Spaziergang

Hatten Sie auch so schönes Wetter, gestern und heute? Im Norden schien auch heute wieder die Sonne, wenn es auch deutlich kälter war als gestern. Ohnehin ist die Bewertung, was schönes Wetter sei, nicht für jede / jeden gleich, es handelt sich, wie so häufig, um eine Geschmackssache.
Manche sagen auch, es gäbe kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Hm, aber genug davon, mir geht es ums Gehen.
Ein Spaziergang, den Sie, wenn irgend möglich, ohne festes Ziel, ohne allzu festes zeitliches Korsett, am besten allein machen – er kann so heilend und stärkend sein!
Wenn nicht immer alle optimalen Voraussetzungen gestaltet werden können – ein bisschen Gehen ist besser als gar nicht zu gehen.
Gehen zu zweit ist eher ein Kaffeeklatsch, sagte heute jemand zu mir, das fand ich treffend. Alles hat seine gute Berechtigung, wenn man es mag, aber zu zweit oder in der Gruppe ist anders als allein.
Ein Klient sagte, spazieren zu gehen sei nicht seins. Schade, es ist aus der Mode. Es hat auch viel damit zu tun, dass wir uns in unserer Gesellschaft zunehmend nicht mehr die Zeit geben, etwas ohne direkten praktischen Nutzen zu tun oder ohne in Ablenkung durch mediale Reize zu verfallen.
Ein Gang durch eine Gegend, die Sie nach Ihrem Geschmack auswählen: Es kann Ihre Wohnsiedlung sein, es kann ein bisher unbekannter Ortsteil sein, Wald, Wiesen, Park…
Mit Bahn oder Bus ins Nirgendwo oder einfach um die Ecke – es kommt auf das WIE an.

Schärfen Sie Ihre Sinne, schauen Sie sich an, was Sie zu sich zu rufen scheint, blicken sie in verborgene Ecken. Lauschen Sie dem, was von fern tönt, rattert, scheppert, pfeift, Melodien, Stimmen, ein Flugzeug … Was knistert hier rechts am Weg? Kehren Sie auch einmal um, hören Sie die Vogelrufe noch? Bleiben Sie auch einmal stehen – riecht diese Blüte? Wonach? Erinnerungen… Kommen Sie an einen Wasserlauf und vertrauen dem Wasser, mögen Sie vielleicht vorsichtig einen Tropfen kosten. Die Hand an der Baumrinde, an der Häuserwand spürt besonders gut, wenn Sie die Augen schließen.
Auch sich selbst spüren, wie wohltuend ist es vielleicht, interessant womöglich, neutral eventuell, auch unangenehm, wenn das Knie schmerzt. Ein geänderter Gang mag es bessern.
In meiner EMDR-Ausbildung bekam ich den Hinweis, dieses Gehen auf zwei Beinen habe auch eine Verstärkung von Gedanken durch bilaterale (wechselnd beidseitige) Stimulation als Möglichkeit immer dabei. Denken Sie an innere Welten, die Sie stärken, die Sie mögen, spüren Sie dabei Ihre Fußsohlen, wie sie abwechselnd den Boden berühren. Sollten Sie im Rollstuhl fahren, finden Sie heraus, was für Sie stimmig sein kann, vielleicht ein abwechselndes Drücken der Handgriffe. Wenn Sie ein einfaches Modell fahren, nehmen Sie den abwechselnden Radantrieb als gute Stimulanz stärkender Gedanken.
Und wenn es hier hakt? Dann einfach nur schauen, hören, riechen, wahrnehmen, was ist.

Zum Ende möchte ich Rilke zitieren, leider ohne Quelle – auch Rilke ist Geschmackssache, ich weiß:

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung

an der Wiesen aufgedecktes Grau.

Kleine Wasser ändern die Betonung.

Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.

Wege gehen weit ins Land und zeigens.

Unvermutet siehst du seines Steigens

Ausdruck in dem leeren Baum.

Für Hilfe bei der Quellenangabe danke ich vorab!

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