Ohne zu lügen leben… einige Überlegungen

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2019 heißt „Mal ehrlich! 7 Wochen ohne Lügen“. Zwar bin ich aus Überzeugung nicht Teil einer christlichen Kirche, aber die jährlichen Fastenaktionen haben mir schon häufig gefallen. So auch dieses Mal. Ich denke, es lohnt sich, sich selbst beim Wahrhaftig- und beim Unwahrhaftig-Sein zu beobachten.

Die erste Frage, die ich mir stelle, ist die danach, wie weit ich mir selbst treu bin. Ich überlege, wie häufig ich etwas, das mir wichtig ist, etwas, das zu meinen Werten gehört, verrate. Ich überlege, wozu ich das tue und welche Folgen das hat.

Nehme ich eine Einladung an, obgleich ich die einladende Person in Bezug auf bestimmte Handlungen nicht schätze? Tue ich das, weil ich mir davon Vorteile erwarte? Ich wäre damit unehrlich zu mir, zu der einladenden Person und zu den anderen Gästen. Ist es der erhoffte Vorteil wirklich wert, zu lügen?

Ich erinnere mich, dass ich als Kind höflich die Hand geben sollte, knicksen und nett sein, zu Tantes Geburtstag mitgehen. Ich erinnere mich, es war egal, wie ich zur Tante stand. Es hatte keine Rolle zu spielen. Nun bin ich schon lange groß. Für keine Vorteile der Welt möchte ich Zeit, Geduld und Freundlichkeit geben, wo ich nicht ehrlich fühle, dass ich es will. Wo ich es noch tue, will ich es lassen.

Ich schaue, wo ich mich nicht belügen will – und welche Folgen das haben kann. Beispielsweise möchte ich nicht zurückweichen, wenn ich ein bestimmtes Handeln eines Gegenübers nicht akzeptieren will. Womöglich will ich deshalb, wenn keine Einigung erzielt werden kann, den Kontakt abbrechen. Womöglich will ich Konsequenzen in Aussicht stellen. Das kann beim Gegenüber zu Zorn, Ablehnung oder sogar zu Rachehandlungen führen. Ich schaue genau hin, ist mir die Ehrlichkeit in diesem Fall das Risiko wert?

Ein Mensch schlägt in der U-Bahn seinem Kind ins Gesicht. Eine Freundin schlägt ihr Kind, wenn es keine Ruhe gibt. Ein Kollege schlägt einen Jugendlichen, der ihn angreift – es hätte andere Möglichkeiten gegeben. Halte ich den Mund? Das will ich nicht mehr tun!

Manchmal belüge ich mich um des „lieben Friedens willen“. Ich tue oder sage etwas, ich unterlasse oder verschweige etwas, damit es keinen Streit gibt. Damit begehe ich einen kleinen Verrat. Und ich denke auch, dass solcherart Frieden ein fauler Frieden ist, dass dies nicht zum Guten führt.
Es kann auch sein, dass es sich einfach um Feigheit handelt, wenn ich gegen meine Bedürfnisse oder Werte handele. Ich fürchte die Folgen. Ich will genauer hinschauen: Was ist mein Motiv hinter meinem Verhalten?

Wenn ich jemanden wahrhaftig schützen will, der vielleicht sehr verletzlich ist, wenn das Aussprechen einer Wahrheit nur dem Recht-Haben-Wollen dient, wenn es Gefährdungen für Leib und Leben gibt – dann darf die Lüge sein. Bevor ich dies als Argument mir selbst gegenüber anführe – lieber zweimal nachdenken, ob ich gerade ehrlich zu mir bin!

Zum Schluss will ich noch eine Überlegung darüber anstellen, wie gut es sein kann, ehrlich zu sein. Es nimmt doch recht viel seelischen Druck, sich und anderen eine Lüge zu ersparen. Es kann so ein gutes Gefühl sein, einen Fehler einfach zuzugeben, eine unberechtigt erhaltene Belohnung abzuweisen, etwas versehentlich in den Besitz Gelangtes zurückzugeben! Es macht das Leben einfacher!

In diesem Sinne: Schauen Sie mal, wo Sie in dieser Woche etwas mehr Wahrhaftigkeit zulassen wollen!

Herzlich (!) Ulrike Roderwald

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