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Über ulroder_am

Sonderpädagogin und Heilpraktikerin, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, Hamburg und Ammersbek

Was mich umtreibt (1)

Skulptur „Mitgefühl“ Heike Fischer-Nagel 2019, Foto © Ulrike Roderwald

Ich denke an meinen Ausbilder in Kognitiver Verhaltenstherapie, Harlich H. Stavemann, und daran, was eine Therapeutin mitzubringen habe – im Hinterkopf den Imperativ aller Heilkunst: „erstens nicht schaden, zweitens vorsichtig sein, drittens heilen“ (um das Jahr 50 der Arzt Scribonius Largus).

Was braucht es also meinerseits: (Stavemann)

  • Fachwissen und Kompetenz, die in der Therapiestunde dadurch wirksam werden, dass ich meine Interventionsschritte plausibel vermitteln kann und damit die Motivation der Hilfesuchenden stärke.
  • Empathie und Menschenkenntnis, die mir helfen, die Hilfesuchenden zu verstehen und Prognosen zu entwickeln, die therapeutische Beziehung tragfähig zu halten und eine gemeinsame therapeutische Strategie zu entwickeln.
  • Eigene Strukturiertheit und Kongruenz – nicht nur in der Therapieplanung, sondern in jeder Therapiestunde (O weh, das ist manchmal danebengegangen! Nicht jeder Satz wurde klar verständlich formuliert, hier ist lernen angesagt!)
  • Selbstvertrauen ohne Selbstwertschöpfung, das bedeutet unter anderem, nicht „verletzt“ zu reagieren, wenn die Hilfesuchenden Ablehnung zum Ausdruck bringen. (Ja, und dann gibt es noch den Gedanken: Was ist, wenn ich nicht helfen kann? Da sollte ich immer sehr genau hinschauen, dies nicht mit meinem Selbstwert zu verknüpfen, wenn ich den Anspruch erfüllen will!)
  • Reflektierte Persönlichkeit ohne Wahrheitsanspruch, denn Hilfesuchende und ich unterscheiden sich in dem, was wir an Werten und Lebensphilosophie entwickelt haben.
  • Geduld und Interesse, damit die Hilfesuchenden in ihrem inneren Gefüge von mir verstanden werden können und nicht von mir eigene Lösungswege vorschnell angeboten werden (Hier kann ich noch mehr Ruhe in den Prozess bringen, als ich es tue!) „Es dauert, so lange es dauert!“ (Stavemann)

Stavemann hat nicht nur Bücher zur Ausbildungsbegleitung geschrieben, sondern parallel dazu Bücher, die sich direkt an Klient_innen wenden, sie sind geeignet zur Therapiebegleitung, können aber auch der Selbsterfahrung und Selbsthilfe dienen. (Beispiel: Im Gefühlsdschungel, Emotionale Krisen verstehen und bewältigen, Weinheim 2018)

 Skulptur „Mitgefühl“ Heike Fischer-Nagel 2019, Foto © Ulrike Roderwald

Ja, es möge eine therapeutisch arbeitende Person sich selbst so gut kennen, dass die Klient_innen während des therapeutischen Prozesses nicht quasi hinterrücks in die Konflikte des Therapierenden hineingezogen werden!

Auch wenn dies gegeben ist: Es gibt auch für Therapierende schwierige Zeiten. Selbstzweifel gehören dazu, sich in Frage zu stellen über das alltägliche gesunde Maß hinaus, beunruhigende Träume, schwere Gedanken, auch Traurigkeit. Zum Menschsein von uns allen gehört es dazu, sich von Zeit zu Zeit selbst krisenhaft zu erleben.

Was kann so etwas auslösen? In meinem Fall ein Buch: Jutta Dittfurth, Ulrike Meinhof, die Biografie, Berlin 2007. Als Schülerin früh zur APO-Bewegung gefunden, durch Mitschüler, Bücher, eigene Gedanken und Emotionen zu der mangelnden Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, dem Mitmachen und Wegsehen, dem Verleugnen und Totschweigen, sind die Erinnerungen doch allmählich verblasst. Dittfurth beschreibt nun so minutiös diese Frau und diese Zeit, mit der Spießigkeit und der staatlichen Gewalt, mit der zunehmenden Zerrissenheit der Opposition, dass ich auf einmal wieder mittendrin bin. Mich herausarbeitend aus der Kindheit, mich finden und selbst definieren wollend wie alle Heranwachsenden – das ist auf einmal wieder da im inneren Erleben. Da gab es vieles, das mich geprägt hat. Nicht alles ist so integriert, dass es nicht noch den Weg in die Träume fände. Da irre ich wieder durch Häuser und Straßen und stehe wieder vor Polizisten-Ketten mit locker sitzenden Knüppeln. Kein Ausweg…

Skulptur „Mitgefühl“ Heike Fischer-Nagel 2019, Foto © Ulrike Roderwald

Was tun? Auch mir als therapierender Person können Gespräche helfen, mir im Dialog besser und tiefer auf die Spur zu kommen, als ich es alleine mit meinen Werkzeugen der Selbstreflexion kann. Es ist gut, einen weiteren Schritt in der Lebensbewältigung tun, es ist eine Aufgabe, bis zum Ende des Lebens, so sehe ich das. Dazu gehört, nicht darüber hinwegzusehen, wenn im Innern etwas brütet und nach oben will, nicht den Deckel darauf zu halten, sondern wahrzunehmen, zu forschen, zu erkennen, Schlüsse zu ziehen – Veränderung zu erleben.

Was noch? Schreiben. Zeichnen. Eine Art Tagebuch. Zeiten für die inneren Einkehr im Alltag bereit halten. Gedanken schweifen lassen ohne Denkverbote.

Was noch? Entspannen, natürlich. Musik hören, die das Unbewusste herausfordert. Ich gehe in meine Praxis und lege mich auf die Klangwoge, in tiefer Dankbarkeit, dass Menschen dies erfunden und gestaltet haben. (Caspar Harbeke und Silke Hausser, ALLTON OHG in Bad Zwesten)

Was noch? Lesen. Fachliteratur ist neben allem anderen auch Selbsterfahrung. Wie war das noch mit meinen Prägungen und Übertragungen? (Derzeitige Lektüre: Eva-Lotta Brakemeier, Angela Buchholz, Die Mauer überwinden, Wege aus der chronischen Depression, Weinheim 2013)

Was noch? Die Kunst. Jemand zeigte mir einen Katalog. Die Bilder haben mich tief berührt. Das Foto einer Skulptur sprach mich in meiner Existenz an.

Skulptur „Mitgefühl“ Heike Fischer-Nagel 2019, Foto © Ulrike Roderwald

Nein, ich werde es nicht zerfleddern in Worten, ich will behutsam bleiben. Kunst spricht zu meinem Unbewussten, sie hat ihre eigene Sprache.

Und weil das so ist, will ich die Künstlerin hier mit Fotos von ihrem Flyer würdigen:

Ich will mit Euch, mit Ihnen eine Erlebensmöglichkeit teilen, schaut hin, schauen Sie hin und horche, horchen Sie in sich hinein, lass Dich, lassen Sie sich berühren!

Es gibt dich

Dein Ort ist

wo Augen dich ansehen.

Wo Augen sich treffen

entstehst du.

Von einem Ruf gehalten,

Immer die gleiche Stimme,

es scheint nur eine zu geben

mit der alle rufen.

Du fielest,

Aber du fällst nicht.

Augen, fangen dich auf.

Es gibt dich,

weil Augen dich wollen,

dich ansehen und sagen,

dass es dich gibt.

Hilde Domin

Eine gute Zeit!

Was ich lese (4) Maja Storch, Gerhard Roth: Das schlechte Gewissen

  • Quälgeist oder Ressource? Neurobiologische Grundlagen und praktische Abhilfe, Hogrefe Verlag Bern 2021

Das schlechte Gewissen, in der Folge SG abgekürzt, dürfte den meisten Lesenden wohlbekannt sein. Da möchte uns jemand in der Mittagspause von seinen großen oder kleinen Alltagsproblemen erzählen – wir aber wollen den Kopf frei kriegen und um die vier Ecken joggen.

Da lebt jemand allein, fühlt sich einsam, will vorbeikommen – wir aber haben uns gerade nach etlichen Anstrengungen sehr auf einen Sonntag in Schlunzklamotten gefreut, an dem wir mal einfach nicht reden und nicht zuhören möchten.

Jemand will mit uns im Auto zu mitfahren – wir aber halten uns seit Monaten wegen Ansteckungsgefahren durch Corona sehr zurück und verzichten auf vieles, durchaus mit Verlustempfinden…

Ach ja, beinahe vergessen: Jemand möchte uns zum Weihnachtsessen einladen – wir möchten lieber nicht, wir haben eigene Vorstellungen, die uns wichtig sind.

SG ist womöglich dabei, wie immer wir entscheiden.  Mal, weil wir unseren eigenen Wünschen folgen, mal weil wir mal wieder nachgeben – denn auch uns selbst gegenüber können wir von einem SG gequält werden, wollten wir doch lernen, auch die eigenen Bedürfnisse zu würdigen.

Maja Storch kennt drei Optionen des Umgangs mit SG: es zum Schweigen zu bringen, es zu mildern und es als Leitlinie für eine Richtungsänderung zu erkennen. Diese drei Optionen beschreibt sie anschaulich und unterhaltsam im ersten Teil des Buches.

Sie beobachtete an sich selbst, dass es schwierig sein kann, allein durch Einsicht in die Sinnlosigkeit des quälenden Erlebens das SG zu besänftigen, daher tat sie sich mit Gerhard Roth zusammen, der im zweiten Teil die Psychologie und Neurobiologie des SG erläutert.

Wir erfahren etwas über die „Zutaten“ von SG:

  • eine Handlungsabsicht, auf der Grundlage von Bedürfnissen,
  • innere Normen, die damit in Konflikt stehen,
  • die Erwartung von Sanktionen bei Übertretung,
  • Abwägung von Gewinn und Sanktionen,
  • Stärke und Frequenz von Sanktionen
  • und die bisherigen Erfahrungen mit diesen Sanktionen.

Wie unsere Persönlichkeit sich entwickelt hat, das ist der Boden, auf dem die Zutaten zur Wirkung kommen. Roth erläutert knapp und anschaulich, wobei es sich bei der Epigenetik handelt, also den Einflüssen auf unsere Persönlichkeitsentwicklung, die zwischen Genetik und frühkindlicher Erfahrung stattfinden. Wir können ihm in die Ebenen des Gehirns folgen, die an unserer Entwicklung beteiligt sind, schon vorgeburtlich. Wir lesen, dass wir gewöhnlich erst im Alter von 20 Jahren (frühstens!) „halbwegs zur Vernunft gekommen sind“ und uns einigermaßen gesetzeskonform und normgerecht verhalten, und darüber, wie sich dies in unserem Gehirn abbildet.

Da es ja um unseren Quälgeist SG geht: Die kognitiv-sprachliche Ebene, so lesen wir, kann nicht so ohne weiters auf unser Verhalten einwirken. Was sich in unseren Hirnregionen unterhalb dieser Ebene abspielt, hat erheblichen Einfluss. Nach einem gut nachvollziehbaren Ausflug in die Welt der chemischen Botenstoffe im Gehirn (Stichworte Stressverarbeitung, Selbstberuhigungsfähigkeit, inneres Motivationssystem, Bindung, Impulshemmung und Risikowahrnehmung), lernen wir etwas über das Zusammenwirken der Systeme: Konfliktmöglichkeiten wo wir hinschauen, zwischen bewussten Zielen, zwischen unbewussten Motiven und bewussten Zielen, zwischen unterschiedlichen Motiven.

Jetzt wird es spannend:
Der Wunsch, Geborgenheit und Zugehörigkeit zu empfinden, kann uns auch schwächen, wenn er dominant geworden ist. Wir passen uns mehr an, als uns guttut.
Das Streben nach Einfluss und Kontrolle kann mit diesem Wunsch kollidieren. Die Furcht vor Machtverlust kann gewinnen. Dann erzählen wir uns womöglich etwas darüber, dass es leider gar nicht anders gehe, als uns so zu verhalten, wie wir entschieden haben zu tun.
Das Streben nach Leistung hat als Schattenseite die Angst vor Versagen im Gepäck. Es kann allerdings auch helfen, sich über Verbote und Gebote hinwegzusetzen, um Ziele zu erreichen!

Noch ein Konflikt: Mit etwas aufhören wollen (Rauchen), aber nicht können, weil die Gewohnheit so mächtig wirkt? Die als automatisch erlebte Verhaltensweise kann unterbrochen werden, am Anfang steht die Wahrnehmung und Beobachtung, die Veränderung des Kontextes hilft. (In der Mittagspause nicht in die Raucherecke zu gehen, was anderes zu machen ist hilfreicher, als auf die „Widerstandskraft“ zu bauen.)

Für all das gilt, auch im Zusammenhang mit SG: Wenn wir unsere inneren Konflikte lernen zu verstehen, können wir uns auf den Weg machen, wir können Neues einüben.

Im dritten Teil es Buches beschreibt uns Maja Storch, wie dies geschehen kann, und zwar an den Beispielen des ersten Teils. Das sehe ich als eine Stärke des Buches: Wir hatten Anregungen, unser SG zu beobachten, wir haben etwas darüber erfahren, warum es so hartnäckig sein kann, und nun lesen wir etwas über Wegweiser aus dem Dilemma.

Wie helfen wir unserem Gehirn, eine andere Stimmungslage zu erreichen? Das Stresserleben runterzufahren, das Beruhigungssystem hochzufahren? Dabei helfen ressourcenvolle Bilder!

Haben wir schon einmal beobachtet, wie ein kleiner oder großer Hund die Welt hinter sich lässt und „chillt“? Können wir diesem Zustand in unserem Körper einen Ort geben? Welche Symbole passen dazu? Das ist die Methode „Somatogramm“: Wir malen uns als Umrisswesen, wir verorten die ressourcenvollen Empfindungen in diesem Bild mit dem Einzeichnen von uns vertrauten und angenehmen Symbolen. Herzchen sind recht beliebt hierbei. Farben spielen eine Rolle.
Das Bild wird uns nun begleiten, wir nutzen es im Alltag, indem wir es anschauen, im Körper nachspüren, wieder und wieder abrufen, bis wir merken, es wurde Teil unseres inneren Systems.

Wir erfahren, dass wir unsere im Konflikt stehenden Affekte bilanzieren können: negative Affekte und positiv empfundene Affekte tauchen häufig nebeneinander auf, es hilft, sie auseinanderzuhalten, sie zu skalieren. Gern mit Säulen oder Thermometern, statt mit Zahlen. Dann können wir besser beurteilen, wie es uns genau geht mit den im Konflikt stehenden Handlungsmöglichkeiten (Besuch zulassen oder dem Ruhebedürfnis nachgeben?). Das hilft uns auch, „dritte“ Lösungen zu finden, vom Entweder-Oder wegzukommen!

Und zum krönenden Abschluss: Motto-Ziele! Mit bildhaften Formulierungen das Unbewusste anzusprechen, finde ich sehr vergnüglich. Unser Raucher in dem Buch hat folgendes Motto-Ziel gefunden: Ich inhaliere Leben!

Eine gute Zeit und grüßen sie Ihr SG von mir! Es darf sich mal einrollen und etwas ruhen 😉

Was ich lese (3) Dr. Gabor Maté, Unruhe im Kopf

Über die Entstehung und Heilung der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS, Narayana Verlag, 1. Auflage 2021, Originalausgabe 1999 SCATTERED MINDS Alfred A. Knopf, Canada

Ich zitiere aus An den Leser: „Unruhe im Kopf besteht aus 7 Teilen. In den ersten 4 werden die Merkmale der Aufmerksamkeitsdefizitstörung beschrieben und ihre Ursprünge erläutert, während in den letzten 3 der Heilungsprozess im Mittelpunkt steht. Teil 5 „Das ADHS-Kind und Heilung“ richtet sich nicht nur an Eltern, sondern auch an Erwachsene mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung, da er wichtige Informationen liefert, sich selbst verstehen zu lernen. In ähnlicher Weise können Eltern, die die Kapitel über Erwachsene mit ADHS lesen, vielleicht weitere Erkenntnisse über ihre ADHS-Kinder und über sich selbst erlangen.“

Ich zitiere einen großen Teil der Einleitung, da ich es wichtig finde, die Haltung von Dr. Maté zu kennen, mit der er dieses Buch geschrieben hat. Diese könnte wichtig sein für Deine, für Ihre Entscheidung, das Buch zu lesen oder nicht.
„Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung wird in der Regel von allen, die an schlechte Gene ‚glauben‘, als deren Ergebnis angesehen, und alle, die nicht daran glauben, sehen sie als Folge schlechter Erziehung. Die Aura der Verwirrung und sogar der Verbitterung, von der die öffentliche Debatte über diese Störung umgeben ist, steht einer vernünftigen Diskussion im Wege. Diese Diskussion sollte darüber geführt werden, wie sowohl die Umgebung als auch die Vererbung die Neurophysiologie von Kindern beeinträchtigen können, die in gestressten Familien, in einer zersplitterten und unter starkem Druck stehenden Gesellschaft sowie in einer Kultur aufwachsen, die zunehmend hektischer zu werden scheint.
Ich selbst leide an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Und auch bei meinen 3 Kindern wurde ADHS diagnostiziert. Ich glaube nicht, dass es hierbei um schlechte Gene oder schlechte Erziehung geht, sondern vielmehr um Gene und Erziehung. Die Neurowissenschaften haben nachgewiesen, dass das menschliche Gehirn nicht nur durch biologisches Erbgut programmiert wird, sondern dass die Schaltkreise im Gehirn auch dadurch geprägt werden, was nach der Geburt eines Kindes und sogar während der Zeit im Uterus geschieht. Die Gefühlszustände und die Lebensweise der Eltern üben einen starken Einfluss auf die Bildung der Gehirne ihrer Kinder aus, obwohl Eltern solche subtilen, unbewussten Einflüsse oft nicht kennen oder kontrollieren können. Die gute Nachricht ist, dass es in den Schaltkreisen des Gehirns eines Kindes und sogar eines Erwachsenen zu großen Veränderungen kommen kann, wenn die für eine positive Entwicklung erforderlichen Bedingungen geschaffen werden.“
Maté geht es hierbei nicht darum, Schuld zuzuweisen oder Fehler zu finden. Es geht ihm darum, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung genutzt werden kann, um die emotionale und kognitive Entwicklung der Kinder zu fördern. Auch Erwachsene mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung könnten Erkenntnisse finden, die ihnen dabei helfen, ein tieferes Verständnis ihrer selbst und des Weges zu ihrer eigenen Heilung zu entdecken. Nicht zuletzt auch Lehrenden soll dieses Buch das Verständnis dessen, wie es dem Kind geht und was es braucht, und darüber, was ein falsch verstandenes Krankheitsbild sein könnte, erleichtern. Grundlagen sind die neurowissenschaftliche Forschung, die Entwicklungsbiologie, die Familiensystemtheorie, die Genetik und Medizin. Hinzu kommen die Interpretation gesellschaftlicher und kultureller Trends, auch die Erfahrung von Doktor Maté selbst. Es befinden sich im Buch zahlreiche Fallbeispiele und im Anhang für weitere Informationen den Kapiteln zugeordnete Quellenangaben.

Zum Thema der Medikation rät Maté dringend zur differenzierten und individuellen Beurteilung. Grundsätzlich ist er der Meinung, dass man Kinder nicht dazu zwingen darf, Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, um für ihre Umgebung ein geringeres Problem aufgrund ihres Verhaltens darzustellen. In einigen Fällen erweist sich Medikation als hilfreich. Alle Beteiligten sollten wissen, was sie tun und immer wieder neu entscheiden, falls erforderlich. Das Kind selbst sollte entscheiden können. Medikation als einzige Intervention oder auch als erster Behandlungsansatz? Dieses lehnt Maté ab. Medikamente allein bewirken seiner Erfahrung nach keine langfristigen positiven Veränderungen. Selbst wenn sich Kinder bewusst für eine Medikamentengabe entschieden haben, kann es dazu kommen, dass ihr Selbstgefühl Schaden nimmt. Das Medikament sollte abgesetzt werden, wenn das Kind sinngemäß sagt Ich fühle mich nicht mehr als ich selbst. Die heimliche Botschaft der Medikation kann auch darin bestehen, dass das Kind den Eindruck mitnimmt, nicht von seinen Eltern akzeptiert zu werden, wie es nun einmal ist. Und dieses ist mit Angst besetzt.
Auch für Erwachsene gilt, dass beim Vorhandensein von Ängsten oder einer niedrigschwelligen Depression die Medikation durch Psychostimulanzien möglicherweise zu einer Verschlimmerung führt. Depression oder Ängste sollten mindestens gleichzeitig, besser aber zuerst behandelt haben.

Für alle Behandlung gilt: Zuallererst nicht schaden!

Eine gute Woche!

Was ich lese (2) Fritz B. Simon

Fritz B. Simon: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich – Zur Selbstorganisation der Verrücktheit. Bei Carl Auer erschienen, in der Reihe systemische Therapie. 1990. Ich beziehe mich auf die 14. Auflage von 2017.

Wer gerne mit dem systemischen Denken etwas vertrauter werden möchte oder einfach Spaß hat an spitzfindigen Denkübungen, ist hier richtig.

Es gibt einige Übungen zur Selbsterfahrung, durch die das Verstehen vertieft werden kann, wie wir alle manchmal mehr oder weniger verrückt denken. Das Buch ist anschaulich und spannend geschrieben, anregend und humorvoll.

Als Lesebeispiel gebe ich aus dem Kapitel 9, Verrücktes Fühlen, eine Übung und einige Gedanken dazu wieder, teilweise übernehme ich dabei Formulierungen des Autors aus den Seiten 172-177.

Das Kapitel beginnt mit einem Würfelspiel und wandelt die Frage Soll ich, soll ich nicht? Für oder wider? um in ein Für und/oder wider. Dieser Weg könnte in die Verwirrung, möglicherweise aber auch in eine deutlich klarere Entscheidung führen, als es die üblichen Plus-Minus-Listen leisten können. Es beginnt allerdings zunächst genauso.

Zweifel, ob es bleiben soll, wie es ist oder sich etwas ändern soll, und wie es sich im Verhalten dann auch abbilden sollte, damit dies geschehen kann, können schon bei einfachen Entscheidungen auftauchen. Will ich wirklich gesünder leben, möchte ich heute Brötchen oder Müsli frühstücken? Oder schwerwiegender: Möchte ich meine Partnerin, meinen Partner verlassen oder möchte ich bleiben? Möchte ich die Arbeitsstelle wechseln? Sie kennen bestimmt diese oder ähnliche Fragen! Möchte ich diesen Beitrag weiterlesen? Oder eher doch nicht?

Was es auch immer sei, suchen Sie sich ihr momentanes Thema und schreiben Sie zwei Spalten auf, Für – Wider. Darunter jeweils die Zahlen 1-6. Finden Sie für jede dieser Kolonnen 6 gute Gründe und schreiben Sie sich ein Stichwort dazu auf, das diesen Grund für Sie symbolisiert. So weit, so bekannt.

Heute Müsli zum Frühstück?

Für                       Wider

1. gesund            1. aufwändig

2. sättigend        2. Marmelade schmeckt mir!

3. …                      usw.

Nun kommt etwas, das Sie vielleicht noch nicht kennen: Nehmen Sie sich 2 verschiedenfarbige Würfel. Vielleicht haben Sie einen weißen und einen schwarzen im Haus oder welche Farbe auch immer? Sie sollten sich aber unterscheiden, und wenn es in der Größe ist, und es sollten 6-er Würfel sein. (Kreative Varianten können Sie ja später noch probieren!)

Ich nehme jetzt weiß und schwarz und gebe Ihnen folgende Anweisungen: Mit dem weißen Würfel entscheiden Sie, welches der FÜR Argumente, und mit dem schwarzen, welches der WIDER Argumente Sie sich in jetzt den Sinn kommen lassen. Das heißt, Sie richten nach der Würfelentscheidung jeweils aktuell ihre Aufmerksamkeit auf genau diese Stichpunkte. Achten Sie bitte darauf, wie Sie sich fühlen, wenn Sie die gewürfelten Argumente bedenken!
Wieviel Zeit Sie sich zwischen den einzelnen Würfelaktionen lassen wollen, steht Ihnen frei. Sie sollten aber zu registrieren versuchen, ob sich bei den verschiedenen Spielvarianten unterschiedliche zeitliche Muster ergeben.

Spielvariante 1: Sie würfeln mit beiden Würfeln gleichzeitig und versuchen dementsprechend, beide Argumente gleichzeitig zur Grundlage Ihrer Entscheidung zu machen. Machen sie dies 12 mal hintereinander. Wenn es sich nur um Tee oder Kaffee, Müsli oder lieber nicht, also z.B. Brötchen handelt, versuchen Sie, sich Ihrer Entscheidung entsprechend zu verhalten. Na, das kann spannend werden! Wenn es sich um eine größere Entscheidung handelt, zum Beispiel um den Wechsel der Arbeitsstelle, dann versuchen Sie, sich Ihr passendes Verhalten ganz genau vorzustellen!

Spielvariante 2: Sie würfeln zunächst 12 mal mit dem weißen, dann 12 mal mit dem schwarzen. Verfahren Sie mit Ihrer Gefühlswahrnehmung und Ihrem Verhalten wie in Spielvariante 1.

Spielvariante 3: Würfeln Sie insgesamt wiederum 24 mal, jetzt aber immer abwechselnd mal mit dem weißen, mal mit dem schwarzen. Verfahren Sie damit wie ein Spielvariante 1.

Spielvariante 4: Sie entscheiden sich, das Würfeln zu lassen.

Denken Sie sich selbst weitere Spielvarianten aus!

Sind sie nun verwirrt? Sehen Sie klarer? Tendieren Sie zu sowohl-als-auch oder zu weder-noch? Beim Müsli und in der Beantwortung dieser Frage?

Haben Sie etwas völlig anderes entdeckt? Die Gleichzeitigkeit widerstreitender Tendenzen ist Ihnen bewusster geworden? Ambivalenz kennen wir alle. Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust! (Faust). Und dies ist unter Umständen ziemlich dramatisch, wenn beide Seelen scheinbar gleich stark sind. Oder gibt es in der Wohngemeinschaft Ihrer Gedankenwelt einen Hauptmieter? Der sich da immer durchsetzt?

Es könnte sein, dass Sie sich jetzt innere Bilder entwerfen, zum Beispiel von zwei Pferden, die vor einen Wagen gespannt sind und jedes Pferd möchte woanders hin. Ambivalenz ist etwas Alltägliches. Manche quälen sich damit sehr herum, Soll ich, soll ich nicht meinen Freund verlassen? Soll ich, soll ich nicht jetzt sofort einen Urlaub buchen, egal was passiert? Wie unterscheidet sich so eine Ambivalenz von einem komplett verrückten Zustand? Manche nennen diesen Psychose.

In der „normalen“ Ambivalenz haben wir es mindestens mit 3 Hauptdarstellern zu tun: Den beiden Bewohnern in der Brust und mit derjenigen/demjenigen, die/der behauptet, sie/er sei die Brust. Wer beobachtet diese beiden widersprüchlichen Charaktere, mit kritischem Blick und Abstand aus einer Außenperspektive? Wer ist weder die eine noch die andere, wer identifiziert sich nicht mit diesem Gefühl und diesem Gedankengebäude? Wer folgt dann auch nicht spontan den gegensätzlichen, mit seinen Gefühlen verbundenen Handlungsimpulsen?

Jemand beißt abwechselnd ins Brötchen und nimmt einen Löffel Müsli. Hin und hergerissen lässt er den Konflikt zu. Und schließlich, irgendwann, wird er doch Partei für das eine oder das andere ergreifen. Spätestens dann, wenn äußere Ereignisse es nicht länger zulassen, einer Entscheidung auszuweichen. (Auf eine Nussschale gebissen, Mist, Zahn abgebrochen… Essen einstellen?)

Vielleicht entsteht durch diese Ambivalenz auch kreativ etwas Neues. Etwas, das die Widersprüche versöhnen könnte. Vielleicht entsteht etwas vollkommen anderes, das diese Widersprüche vollkommen unwichtig erscheinen lässt. (Wollen Sie wirklich Ihr Müsli mit Marmelade essen?)

Wer sich darin üben möchte, diese_n Beobachter_in  zu bitten, solche Würfelübung gedanklich durchzuführen, könnte feststellen. Dass er/sie weniger als früher Ich weiß auch nicht… denkt. Und dabei zunächst eine gewisse Gefühlsverwirrung erlebt. Vielleicht tatsächlich kreativer wird, sich kompetenter erlebt.  

Geschieht dies nicht, kann es sein, dass jemand mit dem Löffel vor dem Mund das Müsli stehen lässt. Hungrig bleibt.
Wer sich entscheidet, andauernd zu wechseln, könnte von sich den Eindruck haben, sie oder er sei gar nicht ambivalent. Im jeweiligen Moment ist sie/ist er ja doch widerspruchsfrei! Wer so handelt, geht womöglich davon aus, sie/er sei entschlossen. Und bemerkt gar nicht, dass sie/er springt. Das macht es gelegentlich schwierig für diejenigen, die davon betroffen sind. Sich selbst eingeschlossen.
Wer hingegen zwei Gefühle und Gedankengebäude gleichzeitig leben möchte, wird in eine ziemliche Schwingung geraten. Zorn und Zärtlichkeit, Zufriedenheit und Bedauern.
Wer im weder-noch gefangen ist, erscheint der Beobachterin wie in einem Totstellreflex erstarrt. Keine Bereitschaft ist zu erkennen, etwas zu tun, kein Wunsch. Bleib mal liegen! Schlaf noch ein bisschen! Wie es da drinnen aussieht, geht niemanden etwas an! So jemand erscheint irgendwie jenseits von Gut und Böse. Anders ausgedrückt weder Fisch noch Fleisch.

Ich wünsche uns allen, dass wir solche Zustände nur gelegentlich erleben. Dass wir nicht dabei verharren. Dass die dritte Instanz, die Beobachterin, uns rauszufinden hilft. Sie kann mit sich verhandeln und mit den Instanzen in der Brust verhandeln.

Der Beobachter, die Beobachterin wird von manchen als ICH bezeichnet. Oder auch als eine der Instanzen im großen inneren Team. Und das ICH ist auch noch da.

Eine schöne Woche!

Was ich lese (1) Johann Hari

Moin zusammen! Meine Blog-Pause habe ich hiermit beendet. Ich werde wieder von Zeit zu Zeit etwas schreiben, allerdings nicht mehr mit der bisherigen Regelmäßigkeit. In der nächsten Zeit werde ich Einblicke in meinen Lesestoff geben. Das können Neuerscheinungen sein, von mir neu Entdecktes, obwohl schon länger auf dem Markt oder aus dem Regal Genommenes, weil es mir wieder einfiel.

Heute beginne ich mit Hari, Johann: Der Welt nicht mehr verbunden: Die wahren Ursachen von Depressionen – und unerwartete Lösungen (German Edition), HarperCollins. Kindle-Version.  
Copyright © 2017 by Johann Hari, Originaltitel: »Lost Connections: Uncovering the Real Causes of Depression – and the Unexpected Solutions.« erschienen bei: Bloomsbury, London

Johann Hari ist ein britischer Journalist, Schriftsteller, Kolumnist und Podcaster. Ein Wissenschaftler ist er nicht, das ist seinem Buch anzumerken. Auch tut er in seinem Text so, als verkünde er völlig neue Erkenntnisse zum Thema Depressionen und zur Fragwürdigkeit von medikamentöser Behandlung, und er erweckt den Eindruck, die Kritiker dessen fristeten allesamt ein Nischendasein. Das stimmt so nun nicht. Und dennoch: Es lohnt sich für mich zu lesen, weil hier ein Betroffener mit sehr starkem Engagement geschrieben hat und weil er Ursachen und Veränderungsmöglichkeiten von Depressionen mit einem sehr persönlichen Scheinwerfer beleuchtet.

Einige Zitate:

„Ich war achtzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal Antidepressiva schluckte. Ich stand im matten englischen Sonnenlicht vor einer Apotheke in einem Londoner Einkaufszentrum. Die Tablette war klein und weiß, und als ich sie einnahm, fühlte es sich an wie ein chemischer Kuss. Am Vormittag hatte ich meinen Arzt aufgesucht. Es falle mir schwer, erklärte ich ihm, mich an einen Tag zu erinnern, an dem ich nicht geheult hätte wie ein Schlosshund. Seit ich ein kleines Kind war – in der Schule, im Studium, zu Hause, bei Freunden –, musste ich mich oft zurückziehen, mich irgendwo einschließen und weinen. Das waren nicht nur ein paar Tränen. Es war ein regelrechtes Schluchzen.“ (S.9 Kindle-Version)

„Ich wusste, was Depressionen sind. Sie kamen in Fernsehserien vor, und ich hatte Bücher darüber gelesen. Meine eigene Mutter hatte ich von Depressionen und Ängsten reden hören und beobachtet, wie sie Pillen dagegen schluckte.“ (ebda. S.11)
„Als ich an jenem Vormittag meinen Arzt aufsuchte, wurde mir rasch klar, dass er mit alldem ebenfalls vertraut war. In seinem kleinen Sprechzimmer erklärte er mir geduldig, warum ich mich so fühlte. Es gebe Menschen, in deren Gehirn von Natur aus ein Mangel an einer Chemikalie namens Serotonin herrsche, sagte er, und dadurch würden Depressionen verursacht – diese seltsame, hartnäckige Fehlzündung, die man Unglück nennt und die nicht weichen will. Glücklicherweise gab es, gerade rechtzeitig für meinen Start ins Erwachsenenleben, eine neue Generation von Medikamenten – Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs, selective Serotonin Reuptake Inhibitors) –, die den Serotoninspiegel auf das Niveau eines normalen Menschen heben. Eine Depression ist eine Krankheit des Gehirns, sagte er, und das ist die Kur. Er holte die Abbildung eines Gehirns hervor und sprach mit mir darüber.“ (ebda. S.11-12)
„Ein paar Wochen später ging ich an die Uni. Mit meiner neuen chemischen Rüstung hatte ich keine Angst. Dort wurde ich zum Wanderprediger für Antidepressiva. Wenn Freunde traurig waren, bot ich ihnen an, eine meiner Pillen auszuprobieren, und riet ihnen, sich beim Arzt welche zu besorgen. Ich gelangte zu der Überzeugung, dass ich nicht nur meine Depression abgelegt, sondern in einen noch besseren Zustand aufgestiegen war – ich nannte das »Antidepression«. Ich war, so sagte ich mir, ungewöhnlich belastbar und energiegeladen. Zwar machten sich einige körperliche Nebenwirkungen des Medikaments bemerkbar – ich nahm stark zu und bekam unverhofft Schweißausbrüche –, aber das war ein geringer Preis dafür, dass ich die Menschen in meiner Umgebung nicht mehr mit Traurigkeit überschwemmte. Und – siehe da! – ich konnte jetzt alles schaffen.“ (ebda. S.13).

Nach einiger Zeit habe er von seinem Arzt höhere Dosen bekommen, da die Traurigkeit wiederkehrte. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr sei das so weiter gegangen. Sein parallel behandelnder Therapeut teilte ihm seinen Eindruck mit, dass die Depression weiter bestehe. Hari hatte Angst, sich von den Medikamenten zu verabschieden, aber begann nun auch Fragen zu stellen. Eine davon war: Warum gibt es so viele Menschen in seinem Umfeld, die Pillen gegen psychisches Unwohlsein schlucken? Warum leiden so viele und woran?

Er machte sich auf eine Reise, besuchte Forschende, Therapeut_innen und Menschen, die einen anderen Lebensweg mit ihrer Depression gefunden haben. Den Abschnitt darüber, wie die Pharmafirmen tricksen und täuschen, um ihre Produkte zu verkaufen, überspringe ich hier und gehe gleich dazu, was Hari für sich als Ursachen und als Lösungen benennt.

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Ursache eins: Abgeschnitten von sinnvoller Arbeit

Ursache zwei: Abgeschnitten von den Mitmenschen

Ursache drei: Abgeschnitten von sinnvollen Werten

Ursache vier: Abgeschnitten vom Kindheitstrauma

Ursache fünf: Abgeschnitten von gesellschaftlicher Stellung und Ansehen

Ursache sechs: Abgeschnitten von der Natur

Ursache sieben: Abgeschnitten von einer hoffnungsvollen oder sicheren Zukunft

Ja, das leuchtet doch unmittelbar ein, oder? Dass es familiäre, soziale, ökonomische Hintergründe sind, die das Entstehen eine Depression begünstigen. Und sollte es eine genetische oder vorgeburtliche Disposition geben, die dabei eine wichtige Rolle spielt – woran denn könnte Veränderung ansetzen?

Doch nur an den Lebensverhältnissen, oder?

Dazu schreibt Hari sein Drittes Kapitel:

„Wenn die notwendigen Veränderungen groß erscheinen, so heißt das nur, dass es sich um ein großes Problem handelt. Und ein großes Problem ist nicht notwendigerweise unlösbar.“ (ebda. S.218)

Wiederverbundensein – eine andere Art von Antidepressiva

Er beschreibt, wie einem Mann von einer Dorfgemeinschaft in Kambodscha geholfen wird, nach einer schweren Verwundung durch eine Landmine eine Arbeit zu finden, die er zu seiner eigenen Zufriedenheit ausüben kann.

Er beschreibt Lösungswege anderer Art:

Ausweg eins: Gemeinschaft mit anderen Menschen

Ausweg zwei: Social Prescribing (=soziale Verschreibung)

Ausweg drei: Sinnvolle Arbeit (Hier merkt er an, dass es natürlich unangenehme und wenig erfüllende Arbeiten gebe, die allerdings notwendig sind für das gesellschaftliche Leben. Dass es aber sehr auf die Arbeitsverhältnisse ankomme, ob nämlich ein Mensch dort Einfluss nehmen kann und sich als Person einbringen kann.)

Ausweg vier: Sinnvolle Werte

Ausweg fünf: Mitfühlende Freude und die Überwindung der Selbstsucht

Ausweg sechs: Das Kindheitstrauma annehmen und überwinden

Ausweg sieben: Wiederherstellung der Zukunft

Aus seinem Fazit: „Das ist der Hauptpunkt, den ich meinem jüngeren Ich erklären möchte. Du wirst dieses Problem nicht allein lösen können. Es ist kein Defekt in dir. Um dich herum herrscht überall ein Hunger nach Veränderung, er lauert direkt unter der Oberfläche. Schau dir die Leute an, die dir in der U-Bahn gegenübersitzen, während du das hier liest. Viele von ihnen leiden an Depressionen und Ängsten. Noch viele weitere sind ohne Not unglücklich und fühlen sich in der Welt, die wir geschaffen haben, verloren. Wenn du am Boden bist und in der Isolation verharrst, wirst du wahrscheinlich depressiv und ängstlich bleiben. Wenn du dich aber mit anderen zusammentust, dann kannst du deine Umwelt verändern.“ (ebda. S.349-350)

Habe ich mit meinem Beitrag Interesse, Zustimmung oder Widerspruch geweckt? Schreiben Sie mir gern an info@heilpraxis-psychotherapie-roderwald.de!

Eine gute Zeit!

Eine kleine Übung

Wie Immer: Wenn Du es machen möchtest, gib Dir Zeit dafür. Und den geeigneten Raum. Es ist meistens ohne spürbare Wirkung, wenn Du versuchst, es nebenbei durchzuführen!

Und: Wenn Du keinen Zugang dazu findest, dass es wirkt, vertrau einfach darauf, dass etwas auf einer tieferen Ebene stattfindet.

Und: Solltest Du die Übung als wenig angenehm empfinden, hör damit auf! Es liegt kein Sinn darin, dass Du Dich anstrengst, überforderst oder selbst nervst! Mach dann was anderes, etwas, das Du gern tust.

Wisse: Wenn die Übung Dich entspannt, wird nach einiger Zeit wahrscheinlich auch wieder etwas Anspannung auftauchen. Das ist gesund. Wie eine Welle kann Anspannung und Spannung sich rhythmisch abwechseln. Beobachte einfach, fühle einfach, was passiert.

Erstens. Du sitzt so, wie es für Dich bequem ist. Du spürst Deine Füße, Deine Sitzhöcker. Und alles, wo Dein Körper aufliegt und Kontakt hat.

Zweitens. Du schließt die Augen oder Du schaust vor Dich hin, ohne dabei irgendetwas zu fixieren.

Drittens. Du folgst mir deiner Aufmerksamkeit Deinem Atem, lass ihn fließen, wie er es mag.

Viertens. Nun mach kleine Bewegungen mit deinem Unterkiefer, so, als wolltest Du etwas Kleines kauen. Etwas, das Du langsam genießen möchtest. Schau, ob Du lieber leicht geöffnete oder geschlossene Lippen dabei hast. Bleibe eine Weile dabei. Sei neugierig, sei spielerisch. Beobachte einfach, was geschieht. Beobachten ohne zu bewerten. Möglicherweise bemerkst Du veränderten Speichelfluss. Beobachte innere Bilder, die auftauchen. Bewerte nicht. Nimm einfach wahr. Lass sie ziehen. Und was ist im Körper?

Fünftens. Tauch aus dieser Übung wieder auf, indem Du mit der Bewegung langsam aufhörst. Kehre zurück zur Beobachtung deines Atems. Kehre zurück zu der Wahrnehmung Deiner Augen. Lass sie langsam wieder wacher werden. Schau um Dich, orientiere Dich im Raum. Achte auf Geräusche. Achte auf die Temperatur. Und achte auf alles, was Du wahrnehmen kannst, sei neugierig.

Eine gute Woche!

Fürsorge erfahren und weitergeben

Wie lernen wir zu lieben? Dr. Gabor Maté schreibt in seinem Buch „Wenn der Körper nein sagt“, dass wir es lernen, indem wir geliebt werden. Dass Tiere ihren Nachwuchs ablecken, dient der Stimulierung der Körperfunktionen der Neugeborenen. Wer je dabei zugeschaut hat, die Hingabe und den Eifer miterlebt hat, weiß, dass es viel mehr ist als das. Die Eltern entwickeln zahlreiche Formen, taktil zu stimulieren und sorgen dadurch dafür, dass ihr Nachwuchs eine gesunde Entwicklung nimmt – sowohl körperlich als auch in Bezug auf ihr Verhalten. Das ist erlernte Liebe.
Auch wir Menschen brauchen diese Berührungen. Sie sind von grundlegender Bedeutung für unsere Entwicklung in emotionaler Hinsicht und in Bezug auf unsere Gesundheit. Körperliche Berührungen stimulieren die Produktion von Wachstumshormonen. Damit werden eine verbesserte Gewichtszunahme und auch die geistige Entwicklung gefördert. Es gilt für Tiere wie für Menschen: Kinder, die nicht erwünscht sind, werden nicht nur eine beeinträchtigte körperliche Entwicklung erfahren, sondern sie werden auch eine erste Ahnung davon bekommen, nicht in Ordnung oder gar liebenswert zu sein. Falls spätere Ereignisse dies verstärken, wird es zum Selbstbild gehören.

Berührt zu werden ist existentiell! Und dies gilt auch für die Berührung über unsere anderen Sinne: eine freundliche Stimme, freundliche Züge in uns zugewandten Gesichtern, vertraute Gerüche. Positive emotionale Interaktionen beeinflussen die Entwicklung des menschlichen Gehirns entscheidend. Vom Moment der Geburt an regulieren sie unseren Tonus und unser hormonelles System.
Es gibt eine Biologie des Fehlens. Fehlen die genannten Erfahrungen, wird dies physiologische und emotionale Störungen hervorrufen. Das heranwachsende Lebewesen steht unter Stress. Säugetiere, also auch wir Menschen, brauchen Fürsorge. Wie brauchen eine Fürsorge, die weit über die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse hinausgeht. Nicht nur Nahrung, Unterkunft, Schutz und die Übermittlung von Informationen sind vonnöten. Es geht auch um den Kontakt, um die warme, angenehme emotionale Erfahrung. Die Liebe von erziehenden Personen ist die Triebfeder einer optimalen Reife der Schaltkreise des Gehirns und damit auch unserer Gesundheit.

Wo erziehende Personen, wo Eltern versagen, wird das Fehlen dieser Fürsorge in körperlicher und emotionaler Hinsicht das Kind in einen sehr schwierigen Lebensbewältigungsmodus führen. Manche haben nicht die Kraft, nicht das Wissen, nicht die Fähigkeit, dem Kind zu geben, was es benötigt. Wir verstehen, dass diese erziehenden Personen ihrerseits nicht erhielten, was sie so dringend gebraucht hatten. Heranwachsende spüren, dass etwas fehlt. Sie spüren, dass sie etwas Lebenswichtiges nicht bekommen. Sie fühlen, dass in der Familie, im Umfeld etwas nicht stimmt.
Menschen, die in Chaos und Elend heranwuchsen, die Krieg, Hunger, Gewalt erlebt und mitangesehen haben, wissen um ihren Mangel. Es ist schwer, dies anzuerkennen, es ist schwer, davon zu sprechen. Und wenn alle solches Leid erlebt haben, wem will man es erzählen, wie es war? Wenn aber Erwachsene nicht die Fähigkeit entwickeln, davon zu sprechen, was ihnen gefehlt hat, geben sie den Mangel an die nächste Generation weiter.
In meiner Praxis erlebe ich es immer wieder, dass Enkelkinder und auch die inzwischen betagten Kinder von Menschen, die ihre Kriegserlebnisse nicht verarbeiten konnten, verdrängten, schwiegen und darüber verhärteten, unter etwas leiden, das sie kaum begreifen und fassen können. Ein Leben lang können sie den Eindruck haben, an ihnen sei etwas falsch.

Ich erlebe auch, dass es auch im fortgeschrittenen Alter noch möglich ist, Wunden heilen zu lassen. Die Narben bleiben. Sie können fortschreitend weniger schmerzen, flacher und blasser werden, wir können darüber streichen und sie liebevoll verstehend berühren.

Der Schritt in einen Prozess, die Mangelerfahrung aufzudecken, anzuschauen und zu begreifen, ist auch der erste Schritt auf den Weg hinaus. Hinaus aus dem eigenen Leid und hinaus aus der Weitergabe an die nächste Generation – als Eltern, Erziehende, Lehrende, Ärzt_innen, Therapeut_innen und überall dort, wo wir in Kontakt zu Menschen gehen.

Eine gute Woche!

Bindung. Autonomie. Gesundheit

In diesem zweiten Teil zum Buch von Dr. Gabor Maté mit dem Titel Wenn der Körper Nein sagt schreibe ich über Selbstregulierung und Aspekte der Biologie von Beziehungen.

Sich selbst regulieren lernen

Kinder und sogar Tierkinder besitzen die Fähigkeit zur biologischen Selbstregulierung noch nicht. Die biologischen Zustände ihres Herzens, der Hormone und der Aktivität des Nervensystems sind noch abhängig von ihrer Umgebung. Sie lernen Selbstregulation im Kontakt zur Umwelt.
Kinder brauchen Beziehungen zu erwachsenen Bezugspersonen, die ihre Emotionen wie Liebe, Angst oder Wut annehmen können, widerspiegeln und halten können. Ein angstvolles Schreien wird mit ruhiger, fürsorglicher Zuwendung beantwortet: Du bist geborgen, in Sicherheit und Bindung. Du schreist voll Zorn? Du bist angenommen und gehalten mit all dem Zorn! Geschieht dies nicht, wird das Kind psychischen Stress erleben.
Jede Störung der Beziehung sorgt für Unruhe im inneren Milieu des Kindes. Wenn es gut läuft, lernt es nach und nach mit Hilfe der erziehenden Personen, diese Unruhe zu regulieren. Es lernt, sich zu beruhigen, lernt, dass Angst und Zorn auch wieder vergehen. Dies ist etwas völlig anderes als die Resignation, die ein Kind erlebt, das man unbegleitet und ohne Trost und Annahme schreien lässt!

Unsere biologische Reaktion auf Probleme, auch die in unserem Umfeld, wird von unseren Beziehungen beeinflusst, von der Bindung, die wir zu anderen Menschen erlebt haben. Diese kann über das weitere Leben so fortbestehen – im günstigen, wie auch im ungünstigen Fall. Eine Anpassungsleistung ist also weit mehr als eine individuelle Leistung: Sie findet in einem System statt.

Krankheit wäre demzufolge kein einfaches biologisches Ereignis in einem für sich allein stehenden menschlichen Wesen. Die Sichtweise des Familiensystems und die Art, wie in einem Familiensystem Gefühle und Ereignisse reguliert werden, werden einen wesentlichen Einfluss haben darauf, wie Menschen mit ihrer Biologie reagieren. In der Beziehung von Mutter und ungeborenem Kind ist diese Verwobenheit noch selbstverständlich in unserer Wahrnehmung. Aber sie endet nicht mit der Geburt oder der physischen Reife. Beziehungen zu unseren Mitmenschen bleiben ein Leben lang wichtige biologische Regulatoren.

Mit anderen emotional in Kontakt und doch auch autonom im eigenen emotionalen Funktionieren zu sein: Dies wäre eine wesentliche Grundlage zur bestmöglichen Gesundheit.

Autonomie in Beziehung

Im Laufe der Entwicklung sollte sich das Selbst für die Gesundheit des Organismus so weit definieren und differenzieren lernen, dass Verbundenheit bei gleichzeitiger Autonomie möglich ist und gespürt werden kann. Es geht um die Herausbildung einer emotionalen Grenze, die verhindert, dass der eigene Denkprozess von einem emotionalen Gefühlsprozess überwältigt wird.
Haben wir diese Autonomie nicht ausgebildet, können wir es zum Beispiel daran merken, dass wir anscheinend automatisch Ängste anderer aufnehmen und ungefiltert in uns selbst erzeugen. Haben wir sie, können wir Mitgefühl spüren, ohne uns dabei zu verlieren.
Der ausreichend differenzierte Mensch kann seine eigenen Emotionen akzeptieren und darauf reagieren, ohne dabei den Erwartungen anderer entsprechen zu wollen. Wir können dann gut unterscheiden, wie wir uns auch unseren Zorn über etwas erlauben können, ohne dass wir unsererseits andere dabei schädigen.
Nicht zu verdrängen, aber auch nicht impulsiv auszuagieren: Dieser Mensch ist Chef im eigenen Ring. Diese einmal erlernte Fähigkeit wird lebenslang in Beziehungen zu anderen Menschen erlebt, wird in ihnen genährt und gestärkt – und wenn es für den Selbstschutz gebraucht wird, kann eine Grenze zur Umwelt gezogen werden.

Je geringer die Fähigkeit zur Selbstregulation in der Kindheit ausgebildet werden konnte, desto schwieriger wird es im weiteren Leben, das innere Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Menschen begeben sich dann unter Umständen in Abhängigkeiten oder sie entwickeln das gegenteilige Muster der weitestgehenden Abgrenzung zu ihrem Umfeld.
Wenn wir uns nur schwer regulieren können, wird alles schwer. Wir entwickeln zwar Strategien zur Bewältigung, aber: In festgefahrenen Lebensstrategien liegt die Gefahr des Stresses – oft als permanente innere Anstrengung empfunden. Der Organismus ist dann dauergestresst.  

Der Organismus kann solchen andauernden Stress nicht ohne Hilfe verarbeiten. Bluthochdruck ist eine der möglichen Folgen. Ihn mit Medikamenten zu behandeln ist sicherlich oft nötig – zur Abwendung irreparabler körperlicher Schäden. Allerdings ist diese Behandlung nichts als eine Krücke. Gesundheit erlangen kann der Organismus hierdurch nicht. Der Organismus kann jedoch lernen, Emotionen zu regulieren, Autonomie aufzubauen – Gesundheit wäre dann mehr als die Abwesenheit von Krankheit!

Eine gute Woche!

Emotionen. Stress. Krankheit.

Dies ist keine Buchbesprechung. Aber ich beziehe mich auf ein Buch: Doktor Gabor Maté berichtet in seinem Buch „Wenn der Körper Nein sagt“ über Patientinnen und Patienten, die er als Allgemein- und als Palliativmediziner kennengelernt hat. Dieses Buch werde ich hier nicht besprechen, sondern erlaube mir, diejenigen Gedanken zu zitieren oder zu paraphrasieren, die mir zurzeit wichtig sind. Einige dieser Gedankengänge sind auch aus anderen Publikationen bekannt. So kompakt und nachvollziehbar habe ich über diese Thematik bisher nicht gelesen: Den Zusammenhang von Bedürfnissen, Emotionen, Stress und Krankheit. Die verständliche Art zu schreiben, die spürbare Fähigkeit, mit den Menschen, über die er schreibt, mitzufühlen, dabei aber niemals in die Gefahr zu geraten, einen „Ratgeber“ zu schreiben – dies alles nimmt mich für das Buch sehr ein. Ich beginne in dieser Woche mit den mir wichtigen Aussagen zu den Themen Emotionen und Stress.

Stress

Prüfungsdruck ist Stress für viele Menschen. Er ist spürbar. Und er geht meist vorbei. Aber viele Menschen verbringen unwissentlich ihr Leben, als würden sie von einem wertenden Prüfer beobachtet. Als gäbe es jemanden, den sie um jeden Preis zufriedenstellen müssen. Unser Bedürfnis, gesehen, erkannt und respektiert zu werden, als diejenigen, die wir sind, wird dadurch negiert. Wir tragen dann möglicherweise eine Wut in uns, die wir nicht wahrhaben wollen. Unser Organismus allerdings reagiert mit Stress.
Menschen, die in Isolation leben, selbstgewählt oder von außen herbeigeführt, können ihr Bedürfnis nach Bindung nicht erfüllen. Eine Angst begleitet sie, sie erleben bewusst oder unbewusst eine Bedrohung. Der Organismus reagiert in jedem Fall mit Stress.
Nicht alle erleben diesen Stress bewusst, nicht alle wissen, dass sie nicht zufrieden sind, sondern halten ihr Leben für ziemlich zufriedenstellend. Sie verstehen dann nicht, warum sie unter Symptomen unterschiedlichster Art leiden und verübeln sich dies sogar. Eine Klientin von mir sagt häufig: Aber ist das nicht bei allen so? Meine Antwort: Nein. Ist es nicht.

Für gewöhnlich wissen wir, dass wir, wie alle Säugetiere, mit einem angeborenen Kampf- oder Fluchtverhalten ausgestattet sind. Bei einigen Menschen ist dies verschüttet oder nicht ausreichend entwickelt. Das Grundproblem im späteren Leben ist dann nicht der Stress von außen, sondern eine umweltbedingte Hilflosigkeit, die keine der gesunden Reaktionen von Kampf oder Flucht zulässt. Ein anderer Begriff dafür ist erlernte Hilflosigkeit. Dieses Lernen findet aber in einer Zeit statt, in der Kinder auf ihre erziehenden Personen angewiesen sind. Stress, der aus diesem unterentwickelten Kampf- und Fluchtreaktionsmodus resultiert, wird häufig nicht wahrgenommen, nicht als belastend empfunden. Diese Menschen neigen dann dazu, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, in nicht funktionierenden Beziehungen zu verharren, das unbefriedigende Jobverhältnis beizubehalten, sich nicht so frei wie möglich zu entfalten.

Die Biologie des Stresses wird im Hormonsystem gemessen und es finden sich sichtbare Veränderungen der Nebennieren, der Milz, der Thymusdrüse, den Lymphdrüsen, der Darmschleimhaut, die sich schwer entzünden kann. Dies geschieht über die Pfade des Zentralnervensystems und der Hormone. Nimmt der Hypothalamus im Hirnstamm eine Bedrohung wahr, bildet er ein Hormon, das im Endeffekt in den Nebennieren zu einer Stimulierung des Cortisols führt. Die unmittelbare Wirkung von Cortisol ist eine Abmilderung der Stressreaktion. Allerdings wird dabei die Immunaktivität reduziert, um sie in sicheren Grenzen zu halten. Die funktionelle Verbindung wäre also die Aufrechterhaltung der Homöostase im Organismus. Eine permanente höhere Ausschüttung von Cortisol hingegen schädigt das Immunsystem dauerhaft und kann zu Erkrankungen führen, auch zu den diversen Autoimmunerkrankungen.

Emotionen

Emotionen lassen sich unterteilen in
1. die subjektive Erfahrung. Wie fühlen wir uns? Wir wissen dann, dass wir gerade Wut, Freude oder Angst spüren und kennen die dazugehörigen körperlichen Symptome.

2. spielt die Außenwirkung unserer Emotionen eine wichtige Rolle. Ob es uns bewusst oder unbewusst ist: Die Art, wie von anderen wahrgenommen wird, dass wir gerade wütend sind, ängstlich, froh, wirkt auf uns zurück. Unsere nonverbalen Signale können wir in der Regel nicht unterdrücken. Hier überträgt sich über Stimmlage, Gesten, Gesichtsausdrücke, das Timing von Handlungen oder sogar unserer Sprechweise unsere Verfassung. Unser Gegenüber nimmt es wahr und reagiert seinerseits. Und es ist nicht selten, dass eine Person die von ihr kommunizierten Emotionen nicht wahrnimmt, während die Menschen um diese Person herum alles sehr deutlich lesen können.

Es kann sein, dass ein Kind sehr wütend oder sehr ängstlich ist. Und es kann sein, dass Eltern ihrerseits darauf mit Wut oder Angst reagieren. In diesem Falle könnten sie dazu neigen, die Emotionen des Kindes zu unterdrücken, zu bestrafen, zu ignorieren. So dass das Kind lernt, vergleichbare Emotionen in der Zukunft zu verdrängen. Das Kind braucht Bindung und Bestätigung. Das geschilderte elterliche Verhalten wird als Ablehnung verarbeitet und das Kind reagiert seinerseits mit Scham. Eine gefühlte Hilflosigkeit kann das Ergebnis sein. Tatsächliche oder in sich selbst wahrgenommene Hilflosigkeit ist ein wirkungsvoller Auslöser biologischer Stressreaktion. Das Bedürfnis nach Autonomie wird verletzt, das wichtige Bedürfnis zu Selbstausdruck und Eroberung der Welt. Erlernte Hilflosigkeit ist ein psychischer Zustand, in dem die betroffenen Menschen sich stressigen Situationen nicht entziehen, obwohl sie körperlich die Möglichkeit dazu haben. Menschen bleiben sogar gewalttätigen Beziehungen, in denen sich gefangen fühlen, oder sie führen einen Lebenswandel, den sie sich nicht wirklich wünschen. Sie fühlen sich unfrei und sie bleiben.

3. Emotionale Stimuli lösen physiologische Veränderungen aus, etwa Entladungen im Nervensystem, Hormonausschüttungen, Veränderungen des Immunsystems. Diese Reaktionen können in der Regel nicht selbst kontrolliert werden. Und obwohl sie nicht immer von außen unmittelbar beobachtet werden – sie finden statt. Dies ist besonders bei chronifizierten, emotional problematischen Situationen bedrohlich für die psychische Gesundheit.

Gabor Maté schildert, was zur emotionalen Kompetenz erforderlich ist:

1. Die Fähigkeit, unsere Emotionen zu spüren. Ein Bewusstsein darüber, dass wir Stress erfahren.

2. Die Fähigkeit, unsere Emotionen ausdrücken zu können. Unsere Bedürfnisse abzuschätzen und die Unversehrtheit unserer emotionalen Grenzen aufrechtzuerhalten.

3. Die Fähigkeit psychische Reaktionen, die der aktuellen Situation angemessen sind von denen zu unterscheiden, die dem Schatten der Vergangenheit entsprungen sind. Was wir heute von der Welt wünschen oder verlangen, sollte unseren gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechen, nicht den unbewussten unbefriedigten unserer Kindheit – wenn wir gesund bleiben oder werden wollen.

4. Bewusstsein darüber und Akzeptanz dafür, dass unsere authentischen Bedürfnisse befriedigt werden müssen. Und dass deren Unterdrückung, um die Akzeptanz und das Wohlwollen anderer zu erlangen, uns krank machen kann. Eine chronische Störung unserer emotionalen Befindlichkeit und Ausdrucksfähigkeit hat sehr wahrscheinlich eine schwache gesundheitliche Konstitution zur Folge!

Weiter geht es nächste Woche – eine gute Zeit bis dahin!

Die Gänsemagd

Jobst Finke schreibt in seinem Buch Träume, Märchen, Imaginationen. Personenzentrierte Psychotherapie und Beratung mit Bildern und Symbolen im dritten Teil folgendes über Märchen: „Märchen ermutigen zum phantasierenden Tagträumen und zu Sehnsuchtsvorstellungen. Sie aktivieren damit ein utopisches Potenzial. Sie erlauben uns, Wünsche zu haben und uns in unserer Sehnsuchtsstruktur zu erkennen. Wenn wir uns, z. B. in Tagträumen eine fiktionale Welt entwerfen, erfahren wir etwas Wichtiges über uns selbst.“

„Das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist.“ Diese Formulierung wird Kierkegaard zugeschrieben, hier zitiert nach Rogers. In der Psychotherapie formulieren Klient_innen neben dem Wunsch, eine Belastung nicht länger zu erleiden und mehr Leichtigkeit zu spüren auch die Sehnsucht, authentisch zu agieren, sich als lebendiges Selbst zu erleben. Sie haben manchmal die Idee, etwas verloren zu haben, was früher einmal selbstverständlich war, zum Beispiel eine stärkere Spontaneität oder größeren Mut. Im Verlauf der Therapiestunden taucht die Idee dessen auf, was in der Zukunft das Selbst der Klienten ausmachen werde. Für mich fasse ich diesen Teil des Prozesses in dem biblischen Begriff „Ich bin, wer ich sein werde“ zusammen. Es ist schon da, als Keim, als verschüttete Präsenz, in der Fähigkeit zur Vorstellung ist es bereits Teil des suchenden Menschen.

Zurück zu Finke: Dort fand ich den Verweis auf das Märchen „Die Gänsemagd“. Ich habe das Märchen im Web gefunden, es ist recht lang, ich erlaube mir, die Zusammenfassung bei Wikipedia zu benutzen. Allen, die tiefer einsteigen wollen, hilft die Browsersuchfunktion.

„Eine Königin, deren Mann vor langer Zeit gestorben ist, schickt ihre einzige Tochter weit fort zur Hochzeit mit einem Königssohn. Sie gibt ihr eine Magd mit, ein sprechendes Pferd namens Falada und als Reisetalisman ein Tuch mit drei Tropfen von ihrem Blut. Die Tochter verliert dieses Tuch aber, als sie sich über einen Bach beugen muss, weil die Magd sich weigert, ihr mit dem goldenen Becher Wasser zu reichen. Die Magd zwingt die Prinzessin sogar, die Pferde und Kleider zu tauschen und lässt sie anschließend schwören, keinem Menschen davon zu erzählen. All das duldet die Prinzessin demütig. Als sie in vertauschten Rollen beim Schloss ankommen, empfängt der Prinz die Magd als seine Braut, und der alte König schickt die Königstochter mit einem kleinen Jungen namens Kürdchen zum Gänsehüten. Dem Pferd Falada lässt die falsche Braut den Kopf abhacken, weil sie fürchtet, von ihm verraten zu werden, aber auf Bitten der Königstochter nagelt der Schlachter den Kopf unter das Tor, durch das sie und Kürdchen täglich mit den Gänsen gehen. Dort redet die Prinzessin jedes Mal im Vorbeigehen mit dem Pferdekopf, der sie mit „Jungfer Königin“ anspricht. Auf der Gänsewiese öffnet sie ihre goldglänzenden Haare, um sie neu zu flechten, und Kürdchen versucht, ihr ein paar Haare auszuraufen. Aber sie spricht einen Zauberspruch, mit dem sie einen Windstoß herbeiruft, der dem Kürdchen das Hütchen vom Kopf weht. Er muss ihm nachlaufen, und bis er zurückkommt, ist sie mit der Frisur fertig. Kürdchen beschwert sich beim König, und der beobachtet die beiden nun heimlich am folgenden Tag, findet auch alles, wie von Kürdchen berichtet. Am Abend nimmt er die Königstochter beiseite und verlangt eine Erklärung. Aber sie weigert sich zu sprechen mit Hinweis auf den geleisteten Schwur. Da lässt der König sie dem Ofen ihr Leid klagen und belauscht sie dabei unbemerkt. Der Königssohn erfährt die Wahrheit. Der König lässt die falsche Braut ihr eigenes Urteil sprechen, und sie wird in einem mit Nägeln beschlagenen Fass zu Tode geschleift. Eine prächtige Hochzeit wird gefeiert.“

Bei Wikipedia finden sich auch Verweise auf Deutungen von psychologischer Seite. Da wird den goldenen Haaren das Licht des Bewusstseins zugesprochen, Bruno Bettelheim findet manche Hinweise auf einen Ödipuskonflikt, ein anderer Autor diagnostiziert eine abhängige Persönlichkeitsstörung bei der Prinzessin und Narzissmus bei der Magd. Auch Jobst Finke wird erwähnt, seine Klientin arbeitet an dem Märchen ihre Wünsche und Sehnsüchte heraus.

Welche Themen finde nun also ich in dem Märchen?

Die alte Königin bleibt blass in der Beschreibung, gleichwohl erscheint sie sehr mächtig. Sie trifft die Entscheidungen. Die schöne Tochter wird verheiratet und in die Ferne geschickt. Gold und weitere Schätze bekommt sie mit, zwei Pferde und eine Magd. Dies wird als Ausdruck ihrer Liebe zu ihrem Kind benannt. Die Tochter scheint ohne Widerspruch zu sein. Drei Tropfen Blut auf einem Tuch sollen sie schützen. Dieses Tuch verliert die Prinzessin recht bald. Die Magd stellt ich als äußerst durchsetzungsfähige Person heraus, die ihre Interessen brutal einfordert.

Die Prinzessin bleibt duldsam. Mir fällt auf, dass sie das brutgetränkte Tuch verliert, ohne es zu merken. Auch beklagt sie den Verlust nicht. Nun, geholfen hatte es ohnehin nicht, denn was sollte der Nutzen sein von Blutstropfen, die zum Ausdruck bringen, dass die Mutter nicht zufrieden wäre mit dem Verlauf der Geschichte?

Die Magd verweist die Prinzessin darauf, dass sie als Dienerin nicht zur Verfügung stehe. Mach selber! Die Prinzessin tut es, sie lässt sich die Schätze abnehmen, das Pferd schlachten, zum Gänsehüten schicken. Angst, so sagt der Märchentext, liege dem zu Grunde. Wenn ich den lakonisch erzählten Verlauf auf mich wirken lasse, scheint mir etwas anderes möglich: Sie weiß noch gar nicht, wer sie ist, was sie möchte und was nicht. Sie scheint sich selbst gegenüber eigenartig abständig. Alles egal?

Keine Vorstellungen vom Bräutigam spielen eine Rolle, keine vom fremden Land, vom künftigen Leben. Na dann: Eh alles wurscht, hier Magd, haste alles, was mir die Mutter mitgab. Die Blutsverbindung ist schon entschwommen. Nur die Magd hatte davor noch etwas Respekt gehabt, jetzt fühlt sie sich sicher. Die Prinzessin hatte keine Idee von einem Schutz durch die Mutter. Die sie ja auch mal so eben losgeschickt hatte in doch etwas prekären Umständen…

Die Prinzessin ist bei vielerlei gleichgültig. Nur den Kopf des sprechenden Pferdes, den will sie nicht hergeben, zu dem hält sie Kontakt. Den spricht sie an: “O du Falada, da du hangest” und der Kopf antwortet ihr, wann immer sie vorbei kommt. Dieses Pferd hatte alles mit angesehen und im Gedächtnis verwahrt. Das Pferd weiß auch, dass die Zukunft der Prinzessin anders gedacht war. Und von hier kommt letztlich auf Umwegen die Rettung: Der in seinen Ansprüchen zurückgewiesene Junge geht petzen, der Schwiegervater forscht nach, aber die Prinzessin fühlt sich an eine Norm gefesselt und kann nichts von dem berichten, was ihr widerfahren ist, nur dem Ofen, dem sagt sie es. Sie weint und klagt ihr Unglück heraus. Da wendet sich das Blatt.

Dem übergriffigen Jungen gegenüber wahrte die Prinzessin zuvor das erste Mal ihre Unversehrtheit: Meine Haare kriegst Du nicht! Da kann ich sogar die Winde zu Hilfe rufen! Hier steht sie zu sich und hier weiß sie um ihre Kräfte! Und der, der an ihnen scheitert, trägt zu der folgenden Wandlung wesentlich bei!

Die ränkeschmiedende Magd erfährt vernichtende Rache. (Praktisch, dass diese von den männlichen Parts ausgeht, die Prinzessin bleibt schön unschuldig, aber das nur am Rande.)

Und nun herrschen Friede und Seligkeit.

Als psychotherapeutisch Tätige ist für mich der sprechende Pferdekopf das Unbewusste, das, was du abhacken und annageln kannst, es redet weiter, bis jemand seine Botschaft hört und versteht.

Der Ofen, na, das ist die therapeutische Situation. Hier kann jede Prinzessin alles sagen und berichten, sie bricht kein Schweigegelübde, denn hier ist alles sicher bewahrt. Indem aber mal ausgesprochen wurde, was Sache ist, kann die Wahrheit sich ihren Weg nach draußen bahnen.

Die Prinzessin im Märchen bleibt auch beim Happy-End passiv, aber der unwillkürliche Anteil ihres Selbst hatte eingegriffen. Die Prinzessin wird sie selbst. Hoffentlich glücklich und zufrieden.

Na, mal wieder Märchen lesen?

Eine gute Woche!