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Über ulroder_am

Sonderpädagogin und Heilpraktikerin, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, Hamburg und Ammersbek

Übergänge

Üblicherweise fällt mir als Beschreibung von Lebensläufen nicht ein, das Leben wäre ein langer ruhiger Fluss gewesen. Vielleicht gibt es auf der Welt Orte, bei denen dies die passende Bezeichnung wäre, ich habe Zweifel.

Ich kenne hingegen zahlreiche Menschen, bei denen das Leben von Windungen und Wendungen durchsetzt war, die sie sich so nicht gesucht hatten, mit denen sie, wenn überhaupt, nur eingeschränkt gerechnet hatten und in der Folge den Eindruck entwickelten: Ich bin nicht vorbereitet.

Zunächst denke ich an schwere Unfälle. Würden wir ständig mit dem Eintreten eines solchen rechnen, könnten wir unser Leben nicht bewältigen. Wir würden morgens nicht in ein Auto steigen, aber auch nicht in die U-Bahn. Wer sein Leben von Ängsten diktiert lebt, sich zunehmend zurückzieht und aus vielem heraushält, weiß: Es gibt keine Sicherheit im Leben.

Wem es gelingt, sich nicht von Ängsten seine Lebensgestaltung diktieren zu lassen, ist leider nicht automatisch ausreichend gerüstet, wenn eine schlimme unerwartete Wendung in seinem Leben eintritt, der schwere Unfall passiert.

Die Aufgabe, wenn wir hiervon betroffen sind, ist es, Strategien zu entwickeln, das schlimme Ereignis zu bewältigen. Gelingt uns das nicht, können langfristig depressive und körperliche Symptome daraus entstehen. Das Leben verlöre an Lebendigkeit, das Erleben verarmte.

In meiner Beobachtung ist es nicht selten der Fall, dass Menschen die Belastung, die durch ein unerwartetes Ereignis entsteht, unterschätzen. Das innere Motto „Augen zu und durch!“ oder gar „Gelobt sei, was hart macht!“ läuft mehr oder weniger bewusst mit, ist vielleicht von Vorbildern übernommen worden, passt aber häufig nicht. 

Auch kann es sein, dass ein Ereignis sehr wohl schon erwartet wurde, aber die Stärke der emotionalen Beeinträchtigung so nicht vorhergesehen wurde. Die emotionale Reaktion kann als niederschmetternd erlebt werden, sogar als vernichtend, wenn die schon länger vorhergesehene Arbeitslosigkeit tatsächlich eingetreten ist.

Sogar bei gewünschten Veränderungen können Belastungen entstehen, die eine aktive Bewältigungsstrategie erfordern:

Lebensveränderungen durch Umzug, Wechsel des Arbeitsplatzes, eine Eheschließung, eine Geburt – sie sind häufig gewünscht und dennoch erfordern sie Ideen zur kreativen Gestaltung und Umorientierung.

Umso mehr gilt dies bei Umzug und Wechsel des Arbeitsplatzes aufgrund von äußeren Ereignissen, die man sich so nicht herbei gewünscht hatte.

Kinder können unter einem Schulwechsel sehr leiden, und selbst wenn dieser gewünscht war, braucht es Aufmerksamkeit und Energie für die Veränderung.

Verluste jeder Art, sei die Gesundheit betroffen, sei es eine Trennung von lieben Menschen, die Trennung von lieben Gewohnheiten, die Erkenntnis des Verlustes der Jugend, Verluste im sozialen im Status und finanziellen Bereich – all dies erfordert Bewältigung.

Gut ist es, wenn es Unterstützung gibt!

Wenn wir Menschen allerdings bereits einmal als wenig hilfreich erlebt haben, indem diese nicht die Aufmerksamkeit und Zeit investieren mochten, uns zuzuhören, wenn wir gar erleben mussten, dass unsere Sorgen und Beeinträchtigungen klein geredet wurden, nicht ernst genommen wurden, dann sollten wir künftig diese Menschen nicht erneut aufsuchen, wenn wir Unterstützung bekommen möchten. Wir sollten und schützen!

Sätze wie „Du hast es doch nicht anders gewollt!“ zum Beispiel bei einer Trennung, Sätze wie „Daran bist du doch selbst schuld!“ zum Beispiel nach einem Unfall bei einer riskanten sportlichen Betätigung, Sätze wie „Übertreibe doch nicht so!“ zum Beispiel, wenn wir auf den neuen Arbeitsplatz mit Sorgen und Befürchtungen reagieren, oder Sätze wie „Das wird schon wieder!“ oder „Anderen geht es noch schlechter!“ sollten wir uns nicht anhören, wenn wir Verständnis suchen! Wir können jederzeit ein Gespräch beenden, das uns nicht gut tut!

Wir sollten, wenn wir erkennen, dass der aktuelle Übergang Veränderung bedeutet und wir spüren, dass wir beunruhigt sind, nach Menschen suchen, die mit uns gemeinsam zunächst akzeptieren können, dass ist hier um eine Belastung geht.

Auch im Gespräch mit uns selbst geht es zunächst darum, zu akzeptieren, dass wir Belastung erleben. Vielleicht haben wir zuvor von uns gedacht, wir seien stärker, zum Beispiel, wenn wir wussten, dass wir den Arbeitsplatz verlieren würden oder dass ein geliebter Mensch, der lang schon krank war, uns verlassen wird. Wir glaubten vielleicht zu wissen, dass wir uns gut vorbereitet haben, und dann ist womöglich die Trauer, ist die Angst, die Schlaflosigkeit größer als erwartet. Dies könnte bedeuten, dass wir zusätzlich Angst und Depression empfinden, weil wir glauben, von uns selbst enttäuscht sein zu müssen. Wir erleben dann womöglich ein Gefühl von Hilflosigkeit. Es ist dann hilfreich zu wissen, dass es gesund und durchaus normal ist, solche starken Emotionen zu erleben, wenn ein harter Übergang zu bewältigen ist!

Der Versuch, solche Emotionen zu unterdrücken, kann hingegen dazu führen, dass der nächste Bewältigungsschritt später oder schwächer, unvollständig, schädigend oder sogar gar nicht stattfindet, zum Beispiel durch das Entwickeln einer psychosomatischen Erkrankung. Ich halte es für notwendig, die erste Phase eines schwierigen Übergangs bewusst zu durchleben, die Gefühle zu spüren und den eigenen Gedanken zuzuhören, und zunächst bedingungslos alles zu akzeptieren, was Körper und Seele zum Ausdruck bringen wollen!

Erlauben Sie sich dies und suchen Sie Menschen, die bereit sind, Sie dabei zu begleiten!

Erlaube Dir dies und suche Dir Menschen, die bereit sind, dich dabei zu begleiten!

Das kann durch therapeutische Hilfe sein oder beratende Gespräche, auch durch Gespräche im gewohnten Umfeld, wenn die Voraussetzungen stimmen.

Alarmzeichen sind allerdings Gedanken, die in Richtung Selbstverletzung oder Selbsttötung gehen! Da heißt Akzeptanz: Erkenntnis, dass es so ist und dass sofort gehandelt werden muss! Notfallhilfe gibt es in Kliniken und über Notrufnummern! Sind Sie gefährdet? Bist Du gefährdet? Legen Sie sich, lege Dir Notfalltelefonnummern griffbereit! Und nutze sie!

Wenn Sie ohnehin in Gruppen aktiv sind, wo die Teilnehmenden mit Achtsamkeit nicht gänzlich unvertraut sind, vielleicht in einer Yoga-Gruppe oder Ähnlichem, könnte es gut für Sie sein, auch dort einmal zu erzählen, wie es Ihnen geht.

Entspannung kann unterstützend erlebt werden, Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Körperübungen, die Anspannungen zum Entladen führen, zum Beispiel TRE – für alle, die es kennen… Alles, was der Selbstvergewisserung dient: Welche Ressourcen habe ich, wo liegen meine Stärken und worin meine Bedürfnisse, schreiben Sie es sich auf, zeichnen Sie, was Sie bewegt! Schreiben, zeichnen Sie in ein Tagebuch… Etliche sagen auch, dass sie eine sportliche Betätigung am besten stärkt… Singen Sie, rufen Sie, wenn Ihnen danach ist, laut in die Welt hinaus!

Sollten Sie dazu neigen, zu denken, Sie dürften sich anderen nicht zumuten? Dann schauen Sie, ob Sie nicht Ihrerseits solche Zumutungen durch andere Menschen durchaus schon einmal aushalten konnten – und ob es daher durchaus möglich ist, dass andere auch Sie aushalten werden.

Bleiben Sie sich dabei bewusst, dass Ihr Gegenüber für sich selbst verantwortlich ist und wenn es ihm Zuviel wird, dies äußern kann. Nehmen Sie Signale wahr, sobald und wenn Sie es können, ob es an der Zeit ist, Ihr Gegenüber zu fragen: „Kannst Du noch, darf ich Dir noch mehr erzählen?“ und akzeptieren Sie die Antwort, so wie sie kommt! Niemand kann Ihnen Ihre Belastung wegnehmen, den Weg zur Bewältigung können nur Sie selbst gehen, eine gute Begleitung stützt und hilft dabei.

Bleiben Sie achtsam für Ihre Veränderungen, bemerken Sie auch, wenn es Ihnen zeitweilig beginnt, besser zu gehen, wenn Sie Hoffnung schöpfen, wenn Sie sich selbst wieder mehr zutrauen!

Hilfreich ist es nach meiner Erfahrung, sich darüber klar zu werden, was in der Vergangenheit bei der Bewältigung eines schwierigen Übergangs geholfen hat: „Was hat mir schon einmal gut getan, möchte ich das noch einmal versuchen zu erleben?“
Prüfen Sie jedoch kritisch, ob es eine kurzfristige und scheinbare Entlastung erbrachte, das gilt für Selbstschädigungen jeder Art, oder ob es langfristig gut für Ihr weiteres Leben war!

Stellen Sie sich das Leben vor, wie es sein wird, wenn dieser Übergang bewältigt ist!

Verwirrung – Validation

Heute werde ich über Validation schreiben. Validation wurde von Naomi Feil entwickelt und beschäftigt sich damit, wie Menschen in den Phasen einer Demenz geholfen werden kann, Unerledigtes an Bedürfnissen und Konflikten aufzuarbeiten – nicht im Sinne eines Versuchs, verwirrte ältere Menschen noch zu ändern, das können und wollen sie nicht mehr, sondern indem ihnen durch Bestätigung und Einfühlung das Gefühl gegeben wird, dass sie mit ihren Aufarbeitungsversuchen nicht alleine sind, dass sie gehört und gesehen werden und so innerlich zur Ruhe finden können, zu größerer Ruhe.
Wer sich dafür interessiert, weil er oder sie mit Angehörigen lebt oder Angehörige hat, die an Demenz leiden und sich von Zeit zu Zeit hilflos fühlt, dem empfehle ich die Publikation von Vicki de Klerk-Rubin, mit dem Titel „Mit dementen Menschen richtig umgehen, Validation für Angehörige“. Es lohnt sich auch bestimmt, bei youtube Naomi Feil einzugeben und Beispiele ihrer Arbeit im Video zu sehen! Es ist beeindruckend und auch sehr berührend. Ich beschäftige mich in meinem Text damit, welche Vorstellung über Menschen dieser Theorie zu Grunde liegt, die nicht mit Demenz im Alter rechnen müssen, weil sie zuvor anders gelebt haben. Daran erkennen Sie schon, dass es in dieser Theorie nicht darum geht, dass im Gehirn irgendwelche Fibrillen oder Plaques dafür sorgen, dass der Mensch nicht mehr so funktioniert, wie wir es gerne hätten oder auch der Mensch selbst, der zumindest in der Anfangszeit und auch immer wieder zwischendurch unter seiner Demenz leidet. Diese Theorie beschäftigt sich damit, wie bei Menschen ein gutes Leben gelingen kann.
Wie können wir uns Kompetenzen erwerben und erarbeiten, dass wir unser Leben bei allem, was uns vielleicht entgegenschlägt, als gut und stimmig bewerten? Nach Feil können wir so für unser Alter vorsorgen und einer Altersverwirrtheit vorbeugen.
Als erstes zitiere ich aus dem Buch „Trainingsprogramm Validation“, dritte Auflage, von Leonie Feil, Evelyn Sutton und Frances Johnson eine Liste über das, was ein erwachsener und reifer Mensch an Eigenschaften hat, idealerweise.
1. kann Verantwortung übernehmen für sich und andere
2.    kann Fehler und Schuld eingestehen
3.    kann enge, gegenseitig bereichernde Beziehungen eingehen und bewahren
4.    kann Gefühle in angemessener Weise ausdrücken
5. kann Kritik annehmen
6.   gibt anderen Menschen nicht ohne Recht die Schuld oder kritisiert sie
7.   geht mit schwierigen Situationen den Höhen und Tiefen des Lebens auf konstruktive Weise um
8.    kann die Leistung des anderen würdigen
9.    geht unvoreingenommen und vorurteilsfrei an Dinge heran
10.  kann Entscheidungen fällen und mit ihnen leben
11. denkt meistens zielorientiert
12.  hat Freude am Leben, hat viele Interessen, Fähigkeiten und Aufgaben in denen sie / er tätig ist, ist nur selten gelangweilt
13.  engagiert sich verhält sich anderen gegenüber respektvoll und teilnahmsvoll, ist nicht vollkommen auf sich selbst bezogen
14. ist sich der gegenseitigen Abhängigkeit von Familie und Gemeinschaft bewusst
15. (mein Lieblingspunkt) hat Sinn für Humor
16.  kann in neue Rollen hineinwachsen, wenn alte, nicht mehr der Situation oder den Menschen angemessene Rollen abgelegt werden müssen.
Falls Sie gerade Schluckauf bekommen haben, weil Sie sagen, um Himmels willen, das schaffe ich nicht wirklich, obwohl ich doch erwachsen bin und mich für reif halte – natürlich, so perfekt sind wir nicht! Wir sind Menschen, wir bemühen uns und wir scheitern. Ich halte es aber für erstrebenswert, solch eine Liste immer wieder zur Überprüfung seiner selbst heranzuziehen und zu schauen, wo bin ich nicht ganz zufrieden mit mir und wo möchte ich mich umorientieren.
Wenn wir uns zusammen mit Naomi Feil jetzt das Gegenbeispiel anschauen, möchte ich vorausschicken, dass sie sagt, Menschen im Alter haben es schwer und haben eine gute Chance mangelhaft orientiert oder zeitverwirrt zu werden, wenn sie eher nach der folgenden Liste gelebt haben. Sie versteht dies also als Appell, für die eigene geistige Gesundheit zu sorgen, indem diese Liste zur Kenntnis und als Arbeitsgrundlage für sich selbst genommen wird. Ich zitiere wieder:
1.    sie geben meistens anderen die Schuld, auch für die eigenen Probleme
2.    sie versuchen alte unpassende Rollen weiter zu leben, sie finden keine neuen Betätigungsfelder für ihre Talente, ihre Zeit
3.    sie beschweren sich viel
4.    sie begeben sich in Abhängigkeit
5.    sie haben keine Freude an Nähe in der Beziehung zu anderen Menschen
6.    sie verstecken oder leugnen ihre Gefühle
7.    die meiste Zeit sind sie nicht wirklich glücklich
8.    sie tun so, als existierten ihre Probleme, ihr Scheitern nicht, kehren ihre Probleme unter den Teppich
9.    sie tyrannisieren bisweilen andere Menschen
10.  sie sind Perfektionisten
11.  sie sind sehr nachtragend
12.  sie können nicht zugeben, dass sie Unrecht haben
13.  sie leiden wie Märtyrer
14.  sie sind argwöhnisch, sie vertrauen anderen nicht.
Sollten Sie an sich selbst Züge davon erkennen, wäre also der Appell von Naomi Feil: Bringen Sie ihre Beziehung und ihr Leben in Ordnung, entwickeln Sie für sich selbst eine positive Strategie, mit den Problemen im Leben umzugehen! Suchen Sie sich Hilfe, möchte ich ergänzen, wenn Sie merken, dass Sie jetzt keine Ahnung haben, wie Sie das machen sollen oder sich sagen, da hab ich schon so viel versucht, es hat nicht geholfen! Wenn Sie merken, dass Sie auf alten Wegen herumlaufen, die immer wieder in eine Sackgasse führen, dann sollten Sie es angehen! (…wenn Sie sich besser fühlen wollen…)  Naomi Feil ist der Meinung, dass es Ihnen hilft, im hohen Alter nicht desorientiert zu sein. Für alle diejenigen unter Ihnen, die Angst haben, dass sie später an Demenz erkranken: Ich glaube da ist was dran!

Demenz?

Als unsere Katze im Alter von etwa 18 Jahren begann, sich anders zu verhalten, anders miaute, einen anderen Tag- Nachtrhythmus zu entwickelte und uns anders anschaute, nannte unser Tierarzt das „wunderlich“. Wir haben sie beobachtet, wir kannten sie gut, wir waren sicher, dass sie unter Schmerzen litt und ihre Veränderungen daher rührten. Das Schmerzmittel half.

Ein Mensch, der im Alter von 90 Jahren beginnt, sich anders zu verhalten, anders spricht und schaut, einen anderen Tag-Nachtrhythmus entwickelt, wird in der heutigen Zeit nicht mehr „wunderlich“ genannt. Ein jeder glaubt zu wissen: Dieser Mensch ist dement. Es ist ja auch möglich, dass das stimmt.

Eine Frau im Alter von an die 80 Jahren vergisst gelegentlich, dass sie einen Termin hat und legt einen zweiten auf die gleiche Zeit. Sie sagt: „Ich muss mir alles aufschreiben!“ Ihr Terminkalender ist voll. Sie ist aktiv in Familie und Gemeinde. Sie fürchtet, eine Demenz zu entwickeln.

Eine Frau leidet unter Parkinson. Sie kommt, da sie ein tapferer und zupackender Mensch ist, gut damit klar. Was immer sie bewältigen kann, behält sie noch in den eigenen Händen. Sie schämt sich nicht ihrer körperlichen Besonderheiten. Zur Einstellung ihrer Medikation kommt sie für einige Tage in ein Krankenhaus, wo ihr nach einem der zur Demenzdiagnostik üblichen Tests eine leichte Demenz attestiert wird.

Eine Frau von 91 Jahren stürzt in ihrer Wohnung mehrfach und kommt nicht vom Boden hoch, wo sie in ihrer Hilflosigkeit von Angehörigen gefunden wird. Eine Pflegedienstleisterin weist nachdrücklich darauf hin, dass die Ursache in einer Harnwegsinfektion liegen kann. Sie lag richtig! Nach Antibiotikagabe hören die Stürze auf.

Eine Frau an die 90 sagt: „Wenn ich mal Hilfe brauche, sage ich Bescheid!“ Als nach Monaten deutlich wird, dass sie diese Hilfe tatsächlich dringend benötigt, der geistige Abbau dominant und unübersehbar wird, finden die Angehörigen in der Wohnung Verhältnisse vor, die über „wunderlich“ doch deutlich hinausgehen. Hier hat ein Mensch sein Leben nicht mehr bewältigt.

Offenbar ist es so, dass die Diagnose „Demenz“ nicht so einfach zu stellen ist. Es ist auch stets zu fragen, was aus der Diagnose an Konsequenzen abzuleiten wäre. Medikamente?

Welche Hilfen braucht der Mensch, der sein Verhalten ändert? Wann ist Hilfe zu früh, wird als übergriffig und entwürdigend empfunden? Wann ist sie zu spät, weil der betroffene Mensch unbemerkt nicht mehr genügend auf seine Ernährung und Pflege achten konnte und nun Not leidet, die hätte vermieden werden können?

Die Beobachtung auf der Basis guten Verständnisses und guten Kontaktes ist für mich der Schlüssel. Ich weiß aber auch, dass bei sehr großer Nähe manches übersehen, fehlgedeutet und verharmlost werden kann. Einfach ist es nicht.

Tests? Kann man machen. Haben für mich als alleiniger Zugang keine Aussagekraft.

Würde ich als heilkundliche Psychotherapeutin über die Krankenkasse abrechnen können, müsste ich eine Diagnose aussprechen. Die Grundlage hierfür Ist hierzulande die Internationale Klassifikation psychischer Störungen, kurz ICD, Kapitel V. Für Demenz bei primärem Parkinson-Syndrom finde ich dort nichts, was meine diagnostischen Bemühungen stützen könnte. „Bisher konnten keine eindeutig kennzeichnenden klinischen Merkmale beschrieben werden.“ (S. 85, ICD-10 Kapitel V (F), 9. Auflage.

Die Bayer Activities of Daily Living Scale, die „Zum Aufdecken von Frühsymptomen einer demenziellen Erkrankung“ entwickelt wurde und für die der Nachweis der Messgenauigkeit und inhaltlichen Gültigkeit erbracht wurde, ist ein Fragebogen für Fremdbeurteilung. Sie wird für die allgemeinärztlichen Beurteilung, für Pflegeeinrichtungen und Betreuungspersonen empfohlen.
Damit fände ich rückblickend zu keiner klaren Einschätzung für jemanden, der inzwischen gesichert als schwer kognitiv eingeschränkt gelten muss.

Da findet ein Mensch immer nach Hause, irrt nie herum, weiß die Personen der Regierung zu benennen, liest noch ein wenig Zeitung und erzählt gern. Was nicht so klappt, hat auch in jungen Jahren nicht so gut funktioniert: schreiben, Geld wechseln, Namen und Daten korrekt zuordnen.
Medikamente einzunehmen wird zur Aufgabe, Termine beim Arzt werden nicht gemacht und offenbar ist nicht präsent, wie die Zeit vergeht.
Dement? Die Unsicherheit besteht.

Immerhin kann die Skala Denkanstöße geben, wenn man unsicher ist. (Wenn Sie hieran Interesse haben, schreiben Sie mir gern eine Mail!)

Ein Pflegeeinrichtungsleiter sagt mir, dass es zahlreiche Menschen mit unerkannter, zumindest im Grad der Beeinträchtigung fehlerhaft beurteilter Schwerhörigkeit gäbe, denen eine Demenz attestiert würde.

Der Demenz-Detektionstest (DemTect) lässt Menschen aus einer vorgelesenen Reihe von konkreten Hauptwörtern (2 x 10, die Reihen sind gleich) die erinnerten wiedergeben. Ok, hier wird das Arbeitsgedächtnis getestet. Auch sollen Zahlwörter in Ziffern geschrieben werden und umgekehrt. Diese kognitive Funktion ist bei manchem Schüler auch nicht so gut. In einer Minute Dinge aufzählen, die man im Supermarkt kaufen kann – das ist für mich noch am ehesten hinweisgebend. Hat jemand allerdings sprechmotorische Einschränkungen aufgrund z.B. eines Schlaganfalls – eine Minute ist schnell um! Hinweisgebend für Demenz? Da sage ich klar NEIN.
Dieser Test führte bei einer Parkinsonpatientin zur Diagnose leichte Demenz! Hierbei haben wir jemanden vor uns, der außer einer gewissen Unordentlichkeit, die als Effekt der motorischen Einschränkungen gesehen werden kann, keine Alltagsprobleme hat, auch da sie sich gut an die Parkinson-Medikation hält.

Eine sehr traurige Person, die gerade ihren Lebenspartner verloren hat, wird klinisch mit dem DemTec überprüft. Es ist uns allen, die jemals sehr traurig waren, aus eigenem Erleben bekannt, dass unsere Merkfähigkeit im Alltag in diesem Zustand leidet.

Die Zuschreibung „Demenz“ macht Menschen Angst. Sie glauben, in eine Zukunft schauen zu müssen, in der sie hilflos herumirren. Die Gazetten machen Menschen Angst, die mit ein wenig Gedächtnistraining und altersentsprechenden Hilfen gut zurecht kommen könnten, dies tun sie dann aber nicht, weil sie eine Demenz-Diagnose fürchten und die Aussichtslosigkeit, die sie damit verbinden und vor allem den Stempel. Angst schadet der Kognition. Willkommen im Teufelskreis!

Cornelia Stolze beschäftigte sich in ihrem Bestseller „Vergiss Alzheimer“ (1. Auflage 2011) mit dieser speziellen Demenz-Diagnose und nennt sie ein Konstrukt, mit dem sich wirkungsvoll Forschungsmittel mobilisieren und Karrieren beschleunigen lassen. Vor allem ginge es um riesige Märkte für Medikamente und diagnostische Verfahren. Ich stimme ihr zu.
Ob die verschriebenen Medikamente den Verlauf des behaupteten Morbus Alzheimer ausbremsen, lässt sich logischerweise nicht belegen, denn wir haben ja keinen Vergleich. Wäre irgendetwas anders, schlechter, fütterte man den alten Menschen nicht mit diesen Medikamenten?

Keine Frage, im Alter erleben wir Einschränkungen. Einige davon hindern Menschen daran, ihren Alltag zu bewältigen. Schauen wir auf das, wo Hilfe nötig wird! Schauen wir, ob sich Ursachen, womöglich behebbare, identifizieren lassen! Suchen wir nach Hilfen.

Medizinische Aufgabe ist die Diagnostik von Durchblutungsstörungen, von Nervenwasseransammlungen im Gehirn, von Diabetes, von fehlangepasster Medikation bei anderen Erkrankungen. Auch Depression und Sucht (auch die Nikotinabhängigkeit!) gehört in die Suche nach den möglichen Ursachen.

Ein gesunder Lebensstil, mit Bewegung, gesunder Nahrung, genügend Flüssigkeit und auch Natrium (!) ist aus vielerlei Gründen im Älterwerden zunehmend wichtig.
Soziale Kontakte und Bindung  braucht der Mensch! Wenn wir auf unsere Alten aufmerksam schauen, sie nicht allein lassen, Diagnosen kritisch bewerten und stets überprüfen lassen, ist schon viel getan. Eine rechtzeitige und wirksame Regulierung der Durchblutung wird manche Ausfallerscheinungen verhindern können!

Und wenn es nicht so ist? Wenn es ohne Pflege, auch stationäre nicht mehr geht? Die Kranken- und Pflegekassen brauchen den diagnostischen Begriff. Die betroffenen Menschen brauchen ihn nicht. Wir im Umfeld auch nicht. Wir können doch sagen, heut hat sie sich nicht erinnert, was es zu Mittag gab. Sie weiß auf manches heute keine Antwort. Morgen vielleicht wieder. Es wird erzählt, sie lacht gern.
Und wenn jemand seltsame Dinge erzählt – wir könnten sagen, unsere alte Dame wird langsam wunderlich…

Sehen wir die Einzelnen in ihrer Einzigartigkeit, sogar im Alter!

Schieben wir sie möglichst in keine der bereitstehenden Schubladen!

In der nächsten Woche werde ich einiges von Naomi Feils Ansatz der Validation berichten! Ihr geht es um die Bedürfnisse und die Einzigartigkeit mangelhaft orientierter Menschen im Alter.

Eine gute Woche!

Sichtbarkeit, Lebensfreude, Aufstand

Das Motto des diesjährigen DYKE MARCH BERLIN war Lesbische Sichtbarkeit und Lebensfreude. Die CSD-Parade zu 50 Jahre Stonewall hatte das Motto Jeder Aufstand beginnt mit Deiner Stimme!

Heute schreibe ich keinen Blog, denn ich bin dort gewesen und hatte außer zum Mitfeiern zu gar nichts Zeit!

Aus meiner psychotherapeutischen Sicht gibt es zu beiden Aussagen sowieso nichts zu korrigieren.

Ich schaue in die Welt und stelle fest, dass die Notwendigkeit zum Aufstand eher zu- als abgenommen hat. So zu feiern wie in Berlin ist wahrhaftig keine Selbstverständlichkeit! Alles Erreichte musste auch hierzulande erkämpft werden – auf die jeder und jedem möglichen Weise. Wer sichtbar machen will, dass sie / er / divers anders begehrt und anders liebt als die Mehrheit, begibt sich in den meisten Gebieten unserer Erde in Gefahr. Ich möchte Wege finden, zu unterstützen, dass dies anders wird!

Zu feiern, dass Sichtbarkeit die Lebensfreude steigert und dagegen anzugehen, wenn Ausgrenzung krank macht – beides gehört dazu!

Sichtbarkeit, authentisch sein, lebensfreudig: Das wünsche ich Euch / Ihnen allen, egal, wie Du lebst und liebst, egal wie Sie leben und lieben.

Unterdrückung nach innen und von außen macht krank, ich wünsche mir einen vielstimmigen Chor dagegen!

Herzlichst

Ulrike Roderwald

Reden reicht nicht (4)

Zum Abschluss meines kleinen Einblicks in den Kongress „Reden reicht nicht!?“ 2019 erzähle ich eine Geschichte von Dr. Gunther Schmidt – so wie ich sie gehört und in Erinnerung habe.

Geschichten können erzählt werden oder pantomimisch erlebbar gemacht werden. So war es bei einem Beispiel, das Dr. Gunther Schmidt für das, was er Problem-Lösungs-Gymnastik nennt.

Es gab wohl eine Zeit auf dem Weg zum Facharzt für Psychotherapie, in der er wenig glücklich mit einigen Abläufen und Entscheidungen seines Vorgesetzten an der Klinik war. Einiges wollte er wohl anders machen, und es gab für ihn dann Anlässe, zu denen er bei seinem Vorgesetzten vorsprach.

Er schilderte es bei seinem Vortrag mit seinem ganzen Körper, wie er entschlossen und voller Vorsätze für seine Rede, die zu halten er beabsichtigte, beim Vorgesetzten erschien. Noch im Vorzimmer hielt sich der Körper wohl ganz gut.
War er aber erst bei seinem Gesprächspartner angelangt und ließ ihn dieser so ein bisschen väterlich – jaja, die jungen Leute, immer eigene Ideen – letztlich abblitzen, so schrumpfte er zusammen. Er nannte es in etwa „im Fahrstuhl in Windeseile abwärts gefahren“ zu sein, bis zum Alter von etwa 7 Jahren. Der kleine Gunther dann, viel kürzer als in Jetztzeit, mit Piepsstimme sprechend und nicht besonders eindrucksvoll argumentierend, erreichte natürlich nichts und zog unverrichteter Dinge von dannen.

Dies wiederholte sich wohl einige Male und muss durchaus quälend für ihn gewesen sein, hin und her gingen die Gedanken, nicht rausgeworfen werden zu wollen, am Ende selbst gehen wollend, aber doch den Facharzt zu machen als Ziel, also durchhalten müssend….

Als es ihm seine Körpersignale unüberhör- und fühlbar machten, wie er immer wieder klein wurde beim Versuch, seine Vorschläge zu Gehör zu bringen, da nutzte er dies. Er erfand etwas, das er die Problem-Lösungs-Gymnastik nannte.
Dazu ging er in die Hocke, machte sich klein, da unten war er ganz mit seinem Problem verbunden, assoziiert. Er nennt das eine Problemtrance. Sogar die Stimme wird klein und schmächtig. Er sagt, solche unwillkürlichen Problemmuster seien zu würdigen und zu nutzen, zu utilisieren. Stimme, Körper, alles klein, Problem groß.
Und dann hoch aus der Hocke sich nach oben schwingend, groß werdend, sich vergewissernd, wer man heute ist, mit all den Lösungsmustern, die schon da sind, nur nicht immer so einfach abrufbar… Aufgerichtet, mit heutiger Stimme, verbunden mit der Lösung: Dies durchstehen wollen, aber nicht um jeden Preis. Eigene Vorstellungen in den Prozess eingeben, verändern. Hier wird die Lösungstrance auch körperlich erlebbar, mit allen Ambivalenzen, aber ganz verbunden mit den Ressourcen, den Stärken und den Absichten, mit denen der erwachsene G. sein Anliegen vorbringen will.

Diese „Gymnastik“ übte er vielmals, so oft wie möglich, immer ganz im Problem unten hockend und ganz in der Lösung oben aufgerichtet. (So eine Art schwungvolle Kniebeugen.) Ein Genuss, bei der Live-Präsentation zuzuschauen! Ich bekam richtig Lust, das auch einmal zu machen!

Wie ging es weiter? Ganz überzeugt davon, dass er nunmehr gestärkt und beinah unverwundbar den Raum des Vorgesetzten betreten könne und dort klipp und klar seine Kritik und seine Vorstellungen vorbringen werde, bat er um einen neuen Termin. (Die Vorzimmerdame habe schon schwerstes Mitleid mit ihm gehabt!)

Hoch erhobenen Hauptes betrat er den Raum. Begann zu reden, aber… Vor und in seinen Augen nahm sein Gegenüber die bekannte einschüchternde Optik an – und rutsch, ging es wieder abwärts! Fahrstuhl, sieben Jahre alt, pieps.
Aber nun, jetzt kommt der Clou! Wie von selbst richtete sein Körper sich auf, erstarkte die Stimme… Der Körper erinnerte sich doch: Immer wenn es abwärts gegangen war, ging es anschließend wieder nach oben! Das „Unten-Sein“ wurde zur Erinnerungshilfe für das „Aufstehen“! Sein Körper zog ihn förmlich ins Jetzt und in die Lösung.

Er hat dann wohl ganz gut reden können und sein Vorgesetzter wurde vor seinen Augen auch ein anderer. Den Ausgang der Geschichte weiß ich nicht mehr. Es wird wohl gut gegangen sein, ein Rausschmiss ist es jedenfalls nicht geworden.
So wie ich es in der Präsentation gesehen habe, habe ich ihm jedes Wort geglaubt. Dass nämlich der Körper ganz genau gespürt hat, was passiert, wenn wir uns klein machen, ganz verbunden mit dem Problem. Dass wir das aufnehmen können in eine Problemtrance und würdigen. Der Körper teilt hier etwas mit! Dass nach wiederholter Übung der Körper auch merken kann, wie eine Lösungstrance sich anfühlt. Und dass am Ende eine so wechselvolle Gymnastik Problem-Lösung-Problem-Lösung-Problem-Lösung, die Auflösung des Steckenbleibens des Fahrstuhls bewirkt, automatisch die Fahrt nach oben zur Lösung geht und der ganze Körper dies im Konflikt auch auszudrücken weiß.

Haben wir gerade so ein Problem? Geht die Fahrt manchmal abwärts und wir schrumpfen? Könnten wir das mal ausprobieren, Gymnastik machen, sah lustvoll aus, auf jeden Fall kann es spannend werden!

Ich gehe nicht davon aus, dass Dr. Gunter Schmidt meinen Blog liest. Sollte ein dusseliger Zufall aber dazu führen, dass er zumindest davon hört, dass jemand jemanden kennt, die / der ihn gelesen hat: Ich bitte vorsorglich um Verzeihung für alle Verdrehungen und Verzerrungen in meiner Schilderung! Das hier ist mein Text, für den muss ich selber gerade stehen.

Eine gute Woche!

Reden reicht nicht (3)

Reden reicht nicht (3)

Mit meinem heutigen Blog knüpfe ich an die letzten beiden Montagsgedanken an. Grundidee ist, dass die Beachtung und das Einbeziehen des Körpers in der Psychotherapie und auch in der Selbsterfahrung, bei Änderungswünschen im Alltag,  wertvolle Wege weisen und bei der gewünschten Veränderung helfen kann.

Es kann jedoch sein, dass die Wege versperrt erscheinen und das Körpererleben sich nicht einstellen mag. Hierbei können Blockierungen im Denken und den inneren Konzepten vorliegen, die M. Bohne als Big-Five-Beziehungsblockaden zusammenfasst. In der letzten Woche habe ich über 1. Selbstvorwürfe, 2. Vorwurfshaltung und 3. Erwartungshaltung geschrieben. Heute ergänze ich um die möglichen Blockaden Inneres Schrumpfen und Loyalitäten.
4. Inneres Schrumpfen
Wie in einem inneren Fahrstuhl rasen wir manchmal in unserer Entwicklung nach unten. (Dieses Bild habe ich bei Gunter Schmidt entlehnt, dazu komme ich an den nächsten Montagen noch.) Kleiner, jünger, hilfloser, ausgeliefert womöglich erleben wir uns, weil uns ein Thema, eine Situation so stark erinnert, dass wir zu vergessen scheinen, wer wir heute sind. Der Chef, die Chefin erscheint uns so machtvoll, weil wir nicht mit unseren heutigen Kompetenzen vor ihr stehen, sondern wieder sieben sind, als uns der Lehrer, die Lehrerin so ausgeschimpft hat. Damals konnten wir nicht antworten, es fehlte uns die Fertigkeit, uns zu erklären und etwas richtig zu stellen. Heute haben wir sie, aber ach, der Fahrstuhl nach unten….. Selbst in der Vorstellung, während wir uns wünschen, das nächste Mal klarer zu kommunizieren und unseren Standpunkt deutlich zu machen, spüren wir förmlich körperlich, wie wir blockiert sind. Dann mag kein Klopfen helfen, keine Begehung unserer Körperzentren Bauch, Herz und Kopf.
Zunächst ist es nötig, zu spüren, dass und wie wir geschrumpft sind. Erst im nächsten Schritt machen wir uns klar, wer wir heute sind. M. Bohne schlägt Sätze vor, mit denen dies gelingen kann:  „Auch wenn ein Teil von mir sich immer wieder in solchen Situationen klein und hilflos fühlt, liebe und akzeptiere ich mich so, wie ich bin.“ oder, etwas ausführlicher, „…, würdige und achte ich alle meine Anteile und ihre besonderen Kompetenzen und Fähigkeiten und lade sie ein, sich unterstützend und hilfreich allen anderen Teilen gegenüber zu verhalten….“ Wir erinnern uns: Es wird uns nicht weiter bringen, wenn wir die unterschiedlichen Seiten unserer Selbst ablehnen, verurteilen und eliminieren wollen. Akzeptanz dessen, was ist, kann frei machen für alles, was auch ist. Die Selbstakzeptanz-Sätze können „eingekurbelt“ werden, kreisende Berührung des sogenannten Selbstakzeptanzpunktes (M. Bohne): Der Punkt der linken Körperhälfte unterhalb des Schlüsselbeins ist leicht zu finden,  er reagiert etwas schmerzhafter als seine Umgebung auf Druck.
Sich danach spürbar klar zu machen, wie und wer wir heute sind, kann gut gelingen, wenn wir für die jüngere Seite in uns einen eigenen Platz am Boden legen. Wir benennen den Punkt, weisen ihm das gefühlte Alter zu und wechseln auf diesen Punkt. Wer dies ausprobiert, kann es unter Umständen gut spüren, wie sie / er kleiner wird, die Stimme sich ändert, der Blick nach außen. Das erneute Wechseln auf den Ursprungsort des Heute macht es leichter zu erleben, aha, das war damals, heute habe ich soviel mehr zur Verfügung, all meine Erfahrungen und die Erlebnisse, die mir durch mein Leben geholfen und mich gestützt haben, das kann mir ja niemand nehmen! Manch eine/r richtet sich auf an diesem Punkt, wächst. Es kann sein, dass dieses Spüren bei Ihnen ganz deutlich ausfällt, es kann sein, es ist fein und minimal, alles was Sie erleben, Du erlebst, ist ok und weist den Weg.

5. Loyalitäten
Es kann sein, dass wir innerlich Menschen gegenüber loyal sind, die uns scheinbar den Auftrag gegeben haben, nicht so glücklich, erfolgreich oder zufrieden und gesund zu sein, wie wir sein könnten. Wir glauben, es dürfe uns nicht besser gehen, als es diesen Personen zu gehen scheint. Wir oft habe ich gehört, dass jemand so übergewichtig sei wie die Mutter und die hat schon gesagt, sie habe das genau wie die Oma. Das Gleiche kenne ich von Migräne, bei mir selbst zum Thema Unsportlichkeit, bei vielen zum Thema Mathematik… und und und. Ich vermute, Genetik spielt herbei die geringste Rolle. Der  Mensch wollte verbunden sein und hat sich ein entsprechendes Selbstbild gebastelt. Heute (noch) sinnvoll?
Da gibt es die Loyalität dem Partner gegenüber, nicht allzu erfolgreich im Job zu sein. Da gibt es die Loyalität den Kollegen gegenüber, nicht allzu deutlich besser mit den Aufgaben zurecht zu kommen, als diese es von sich selbst äußern. Sinnvoll? Ist es sinnvoll, anderen zuliebe zu leiden, die Fähigkeiten nicht zu entwickeln, die uns zur Verfügung stehen? Hilft das irgendwem?
Wir wollen uns zugehörig fühlen, verbunden sein, das gehört zu uns als soziale Wesen und wir brauchen es für unser Wohlbefinden. Falsche Loyalitäten allerdings sind weder der einzige Weg noch der wirklich angemessene hierfür. Spüren wir sie auf, stellen wir sie auf den Prüfstand und finden wir die Loyalität zu uns selbst!
Auch hier werden wir sinnvollerweise den Weg über die Selbstakzeptanz gehen, wie wir es schon kennen, zum Beispiel: „Auch wenn ich manchmal noch glaube, nicht besser im Leben zurecht kommen zu dürfen, als X, kann ich mich zunehmend mehr akzeptieren und mögen, so wie ich bin.“ oder „Auch wenn ich glaube, das Wertesystem meiner Eltern zu verletzen, wenn ich handele, wie ich es gut und richtig finde, liebe und achte ich mich, so wie ich bin.“
Wir haben einmal geglaubt, dass bestimmte innere Haltungen und äußere Verhaltensweisen gut dafür seien, wie wir im Leben zurecht kommen wollen. Das kann sogar einmal zutreffend gewesen sein. Und heute? Haben wir heute etwas davon? Wenn ja, was? Ein guter Satz, sogar wenn dieser sogenannte „Gewinn“ nicht so recht greifbar wird ist: „Auch dann, wenn ich etwas vermissen werde, sobald ich dem Leiden ein Ende setze und mich dann besser fühle, kann ich mich mehr und mehr annehmen, so wie ich bin.“
Experimentiere doch, experimentieren Sie doch ein wenig mit derartigen Sätzen, wenn Du bemerkst / Sie bemerken, dass Methoden, die Dir / Ihnen zunächst als vielversprechend erschienen sind, dann aber nicht wirksam wurden!
Der spielerische und neugierige Umgang mit allem, was da so im Inneren zu finden ist, kann sogar Freude machen!
Gabriela von Witzleben schlägt diese wunderbaren Sätze zum Abschluss einer Bearbeitung von schädigenden inneren Loyalitäten vor:

„Jetzt lebe ich meine Version von…“

„Auch in Verbundenheit zu … gehe ich jetzt meinen eigenen Weg.“

In diesem Sinne eine gute Woche!

Reden reicht nicht (2)

Haben Sie letzte Woche mal reingeschaut und die Übung ausprobiert, die ich aus dem Kongress-Workshop  mit Gabriela von Witzleben mitgebracht habe? (https://heilpraxis-psychotherapie-roderwald.de/695-2/) Wenn ja, haben Sie den Eindruck, manches dadurch klarer zu sehen? Haben Sie einen differenzierteren Zugang zu Ihrer Gedankenwelt und zu Ihren Gefühlen bemerkt? Hat Ihr Körper reagiert? Die Unterschiede mögen fein gewesen sein oder auch sehr stark – sollte jedoch bei Ihnen die Beobachtung folgendermaßen ausgefallen sein: „Ich merk nix!“ – dann kann  es an Blockaden liegen, die Sie entwickelt haben, deren Sie sich aber nicht immer bewusst sind.

Blockaden, die wir uns selbst basteln, sind es Wert, mal hinzuschauen!

Michael Bohne schreibt darüber in „Bitte klopfen, Anleitung zur emotionalen Selbsthilfe“ (2016, S 44 ff) und in „Klopfen mit PEP, Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie in Therapie und Coaching“ (2016, S. 57 ff).
Er fasst diese Blockaden als Big-Five-Beziehungsblockaden zusammen.

1. Selbstvorwürfe
Fragen Sie sich / frage Dich: Mache ich mir einen Vorwurf? Dieser kann in unserm Zusammenhang heißen: „Ich bin viel zu kopfgesteuert!“ oder „Ich bin viel zu impulsiv!“ oder „Ich bin unfähig für gute Beziehungen“.
In meiner Ausbildung habe ich gelernt, und dies hilft mir auch in meinem persönlichen Leben, dass der erste gute Schritt zur Veränderung darin besteht, sich seine erworbenen Eigenheiten nicht übel zu nehmen. Sie sind da, es gab einmal einen guten Grund, sie zu entwickeln. Bilder, die wir uns von uns selbst machen, haben uns vielleicht einmal ganz gut über eine Hürde geholfen. Wenn sie nun störend geworden sind, müssen wir uns nicht ärgern. Wir können sie zur Kenntnis nehmen, Hallo zu Ihnen sagen, ihnen akzeptierend begegnen. Dann wird der Weg frei für andere Bewertungen unserer selbst, andere Empfindungen, neue Erfahrungen.

Der sogenannte Kopf, also mit dem Gehirn der Teil unseres Körpers, mit dem wir unter anderem Orientierung und Übersicht herstellen können, hat seine gute Berechtigung. Vielleicht ist er nicht immer ein guter Team-Player und könnte ruhig mal etwas mehr mit Herz und Bauch kooperieren? Dann könnten wir zu uns sagen, um Akzeptanz zu erreichen: „Auch wenn ich (noch immer) meist auf den Kopf höre und meine anderen Anteile überhöre, akzeptiere und achte ich mich so wie ich bin!“

Oder wir sind in unseren Augen häufig zu impulsiv für das, was wir im Grunde vorhatten? Auch dafür können wir uns einen Satz überlegen, zum Beispiel „Auch wenn ich häufig übereilt reagiere und noch nicht gelernt habe, eine kleine Denkpause einzulegen, beginne ich allmählich, mich so zu lieben und zu akzeptieren, wie ich bin.“

Und für diejenigen unter uns, die sich schwer tun mit Ihrer Selbstbewertung zu ihren Beziehungen, könnte der Satz so lauten: „Auch wenn ich manchmal denke, dass ich unfähig bin, gute Beziehungen zu haben, liebe und akzeptiere ich mich selbst so gut, wie ich es jetzt kann!“
Wer Erfahrungen mit dem Einklopfen oder dem Einreiben hat, kann dies hier gut anwenden. Es ist aber auch schon sehr spannend, solche Sätze laut zu sagen, vor dem Spiegel womöglich. Es ist oft nützlich, sich solche Sätze aufzuschreiben und in der Wohnung zu verteilen, oder in das Lieblingsbuch, die Geldbörse oder Ähnliches zu legen.
Selbstvorwürfe stehen einer Veränderung im Weg! Deshalb wird hier zuerst hingeschaut!

2. Die zweite Methode, sich selbst zu blockieren, besteht darin, anderen gegenüber eine Vorwurfshaltung einzunehmen. Warum das so ist, wird deutlich, wenn man sich bewusst wird, dass die Veränderung von Faktoren abhängt, die man nicht wirklich beeinflussen kann. Wenn wir erwarten, dass andere, Partner, KollegInnen, Eltern sich ändern, damit wir uns ändern können, machen wir uns zu Opfern. Wenn wir das nicht wollen, wenn wir uns nicht in eine Hilflosigkeit hineinmanövrieren wollen, beginnen wir auch hier damit, uns zu akzeptieren, wie wir sind. Wir haben mit der Vorwurfshaltung einmal angefangen, das ist nun so, wir können es ändern, wenn wir wollen. (Unabhängig davon, wie berechtigt wir unser anliegen dem andern gegenüber finden!)
„Auch wenn ich bisher nicht anders konnte / wollte, als anderen einen Vorwurf zu machen, akzeptiere ich mich so, wie ich bin und lasse nun die Verantwortung für sein / ihr Verhalten / diese Verletzung ganz  bei ihm / ihr.“
Der Zorn auf andere erreicht diese meist nicht wirklich, letztlich schädigen wir uns damit selbst. Das alles heißt nicht, dass wir künftig gut finden sollen, was andere so machen. Wir können uns allerdings davon unabhängig machen! Ein großer Gewinn!

3. Ganz eng verwandt mit der Vorwurfshaltung ist die Erwartungshaltung. Auch hier begeben wir uns mit Wünschen, deren Erfüllung nicht in unserer Macht steht, in eine Abhängigkeit. „Wenn xy endlich damit aufhört, dass….“ – das wird von xy häufig als übergriffig empfunden. Überlege / überlegen Sie, wie häufig hattest Du / hatten Sie mit dieser Strategie schon Erfolg? Und wie oft nicht?
Es kann sehr entlastend für alle Beteiligten sein, wenn wir uns im Loslassen üben! „Ich lasse jetzt meine Erwartungen an meine Eltern voll und ganz los!“ ist zum Beispiel ein ziemlich anspruchsvoller Satz! Eine solche Haltung einzunehmen geht wohl für die meisten nicht mit einem Fingerschnippen mal eben so! Aber welch ein Gewinn, wenn das gelänge! Ich denke gerade, dass die Übung „Perspektivwechsel“ hier weiter helfen könnte.

Ich zitiere daher aus meinem Blog vom 11. März 2019, Experimente (5)

…. „Ich möchte Ihnen nun das Organisationsethische Experiment #63 von Norbert Schermann vorstellen, das Herstellen einer Perspektivwechselmaschine! Es beginnt damit, dass Sie sich zwei verschieden farbige Blätter Papier nehmen und dann jeweils den Mittelkreis ausschneiden. 
(Anmerkung von mir: Für die wenig Bastelgewohnten: Wenn Sie einen Zirkel besitzen, schlagen Sie damit den Kreis, sonst nehmen Sie für den Umriss etwas aus dem Haushalt, das passt. Falten Sie dann das Blatt in der Mitte und schneiden den Halbkreis aus, so ist es einfacher. Wozu dieser Aufwand, habe ich erst gedacht, aber nach einiger Überlegung: Damit stimme ich mich ein, ich nehme mein Tun ernst und gebe ihm Zeit.) 
~ Legen sie die beiden Kreise mit einigem Abstand zueinander auf den Boden.
~ Überlegen Sie eine Situation, in der Sie mit jemandem nicht einer Meinung sind. 
Formulieren Sie dazu eine Frage, der Sie nachgehen möchten.
~ Stellen Sie sich nun auf einen der Kreise und machen Sie sich Ihre Meinung bewusst.
~ Wechseln Sie auf den anderen Kreis und nehmen Sie die Beweggründe, die Perspektive, 
die Argumente und sonstigen Gedanken der anderen Person wahr. 
~ Schauen Sie von da aus auf Ihren eigenen Platz und nehmen Sie wahr, wo die 
Unterschiede sichtbar und spürbar werden.
~ Wiederholen sie diesen Ablauf mehrmals und beobachten Sie, wie sich Ihre Perspektive 
zur Ausgangsfrage verändert.“

Na, mir scheint, das ist genug für heute! Es ist ja wichtig, zu tun, nicht nur zu lesen…. Viel gute Erfahrungen wünsche ich! Bis nächsten Montag, dann liefere ich die zwei letzten Blockademethoden nach!

Reden reicht nicht (1)

Heute will ich beginnen, mit Euch /  Ihnen zu teilen, was ich am Kongress „Reden reicht nicht“, 20.-23. Juni 2019 in Bremen, bereichernd für meine Arbeit fand.

Gabriela von Witzleben, Heilpraktikerin für Psychotherapie (!), Leiterin des Instituts für Triadische Systemik (I.T.S) bezeichnet sich selbst auf ihrer Website als “Dschungelexpertin”, die gemeinsam mit Klient*inn*en im Dickicht steht und nach Wegen sucht.

Sie entwickelte das „Triadische Prinzip“ und versteht darunter einen Trialog von Bauch, Herz und Kopf. Wir kennen die Selbstbezeichnungen „Ich bin ein Kopfmensch“, oder „Ich bin so kopfgesteuert“, und auf der anderen Seite „Ich entscheide nach meinem Bauchgefühl!“ von uns und anderen, das ist Alltagssprache. Weniger verbreitet ist, dass jemand sich als „Herzensmensch“ bezeichnet. Immerhin: „Du sprichst mir aus dem Herzen“, „Das geht mir zu Herzen!“ höre ich schon hier und da, auch „Mir geht das Herz auf.“

Laut  von Witzleben hat das Herz die Kompetenz für Beziehung / Kontakt, der Kopf für Sicherheit / Überblick, der Bauch für Autonomie / Raum. Diese Kompetenzen werden als Kernbedürfnisse und gleichzeitig als Ressourcen wahrgenommen.
Das fand ich spannend. Ich habe während des Vortrags innerlich mitvollzogen, wenn von Witzleben auf der Präsentationsleinwand vom Bauch, zum Herzen, zum Kopf ging. Ihre Formulierungen waren in etwa: Ich beginne mit meinem Anliegen, das ich in die Mitte des Dreiecks lege, beim Bauch. Dort stehe ich und frage „Was sagt der Bauch?“ und „Was ist im Körper?“. Ich gehe weiter zum Herzen und frage: „Was sagt das Herz?“ und „Was ist im Körper?“. Ich gehe zum Kopf und frage „Was sagt der Kopf?“ und „Was ist im Körper?“ – Dies alles, ohne zu bewerten oder zu interpretieren, einfach nur hören und die Resonanz im Körper wahrnehmen.

Die Bauch-Herz-Kopf-Triade

von Witzleben vermittelt, dass durch die Arbeit mit dem Dreieck, der Triade – die zuvor auf dem Boden mit Scheiben ausgelegt wird – spürbar wird, dass die Psyche im Körper „wohnt“ und mit ihm eine untrennbare Einheit bildet. Der Mensch mit einem Anliegen begeht diese Triade, verweilt an den Zentren, spürt die Antworten des Körpers (Der Kopf ist auch Körper!) und gewinnt Erkenntnisse, erlebt Zugänge zu seinem Anliegen, die so klar strukturiert und mit ihren Bezügen untereinander durch reines Denken oder Reden darüber wohl nicht erworben werden.

In die Mitte sollen im Verlauf des Prozesses klar formulierte eigene Anliegen gelegt werden, keine Personen oder deren Anliegen! Auch Krankheit hat dort nichts verloren, denn es soll nicht noch mehr darauf fokussiert werden, als es meist ohnehin – positiv oder negativ – der Fall ist. Diese werden stattdessen als kleinere Scheibe in die Hände genommen und bei der dritten Begehung mitgenommen, wie eine Wünschelrute, die unterschiedlich ausschlagen kann.

Die erste Begehung soll die Unterschiede der Zentren spürbar werden lassen, die zweite nimmt die Unterschiede zur ersten Begehung in den Blick (Die Augen bleiben stets geöffnet!), bei der dritten wird das Anliegen hinzugenommen.

Diese Grundvorgehensweise ist in der Beratung und Therapie je nach Anliegen ergänzbar und variierbar, hier will ich Euch / Ihnen lediglich das Prinzip vorstellen. Natürlich finden Sie bei weitergehendem Interesse beim Stöbern im Netz ihr Buch dazu. Ihre Website gibt Ihnen Auskunft über ihre Angebote und ein Netzwerk zur Arbeit mit dem triadischen Prinzip.

Achtung, Übung! Wann immer Sie bemerken / Du bemerkst, dass es Ihnen / Dir mit einer Übung schlechter geht, beenden Sie / beende sie! Bewerten Sie / bewerte es ganz gelassen und neutral, es passt dann einfach im Moment nicht! Die Regulierung und Entscheidung liegt bei Ihnen / Dir!

Aus ihrem Buch möchte ich Ihnen / Dir eine Übung zur Wahrnehmung der drei Zentren vorstellen: Ohne Anstrengung, ohne spezielle Methoden oder besondere Vorgehensweisen, einfach begehen im Raum, mit der Einstellung, dass es hier kein Richtig oder Falsch gibt! Haben Sie / hast Du den Eindruck, dass Gefühle zu mächtig zu werden beginnen, gehen Sie / gehe weiter zum nächsten Zentrum! (Im Buch wird gesiezt, ich übernehme das mal.)

  1. Gehen Sie mit der Wahrnehmung in den Bauch. Geben Sie sich Zeit. Nehmen Sie den Raum um sich herum wahr. Wie erleben Sie sich, wenn Sie ganz mit der Aufmerksamkeit im Bauch sind. Wie ist Ihr Raumgefühl?
  2. Gehen Sie mit der Aufmerksamkeit, nachdem Sie die Schritte dorthin gegangen sind, zum Zentrum des Herzens, den Brustbereich. Wie sind Sie in Beziehung zu anderen Lebewesen, Möbeln oder Gegenständen im Raum, was zieht Ihre Aufmerksamkeit auf sich und wie nehmen Sie sich selbst wahr? Wie ist Ihre Beziehung zum Raum?
  3. Gehen Sie mit der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung in den Kopf. Was genau und wie nehmen Sie wahr? Sehen Sie mehr oder weniger Details, wohin geht Ihr Blick und wie orientieren Sie sich im Raum, haben Sie ausreichend Überblick?

Wenn Sie mögen, machen Sie so mehrere Durchgänge und bleiben Sie dann eine Weile bei dem Zentrum, das Ihnen im Moment am angenehmsten ist!
(Gabriela von Witzleben 2019, S. 24)

Gute Erfahrungen wünsche ich!

Achtung! Werbung!

Heute will ich mal für meinen Berufsstand werben. Wie komme ich darauf? Ich komme nach einem viertägigen Kongress aus Bremen zurück an meinen Arbeitsplatz. Viele sehr bereichernde Eindrücke, neue Ideen und Impulse bringe ich mit zurück.
Der Titel der Veranstaltung war „Reden reicht nicht!?“ mit dem Untertitel „Bifokal-Multisensorische Interventionstechniken“ und wurde von den Milton Erickson Instituten Heidelberg und Rottweil, der Carl-Auer Akademie und Dr. Michael Bohne (PEP, Klopfen für Profis) ins Leben gerufen und der Trenkle Organisation GmbH durchgeführt.
Möglicherweise sagt Ihnen / sagt Dir das eher wenig. Die Milton Erickson Institute stehen für klinische Hypnose und hypnosystemische Arbeitsweise, PEP für Therapie, die den Körper, die Verkörperung von psychischen Prozessen auf bestimmte Weise in die therapeutische Arbeit einbezieht. Der Carl Auer-Verlag nennt sich selbst „Verlag für Systemisches“. (Alles ist für Interessierte leicht im Web aufzufinden.)
Die Kongressteilnahme war nicht nur für psychotherapeutisch Arbeitende und psychologisch Beratende gedacht, sondern auch für Beratende in und für Unternehmen, für Tätige aus dem allgemeinen Gesundheitsbereich und aus der Sozialarbeit. So kam eine recht bunte Mischung zusammen.

Warum bin ich hingefahren? „Reden reicht nicht“ in der Psychotherapie? Das weiß ich als Heilpraktikerin für Psychotherapie! Zu meiner Arbeit gehört die Vermittlung von Entspannung und von Aktivierung. Das sind Prozesse, die im und mit dem Körper stattfinden, die dem Hirn (Hurra, auch ein Teil des Körpers!) verschieden angeboten werden können, durch Sprache, durch Bilder, durch Musik und Töne, durch kreatives Selbsttun (Malen, Singen, Darstellen).
Die gleichen Angebote können auch im therapeutischen Prozess gewählt werden. Wir bestehen ja nicht nur aus Mund und Ohren. Wäre auch unpraktisch.
Zu meiner Arbeit gehören Trancen, die nicht durch Worte allein, sondern dadurch, wie diese dargeboten werden, eingeleitet und begleitet werden. Als wunderbar wirksam erlebe ich die Kombination von Sprache und Körperprozessen bei den vielfältigen Methoden der EMDR (EMDR ist viel mehr als Augenbewegungen, die einem äußeren Reiz folgen!).
Also wie gesagt, mach ich doch schon! Aber ich lerne gern dazu, nicht im Sinne von Erwerb noch einer weiteren Technik, sondern im Sinne von Erweiterung und Vertiefung dessen, was ich bereits tue.
Und jetzt kommt der Werbeblock: Wir heilkundlichen Therapeutinnen und Therapeuten haben zum großen Teil Kenntnisse erworben und Methoden erlernt, an unserer therapeutischen Haltung gearbeitet und auch uns selbst erforscht, uns überprüfen und korrigieren lassen, mit anderen Worten, richtig gut dafür gearbeitet, dass wir unseren Klientinnen nicht schaden, sondern ihnen bestmöglich zur Seite stehen – wir müssen uns vor den Psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten keinesfalls verstecken! Deren Ausbildungsweg war anders, in der therapeutischen Arbeit findet sich Gemeinsames! Wir bilden uns weiter, wir beraten uns mit Kolleginnen und Kollegen, wir sehen die Verantwortung, in der wir stehen, ganz genau!
Es ist einfach schade, und wie ich finde schlichtweg falsch, dass unsere Honorare von den Krankenkassen nicht übernommen werden und unsere Klientinnen und Klienten uns komplett selbst bezahlen müssen!
Keine Woche vergeht ohne Gespräche am Telefon, bei denen ein Mensch sucht, aber findet keinen Platz in naher Zukunft bei kassenzugelassenen Therapeutinnen und Therapeuten, kann die Therapie oftmals nicht selbst bezahlen. (Doch, ich biete auch besondere Lösungen hierfür an, aber letztlich muss ich meinen Lebensunterhalt verdienen, diese Schiene ist endlich!)
Menschen suchen Hilfe und das Kassensystem verbaut ihnen Wege, ganz ehrlich, an unserer Qualifikation als heilkundlich Ausgebildete und Tätige liegt es einfach nicht! Daran sollte sich was ändern – im Sinne der vielen guten heilkundlich Therapierenden  u n d  im Sinne der Klientinnen und Klienten in psychischer Not!

Jetzt hab ich mich in Rage geschrieben! Eigentlich wollte ich von den Inhalten des Kongresses erzählen. Aber dann hat mich mein Anliegen gepackt und davongetragen. Und nun steht es hier. Und nächste Woche erzähle ich von Traumatherapie und Schmerztherapie und Körperorientierung in der Therapie und davon, wie und was ich auf dem Kongress dazu lernen durfte. Versprochen! Ende des Werbeblocks.

Auf in die Genuss-Woche!

Ich nehme an, Sie kennen das: Es gibt manchmal Tage oder Wochen, da reißen die Anforderungen, die an Sie gestellt werden, nicht ab.

Sie kommen möglicherweise an einen Punkt, an dem Sie sagen: Nun muss aber bald wieder Ruhe einkehren, ich schaffe das nicht mehr, ohne Schaden an meiner Gesundheit zu nehmen oder böse Fehler zu machen!

So eine Zeit habe ich gerade hinter mir.

Es gab sehr viele Anforderungen an mich, die ich nicht einfach abweisen konnte – jedenfalls wäre das nicht mit meinem Wertesystem vereinbar gewesen. Ein Mensch brauchte meine Hilfe und zwar Tag für Tag und mehrfach täglich.

Dazu hatte ich die üblichen Anforderungen, außerdem die Steuererklärung fertig zu machen und ich litt unter der Hitze.

Die besondere Anforderung habe ich inzwischen nicht mehr zu bewältigen. Es gab eine gute Lösung für alle Beteiligten, also auch für mich, und so nach und nach merke ich, dass ich wieder etwas spüre. Denn tatsächlich ist es so, dass ich, wenn mein noch gesunder Stress-Pegel überschritten wird, außer Müdigkeit und einer gewissen Gereiztheit und dem Gedanken, mich abschotten zu wollen, nur wenig spüre.

Und da das nun besser werden soll und ich mir wünsche, das Leben wieder in all seinen Facetten wahrzunehmen, habe ich diese Woche zur Woche des Genusses und der Freude ausgerufen!

Ja, manchmal benötige ich solche Hilfsmittel, um wieder in einen anderen Modus zu kommen und wirklich zu merken: Es wird ruhiger, es kann auch wieder Pausen geben.

Wie mache ich das? Nun, ich denke zunächst einmal darüber nach, was ich mir in der letzten Zeit verkniffen habe. Ich möchte wieder täglich einen Spaziergang machen und ich möchte wieder täglich eine Zeit haben, in der ich einfach nur sitze, einfach nur sitze und gar nichts tue. Ab und an ein schöner Tee, auch einmal einen Wein mit Genuss zu einem schönen Essen! Ich koche gern und lasse mir wieder Zeit dafür: Das sind die Dinge, die mir direkt einfallen.

Bei anderen Sachen merke ich, da muss ich ein kleines Plus dazu geben, damit ich es als Genuss empfinden kann: Ich weiß, dass ich regelmäßig zum Sport gehen sollte, wenn ich meine Gesundheit pflegen möchte, aber manchmal habe ich keine Lust dazu. Wenn ich also in dieser Genuss-Woche zum Sport gehe, werde ich mir kleine Plusse überlegen. Ich kann mir den Luxus erlauben, eine Zeit auszuwählen, in der es noch nicht so voll ist. Ich kann den Trainer oder die Trainerin um südamerikanische Musik bitten, das gefällt mir deutlich besser als das ewige Disco-Dancing. Ich werde mir genehmigen, sorgfältig ein schönes Sport-T-Shirt auszuwählen.

Zum Genuss gehört auch, mir wirklich Zeit zu geben für Dinge und Vorhaben, die ein wenig Vorbereitung brauchen.

So mag ich es zum Beispiel nicht, mit meiner Schwester zwischen Tür und Angel zu telefonieren, und so kann ich es in dieser Woche genießen, mit ihr eine Zeit zu verabreden, so dass wir ein Stündchen für einander haben. Ich kann genießen, mir vorher zu überlegen, was ich ihr gerne erzählen möchte und was ich sie gerne fragen möchte, denn so erlebe ich die Telefonate als Gewinn.

Ich möchte erfreuen an dem, was mir gelingt. Ich möchte mich an dem erfreuen, was mir das Leben entgegenbringt, und die kleine Blume, die gestern aufgegangen ist, wirklich mit allen Sinnen erleben.

Ich möchte auf meine Ernährung achten und genug Wasser trinken.

Ich möchte mir Zeit geben, darüber nachzudenken, bei wem ich mich lange nicht gemeldet habe. Ich möchte einmal wieder feste Zeiten für mein Hobby einplanen.

Da ich am Wochenende eine kleine Fahrt vorhabe und eine Fortbildung wahrnehmen werde, will ich mir für diese Fortbildung gute Voraussetzungen schaffen, so dass ich auch diese genießen kann: Nicht hetzen, um pünktlich zu sein, und notfalls lieber die Folgen von Unpünktlichkeit zu tragen. Ich will mir am Abend einen netten Restaurantbesuch gönnen.

Wenn mir zu heiß ist, will ich mir mit Genuss eine Flasche Wasser über das Gesicht laufen lassen.

Jetzt habe ich doch einiges gesammelt und ich werde am Ende der Woche schauen, wie es mir damit gegangen ist. Wenn ich nur 80 Prozent von dem umsetze, was ich mir nun vorgenommen habe, so kann ich doch 100 Prozent zufrieden sein!

Haben Sie Lust, auch einmal eine ganze Woche für Genuss und Freude zu reservieren, obgleich der Alltag für Sie weiter läuft und eine innere Stimme Ihnen möglicherweise sagt, das ginge gar nicht?

Wollen Sie es sich dennoch vornehmen? Wenn ja, viel Freude und Genuss dabei! Nein? Dann passt es gerade nicht und kann vielleicht später einmal stattfinden!