliche Übung hilfreich, wenn es darum geht, zunächst einmal Bestandsaufname zu betreiben:

Was habe ich heute für andere schon getan?
Für die Allgemeinheit, für die Nachbarn, für die Familie, Freunde, die Kollegen, völlig Fremde?

Habe ich im Dunkeln schon die Blätter auf dem Gehweg gefegt, damit niemand ausrutscht? (Hoffentlich bin ich selbst nicht dabei ausgeglitten!)
Habe ich jemandem eine dringende Frage beantwortet, zum Beispiel nach der besten Busverbindung? (Fuhr mein Bus derweil weg und mein Termin war geplatzt?)
Habe ich einer Kollegin die Arbeit abgenommen, obwohl mir das eigene Projekt im Nacken sitzt? (Hätten wir zusammen zur Leitung gehen können und mehr Zeit einfordern?)
Habe ich auf facebook alle, aber auch alle Kontakte gepflegt? (Es soll sich ja jede/r gewürdigt fühlen…. Oh, soviel Zeit schon um!)

Ach, wenn es auch nur entfernt Ihr Thema ist, Sie kennen passende Beispiele!
Ach, wenn es auch nur entfernt Dein Thema ist, Du kennst passende Beispiele!

Der Hebel kann angesetzt werden bei der Frage: Waren die Kosten für mich im Einzelfall zu hoch?
Die Frage kann lauten: War es in der Summe heute schon so viel, dass es Zeit wird, die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu holen?
Die Überlegung kann sein: Ich will auch weiterhin nett und hilfsbereit sein, aber nicht mit dem Ziel, meinen Selbstwert zu füttern… Denn dann bin ich frei in meiner Entscheidung, was im Einzelfall Vorrang hat.

Maxime: “Sag nicht Ja, wenn Du Nein meinst!”

Gute Antwort: “Ich möchte lieber nicht!”

Eine gute Woche!

Körpergedächtnis

Die Spuren unserer Erinnerung im Körper

Peter A. Levine ist heute wieder einmal die Quelle meiner Zeilen. Es geht um Trauma und Gedächtnis. Automatische Reaktionen, wie aus dem Nichts, spontan erlebte Empfindungen, etwa Angst, Scham oder Wut, die scheinbar ohne Anlass auftauchen, werden in der Regel als sehr beunruhigend erlebt. Nicht nur die Bilder und Szenen, die im visuellen Gedächtnis gespeichert sind, sondern auch jegliche abgespeicherte Körperreaktion, wie Erstarrung oder Anspannung, werden aktuell abgerufen, wenn ein äußerer Reiz diese “antriggert”.
Dabei kann dieser Reiz so unscheinbar sein, ein kurz vorbei wehender Geruch, ein Räuspern aus den Kino-Sitzen im Rücken, ein bestimmter Zug um den Mund einer fremden Person – so unscheinbar und vorübergehend, dass er nicht bewusst wahrgenommen wird.
Aber auch wenn der Reiz wahrgenommen wird, ist der Zusammenhang zur eigenen Reaktion nicht immer verstehbar. Es ist nicht unbedingt möglich, sich an die ursprüngliche Situation zu erinnern, die einmal als gefährdend, bedrohlich oder belastend erlebt wurde.

Ein Kind schreit und die Mutter bekommt einen Wutanfall – sie erschrickt über ihr eigenen Reaktionen, sie hat keine Erklärung dafür und ist mit sich selbst im Nachhinein ärgerlich oder fühlt sich niedergeschlagen.
Eine Besprechung der Situation hilft ihr nur unzureichend. Sie erinnert sich nicht, aus welchem Erleben ihr Verhalten rühren könnte. Es ist tief im Gedächtnis vergraben, “vergessen”. Sie leidet darunter, dass sie keinen Zugang findet.
Wenn dieser Zugang über Gespräche und durch die Erforschung der Gedanken nicht gefunden werden kann, dann kann es weiterführen, die Reaktionen des Körpers wahrzunehmen, zu verstärken und in die “Sprache” des Körpers einzutauchen. Gezielte körperliche Aktivität kann helfen, die erlebte Hilflosigkeit zu überwinden und wieder sicher und geborgen im eigenen Körper zu empfinden.
Emotionen und Gedanken haben immer auch einen körperlichen Ausdruck. Ursprüngliche Körperempfindungen zwischen Schmerz und Lust haben ihre Verortung im Stammhirn, nicht in der Großhirnrinde. Bei frühen Verletzungen ist Heilung oft nicht im Verständnis oder gutem Rat zu finden. Versuche der Umwelt, zu beruhigen oder zu ermutigen, können zu weiterer Frustration führen: Der Mensch, der frühe Belastungen erlebt hat, bewertet sich negativ, er kann die Ratschläge nicht annehmen, die Vorschläge nicht umsetzen.

Die achtsame Selbstbeobachtung des Körpers kann allerdings zum inneren Zusammenbruch führen, es kann zur Empfindung des Überschwemmtseins kommen, zu erneuter Abwehr und Erstarrung. Peter A. Levine hat im Wissen darüber den Zugang über das “Pendeln” entwickelt. Sich dem unangenehmen Erleben auszusetzen soll stets nur kurz, bewältigbar geschehen und abgewechselt werden mit dem Erleben von Sicherheit.
Innere Stärke soll also als Ressource erlebt werden können, bevor die großen Herausforderungen im Wahrnehmen des inneren Erlebens angegangen werden. Zwischen Belastungs- und Ressourcenerleben zu pendeln integriert, wenn dem Pendeln Zeit und Raum gegeben wird, die belastende Erfahrung.
Gelingt es, erlebt sich der Mensch als jemand, der das Ruder wieder in der Hand hat. Dies unterscheidet sich von dem Selbst-Erleben, das aus dem Versuch, wegzudrängen und zu verharmlosen resultiert. Unter der Decke halten von Anspannung, Trauer, Wut und Scham kostet viel Kraft und Lebensenergie. Wie aber kann es gelingen, diese Lebensenergie wieder positiv und freudig für sich zu nutzen?

Levine erzählt, wie er einmal eine Erinnerung des Körpers wiederfand, es war beim Betreten eines Gebäudes, als ihm wieder einfiel, wie er bedrohlichen Mobbing-Situationen als Kind ein Ende setzte. Er hatte seine Angreifer mit wilden, weitgreifenden Armbewegungen in die Flucht geschlagen. Es fiel ihm wieder ein, wie damals in der neuen Schulklasse alles zusammenhing, wo er Unterstützung und wie er zu Selbstvertrauen fand.

Wenn in Gedanken oder im Gespräch über etwas Positives, Freudvolles Ihr Körper seinen Ausdruck dafür findet, vielleicht in einem leichten Lächeln, in einem aufgerichteten Oberkörper, einem geweiteten Brustkorb, einer Bewegung, dann haben Sie eine Ihrer Ressourcen gefunden! Mit dem bewussten Wahrnehmen dieses stärkenden Teils Ihres Körpergedächtnisses finden Sie möglicherweise weitere Verknüpfungen mit Episoden aus Ihrem Leben, in denen Ihnen etwas gut gelungen ist. Verstärken Sie einmal die so verknüpfte Körperreaktion, wo es möglich ist!
Ich stehe gleich auf und hüpfe mit beiden Beinen im Flur herum! Ich habe da eine Erinnerung, sie fiel mir ein, als ich hier schrieb…
Haben Sie Lust dazu, dergleichen einmal auszuprobieren?

Eine gute Woche!

Feiertagspause

Meine vereinbarten Termine finden auch in dieser Zeit statt! Neue Termine können ab dem 06.01.2020 vereinbart werden. Für dringende Anfragen steht mein Anrufbeantworter unter 040-430 51 21 bereit, ich rufe zurück!

Für heute ein Gedicht:

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, du mein tieftiefes Leben
dass du weisst, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gieb dich, gieb nach,
er wird dich lieben und wiegen.

Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Federkleid
über die sinnenden Dinge.

Rainer Maria Rilke

Eine gute Zeit und einen guten Start ins Neue Jahr!

Ulrike Roderwald

Es war einmal… Spurensuche

Es war einmal
und war vergessen,
es war nicht wichtig.
Ich hab es gar nicht bewusst mitbekommen,
ich war noch viel zu klein!
Das kann doch gar nichts bewirkt haben.

Ja, sagt jemand, mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war.
Ich weiß nichts davon, außer aus Erzählungen der damals Erwachsenen.
Sie erzählten oft von sich, von ihrem Kummer.
Du warst ja noch klein, haben sie gesagt, du erinnerst dich nicht an ihn.
Stimmt, aber Euer Kummer lebte ja noch viel länger…

Und dann… tauchen Fragen auf.
Wirkt es doch noch bis ins Hier und Heute?
Woran kann ich das merken?
Muss ich mich damit beschäftigen?

Ja, sagt jemand, ich war so krank, als ich klein war,
ich war erst im Krankenhaus und dann lag ich zu Hause in meinem Bettchen.
Ab und zu sah jemand nach mir.
Essen bringen, Windeln wechseln.
Ich weiß das aus Erzählungen.
Und tief im Innern glaube ich zu wissen:
Ich war viel allein.
Bei Abschieden muss ich immer weinen.
Und Angst vor Abschieden hab ich auch.

Ja sagt jemand, meine Eltern haben sich getrennt,
da war ich noch ganz klein.
Papa kam selten, fast nie,
und nie zu mir, zu ihr kam er.
Meist gab es wieder Streit.
Es ist wie ein schwarzes Loch.
Das blieb mir von ihm.

Ja, sagt jemand, meine Schwester hat die Familie verlassen,
da war ich noch im Bauch meiner Mutter.
Sehr selten habe ich sie gesehen, zum ersten Mal,
als ich schon im Kindergarten war.
Überall waren ihre Spuren,
sie war weg.
Heute sehen wir uns einmal im Jahr.
Das tut uns beiden gut.

Ja, sagt jemand, es war vielleicht so,
dass ich im Bauch der Mutter noch einen Zwilling hatte.
Ich weiß nicht, ob das stimmt,
ich weiß nur, das kommt vor,
dass eins im Leib noch geht,
sich auflöst, bevor es – ja, was?
Keine Ahnung, wieso mir das so vorkommt,
als wäre es für mich wahr.
Hab ich als kleines Kind gesucht?
Wo ist es, unter dem Tisch,
hinter dem Vorhang?

Ja, sagt jemand, es ist mir so,
als hätte eine Seite von mir damals beschlossen,
hier bleibe ich,
bei diesem Verlust.
Ich bleibe, bis
das Rätsel enträtselt wird,
das Rufen ein Echo findet,
die leere Hand etwas greifen kann.

Ich bleibe, sagt eine Seite von mir,
bis ich Spuren gefunden habe
und Antworten bekomme,
seien sie auch ohne Worte,
ich bleibe, bis ich verstehe.

Ich rufe aus der Tiefe, sagt jemand,
morgens, wenn die Nacht zu Blau wird,
wenn mein Geist keine Ablenkung hat,
wenn ich selbst nicht damit rechne.

Das Kind, das etwas verloren hat,
will ein Zuhause.

Spurensuche.